Auf einem Bilde Kurfürst Friedrichs des Weisen im Naumburger
Rathause stehen folgende Verse:
Fridrich bin ich billich genand,
Schönen frid erhielt ich im land
Durch groß vernunfft, gedult und glück
Widder manches ertzbösen tück.
Das land ich zieret mit gebäu
Und stifft eine hohe Schul aufs neu
Zu Wittenberg ym Sachsenland,
In der welt die ward bekand,
Denn aus derselb kam Gottes wort
Und thet groß ding an manchem ort.
Das pepstlich Reich stürzt es nidder
Und bracht rechten glauben widder
Zum Kaiser ward erkoren ich,
Das mein alter beschweret sich,
Dafür ich Kaiser Carl erwelt,
Von dem ich nicht wand gunst noch gelt.
Diese Verse fassen kurz die überragende Bedeutung dieses seltenen Fürsten zusammen, und in denselben Gedanken bewegt sich auch die lateinische Inschrist, welche Melanchthon für dessen Grabtafel in der Wittenberger Schloßkirche verfaßt hat.
Friedrich der Weise gehörte nicht bloß seinem sächsischen Volke, sondern ganz Deutschland an.
Es wirkt überraschend, wenn man sieht, wie diese zur beschaulichen Stille peigende Natur plözlich aus der Enge seines Landes hinausstrebt zu einer weitausgreifenden Entfaltung seiner Kräfte und sich bewußt wird, daß er nicht bloß Landesfürst, sondern auch Reichsfürst ist.
Die Kaiserherrlichkeit der Hohenstaufen war ins Grab gesunken, und das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ entbehrte eines selbstständigen kraftvollen Führers.
Nach außen hin war es ohnmächtig lauernden Feinden preisgegeben und im Inneren ohne Gemeinschaftsgefühl.
Jeder der vielen Landesfürsten war nur auf seinen Vorteil bedacht.
Der Träger der Kaiserkrone sah sich gezwungen, mit den einzelnen Landesfürsten und den Untertanen zu paktieren.
Und wie in den einzelnen Länderfetzen so war auch im Reiche die Geldnot der letzte Grund alles Haders.
Dieser Zustand war um so verhängnisvoller, als ringsum fremde glücklichere und in sich gefestigte Staaten aufstrebten und politisch wie wirtschaftlich um Weltgeltung rangen.
Eine Festigung der kaiserlichen Zentralgewalt konnte nur durch eine gründliche Reform der Reichsverfassung erreicht werden.
Die Anregung dazu ging von dem Kurfürstentkollegium aus, das schon durch die Goldene Bulle zu einer vom Kaiser fast unabhängigen Sondergewalt im Reich erhoben war.
Friedrich der Weise war ein ehrlicher und überzeugter Streiter für diese, und auch die Gegnerschaft des einst von ihm so geschäzten Kaisers Maximilian konnte ihn nicht darin beirren.
Seltsame Vorkommnisse kündeten große Ereignisse in der Politik an.
Der Kurfürst stand im Jahre 1519 eines Morgens mit dem Kurfürsten von Mainz in seinem Schlosse Hartenfels in Torgau am offenen Fenster, als ein Zaunkönig zwischen den Beiden durchflog. Sie deuteten dies dahin,
„daß die römische kaiserliche Majestät ihren Kopf gelegt hätte
(d. h. gestorben sei) und Friedrich der Nachfolger sein sollte.“
Als sie dann zur Jagd durch die Lochauer Heide ritten, siehe,
da standen zur Mittagszeit drei Sonnen am Himmel
„sollten wohl gewest sein die drei Könige, welche um das Deutsche Reich buhlten, als nämlichen von Hispanien, Frankreich und England.“
Nach Maximilians Tode war der deutsche Kaiserthron verwaist, da es keinen berechtigten Nachfolger gab, und so übernahm Friedrich der Weise das Amt des Reichsverwesers.
Damit war seine große Stunde gekommen und mit ihr auch die für das Reich, denn Wohl und Wehe des deutschen Volkes hing von der Wahl des neuen Kaisers ab.
Die Wahlstadt Frankfurt wurde zum internationalen Spielplatz geheimer Manöver, der Bestechungen und des Stimmenschachers. In dem Wetthewerb um die deutsche Kaiserkrone blieben schließlich, nachdem Heinrich III. von England ausgeschieden war, Karl V. von Spanien und Franz I. als Konkurrenten übrig.
Beides waren Fremdlinge, und fremde Wahlagenten waren es auch, die sich anmaßten, das deutsche Volk zu verkaufen, auszuschlachten wie ein willenloses, ohnmächtiges Opfertier.
Friedrich der Weise stand diesem Treiben einsam als der allein Rechtliche gegenüber.
„Frei und unter gemissenhafter Verwahrung der Eide nach den Bestimmungen der Goldenen Bulle muß die Wahl vollzogen werden“, sprach er.
Ihm war es klar: weder der Spanier noch der Franzose durften gewählt werden, sondern nur ein Deutscher, denn
„nur ein Deutscher“ – so schreibt er – „durch Gottes Gnade einträchtiglich gewählt, kann uns ehrenvoll und nützlich sein.“
Um den Erzbischof von Mainz war das Hauptlager der spanischen Partei.
Hier stand der Graf Heinrich von Nassau mit einem für Karl geworbenen Heerhaufen, gerüstet, auf Frankfurt loszustürmen und die Wahl für diesen gewaltsam zu erzwingen.
Von seinem Gelde bestochen ging der größte Teil des rheinischen und fränkischen hohen Adels zu ihm über, während von Süden her sich die verbündeten Heerhaufen des schwäbischen Bundes unter Sickingen und Frundsberg Frankfurt näherten.
Demgegenüber gebärdet sich die franzosische Mobilmachung für Franz I. zwar langsam und schwächlich, aber immerhin herausfordernd.
Wie in jedem Kriege war auch hier das Geld der wirksamste Bundesgenosse.
Karl V. konnte mit einer Summe von 850.000 Goldgulden aufwarten, welche die spanische Regierung bei Jakob Fugger und Bartholomäus Welser und drei Bankhäusern in Genua zusammenbrachte.
Papst Leo X. hatte anfangs den König von Frankreich begünstigt.
Als aber dessen Wahlaussichten immer geringer wurden, beauftragte er seinen Legaten Cajetan, den Kurfürsten von Sachsen zum Kronkandidaten vorzuschlagen.
Der sächsche Edelmann Ernst von Miltitz trug Friedrich dem Weisen diesen Wunsch Leos X. vor.
Dieser aber blieb nach seiner Art verschlossen, und auch die Versicherung des Legaten, daß ihn der Papst mit allen Mitteln unterstützen und seine Wahl durchsetzen wolle, lockte ihn nicht aus seiner Reserve heraus.
Dabei war die Lage für ihn von Tag zu Tag günstiger geworden.
Die Schweizer Eidgenossen baten die Kurfürsten in einem Schreiben um einen deutschen, nicht welschen Kaiser und gaben Friedrich dem Weisen durch geheime Botschaft zu wissen, daß sie ihm im Notfalle mit den Waffen zu Hilfe eilen wollten.
Und sogar Franz I. von Frankreich, nachdem seine Aussichten mehr und mehr geschwunden waren, ließ ihn durch Admiral Bonnivet ersuchen, selhst die Krone zu ergreifen und versprach, sie ihm durch Geld und Waffen zu schützen.
Am 11. Juni 1519 zog Friedrich der Weise in Frankfurt ein.
Er sah, daß die übrigen Kurfürsten ihm zum größten Teile geneigt waren, aber dennoch war er unentschlossen.
In einer Beratung, die er deswegen mit seinem Rate dem Grafen Philipp von Solms hatte, antwortete ihm dieser:
„E. Kurf. Gnaden wollen die Gelegenheit des Reiches bedenken, daß als nämlich viel Uneinigkeit und Unruhe darinnen ist, und dieweil ich besorge, E. Kurf. Gnaden möchten den Ernst in der Straf nicht erhalten können, so weiß ich E. Kurf. Gnaden solches in keinem Weg zuraten, denn wo E. Kurf. Gnaden sollten irgendeinen Schimpf darüber einlegen, so wäre es mir ja leid, daß ich sollte darzu
geraten oder gedienet haben.“
Auf diese abratenden Worte entgegnete der Kurfürst:
„Graf Philipp, wir nehmen diese Eure Antwort in keinen Ungnaden auf, und ist eben dies auch unser Bedenken, warum wir es nicht wollen annehmen.“
Das war gewiß gerecht aber doch nicht politisch gedacht.
So kam der Tag der Wahl, der 27. Juni 1519 heran.
Die sieben Kurfürsten, denen die Kaiserwahl zustand, zogen zu Pferde, bekleidet mit dem hermelinbesetzten roten Mantel
und Barett, vom Römer nach dem Dome.
Nach dem Hochamt traten sie in die Kapitelstube, in welcher die Wahl vor sich ging.
Die Kurfürsten von Trier, Brandenburg und von der Pfalz gaben ihre Stimmen für Friedrich den Weisen ab, und dieser legte seine eigene Stimme dazu.
Satzungsgemäß mußte nun die Minderheit der Kurfürsten sich anschließen.
Friedrich der Weise war damit staatsrechtlich einwandfrei zum deutschen Kaiser gewählt.
Mit welchen Gefühlen, welcher Miene er die Krone und die Huldigung der Kurfürsten entgegennahm, wissen wir nicht.
Er wies sie aber nicht zurück und blieb Kaiser
– drei Stunden lang.
Dann legte er die Würde wieder ab.
Dem Volke blieben die wirklichen Vorgänge verborgen.
Man hörte nur, daß er die Krone, die ihm angeboten war, nicht
annehmen wollte und erblickte darin seine vornehmе Gesinnung und reine christliche Demut.
Wir freilich denken heute anders darüber und können nur bedauern, daß ein Fürst von deutschem Geblüt nicht die Stunde ergriff, welche die große Stunde seines Volkes hätte werden können.
Man hat viel den Gründen nachgeforscht, welche Friedrich zu seinem Entschluß veranlaßten.
In der Unterredung mit dem Grafen von Solms hatte er bekannt, daß ihm Kraft, entschlossen durchzugreifen, nicht gegeben sei.
Aber doch wissen wir, daß ihm jene Staatsklugheit zu eigen war, die es verstand, mit gütigen Mitteln aus gefährlichen Lagen zu befreien. Auch sein Alter konnte nicht bestimmend für seine Weigerung sein, er war erst 56 Jahre alt.
So bleibt als letzter Grund nur dieser übrig:
Friedrich fürchtete, daß er die Kaiserkrone auf seinem Haupte mit dem Schwerte gegen die spanisch-burgundische Partei verteidigen müßte, deren Heerhaufen bereits vor den Toren Frankfurts zum Dreinschlagen bereit standen.
Seine eigene Macht schien ihm aber nicht stark genug, seitdem sein Vetter Georg von Sachsen seinen Vorteil auf der Seite Karls V. suchte.
Vor allem aber scheute sein friedfertiger Sinn jede Gewalttat, und er wollte nicht, daß seinetwegen das Unglück eines Bürgerkrieges über Deutschland käme.
Am Tage nach Friedrichs Wahl, am 28. Juni morgens 7 Uhr, wurde der Spanier Karl V. römischer Kaiser.
Die Hoffnungen, die Deutschland auf diese Wahl setzte, haben getrogen.
Die Wahl Karls V. bedeutet unbedingt eine brutale Schädigung des Deutschtums.
Friedrich der Weise suchte zu retten, was noch zu retten war. Seinem Einfluß war es zu danken, daß das Kurfürstenkollegium versuchte, noch in letzter Stunde seine Freiheit gegen die spanisch-habsburgische Eigenmächtigkeit zu sichern, wenn es den Kaiser zu verpflichten suchte, keine landfremden Soldaten nach Deutschland zu führen, keinen welschen General über deutsche Truppen zu segen, keinen Reichstag außerhalh der Reichsgrenzen einzuberufen und in keiner fremden Sprache in Deutschland zu verhandeln.
Aber man kannte den wahren Karl V. noch nicht.
Friedrich der Weise ritt von Frankfurt nach Sachsen zurück.
„Nun, wie hat euch die Kaiserwahl gefallen?“ fragte er den neben ihm reitenden Fabian von Feilitzsch.
Dieser erwiderte:
„Die Raben müssen einen Geier haben“ und hatte mit diesen bitteren Worten wohl die Lage richtig gekennzeichnet.
Man kann gemiß die Gründe, welche Friedrich zur Ablehnung der Kaiserkrone veranlaßten, verstehen, wenn man sich freilich auch nicht der Erwägung verschließen kann, daß unter seiner Reichsherrschaft die Dinge in Deutschland einen anderen und glücklicheren Verlauf genommen hätten.
Unzweifelhaft hätten sich aber für Wittenherg, wenn es vom Glanze der Kaisertrone bestrahlt und durch seinen Fürsten zur Hauptstadt Deutschlands erhoben worden wäre, ungeahnte Möglichkeiten der Entwicklung ergeben.
Indessen, die Geschichte geht ihre eigenen, oft verschlungenen Pfade, und es führt zu nichts, wollte man sich den Kopf darüber zerbrechen, wie es hätte so oder anders kommen können.
Setzen wir vielmehr jeder an seiner Stelle alle Kraft ein, das, was uns überkommen ist, nicht bloß zu erhalten, sondern vorwärts zu treiben und auszubauen.
Richard Erfurth
***
aus: Unser Heimatland vom 28.09.1935