
Deutscher, bleibe in deiner Haut,
in deinen Knochen, wie sie gebaut.
Sprich, wie es wahrhaft dir zu Mut,
im eignen Fleisch, im eignen Blut,
wie es die Jungen und die Alten
bei dir zulande hielten und halten,
sprich, wie sie sprachen in den trauten,
von Urzeit angestammten Lauten,
sprich, wie dein Herz mit sich selber spricht.
Lasse von deiner Sprache nicht!
Friedrich Theodor Vischer
Das jahrhundertealte Sehnen aller Deutschen hat in unseren Tagen herrliche Erfüllung gefunden: wir sind unter einem Führer ein Volk und ein Reich geworden!
Die Heimkehr Österreichs, des Sudetengaues und des Memellandes wie der alten Reichslande Elsaß-Lothringen und anderer Gebiete sowie die Aufnahme vieler Tausender von Volksdeutschen ins große deutsche Vaterland hat den Ring um Volk und Reich geschlossen.
Diese beglückende Einheit aber soll die besondere Eigenart der einzelnen deutschen Stämme nicht unterdrücken und aufheben.
Ja, wenn wir heute im frohen und festen Glauben an die Bestimmung des deutschen Volkes alles daran setzen, ihm seine Weltgeltung zu sichern, so wollen wir nicht minder bemüht sein, den einzelnen Volksstämmen im geeinten Reiche ihre besondere, so reizvolle Art zu schützen und zu erhalten.
Eins nach außen, schwertgewaltig,
doch nach innen vielgestaltig,
jeder Stamm nach seiner Art.
So verschieden die Natur den deutschen Boden geformt hat, so vielgestaltig ist auch das Gemüts- und Geistesleben seiner Bewohner. Beides steht im ursächlichen Zusammenhang, der deutlich zeigt, wie der Mensch von der ihn umgebenden Natur beeinflußt und geformt wird und doch ihr sein Gepräge aufdrückt. Nichts aber spiegelt diese besondere Eigenart der einzelnen deutschen Landschaften und ihrer Menschen so sinnfällig wider, wie die jedem Stamme eigene Sprache, die Mundart, aus der die Seele der Stammesheimat zu uns spricht.
Wir freuen uns über das, was allen Deutschen gemeinsam ist, das starke Gefühl für Deutschheit und Volkstum, sei es beim Ostpreußen, beim Pommern, beim Mitteldeutschen vom Sachsen und Hessen bis zum Schlesier, beim Rheinländer, Westfalen und Süddeutschen bis zum Menschen der Ostmark.
Dabei wollen wir nicht vergessen, daß dies Empfinden nur deshalb möglich ist, weil sie alle aus dem gleichen stärkenden Quickborn tranken. Er quillt ihnen allen, vom Kinde bis zum Greise, in ihrer Heimat, sei diese am wogenden Meere, in den rauschenden Wäldern, im hochragenden Gebirge wie in den fruchttragenden Ebenen und in der Stille und Einsamkeit der verträumten Heide.
Von ihm wird das ganze deutsche Volkstum genährt, erhält Blut und Leben, Stärke und Kraft.
„Wir haben,“ so sagt Karl Weinhold, „in der Volkssprache einen Jungbrunnen, in den wir den abgelebten, überreizten Leib der Schriftsprache hineinversenken. Die frische, ungekünstelte Gedankenbewegung, die treffenden und sinnlich starken Worte können namentlich heute als ein Gegenmittel gegen die Krankheiten unserer Büchersprache dienen.“
Umsomehr sollten wir darum die Verpflichtung fühlen, unserem Volke die Mundarten zu erhalten und die ihnen drohenden Gefahren abzuwehren. Die Mundart ist an die heimische Scholle gebunden und deren Spiegelbild. Wer sich gegen sie wendet, der erschüttert die Schollentreue, entfremdet die Bewohner ihrer Heimat, raubt ihnen die Freude und Liebe zur Heimat, zu ihrer Natur, ihrem Brauch und ihrer Sitte und gefährdet so das ganze Volkstum.
Es ist leider ein starker Feind am Werke, der die Mundart bedroht: der alles gleichmachende Fortschritt der Gesittung, der ständig anwachsende Verkehr und die durch ihn herbeigeführte Angleichung des platten Landes an die Städte.
Trotzdem braucht man nicht zu befürchten, daß die Mundarten diesen Einflüssen erliegen.
Altmeister Goethe sagt mit Recht:
„Jede Provinz liebt ihren Dialekt; denn er ist eigentlich das Element, in dem die Seele ihren Atem schöpft.“
Wir wollen uns daher das zum Troste dienen lassen, was Karl Barthel in seinem Buche
„Die Deutsche Nationalliteratur der Neuzeit“ schreibt:
„Solange es in Deutschland noch Leser gibt, die an poetisch wahrer Darstellung der Entwickelung einzelner Stämme und Zweige unseres deutschen Volkswaldes fröhlich teilnehmen und die Mühe nicht scheuen, in eine deutsche Mundart sich hineinzulesen, aus der die Wirklichkeit des Lebens zu uns spricht, solange brauchen wir für die Mundarten nichts zu fürchten.“
Gewiß, die Welt will immer Neues haben und Neues sehen, aber viel davon vergeht, und das Alte, das Beste vom Alten, wird immer bestehen bleiben. Was nur Mode ist, das ist zum Vergehen verurteilt, weil es Form, aber nicht Seele ist.
In der Mundart aber spricht die Seele des Volkes zu uns, und so wird sie trotz aller ihr drohenden Gefahren niemals vergehen.
Nur bleibt eben das Bedenken, daß die Reinheit und Ursprünglichkeit der Mundarten durch die feindlichen Einflüsse Schaden erleidet, und dem müssen wir wehren um der Wichtigkeit und Bedeutung der Volkssprache willen.
Man begegnet hier und da immer noch der falschen Meinung, die Mundarten seien nichts Selbständiges, sondern nur eine Entartung und Verwilderung der Schriftsprache.
Das ist ein großer Irrtum.
Nicht das Schrifthochdeutsch, sondern die Mundart ist das Ursprüngliche. Jede einzelne Landschaft, ja oft sogar die einzelnen Dörfer haben ihre eigene Mundart.
Aus diesen Volksmundarten bildete sich dann im Laufe der Zeit durch den anwachsenden Verkehr und die immer enger werdende Verbindung der Bewohner miteinander die Schriftsprache, und zwar zumeist in Anlehnung an die Sprache eines Landes oder auch einer Stadt, die auf wirtschaftlichem, politischem oder kulturellem Gebiete vor anderen zu einer besonderen Bedeutung gelangt war. So entwickelte sich aus den mitteldeutschen Mundarten die Sprache der sächsischen Kanzlei, die nach Luthers Ausspruch
„die gemeine deutsche Sprache ist, welche beide, Oberländer und Niederländer, verstehen“ und die der Refomator deshalb als Grundlage für seine Bibelübersetzung gewählt hat.
Wenn nun auch das Schrifthochdeutsch in Schule und Kirche, vor Gericht und bei den Behörden allmählich Brauch und Regel wurde, so fuhren doch die Menschen aus dem Volke fort, in ihrer Mundart zu reden, wie sie es von Eltern und Voreltern her gewohnt waren.
Die Mundart der engeren Heimat und nicht das Deutsch, das man in der Schule lernte und im Verkehr mit den Behörden notgedrungen gebrauchen mußte, blieb die Sprache des Herzens, der unmittelbare Ausdruck der Freude und des Leides und aller Gefühlsregungen.
Besonders da, wo das Hochdeutsche stark von der heimischen Mundart abwich, befreundeten sich die breiten Schichten des Volkes nur langsam und widerstrebend mit dieser erzwungenen Ausdrucksweise.
Und da sie das, was ihr Herz bewegt und was ihre Sinne wahrnehmen, nicht immer im Schriftdeutsch zu denken und auszudrücken vermögen, sondern zumeist nur in der bodenständigen Mundart, so erklärt es sich auch, daß die Dichtungen in diesen Mutterlauten einen so lauten und nachhaltigen Widerhall in ihrer Seele finden und diese meist viel tiefer ergreifen und bewegen, als es die hochdeutsche Sprache vermag.
Da der Wortschatz der Mundart nur das Greifbare, das sinnlich Wahrnehmbare umfaßt, so klingt alles, was in ihr zum Ausdruck gelangt, auch jenen, die gewohnt sind, in schriftdeutschen Begriffen zu denken, unmittelbarer, treffender und machtvoller als in der hochdeutschen Schriftsprache, in der so vieles als verbraucht und abgenutzt oder auch als unnatürlich, gekünstelt und geziert erscheint, so manches Wort durch gedankenlosen Gebrauch farblos und blutleer geworden ist.
Auch vorbildliche Menschen können des überdrüssig werden, fortgesetzt auf Höhen zu wandeln, auf denen stete, ermüdende Gleichförmigkeit herrscht und ohne Wechsel Weisheit und Formenschönheit glänzen, auf denen die Nebel der Gedankenwelt so oft auf Irrwege leiten.
Es ist durchaus nicht etwa der Trieb zum Niedrigen und Gewöhnlichen, das sie auf diesen Höhen erfaßt, sondern die Sehnsucht nach dem urkräftigen Erdgeruch, nach der nährenden Scholle, der Umgang mit den einfachen, unverdorbenen Menschen, die im täglichen Zusammenleben mit der Natur, mit Wiese, Wald und Feld und deren Tierwelt sich die erfrischende Eigenart bewahrten, die den Bewohnern der Städte zumeist verloren gegangen ist.
Diese schollentreue Eigenart aber findet ihren Ausdruck im Klang der Mundart.
Der ungekünstelte Humor, der uns im Ernste der Gegenwart so nottut, der mit dem einen Auge lacht und mit dem anderen weint, die „freundliche Gespaßigkeit“, wie es Ernst Moritz Arndt nennt, kommt nirgends so treffend und so wirkungsvoll zum Ausdruck wie in der heimischen Mundart.
Die Geschichte der deutschen Sprache zeigt uns, daß die Schriftsprache im Verhältnis zu den Jahrtausenden der Sprachgeschichte noch recht jung ist und erst seit etwa vierhundert Jahren sich Geltung verschaffte.
Wiederholt durch fremde Einflüsse gestört, hat sie sich in stetem Fortschritt zur heutigen Vollkommenheit entwickelt.
Noch bis in das 18. Jahrhundert hinein aber sind die Mundarten allgemein herrschend.
Auch die von Luther geschaffene Schriftsprache tat ihnen keinen wesentlichen Abbruch, da sie nur allmählich ins Volk drang.
Im täglichen Umgang bediente es sich nach wie vor der Mundart, während die Schriftsprache zunächst nur den Gelehrten zugänglich war und auf die deutschen Geisteserzeugnisse beschränkt blieb.
Aus der Berührung von Schriftsprache und Mundart bildete sich dann im 18. und 19. Jahrhundert als eine Mittelform die Volkssprache (Umgangssprache).
Sie sucht der Schriftsprache dadurch gerecht zu werden, daß sie sich ihren Formen anpaßt, übernimmt aber von der Mundart deren Eigenart in Worten, Wendungen und Rhythmus.
Aus der Volkssprache läßt sich unschwer erkennen, aus welcher Gegend jemand stammt, der diese Mittelsprache spricht.
So kann man die Berliner, Sachsen, Bayern, Schwaben, Rheinländer, Schlesier, Ostpreußen usw. ohne große Schwierigkeit voneinander unterscheiden.
Die Volkssprache hat mit der Mundart das gemeinsam, daß sie im Schriftverkehr nicht angewendet wird; sie ist nur Sprechsprache.
Darum bindet sie sich auch nicht an die Gesetze der Grammatik, sondern bewegt sich gleich der Mundart unbekümmert, frei und ungezwungen.
Sie wählt Ausdrücke, Wendungen und Wortformen, die man beim Schreiben nicht gebraucht, und die sich schriftlich vielleicht auch gar nicht wiedergeben lassen.
An der Volkssprache lassen sich recht deutlich der innere Zusammenhang und die gegenseitige Beeinflussung der genannten drei Sprachen erkennen.
Eine leistet der anderen Hilfe. Dadurch wird es möglich, daß das geistige Eigentum des Volkes nicht verloren geht, sondern lebendig erhalten bleibt. Indem sie sich wechselseitig durchdringen und befruchten, zeitigen sie eine Fülle mannigfaltiger sprachlicher Erscheinungen, die eine wesentliche Bereicherung des deutschen Sprachgutes darstellen.
Die Mundart steht am Anfang der Sprache.
Aus ihr erst ist das Hochdeutsche hervorgegangen.
Die neuhochdeutsche Schriftsprache knüpft in ihrer Entwickelung nicht etwa an die Ansätze der Schriftsprache des Mittelalters an, sondern besitzt ihren besonderen Ursprung.
Eine ihrer Quellen ist die Kanzleisprache.
War die Sprache der Urkunden, von wenigen abgesehen, bis ins 14. Jahrhundert hinein die lateinische, so wurde nach 1400 der Gebrauch der deutschen Sprache in den Kanzleien der Fürsten, Ritter und Städte fast allgemein.
Jedes Schriftstück aber war in der heimischen Mundart abgefaßt, und wenn auch Kaiser Friedrich III. (1440-1493) und noch mehr sein Sohn Maximilian (1493-1519) sich um eine einheitliche Sprache bemühten, so zeigte doch die Sprache der kaiserlichen Schreibstube im allgemeinen noch immer die Eigenart der bayrisch – österreichischen Mundart.
Auch die kursächsische Kanzleisprache trug bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts deutlich das Gepräge der mitteldeutschen Mundart. Seit etwa 1450 ließ sich eine Annäherung der kursächsischen an die kaiserliche Kanzleisprache erkennen.
Aber auch dann kam sie nur in amtlichen Verlautbarungen zum Ausdruck; sie blieb die Sprache der Beamten und allenfalls, wenn auch nicht allgemein, die des geschäftlichen Verkehrs.
Im Hause, im geselligen Umgang dagegen behielt nach wie vor die Mundart ihre Geltung; selbst Fürsten bedienten sich ihrer noch weiter in ihren persönlichen Briefen.
Martin Luther hat das große Verdienst, durch seine deutsche Bibelübersetzung die beginnende Bildung einer einheitlichen deutschen Sprache entscheidend gefördert und dadurch die geistige Einigung des deutschen Volkes vorbereitet zu haben.
„Es sind,“ so sagt er in seinen Tischreden, „in Deutschland viele Dialecti, unterschiedene Art zu reden, daß oft einer den anderen nicht wohl versteht, wie Bayern Sachsen nicht recht verstehen, sonderlich die nicht gewandert sind; die Bayern verstehen bisweilen den andern nicht, was grobe (d.h. ungelehrte) Bayern sind.“
In weiser Überlegung knüpfte der geistes- und sprachgewaltige Mann an die Mundart an.
In zielbewußter Art wählte er als Grundlage die Sprache der kursächsischen Kanzlei, – die wie bereits bemerkt – mitteldeutsches Gepräge trug, aber die Mitte hielt zwischen der abgeschliffenen Lippensprache der Niederdeutschen und den rauhen Kehllauten der Oberdeutschen und so zwischen beiden vermittelte.
Auch sie war für ihn nur im Satzbau, in den Wortformen und in der Rechtschreibung maßgebend.
Den Wortschatz der deutschen Bibel schöpfte er mit seinem bewundernswerten Gedächtnis aus dem Reichtum der deutschen Mundarten, deren ganze Fülle von Ausdrücken und Formen er sich zu eigen machte.
Sein musikalisches Gehör erlauschte den rechten Rhythmus der Sprache des Volkes, den er wie ein großer, echter Dichter in der wirksamsten Weise zu gestalten wußte.
So kommt es, daß diese Sprache allen Stimmungen und Bedürfnissen sich anpaßt. Aus ihr sprechen die warme Innerlichkeit seines Gebets, das donnernde Echo seiner Kampfschriften und der tönende Wohllaut seiner Lieder.
Martin Luther aber hat diese Sprache nicht etwa in der Stille des Studierzimmers ersonnen, sie ist kein bleichsüchtiges, saft- und kraftloses Stubengewächs, sondern ist aus dem vollen Leben, aus dem Munde des Volkes selber hervorgegangen.
Der Reformator stellte eine förmliche Jagd nach mundartlichen Ausdrücken an.
„Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen.
So verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“
Und so geht er denn in die Werkstätten der Handwerker, holt sich beim Nachbar Schuster und Schreiner Auskunft über die Benennung ihrer Werkzeuge und der einzelnen Handgriffe, läßt sich vom Metzger die einzelnen Teile des geschlachteten Tieres benennen, besucht die Wirtsstuben und lauscht den dort geführten Gesprächen, horcht auf dem Markte auf das Feilschen der Hausfrauen und Händler und unterhält sich mit den Bauern auf dem Felde. Und wo seine Zeit nicht ausreicht, da hält er seine Freunde und Mitarbeiter an, mitzuhelfen und aufzumerken.
So erklärt es sich, daß Luthers Sprache so volkstümlich und so urkräftig klingt und den Erdgeruch atmet.
Dabei ist Luther sich immer bewußt, daß das wahrhaft Volkstümliche zugleich auch edel ist.
Er wählt wohl die Sprache des gemeinen Mannes, wird aber im Ausdruck niemals gemein.
So schuf sein Genius aus den Mundarten heraus eine wirkliche deutsche Volkssprache und mit der Bibel ein echtes deutsches Volksbuch, das der frische, kraftvolle Quell wurde und blieb, aus dem sich die deutsche Sprache immer wieder von neuem reinigte, wenn sie Gefahr lief, durch Fremdländerei und Sprachgemenge verdorben zu werden.
Diesen Dienst konnte sie nur leisten, weil sie aus dem Munde des Volkes geschöpft war.
Sehr treffend sagt daher Max Jungnickel von der Lutherbibel:
„Es gibt Worte darin, geschaffen aus deutscher Landschaft in Glocken und Licht und Himmel, Worte, darin klingende Vogelnester hangen. Manche Worte hören sich an, als wären sie von einem Spinnrad heruntergeschnurrt, als wären sie von pfeifenden Mäusen unterwühlt. Wieder welche sind von Schusterkugeln durchleuchtet. Andere muten an, als wollten sie Wurzeln schlagen tief in die deutsche Erde hinein. Manche sind wie aus Holz gezimmert, welche wieder wie von Bauernlippen hingebetet. Aus der Bibel lerne ich die einfache Schönheit und die gewaltige Gestaltungskraft der deutschen Sprache.“
Nicht die zopfigen Schriftgelehrten waren es, die das Vätererbe der Sprache hüteten, noch weniger die der Ausländerei verfallenen Kreise der höfischen Sippen, sondern die schlichten, unverdorbenen Bauern, Handwerker und Arbeiter, die ihre deutsche Mundart sich bewahrten. So rettete sich diese trotz aller Modetorheit der Zeit und blieb erhalten auch über das große Grab des Dreißigjährigen Krieges hinweg und trotz der Gefahr der Verwelschung bis in die Gegenwart.
Die Herkunft der hochdeutschen Schriftsprache aus den Mundarten zeigen recht sinnfällig zahlreiche Wörter und Wendungen, die ihnen entnommen sind und nicht selten aus der einzelnen Berufssprache des Volkes stammen, aber so sehr Eigentum der hochdeutschen Sprache wurden, daß man ihren Ursprung kaum noch fühlt.
So hat z.B. die Seemannssprache recht, viel niederdeutsches Sprachgut beigesteuert.
Dazu gehören: Ebbe, Boot, Bord, Hafen, Haff, hissen, Kante, kentern, Kajüte, Jacht, Krabbe, Leck, löschen (bedeutet die Ladung des Schiffes lösen), peilen, reffen, Reede, Schildpatt (von Padde = Kröte), Schoner, takeln, Wrack, Werft, Kai (ursprünglich Bezeichnung für kiesiges Ufer), flott als Bezeichnung für schön (vom Flottmachen des Schiffes abgeleitet).
Auch aus der Berufssprache der Berg- und Hüttenleute hat das Hochdeutsche vieles übernommen.
So stammt das Wort taub vom Gestein, dem der Erzgehalt mangelt; klar zutage liegen von den offen liegenden Erzen; fördern, befördern von deren Transport aus dem Schacht; Schicht machen (die Arbeit einstellen), muten = Bergbau treiben; schwelgen ist abgeleitet von Schwalg, der Öffnung des Schmelzofens.
Den gleichen Ursprung haben die Wörter ausbeuten, abteufen, Fundgrube, Halde, zechen (von Zeche = Grube).
Die Jägersprache liefert ebenfalls zahlreiche Beispiele.
So ist der Ausdruck „auf den Busch klopfen“, das ist, vorsichtig etwas erkunden, der Wald- oder Buschjagd entlehnt, bei der die Treiber zum Aufscheuchen des Wildes auf die Büsche klopfen.
Die Redewendung: den Gegner zur Strecke bringen“ geht auf den weidmännischen Brauch zurück, das erlegte Wild in „,Strecken“, d.h. in Reihen nebeneinander zu legen.
Sprünge machen, einem auf die Sprünge kommen, rührt von der Gewohnheit des verfolgten Hasen her, sich durch Seitensprünge den Verfolgern zu entziehen.
Wenn man weiß, „wie der Hase läuft“, so hat man das vom Jäger gelernt. Aus der volkstümlichen Waidmannssprache sind auch entlehnt die Ausdrücke: eine falsche Fährte verfolgen – mit allen Hunden gehetzt sein – von etwas Wind bekommen – in eine Falle geraten – jemandem eine Falle stellen – jemanden auf Knall und Fall entlassen – etwas auftreiben – auf den Leim gehen (von der zum Vogelfang ausgelegten Leimrute abgeleitet) – jemandem ins Gehege kommen – durch die Lappen gehen (abgeleitet von der mit Lappen eingehegten Wildbahn) – das Ziel verfehlen – über das Ziel hinausschießen – zur Zielscheibe dienen.
Aus der Ritter- und Soldatensprache stammen u. a. die Redensarten: den Handschuh hinwerfen, d.h. den Frieden kündigen – eine Bresche schlagen (ein Loch in die Burgmauer schlagen) – in die Bresche treten (dem Feinde wehren, durch die von ihm geschlagene Bresche in die Burg einzudringen). – Der Ausdruck „in die Schranken treten“ ist von den den Turnierplatz begrenzenden Schranken abgeleitet, von denen auch die Wörter einschränken, verschränken und schrankenlos übernommen sind.
Dem im Turnier Besiegten setzte der Sieger zum Zeichen seines Sieges den Fuß auf den Nacken. Daher stammt die Redensart: jemandem „den Fuß auf den Nacken setzen“.
Ebenfalls dem Turnierwesen entnommen sind die Ausdrücke „für jemanden eine Lanze brechen“ – „den Spieß umdrehen“.
Aus dem Stegreif, d.h. ohne Vorbereitung sprechen, ist abgeleitet von Stegreif, dem alten Wort für Steigbügel.
Die Wendung „gestiefelt und gespornt“ erinnert gleichfalls an den zum Ausritt gerüsteten Ritter; „vor die Klinge fordern“ an die Herausforderung zum Zweikampf, „in den Harnisch geraten“ an die Rüstung mit dem Harnisch.
Dem Soldatenleben entstammt die Redensart „die Flinte ins Korn werfen“, das ist mutlos werden.
Das Wort Zapfenstreich, richtiger Zapfenstrich, rührt daher, daß der Marketender, um dem Zechen der Soldaten ein Ende zu machen, auf höheren Befehl zu einer bestimmten Abendstunde den Zapfen des Wein- oder Bierfasses zuschlagen mußte.
Um nun ein unerlaubtes Öffnen des Fasses zu verhüten, zog der Profos (der Vorgesetzte) einen Kreidestrich über den Zapfen.
Die gemeinsame Bedeutung des heutigen Zapfenstreichs und des ehemaligen Zapfenstrichs liegt also darin, daß mit beiden eine abendliche Tätigkeit im Soldatenleben beendet wird.
Der Sprache des Maurers, der in Süddeutschland auch Weißbinder genannt wird, entstammt der Ausdruck „berappen“ (die Wand mit Mörtel versehen).
Der Zimmermannssprache sind entnommen: richten, ungehobelt (für unschickliches Benehmen), Ecken und Kanten abschleifen.
Aus der Böttchersprache wurden übernommen: reiflich überlegen, faßlich darstellen, sowie der Ausdruck Pech für Mißgeschick.
Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren.
Aus dem Angeführten können wir deutlich den Ursprung, den Werdegang und die Gestaltung der hochdeutschen Schriftsprache aus dem regen Flusse der Mundarten erkennen, die mit zäher Ausdauer am Althergebrachten hängen und darum dem Wechsel weit weniger unterworfen sind als die Schriftsprache.
Nichts kann uns deshalb eine so umfassende und vertiefte Erkenntnis der Sprache überhaupt vermitteln wie die Beschäftigung mit den deutschen Mundarten, diesem Urquell, aus dem das Hochdeutsche immer neuen Zufluß erfährt und immer neue Kraft gewinnt.
Leider wird diese große Bedeutung der Mundarten nicht immer nach Gebühr gewürdigt, und die Mahnung Friedrich Rückerts aus dem Jahre 1864 ist noch heute am Platze:
„Unsere Schriftsteller der hochdeutschen Sprache sollen recht fleißig und verständig die besten Muster der einheimischen Dialektliteratur studieren und benutzen, um das Weben einer natürlichen Sprache zu belauschen und ihrem eigenen Stile danach Frische und Mark, Gedrungenheit und Anschaulichkeit zu geben.“
Es darf unbestritten gesagt werden, daß die Mundart Lehrmeisterin in gar vielem sein kann. Sie spiegelt wie kein anderes Zeugnis das so verschieden geartete Geistes- und Gemütsleben der deutschen Stämme wider.
Keine Kultur- und Sittengeschichte vermag es treffender, wahrer und packender zu zeichnen als diese unmittelbar aus dem Herzen kommende und darum zum Herzen sprechende Sprache des Volkes. In seiner Schrift „Über Mundarten und mundartige Dichtungen“
sagt der Meister der Mundartdichtung, Klaus Groth, darüber:
„Das Volk, der Volksstamm hat sich in seiner Sprache selbst gezeichnet, hat in der Mundart seinen Charakter ausgeprägt, hat dem Künstler also schon vorgearbeitet, hat ihm Umrisse gezeichnet, Farben gemischt, die er nur zu nehmen braucht, und ohne die niemals im Stande wäre, Bilder von solcher Lebensfrische zu liefern.“
Wenn Felix Stillfried in Mecklenburger Platt den herbstlichen Abendhimmel schildert, so malt er damit ein Bild, wie es stimmungsvoller und farbenreicher kein Maler bieten kann:
November wir’t un spät an’n Dag,
Un üm uns ‚rüm hüng gries un grag
Un düsterswart der Hewen.
Doch vör uns ut den Wolkenkranz
Dor strahlte hell der letzte Glanz,
De von de Sünn‘ noch blewen.
Und kürzer und bezeichnender kann nichts die Eigenart der Volksstämme schildern als das Gedicht „Twee Pirower“ ‚von Hermann Gräbke in Brandenburger Mundart: I
De Englänner het een Sparr’n,
De Franzos mokt sich to’n Narr’n,
De Berliner het een grot Mul,
De Pirower – de is mulful.
Wenn dann erzählt wird, wie Krischan Schmok zu seinem Nachbar Hanner Klok, der neben ihm auf dem Wagensitz nach der entfernten Stadt Perleberg fährt, beim Anblick eines Weizenfeldes sagt:
„De Weiten, de steiht schön!“ und der andere dazu schweigt und erst, nachdem mehr als eine Stunde vergangen ist und wieder ein Weizenfeld am Wege sich zeigt, die Antwort gibt:
„De ok,“ so ist das jedenfalls eine Kennzeichnung des schweigsamen Pirowers, wie sie treffender nicht gedacht werden kann.
Wenn man ferner ein echtes Heidelberger Kind vom Ausbruch eines Feuers berichten hört:
„Im helle Middag, wo de Sunn g’scheint hot, do hots mit de Glocke gelidde, und dos hot ebbes bedidde, de Fahne uffem Dorme is hausg’schtocke, un do sin mer hingloffe, wo’s gebrannt hot,“
so ist auch diese Schilderung voll Anschaulichkeit und Lebendigkeit.
Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß wir den Mundarten eine ganze Reihe von bildhaften, scharf kennzeichnenden Ausdrücken und Redewendungen verdanken, die dem Hochdeutschen ursprünglich nicht eigen sind.
Aber das ist nicht einmal das Wichtigste. Fest steht, daß unsere Sprache in ihrem Bau und Wesen von den Mundarten geprägt und unsere Anschauung danach geformt wurde.
So ergänzt und berichtigt wohl auch die Mundart unsere Anschauungen über die einzelnen deutschen Landschaften und die Wesensart ihrer Bewohner.
Die oberbayrische Mundart malt uns das Hochgebirge in seiner überwältigenden Schönheit und Erhabenheit; sie zeigt uns den Jäger mit der Spielhahnfeder auf dem Hute, der auf steilem Felspfade und auf schwindelndem Grate der flüchtigen Gemse nachsteigt, den Sennen, der von der hohen Alm seinen Jodler ins Tal schickt oder am Abend in der Almhütte bei seinem Dirndl seinen Gefühlen im Zitherspiel oder in übermütigen Schnadahüpfeln Ausdruck verleiht, oder auch den Holzfäller, der den Überschuß an Kraft im landesüblichen Schuhplattler oder auch im sonderbaren Sonntags- und Feiertagsvergnügen des Raufens im Wirtshause ausströmt. Diese Mundart läßt uns aber auch erkennen, wie die rauhen Söhne der Berge treue und gehorsame Kinder der Kirche sind, die beim Klang der Betglocke das Knie beugen und vor jedem Muttergottesbilde am Wegrande den Hut ziehen, bei jedem Marterl ein Vaterunser für das Seelenheil des hier Verunglückten beten, jederzeit aber auch bereit sind, für den Schutz der Heimat und des Vaterlandes zum Stutzen zu greifen.
Das Plattdeutsche wieder vermittelt unserm Hochdeutsch die rechte Anschauung über das Meer, seine Geheimnisse, seine Wunder und Gefahren, läßt uns verstehen, warum es den Halligbewohner draußen in der Fremde mit so übermächtiger Sehnsucht und Gewalt nach seinem kargen, einsamen und sturmumtobten Inselchen zieht, wie es uns Hermann Allmers in seinem Gedicht „Der Halligmatrose“ so ergreifend schildert.
Welche Befruchtung die deutsche Dichtung wie die deutsche Kunst überhaupt aus dieser Mundart erfahren haben, lehrt uns das Beispiel von Johann Heinrich Voß in seiner Übersetzung von Homers „Ilias“ und „Odyssee“.
Sie könnte uns kein Binnenländer geben, dem nicht die eigene Anschauung des Meeres und der Strandbewohner, der Wortschatz und die Redewendungen der Schiffer und Fischer so mühelos zur Verfügung stehen wie dem mit der See verwachsenen mecklenburgischen Bauernsohne.
Schier unerschöpflich sind der Klangreichtum und die Fülle dichterischer Ausdrucksmöglichkeiten, welche die starke, unverbildete Sprache der Mundarten birgt. Aus ihr haucht uns der Atem ber Volksseele an, spricht das Empfinden des Volkes mit unbestechlicher Echtheit und Unmittelbarkeit; in ihr pulst sein Herzschlag.
In den Mundarten rauscht ein nie versiegender Strom urkräftigen Lebens, und ihre Sprache, ihre melodische Tonfülle, ihre ungekünstelte Heiterkeit, sittliche Kraft und Frische üben auf jedes unverbildete Gemüt einen eigenartigen Reiz und Zauber aus.
Man braucht nur auf die plattdeutschen Erzählungen Fritz Reuters zu verweisen, die erfüllt sind von plastischer Anschaulichkeit, treuherzigem Humor und derber, gesunder Lebenswirklichkeit, die daneben auch an die tiefsten Saiten der Seele rühren und in der Darstellung sich zu ergreifender Tragik erheben.
Man lese nur die erschütternde Dichtung „Keen Hüsung“ oder das erste Kapitel aus der Erzählung „Ut mine Stromtid“, die einen Ausschnitt unverfälschter Kulturgeschichte gibt, so wie der Band „Ut de Franzosentid“ ein unvergleichliches, volkstümliches Zeitbild entrollt.
Wer mit Mamsell Westfalen, Amtshauptmann Weber, Fritz Sahlmann und dem Uhrmacher Druz Bekanntschaft geschlossen hat, der weiß in Mecklenburg Bescheid und kennt seine Bewohner.
Echtes, ursprüngliches Volksleben spricht auch aus den Dithmarschen Dichtungen von Klaus Groth, die insbesondere in der Sammlung „Quickborn“ vereinigt sind.
Das behagliche und „huscheliche“ Gruseln, die warme Glaubenstiefe, die Liebe zur Heimat, zu ihrer Sprache und Sitte finden den gleichen treffenden sprachlichen Ausdruck wie die harmlose Daseinsfreude, der unbefangene Liebesscherz und die trotzig stolze Art des Dithmarschen, dessen Wahlspruch lautet: „Lewwer duad üs Slaav!“ Und sieht man nicht den selbstbewußten westfälischen Bauer vor sich stehen, wie ihn Hermann Wette in seinem Gedicht schildert „Bur, holt stur!“:
Ik sin en Bur
Vom platten Land,
Häf Hansken nich
An mine Hand.
Doch Holsken dräg
Ik an min Föt,
Den Härgott dräg
Ik in’t Gemöt.
O wahr di, Här,
Vörn growen Bur.
Wo de die päck,
Da hält he stur.
Es wäre wohl denkbar, daß Martin Luther bei der Wahl der Sprache für seine deutsche Bibel sich für die niederdeutsche Mundart hätte entscheiden können.
Das Plattdeutsch wäre dann die allgemeine deutsche Schriftsprache geworden. Dieses hat unwidersprochen seine großen Vorzüge gegenüber anderen Mundarten. Jedenfalls ist es bemerkenswert, daß jeder Bibelteil nach seiner Übersetzung durch Luther sogleich ins Plattdeutsche übertragen wurde, und daß die Vollbibel als plattdeutsche Ganzbibel ein halbes Jahr früher (1533) fertig wurde als Luthers hochdeutsche Bibel, die 1534 aus der Druckerwerkstatt von Hans Lufft in Wittenberg erschienen ist.
Darin liegt zugleich der beste Beweis dafür, daß die Mundart nicht bloß, wie oberflächliche Leute meinen, sich zum Ausdruck des Derbkomischen und Hahnebüchenen eignet, sondern daß sie sehr wohl die Fähigkeit besitzt, den Ernst, die Würde und das Erhabene eindrucksvoll wiederzugeben.
So lautet z.B. Römer 3 V. 21 in plattdeutscher Mundart:
„Nu ewerst hett Gott uns weiten laten, up weck Ort wi ok ahn dei Gebott vor en bestahn un selig werden künnen.
Un dat Gesetz un die Propheten betügen uns nit.“
Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde in Niedersachsen in den Kirchen plattdeutsch gepredigt, und noch heute pflegen es Pfarrer in nicht wenigen mecklenburgischen Dörfern zu tun, weil sie sehr wohl fühlen, wie sehr diese Mundart zur Andacht und Erbauung stimmt.
Daher wurden auch die geistlichen Lieder Luthers und seiner Zeitgenossen alsbald ins Plattdeutsche übertragen und in den niederdeutschen Kirchen mit Inbrunst gesungen.
Als Beispiel für eine solche Übertragung diene die erste Strophe des Lutherliedes
„Ein feste Burg ist unser Gott“:
Ein vaste Borg ys unse Godt,
Ein gude Wehr un Wapen.
He helpet uns fry uth aller Nodt,
De uns nu hefft bedrapen.
De olde böse Vyent,
Mit Ernst he yth meynt,
Groth Macht un vel List
Syn grausam Rüstung ist,
Up Erden ys nich synesgelyken.
Im Jahre 1857 hat der Pfarrer zu St. Michaelis in Hamburg, D. Johannes Geffken, die Hamburgischen „Niedersächsischen Gesangbücher“, von denen er sieben feststellen konnte, wissenschaftlich bearbeitet und neu herausgegeben, um damit ihren Wert zu beweisen.
Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein waren in Hamburg das Grundgesetz, die „Bursprake“, und der Bürgereid plattdeutsch, und noch heute lieben es die alteingesessenen Hamburger, Mecklenburger, Holsteiner und Pommern, auch in den Städten, im Familienkreise das geliebte Platt zu gebrauchen.
Wenn die Sprache der Spiegel der Seele ist, so spiegelt die Mundart die Seele ihres Volksstammes wider und ist ein plastisches Bild aller seiner Gedanken und Empfindungen.
Wie ein falscher Ton den ganzen Gesang stört und entstellt und unser musikalisches Empfinden verletzt, so verzerrt eine unwahre, gezierte und gezwungene Sprache das eigene Wesen des Menschen. Darum ist uns die Mundart so wertvoll, weil sie wahr und ungekünstelt aus dem Herzen kommt.
In diesem Sinne erhält das Sprichwort:
„Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über“ seine besondere Bedeutung.
Das wirklich Erlebte, die persönliche Erfahrung, das warme, pulsierende Leben finden in der Mundart ihren Ausdruck mit jener Schlichtheit und Naturwahrheit, die so überzeugend und anziehend wirkt im Gegensatz zu einer Sprache, die sich mit künstlich erzeugten Gefühlen, mit durch Betrachtung gewonnenen Empfindungen und Erwägungen abquält.
Nichts schließt die Menschen so eng aneinander wie die gemeinsame Sprache, die sich als das festeste Band zwischen den Angehörigen desselben Volkes erweist.
So ist die deutsche Muttersprache der festeste Kitt, die stärkste Stütze des Deutschtums im Auslande, der Halt und die Waffe, welche den Deutschen im Auslande davor bewahren, einem fremden Volkstum zu erliegen, von ihm aufgesogen zu werden den eine Gefahr, die in dem alten Römerworte seine Ursache hat:
„Ubi bene, ibi patria“ (Wo es dir gut ergeht, da ist dein Vaterland!).
Was von der Sprache im allgemeinen gilt, das gilt von der Mundart im besonderen.
Wo sie dem deutschen Stammesbruder in der Fremde erklingt, sei es in den Urwäldern Amerikas oder in den Grassteppen Südafrikas oder auch am Gestade des Nils, da geht diesem das Herz auf, die Melodien des Heimwehes erwachen, und der Mensch, welcher sie anklingen läßt, wird ihm Freund und Bruder, wird ihm ein Stück Heimat, aus der ihn der Beruf, die Verhältnisse oder das Schicksal getrieben haben.
Dieses Heimatgefühl, die Heimatsehnsucht veranlaßte die Stammesgenossen, sich in Landsmannschaften zusammenzuschließen, wie wir sie überall, nicht bloß in den größeren Städten des Reiches, sondern auch des Auslands finden. Hier erblühen dem einzelnen mit den heimischen Lauten die Stammesheimat und das heimische Volkstum.
In dieser Stammesgemeinschaft findet er Stütze, Kraft und Hilfe;
sie sorgt dafür, daß die zur engeren Heimat laufenden Fäden nicht zerrissen, sondern immer neu verknüpft werden.
Es versteht sich von selbst, daß bei solcher Heimatpflege das große gemeinsame Vaterland nicht vergessen werden darf, sonst würde das Wort gelten:
„Im engen Kreise verengert sich der Sinn.“ Über aller Begeisterung für die engere Heimat darf die Freude am Reich, das Verständnis für die großen Aufgaben des deutschen Volkes und Vaterlandes, wie sie sich aus seiner Weltgeltung ergeben, nicht beeinträchtigt werden. Heimat ohne Vaterland ist sinnlos und ebenso undenkbar wie Vaterland ohne Heimat.
Diese ist eben ein Teil des Ganzen, das ohne sie nicht lebendig ist. Jeder aber, dem die Sinne aufgetan sind für Großdeutschlands Ansehen, Macht und Herrlichkeit und für die schweren Opfer und Kämpfe, unter denen diese errungen wurden, wird auch erkennen, daß sie verankert sind im echten Volkstum, wird fühlen, welchen Wert die einzelnen Stämme für die Volksgesamtheit besitzen und was auf dem Spiele steht, wenn es gelänge, diese bodenständigen Kräfte zu schwächen oder gar zu vernichten.
„Wer nur Deutschland sieht und die Heimat vernachlässigt, der verkennt, daß Deutschland nur aus Heimaten und den deutschen Stämmen besteht. Solch ein Mensch gleicht einem, der die deutsche Erde liebt, aber deren einzelne Zeile, welche als Zusammenfassung die Erde bilden, mißachtet und vernachlässigt. Dieser Mensch sucht Ernte aus leeren Blumentöpfen ohne Erde zu gewinnen“ (Walter von Molo).
Die einzelnen Volksstämme sind die Wurzeln, welche den Baum, die Volksgemeinschaft, nähren und ihm die Säfte und Kräfte zuführen, die er zu seinem Leben bedarf.
Es ist bewundernswert, wie die Altstämme und ihre Mundarten sich erhalten haben, trotz allem, was im Wechsel der Zeiten auf sie eingestürmt ist. Man vergegenwärtige sich nur einmal, was im Laufe der Jahrhunderte über die Stammessitze dahingeflutet ist:
– die Fehden des Mittelalters,
– der Einbruch der Hunnen und Slawen,
– der Hussitenkrieg,
– das Zeitalter der Reformation mit den Bauernaufständen,
– der Dreißigjährige Krieg,
– die napoleonischen Feldzüge und Staatengründungen und zuletzt
– die gewaltigen wirtschaftlichen Verschiebungen des letzten Jahrhunderts.
Städte und Dörfer gingen in Flammen auf, wurden dem Erdboden gleichgemacht und von Ansiedlern neugeschaffen:
die französischen Hugenotten, Salzburger Protestanten, Flüchtlinge aus dem Osten haben auf deutschem Boden gesiedelt.
Rheinische und sächsische Gemeindewesen, die Großdörfer und Mittelstädte im Ruhrgebiet haben ihre Einwohnerzahlen in wenigen Jahrzehnten verzehnfacht, ja, verdreißigfacht durch den gewaltigen Arbeiterstrom, der sich in ihre Mauern ergoß. Und doch haben sich auch diese großen Gemeindewesen im wesentlichen ihre Stammesart mit der heimischen Mundart bewahrt.
Diese Treue zum Volkstum erklärt sich eben so, daß auch die Zugewanderten nach geraumer Zeit die Eigenart der neuen Heimat annehmen und Franken, Sachsen, Schwaben, Niederdeutsche werden.
Es ist bekannt, welche angleichende Kraft darin Weltstädte wie Berlin, London und Paris besitzen.
Ein recht anschauliches Beispiel dafür liefert Wien, das durch den Zauber seiner Landschaft und seiner heiteren Lebensformen jahrhundertelang die verschiedensten Fremdvõlker aufgenommen hat, die hier in der so ganz anders gearteten Umgebung bald „verwienerten“.
Man erlebt es immer wieder, wie schon die Kinder der Zugewanderten in kurzer Zeit in die Mundart der neuen Heimat hineinwachsen und selbst Abwehrmaßnahmen der Eltern dies nicht verhüten können. Im Verkehr mit den Kameraden, in der Schule, auf der Straße eignen sie sich die Ausdrücke, die Laute, den Tonfall, kurz, die Mundart der neuen Umwelt an, so daß Kinder aus Thüringen, die nach Berlin verschlagen wurden, oft überraschend schnell das, „ick“ und, „det“ und das, „wat“ der Berliner Zunge annehmen.
Es soll nicht bestritten werden, daß in ein und demselben Stamme die Einzelmenschen recht verschieden voneinander sein können; es gibt ebensogut fröhliche Pommern, wie es trübselige, schwermütige Rheinländer geben kann.
Im Grundzuge der Gemütsart und des Wesens aber herrscht zwischen den gleichen Stammesangehörigen Übereinstimmung, was sich naturgemäß in der gleichen Mundart ausprägt, welche die Sonderart an Geist, Gemüt, Gesinnung und Gebaren am treuesten widerspiegelt.
Dem frohgemuten, regsamen, rede- und lachlustigen Franken entspricht seine Mundart, die beweglich, spottlustig und schalkhaft ist und die Wortgefechte liebt. Sie entspricht dem wunderlichen, drolligen Boxbeutel, der dem berühmten Frankenweine seinen Namen gab.
Wohl ist auch der Bayer heiter, aber sein Ton ist mehr lässig und bequem; er streitet lieber mit der Faust als mit Worten, die, wenn er sie doch gebraucht, urwüchsig sind wie die Kraft dieses Volksstammes, genährt durch das Bier, das er braut.
Anders sind die Österreicher. Ihr unbekümmertes Gemüt, ihr Wohlbehagen, ihre heitere Lebensauffassung klingt uns aus ihrer Sprache entgegen.
Ihnen verwandte Züge zeigt der Rheinländer. Die malerische Landschaft des deutschen Schicksalsstroms mit ihren Rebenhügeln und Obsthainen, Burgen und Schlössern, die sorglose Fröhlichkeit und Sangeslust pulst in seiner raschfließenden Mundart, die wie der Wein perlt, den er keltert, und von dem er mit dem weinfröhlichen Rheinfänger Viktor v. Scheffel sagt:
„Wein will nicht getrunken sein wie Bier im Wellenschlage durststillender Schlundvergnüglichkeit, sondern im Allmählichkeitstempo molliger Schlürflust.“
Dem Rheinländer gleicht der Pfälzer in seiner schlagfertigen, dem heiteren Lebensgenuß zugeneigten Art, die zugleich Fleiß und Tatkraft offenbart und die auch das Kennzeichen des biederen, treuherzigen und tüchtigen Neckarschwaben ist.
Mitteilsam, aufgeschlossen, reich an Einfällen und klug, gewinnt der Volksstamm am Main unsere Zuneigung.
Das Gleiche gilt von dem Schwarzwälder, dessen Wesen stark und frisch ist wie der Duft seiner Tannen, und dessen Kunstsinn und Geschicklichkeit sich in der Anfertigung von Uhren und allerlei Schnitzwerk offenbaren. Seine Sprache, die viel vom Alemannischen in sich trägt, spricht in ihrer klangvollen Tonfärbung bezwingend zum Herzen. In allen diesen südlichen deutschen Gauen klingen Sprache, Dichtung und Lied heller und freudiger als im Norden des deutschen Vaterlandes.
Am Gestade der deutschen Nordsee wohnt ein kernfestes Geschlecht, das im steten Kampfe mit Sturm und Wellen hart und rauh wurde, und dessen Sprache daher mit schwerem Ernst beladen ist und keine laute Freude aufkommen läßt. Aber aus ihr atmen die Seelenruhe, das Selbstbewußtsein, die Kraft und das Gottvertrauen, das diese sturmerprobten Menschen auszeichnet.
Der Mecklenburger und der Pommer gehören ebenfalls zu den Stämmen, welchen – um mit Nietzsche zu reden –
„Seeluft arg die Nase kizelt“.
Die frische Prise, die vom Wasser weht, erklärt auch deren Vorliebe für einen steifen Grog oder “ ’n lütten Koehm“.
Wohl erscheinen diese Menschen dem Stammesfremden anfangs zugeknöpft und kühl. Wer sie aber näher kennenlernt, der merkt gar bald, daß sich unter dem gemessenen Ernst ein goldiges Gemüt verbirgt, das Gefallen an harmlosen Späßen und Schabernack findet. Die behagliche Breite der plattdeutschen Mundart paßt sich dem vortrefflich an.
Man lese nur die „Läuschen un Rimels“ und die Erzählungen Fritz Reuters oder die innigen, von aufrichtiger Gläubigkeit und volkstümlicher Kraft durchpulsten Dichtungen von Klaus Groth, um das bestätigt zu erhalten.
Der schwermütige Ernst der niederdeutschen Erde schuf ein schwerfälliges, besinnliches Geschlecht.
Die weiten Moore, die nur langsam, fast nur Schritt für Schritt in harter Arbeit urbar gemacht werden, drückten dem Wesen des Moorbauern und seiner Sprache das Gepräge der Langsamkeit und des Verschlossenen auf. In der Einsamkeit der Heide erwuchs der „Spökenkieker“ (Gespensterseher), der Schäfer, der mit dem Strickstrumpf in der Hand der Herbe der schwarzen Heidschnucken folgt, Wind und Wetter beobachtet und daraus seine Schlüsse zieht, während er abends am Herdfeuer die alten Landessagen vor den andächtigen Zuhörern lebendig werden läßt.
In diesen weiten Heideflächen ist auch der Imker zuhause, den „kein Klang der aufgeregten Zeit“, falls er zu ihm dringt, aus seiner angeborenen Ruhe und Beschaulichkeit zu reißen vermag, eine Be-sinnlichkeit, die auch seiner Sprache eigen ist.
Knorrig und stark wie die Eichen, die seinen Hof umgeben, ist der westfälische Bauer, dessen unbeugsames, stolzes Selbstbewußtsein den Landesfremden so wenig angenehm berührt.
Von all den Sprüchen, die in die Balken der breitausladenden Toreinfahrt eingeschnitten sind, kennzeichnet keiner diese Wesensart treffender als dieser:
Wat frag ick na de Lü‘ (den Leuten)?
Gott helpet mi!
Mit zäher Tatkraft, die nicht selten als Starrköpfigkeit erscheint,
verfolgt der Norddeutsche seinen Weg, wie diesen ihm sein nüchterner Verstand und sein eisernes Pflichtgefühl vorschreiben. Ein Spiegelbild dieser norddeutschen Gediegenheit und Nüchternheit, mit der sich sittliche Festigkeit und Gemütstiefe paaren, ist die Mundart dieser Landschaft, die namentlich in ihren Dichtungen so anziehend wirkt.
Es liegt in der Eigenart der süddeutschen Stämme begründet, daß sie immer schwierige Untertanen waren, die den Herrschern so manche Verlegenheiten bereitet und sich erst spät zu dem Reichsgedanken bekehrt haben, während die Niederdeutschen sich willig dem Staatsganzen einfügten und dem strammen, straffen „preußischen“ Geiste sich unterordneten, der das Reich gebaut hat.
An der Grenze von Nord- und Mitteldeutschland erhebt sich als eigenartige Sprachinsel der Höhenrücken des Flämings.
Ansiedler aus Franken und vom Niederrhein, vor allem aber die von den wilden Fluten der Nordses aus Haus und Hof vertriebenen Bewohner der niederländischen Marschlandschaften, die Flamländer, waren es, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts dem Rufe Markgraf Albrechts des Bären und des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg folgend, sich hier in dem von den Sorbenwenden gesäuberten Gebiete niederließen und dem sandigen Boden mit unermüdlichem Fleiß und zäher Ausdauer seine Erträge abrangen. Und was sie begonnen, setzten ihre Nachkommen fort, so daß der mit Unrecht geschmähte Fläming durch das Zusammenwirken von Natur und Menschen heute eine wohlangebaute Kulturlandschaft bildet, die den Ehrennamen „Kornkammer Sachsens“ vollauf verdient. Der niederländische Bewohner dieser Landschaft, die nach ihm die Bezeichnung, „Fläming“ erhielt, war immer bemüht, sich sein Volkstum in Sprache, Tracht und Sitte zu bewahren.
Vielfache Kriege, der alles einebnende Zeitenwandel, der ständig wachsende Verkehr, dessen Adern die Hochflächen durchziehen, sowie Handel und Wandel haben viel von dieser Ursprünglichkeit zerstört, aber noch immer begegnen uns in den versonnenen, stillen Dörfern mit den aus Feldsteinen getürmten wehrhaften Kirchtürmen die hohen, kräftigen Gestalten der „flämischen Kerls“ mit ihrem ruhigen Ernst, mit rühriger Tätigkeit, kirchlichem und rechtlichem Sinn.
Und so viel auch vom alten Flämingsbrauchtum der Zeit zum Opfer gefallen ist, so hat sich doch ein großer und wesentlicher Teil davon in unsere Tage herübergerettet und tritt besonders bei Familienfeiern, kirchlichen und weltlichen Festen zutage, namentlich bei der ausgedehnten Feier der Fastnacht, bei der den zahlreichen Gästen der dem Fläming eigene „Iserkuke“ oder „Klemmkuchen“ vorgesetzt wird, und der sonst so ernstgestimmte und zurückhaltende Flamingsbewohner zeigt, daß er auch zu ausgelassener Fröhlichkeit fähig ist. Vor allem aber ist es die Mundart dieses Volksstammes, die uns sinnfällig die Abstammung und den Zusammenhang mit dem flämisch-holländischen Sprachgut offenbart.
Die auf das Vätererbe stolze, heimatliebende, gemütvolle Art spricht aus ihr, die mit dem Flämingspastor und Flämingsdichter Otto Bölke bekennt:
Ik hä de Welt besihn mei:
Se woar woll scheen.
Doch wu’t ook scheen woar, klungt in mei:
Bei uns te Hus am schennsten!
Vielgestaltig in Volkstum und Sprache ist das weite Gebiet von Mitteldeutschland, dem das buntscheckige und wenig erfreuliche Bild der nun glücklich überwundenen Kleinstaaterei entspricht.
Das „grüne Herz Deutschlands“, Thüringen, beherbergt ein freundliches, aufgeschlossenes Geschlecht, dem die Liebe zum Gesang und zur Musik in die Wiege gelegt ward.
In seinem ganzen Wesen spiegeln sich die rauschenden Wälder, die klingenden Quellen, die lieblichen Täler und sonnigen Berghalden wider und finden ihren Widerhall in der lebhaften, gemütvollen Mundart.
Härter klingt diese im erzgesegneten Mansfelder Gau und im Harz, wo die Natur einen rauhen, aber genügsamen und kraftvollen Menschenschlag erzeugt hat.
Im Gegensatz dazu steht der Sachse, dessen Gemütlichkeit und Leutseligkeit ja sprichwörtlich sind wie seine rasche Auffassungsgabe, Eigenschaften, die in der Sprache ihren treffenden Ausdruck finden.
Allzeit fröhlich, mit treffendem Mutterwitz begabt ist der Vogtländer, dabei lebhaft, praktisch und klug.
Härter und entbehrungsreicher lebt der Bewohner des Erzgebirges, der aber trotz allem sich ein weiches, fröhliches Herz bewahrt hat. Mit großer Liebe hängt er an der kargen Heimatscholle, und seine gemütvolle, kindliche Art spricht aus den meist so gering gelohnten Erzeugnissen der Heimindustrie, den Spielwaren und Holzschnitzereien.
Derber Humor ist dem Schlesier zu eigen, mit dem Bescheidenheit im Genuß von Backobst mit Klößen, dem „schlesischen Himmelreich“, verschwistert sind. Dabei sind die Menschen dieses Gaues klug und arbeitsam und durchdrungen von aufrichtiger Frömmigkeit. Ihre dichterische Veranlagung und lebhafte Einbildungskraft erklingen aus ihrer Sprache.
Die Frage:
Welche Sprache ist schön?
Welche Sprache ist reich?
beantwortet Friedrich Rückert in dem Gedicht „Muttersprache“ sehr treffend:
Verschieden im Getön, im Sinn sind alle gleich.
Nicht dies‘ und jene Sprach‘ entzückt, erfreuet mích;
Was mich erfreut, das ist die Sprach‘ an sich.
Drum ist die schönste Sprach‘ und beste, die du nennst,
Die Muttersprache, weil du sie am besten kennst.
Der Spracheiferer wird das freilich nicht ohne weiteres zugeben wollen, wenn er auch vielleicht einräumt, daß die hochdeutsche Schriftsprache und Mundart sich in der Lautbildung nicht unterscheiden. „Aber, aber“ – so wird er mit warnend erhobenem Zeigefinger hinzufügen – „die vielen grammatischen Fehler, von denen die Mundart wimmelt! Sie sind doch unbestreitbar eine große Schwäche und stellen sie gegenüber dem sprachlich richtigen Schrifthochdeutsch auf eine erheblich tiefere Ebene.“
Wenn der Württemberger in seiner Mundart erzählt:
„Mir hewe’n immer in Moosskante g’kricht mit eme scheine Bändel und eme Rooschemarauzemmel an der Handheiwet,“ so wendet sich der Pharisäer der Schriftsprache mit Entsetzen ab und ruft:
„Was für eine Verwilderung der Sprache! Welch ein Wust von grammatischen Fehlern!“
Und ebenso ungeheuerlich erscheint es ihm, wenn ein Thüringer in seinen Heimatlauten fragt:
„Du warscht wuhl varschrocken, wie’s drussen su siehre bimmelte?“ Eine Gänsehaut überläuft den Sprachrichter:
– warscht statt warst,
– wuhl statt wohl,
– varschrocken statt erschrocken,
– drussen an Stelle von draußen!
Und doch weiß der erfahrene Sprachforscher längst, daß die als grobe Sprachschnitzer verurteilten Wendungen der Württemberger, der Thüringer oder eines anderen Volksstammes nicht weniger Berechtigung besitzen als die schriftsprachlichen Formen.
Wenn man im Schrifthochdeutsch vom Zeitwort preisen die Form pries und gepriesen ableitete, so ist das aus dem Gesichtswinkel des Mittelhochdeutschen betrachtet nichts anderes, als wenn der Thüringer wuhl für wohl, der Hesse schun für schon oder der Frankfurter geschtocke für gesteckt setzt.
Das Schrifthochdeutsch hat sich dann des gleichen Vergehens schuldig gemacht, wenn es das mittelhochdeutsche Wort
– Sunne in Sonne,
– Vogelin in Vöglein oder
– kunnen in können verwandelte.
Wie in der Verschiebung der einzelnen Völker, so hat die Völkerwanderung auch sprachlich starken Einfluß auf die germanischen Stämme ausgeübt.
Es vollzieht sich ein bedeutender Wandel im Bestand und im Aufbau, aber auch im Wesen der Sprachen jener Zeit, wenn dies auch im einzelnen nicht immer erkennbar ist.
Im Deutschen ist dieser Wandel auf grammatischem Gebiet bezeichnet durch die sogenannte zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung, die vom 5. bis 7. Jahrhundert staffelweise vom Süden des deutschen Sprachgebietes nach Norden vordrang, das Hochdeutsche vom Niederdeutschen schied, das von der Lautverschiebung nicht berührt wurde und damit auch eine Trennung der deutschen Stämme herbeiführte.
Auf der einen Seite stehen Alemannen, Bayern und ein kleinerer Teil der Franken, auf der anderen Seite der größere Teil der Franken, zu denen das Gebiet der Sachsen tritt.
So entstanden bestimmte sprachliche Felder, die sich voneinander durch die besonderen neuen Laute oder eben entwickelten Lautformen abheben.
Noch heute wird das Trennungsgebiet durch eine Reihe von Orten bezeichnet: Aachen, Düsseldorf, Benrath, Kassel, Magdeburg.
Man bezeichnet diese Sprachscheide kurz als (zweite) Lautverschiebungslinie oder auch unter Beziehung auf die Formen mich (hochdeutsch) und mik (niederdeutsch) als die mich – mik-Linie.
Das Niederfränkische mit dem Altsächsischen bildete das Niederdeutsche. Dieses wandelte sich nach einer kurzen Blüte der Dichtung im Laufe der Zeit zur Mundart, zu dem Plattdeutsch, das seit rund hundert Jahren wieder zur anerkannten Schrift- und Dichtungssprache erhoben wurde, und das namentlich durch die Dichtungen von Fritz Reuter, Klaus Groth, John Brinkmann, Stavenhagen u. a. zu größerer Bedeutung gelangt ist und heute als niederdeutsche Bewegung in Lyrik, Epos und Drama einen festen Platz einnimmt.
Bezeichnend für die Stellung der Mundart zur zweiten Lautverschiebung sind vor allem die durch sie entwickelten Mitlaute. Die hauptsächlichsten Erscheinungen betreffen die harten Verschlußlaute t – p – k.
Es wandelte sich t in s, ff, z:
– dat das, Water = Wasser;
– p in f, ff: helpen helfen,
– Schipp Schiff;
– k in h, ch: sük = sich, ick=ich, Knaken= Knochen;
– die Verdoppelung pp in pf: Kopp= Kopf; tt in ff, s: mütten= müssen, sitten = sitzen.
Wer sich diesen Sprachwandel vergegenwärtigt, wird es nicht als fehlerhaft verdammen, wenn die Frankfurter und Heidelberger Mundart z.B.
– gelidde für geläutet,
– bedidde für bedeutet,
– genosse für geniest,
– gewunke für gewinkt setzt.
Der erste, der in der schrifthochdeutschen Sprache von den Zeitwörtern preisen, weisen die Formen ich pries, gepriesen, ich wies, gewiesen bildete, hätte sonst, vom Standpunkte der älteren, mittelhochdeutschen Sprache aus gesehen, genau den gleichen Fehler begangen.
Die ältere hochdeutsche Sprache verlangt nämlich wir finden es noch bei Luther ich preisete, gepreiset, ich weisete, geweiset, also die sogenannte schwache Bildung statt der heutigen starken.
Der Übergang zu den jüngeren Formen pries, gepriesen, wies, gewiesen vollzog sich in der Weise, daß man preisen, weisen mit bleiben, steigen und anderen stark abgewandelten Zeitwörtern wegen des gemeinsamen Lautes ei auf die gleiche Stufe stellte und so nach deren Muster pries, gepriesen, wies, gewiesen bildete; man bezeichnet sie deshalb als Anlehnungsformen.
In ähnlicher Weise wandelte sich
z.B. das niederdeutsche i in ei:
– schriwen = schreiben,
– bliwen = bleiben,
– isern = eisern;
das ö in ü:
– föhren = führen,
– för = für;
das ei in e:
– geiht = geht,
– steiht = steht;
das a in e:
– stahn = stehn,
– het = hat;
u in a:
– klungen = klangen,
– stunn = stand;
u in au:
– herut = heraus,
– Hus = Haus,
– Fru = Frau.
In der bayrischen Mundart wurde z.B. abgewandelt
oi in ie:
– froiren – frieren,
– woi = wie;
ö in a:
– dös = das,
– höt = hat;
o in a:
– hob’n = haben,
– kronk = krank,
au in a:
– dau = da,
– fraugt – fragt usw.
Eigentümlich ist vielen Mundarten das Weglassen von Selbstlauten ober auch ganzen Silben, so im Plattdeutschen:
– scho‘ = schon,
– h’rup = herauf,
– uns‘ = unser,
– leiw‘ = lieber;
im Vogtländischen:
– v’r = vor,
– geta‘ = getan;
im Schlesischen:
– ärnt’ten = ernteten,
– arb’ten = arbeiteten;
im Thüringischen:
– wer’n – werden,
– färt’g = fertig;
im Siegerländischen:
– v’rbi = vorbei,
– d’t – dat;
im Badischen und Rheinischen:
– Wei‘ = Wein,
– Rhei‘ = Rhein,
– klei’s = kleines usw.
Bezeichnend namentlich für die württembergische, bayrische und böhmische Mundart ist das Anhängen von a, la, i, l, li an den schlußbildenden Mitlaut:
– ohna – ohne,
– Flöa = Flöhe,
– Dörfla = Dörflein,
– Mädla = Mädchen,
– auffi = auf,
– abi = ab,
– Platzl = Platz,
– Schatzl – Schatz,
– Gesichtl = Gesicht
oder der Ersatz ganzer Endsilben durch el:
– Martl = Martin,
– Ferdl = Ferdinand,
– Regerl = Regina.
Alle Spracheiferer finden somit bestätigt, was Jakob Grimm in der „Vorrede zur deutschen Grammatik“ schreibt:
„Ich behaupte nichts anderes, als daß durch solche Pedanterie gerade die freie Entfaltung des Sprachvermögens in den Kindern zerstört und eine herrliche Anstalt der Natur, welche uns die Rede mit der Muttermilch eingibt, und sie in dem Befang des elterlichen Hauses zur Macht kommen lassen will, verkannt werde.
Die Sprache gleich allem Natürlichen und Sittlichen ist ein unvermerktes, unbewußtes Geheimnis, welches sich in der Jugend einpflanzt und unsere Sprachwerkzeuge für die eigentümlichen vaterländischen Töne, Biegungen, Wendungen, Härten oder Weichen bestimmt.
Auf diesem Eindruck beruht jenes unvertilgliche, sehnsüchtige Gefühl, das jeden Menschen befällt, dem in der Fremde seine Sprache und Mundart zu Ohren schallt.“
Der Heimatschutz, der in der Gegenwart erfreulicherweise sich so eifrig und erfolgreich betätigt, mag sich darum nicht ausschließlich auf den Schutz der heimischen Landschaft und ihrer Natur, Kunst-und Baudenkmäler beschränken, sondern muß als eine seiner Hauptaufgaben auch den Schutz und die Pflege der heimischen Mundart betrachten.