Wittenbergs Industrie ist verhältnismäßig jung.
Der Festungsgürtel, welcher die Stadt bis zum Jahre 1873 umgab, stellte der industriellen Entwicklung fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen.
Erst mit dem Falle des Festungsrings war die Vorbedingung für das Entstehen einer lebenskräftigen Industrie gegeben.

Erbaut von E. Bethke, Baugeschäft und Architekturbureau, Wittenberg
Begünstigt wurde deren Wachstum einmal durch die vorteilhafte Lage Wittenbergs am Elbstrom und an wichtigen Eisenbahnlinien und zum anderen durch die mäßigen Terrainpreise.
Die Stadt Wittenberg war von jeher nach Kräften bemüht, die Entwicklung der heimischen Industrie zu fördern.
Im Oktober 1876 begann sie mit dem Bau eines Elbhafens im Westen der Stadt, der zunächst als Winterschutzhafen diente und im Dezember 1879 in Betrieb genommen wurde.
Im Jahre 1883 wurde dieser zum Handelshafen ausgebaut.
Durch den im August 1888 begonnenen Bau der Hafenbahn erfolgte die notwendige Verbindung desselben mit dem Staatsbahnhofe. Nach dem letzten Verwaltungsbericht wurden auf der Hafenbahn 10.484 Wagen bewegt (gegen 9.064 im Vorjahre), während auf ihre jüngere Schwester, die Möbius’sche Anschlußbahn (jetzt im Besitz des Speditionsvereins) 1.403 Wagen (gegen 1.161 im Vorjahre) entfielen.
Das Umschlaggeschäft liegt in den Händen des Speditionsvereins (Mittelelbische Hafen und Lagerhaus-Aktien-Gesellschaft Kleinwittenberg und Wittenberg Zentrale Wallwitzhafen, Filiale Torgau).
Von den älteren Industrien Wittenbergs besaß namentlich die Tuchfabrikation eine hervorragende Bedeutung.
Noch im Jahre 1850 gehörten der Wittenberger Tuchmacherinnung 20 Meister an, die mit 120 bis 130 Gesellen und 25 bis 30 Lehrlingen arbeiteten.
Die Wittenberger mit Indigo und Ward echt in der Wolle gefärbten Tuche hatten einen Weltruf und waren auf allen Messen und Märkten willkommen.

Die hiesigen Tuchmacher exportierten ihre Tuche selbt nach Amerika, und man sagte ihnen nach, daß sie sich nach den Messen „auf ihren goldenen Ernten wälzen könnten“.
Das wurde jedoch Ende der 50er Jahre anders.
Die Buckskins wurden modern, auf deren Herstellung unsere Tuchmacher nicht eingerichtet waren, die mechanischen Webstühle kamen auf, und die Erbauung neuer, leistungsrähiger Fabriken stieß bei den lästigen Rayonbestimmungen in der befestigten Stadt auf unüberwindliche Schwierigkeiten.

Im nahen Luckenwalde entstand eine gefährliche Konkurrenz, Amerika sperrte durch hohen Schutzzoll die deutschen Tuche aus, Australien warf seine billige Wolle auf den Markt, und die Wittenberger Tuchindustrie wurde kleiner und kleiner, bis auch die letzten Handwebstühle aufhörten zu klappern.
Es blieb zuletzt nur noch die kleine Fabrik von Tamm übrig, die sich aber trotz allen Fleißes auch nicht halten konnte und am 22. September 1904 den Konkurs anmelden mußte.
Damit war der letzte Rest der einst so blühenden Wittenberger Tuchindustrie verschwunden.
Eines gewissen Rufes erfreute sich auch in früheren Zeiten das Wittenberger Bier.
Der „Kuckuck“ war zur Universitätszeit der Stadt ein sehr beliebtes Getränk, dem die Studenten oft über die Gebühr zusprachen.

Mit dem Aufkommen der untergärigen Biere verloren die Wittenberger Brauereien, die nur auf obergärige Biere eingerichtet waren, ihre Bedeutung.
Nur das in Rothemark gebraute Weißbier erfreute sich noch längere Zeit großer Beliebtheit. Schließlich wurde aber auch hier der Betrieb eingestellt.
An seine Stelle trat die „Aktien-Bierbrauerei“, die in den alten Räumen die Lagerbier-Brauerei eröffnete.
Fast gleichzeitig eröffnete, als zweite Wittenberger Lagerbier-Brauerei, das „Bürgerliche Brauhaus“ (Inhaber A. Hoch) seinen Betrieb.

Als erstes größeres Fabriketablissement nach Entfestigung der Stadt Wittenberg wurde die Spritfabrik Bourzutschky errichtet.
Das Werk wurde im Jahre 1878 erbaut und hat sich zu einem gewaltigen Unternehmen entwickelt.
In ihm befindet sich eine bedeutende Fruchtsaftpresserei und -kocherei mit großem Export nach dem Auslande.
Ein Anschlußgleis verbindet die Spritfabrik ferner mit der erst vor einigen Jahren erbauten und jetzt weiter vergrößerten Marmeladenfabrik, welche heute schon zu den größten und bestrenommiertesten Marmeladenfabriken Deutschlands zählt.
In seiner Nachbarschaft erhebt sich die Papierwarenfabrik A. Bickel (begründet 1874 in Nudersdorf, 1890 Niederlassung in Wittenberg, erweitert durch Neubau 1907).
Sie beschäftigt zirka 100 Arbeitskräfte.

Seit der Reformationszeit, wo die aus der Offizin von Hans Lufft hervorgegangenen Druckschriften Weltruf besaßen, ist in Wittenberg das Buchdruckergewerbe heimisch gewesen.
In der Gegenwart besitzt Wittenberg in der Buchdruckerei Herrosé & Ziemsen einen Großbetrieb von hervorragender Bedeutung.
Die im Jahre 1874 in Gräfenhainichen gegründete und 1900 nach Wittenberg verlegte Offizin betreibt die Herstellung wissenschaftlicher und illustrierter Prachtwerke, von Katalogen und Zeitschriften als Spezialität und verfügt dementsprechend über ein äußerst reichhaltiges Schriftenmaterial, das fortgesetzt durch Neuheiten ergänzt wird, sowie über die besten und leistungsfähigsten Maschinen; besitzt eigene Stereotypie-Anstalt und eine mit allen Hilfsmaschinen der Neuzeit ausgestattete Buchbinderei.

Durch in den letzten Jabren bedeutend erweiterte, nach modernsten Gesichtspunkten ausgeführte technische Anlagen ist der Betrieb, der an 200 Personen beschäftigt, so ausgestaltet worden, daß er den denkbar größten Anforderungen gerecht werden kann.
Von den übrigen Druckereien seien genannt die
– Buchdruckerei des „Wittenberger Tageblattes“ (Amtliches Kreisblatt), Besitzer Fr. Wattrodt (begründet im Jahre 1863), die
– Buchdruckerei der „Wittenberger Allgemeinen Zeitung“,
Besitzer A. Tietze und die
– Druckerei von Stitz.

In unserer Wittenberger Industrie nimmt die Eisen- und Maschinenindustrie nach Zahl und Umfang eine hervorragende Stellung ein.
Als Vertreter derselben nennen wir zunächst die Maschinenfabrik und Eisengießerei A. Wetzig in der Dresdener Straße. Das Werk wurde bereits 1848 begründet und später, namentlich im Jahre 1908, bedeutend erweitert.
Es beschäftigt sich hauptsächlich mit der Herstellung von Maschinen für die Mühlenindustrie, Transmissionen usw.
Die Zahl seiner Arbeiter beträgt rund 500.
Ihm benachbart ist die Schäfer’sche Maschinenfabrik, die in der Hauptsache Elektromotoren herstellt.
Besonders zu erwähnen ist ferner das 1890 eröffnete Eisenwerk Joly in der Dessauer Straße, das seine Erzeugnisse namentlich auch ins Ausland exportiert.
Die Spezialitäten dieses Werkes bilden die auf verschiedenen Weltausstellungen preisgekrönten feuersicheren Treppenanlagen, sowie Schaltbühnen für Elektrizitätśwerke.
Außerdem fabriziert das Werk Abflußröhren, Rippenheizröhren, Roste usw.
In ihm werden zurzeit 250 Arbeiter beschäftigt.

Die Terrainverhältnisse, insonderheit die Lage des Hafens bedingten es, daß unsere heimische Industrie sich vor allem im Westen der Stadt, nach dem Vorort Kleinwittenberg hin, entwickelte, und hatte hierzu in erster Linie auch der Bau der Hafenbahn die Veranlassung gegeben.
Außer dem vorgenannten Eisenwerk Joly treffen wir hier die Oest’schen Chamottewerke (Kraft, Dienstbach und Joly).
Das Werk ist ein Zweig des im Jahre 1823 in Berlin gegründeten Stammwerkes und wurde 1904 eröffnet.
Die Zahl seiner Arbeiter beträgt zurzeit 100.
Es erzeugt feuerfeste, hochfeuerfeste, säurebeständige Fabrikate sowie Öfen und Feuerungen mit und ohne Eisenkonstruktion und Armaturen für die verschiedensten Industrien.
Die Jahresproduktion des Werkes beträgt 30 Millionen Kilogramm feuerfeste Fabrikate.
Die Tonwaren-Fabrik A. Brach wurde im Jahre 1890 eröffnet.
Sie fabriziert als Spezialität Tonfliesen und beschäftigt zirka 100 Arbeiter.

Im Jahre 1896 wurden die Farb- und Gerbstoffwerke (Paul Gulden & Co.) gegründet, die sich vornehmlich mit der Herstellung von Farb- und Gerbstoffen beschäftigen.
Ihre Arbeiterzahl beläuft sich zurzeit auf 80.
Im gleichen Jahre geschah die Gründung der Wittenberger Steingutfabrik, die in ihrem umfangreichen Betriebe gegenwärtig 300 Personen beschäftigt.
Zu den Großbetrieben zählen besonders auch die Dr. Thompsons Seifenpulver Fabriken, die rund 250 Arbeiter beschäftigen. Zweigfabriken befinden sich in Verviers und Düsseldorf.
Gründer dieser Werke ist Geheimrat Sieglin-Stuttgart.
Noch umfangreicher ist die Fabrikanlage der Gummi-Werke „Elbe“ A. G., die im Jahre 1903 begründet wurden. Sie beschäftigen sich mit der Herstellung von Gummi-Reifen, Gummischläuchen, Gummibällen und anderen Artikeln dieser Branche.
Die Zahl ihrer Arbeiter beträgt 450.

Erbaut von E. Bethke, Bau-u.-Architekturbureau-Wittenberg
Die Kalksandsteinwerke G. m. b. H., wurden im Jahre 1904 gegründet.
Einen besonderen Zweig unserer heimischen Industrie vertritt die im Jahre 1901 gegründete Kakao- und Schokoladenfabrik A. G., in der zirka 300 Arbeitskräfte tätig sind. Die Spezialität der Firma bildet die „Kant-Schokolade“, sowie Waren für den automatischen Vertrieb.
Auch im Osten der Stadt ist eine ganze Reihe von größeren Fabrikbetrieben entstanden.
Außer den bereits früher genannten beiden Maschinenfabriken treffen wir hier die Dampf-Kunstziegelei H. Zastrow. 
Das Werk wurde bereits 1870 gegründet und späterhin bedeutend erweitert.
Erzeugt werden in der Hauptsache Verblendsteine, Dachsteine, Glasursteine und Kachelöfen.
Der Betrieb beschäftigt rund 250 Arbeiter.
Weiter nach Osten bei Prühlitz liegt die Lederfabrik von J. H. Stürmer. Sie wurde im Jahre 1904 gegründet und beschäftigt zurzeit 130 Arbeiter.
Ihre Spezialität, bildet die Herstellung von Oberleder.

Von den übrigen Industrien in der Stadt Wittenberg seien genannt:
– Das Dampfmühlenwerk A. Knopf,
– die Fabrik ätherischer Öle Th. Heydrich & Co.,
– die Dachpappen- und Kunststein-Fabrik E. Thierig.
Aus bescheidenen Anfängen hat sich letzteres Werk welches sich in der Hauptsache mit der Ausführung von Kunststeinarbeiten aller Art, Betonierung und Asphaltierungs- und Isolier-Arbeiten befaßt, zu respektablem Umfange entwickelt.
Der Betrieb wird sachkundig geleitet, und es stehen demselben gute, fachmännisch gebildete Arbeitskräfte zur Verfügung.

Auch in der näheren und weiteren Umgebung von Wittenberg hat sich eine blühende Industrie entwickelt.
In erster Linie ist zu nennen die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft, Zentralbureau:
Berlin W 9, Fabrik: Reinsdorf bei Wittenberg, Bez. Halle a. S.
Das Unternehmen wurde im Jahre 1891 von deutschen Bergwerken und Bergwerks-Interessenten ins Leben gerufen.
Den Anlaß zur Gründung bildete der Wunsch der Beteiligten, für sich und die befreundeten bergmännischen Unternehmungen

günstigere Verhältnisse im Sprengstoffbezug zu schaffen.
Die Gesellschaft hat im Laufe ihres Bestehens diese Aufgabe erfüllt.
Sie hat ferner die Entwicklung der Sprengstoff-Industrie in allen ihren Zweigen maßgeblich beeinflußt und gefördert.
Entsprechend dem Gründungszweck wurde zunächst die Herstellung der Nitroglyzerin- und der Ammonsalpeter-Sprengstoffe und der im Verhalten und in der Wirkung vorzuziehenden Gelatine-Dynamite aufgenommen.
Für die Sicherung der bergmännischen Arbeit in Kohlengruben ist, soweit nitroglyzerinhaltige Stoffe in Betracht kommen, zunächst Wittenberger Wetter-Dynamit zu erwähnen, ein mildes Sprengmittel zum Schießen in der Kohle, in starken Patronen,

dessen Sicherheitsgrenze gegenüber Schlagwetter und Kohlenstaub nicht übertroffen wurde, und das sich daher seine Beliebtheit vielfach bis heute zu erhalten vermochte.Seine führende Stellung in der Reihe der Nitroglyzerin-Sicherheits-Sprengstoffe konnte nur durch eine Erfindung von einschneidender Bedeutung beeinträchtigt werden.
Sie war gegeben, als es gelang, das gewöhnliche Gelatine-Dynamit ohne Herabminderung seiner Plastizität und Brisanz wettersicher zu machen und dem Kohlenbergbau damit einen in dünnen Patronendurchmessern verwendbaren Einheits-Sicherheits-Sprengstoff für die Kohle und das härteste Nebengestein zu bieten.

Für die zur Detonation brisanter Sprengstoffe erforderlichen Knallquecksilber-Sprengkapseln und Westfalit-Sprengkapseln (mit besonderer Füllung) wurde eine leistungsfähige Anlage errichtet, so daß die Gesellschaft auch in diesem Geschäftszweige nicht mehr auf fremde Bezugsquellen angewiesen ist. Während die Herstellung des gefährlichen Schwarzpulvers unterblieb, kam als Ersatz dafür das „Petroklastit“, im Salzbergbau „Haloklastit“ genannt, ein schwarzpulverähnliches, langsam brennendes und im kompakten Gestein sehr gut wirkendes Sprengmittel, welches sich in Steinbrüchen wie im Bergwerksbetriebe sehr schnell eingeführt hat, und infolge seiner Handhabungssicherheit auch die wachsende Beachtung der Behörden findet.
Die für die Fabrikation von Dynamit und rauchschwachem Pulver notwendige Kollodiumwolle kann in entsprechender Abänderung für die verschiedenartigsten technischen Zwecke Verwendung finden, beispielsweise zur Herstellung von
– Zaponlack,
– Tauchfluid für Glühstrümpfe,
– Glühfäden,
– photographische und pharmazeutische Präparate,
– Kunstleder,
– Dauerwäsche usw.
Für jeden Zweck wird eine besonders geeignete Kollodiumwolle ausgewählt.

Das Aktienkapital umfaßt 3.000.000 Mark bei zirka 1.000.000 Mark Obligationen.
Zahlreiche Magazine im In- und Auslande vermitteln die Abwicklung des Sprengstoff-Verkaufs.
Die fortschreitende Entwicklung des Unternehmens wird durch folgende Daten dargestellt.
Es betrug die Zahl der Arbeiter im Jahre
– 1895: 220,
– 1900: 470,
– 1910: 1000,
die Zahl der Beamten im Jahre
– 1895: 26,
-1900: 61,
– 1910: 105.

Im benachbarten Pratau hat die Nährmittelfabrik Milka, G. m. b. H., einen bedeutenden Aufschwung genommen.
Das Werk, welches in bescheidenem Umfange in Düben a. d. Mulde begründet war, wurde im Jahre 1905 nach Pratau verlegt und hat sich hier ständig erweitert.

Die von ihm erzeugten Margarine-Produkte erfreuen sich einer stetig wachsenden Verbreitung.
Der Betrieb beschäftigt rund 200 Arbeitskräfte.
Für Pratau ist außerdem noch die 1887 erbaute Dampfmühle von O. Hubrig zu nennen.
Für Wittenberg und Umgegend haben außerdem die Gniest-Bergwitzer Braunkohlenwerke A.G. erhöhte Bedeutung.
Die Werke, für welche 2½ Millionen Mark festgelegt sind, erzeugen in der Hauptsache Brikettsteine und als Nebenprodukt Tonsteine.
Von der Zentrale Bergwitz aus wird mittels eines Starkstromkabels die elektrische Energie nach der Stadt Wittenberg geleitet, wo diese in einer besonderen Umformungsstation für den Gebrauch weiter behandelt wird.

Viele dieser namentlich aufgeführten industriellen Werke beziehen ihre Rohmaterialien auf dem Wasserwege, ebenso wie sich die Gelegenheit bietet, die fertigen Fabrikate und Exportgüter auf schnellste Weise per Wasser nach den Elbestationen sowie Seehäfen zu befördern.

Schon seit Mitte der 1890er Jahre besteht ein regelmäßiger Eilverkehr zwischen Hamburg und Kleinwittenberg sowie vice versa.
Durch Vermittlung der Firma Lorenz & Schmidt, Hamburg, wird in Gemeinschaft mit dem Speditions-Verein, A.-G., Kleinwittenberg, wöchentlich zweimal in jeder Richtung eine Eilexpedition geboten, wie sie auf der Elbe wohl unerreicht dasteht.
Kürzeste Fahrzeiten Kleinwittenberg-Hamburg nur zwei Tage.
Außerdem gelten Kleinwittenberg und Wittenberg als Anlegeplätze auch für die sämtlichen übrigen Elbe-Schiffahrt-Gesellschaften.

Von den sonstigen Industrien in der Umgebung Wittenbergs haben die Ziegeleien in Bülzig und Dobien, die Papierfabriken in Braunsdorf und die Töpfereien in Nudersdorf und Straach Bedeutung.

Hand in Hand mit dem Aufblühen der Wittenberger Industrie ging die Entwicklung des Bankwesens.
Ursprünglich lag dieses in der Hand von Privatbanken. (Bankgeschäfte: Gröting, Eichler, Schugk, Hirschfeld & Co.).
Seit einigen Jahren haben zwei der größeren Provinzbanken hier Zweigniederlassungen begründet:
– die Anhalt-Dessauische Landesbank und
– die Mitteldeutsche Privatbank.

Zweigniederlassung Wittenberg
Die Anhalt-Dessauische Landesbank, Filiale Wittenberg, ist Anfang 1908 aus dem altbekannten Bankgeschäft Paul Berndt & Co., an dem die Landesbank schon einige Jahre kommanditisch beteiligt war, hervorgegangen.Das eigene Bankgebäude, im schönsten der alten Umgebung angepaßten Baustil aufgeführt, ist eine Schenswürdigkeit unserer Stadt und befindet sich in bester Geschäftslage, Marktplatz 9.
Die innere Einrichtung der Bank ist der Neuzeit entsprechend;

Zweigniederlassung Wittenberg
im Kellergeschoß befindet sich die vollkommen feuer- und diebessichere Tresoranlage mit einer Anzahl von vermietbaren eisernen Schrankfächern, die dem Publikum gegen eine geringe Gebühr die sicherste Aufbewahrung von Wertpapieren usw. ermöglichen.
Die Anhalt-Dessauische Landesbank mit ihrem Hauptsitz in Dessau wurde 1847 gegründet und ist somit eine der ältesten Aktienbanken Deutschlands.
Sie besitzt ein weitverzweigtes Filialnetz, wie dies aus dem Inserat eingangs dieses Buches ersichtlich ist.
Die Mitteldeutsche Privat-Bank, Aktiengesellschaft, die ihre Wittenberger Zweigniederlassung im Januar 1907 errichtete wurde, im Jahre 1856 unter dem Namen „Magdeburger Privat-Bank“ in Magdeburg als Notenbank gegründet und hat sich aus kleinen Anfängen heraus im Laufe der Zeit zu einem der größten Provinzbankinstitute Deutschlands emporgearbeitet.
Während das Aktienkapital im Jahre 1890, dem letzten Jahre ihrer Tätigkeit als Notenbank, sich auf 3 Millionen Mark belief, beträgt es heute 60 Millionen Mark, wozu noch ein Reservefonds von gegenwärtig 7,3 Millionen Mark tritt.
Hand in Hand mit der stattlichen Kapitalentfaltung ging eine räumliche Ausdehnung des Instituts, indem es sich nach und nach
Zweigniederlassungen in den wichtigeren Plätzen Mitteldeutschlands angliederte.
Wenn die Mitteldeutsche Privat-Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit einen so bedeutenden Aufschwung zu nehmen vermochte, so lag das daran, daß sie stets bestrebt war, sich dem Kreditbedürfnis ihrer Zeit anzupassen und den Interessen von Landwirtschaft, Handel und Industrie gleichmäßig zu dienen.
Neben seiner Haupttätigkeit als Kreditbank hat das Institut noch die Aufgabe als Depositenbank zu erfüllen, indem es Bargelder von Handelstreibenden, Landwirten, Industriellen und Privatleuten zur Verzinsung annimmt, Wertpapiere und andere Vermögensobjekte verwaltet und durch Anlage feuer- und diebessicherer Tresors (Stahlkammern) den Wünschen des Publikums nach direkter Aufbewahrung von Wertpapieren Rechnung trägt.
In den Tresors sind eiserne Schrankfächer in verschiedenen Größen aufgestellt, die unter eigenem Verschluß der Mieter stehen und auf kürzere und längere Zeit vermietet werden.
In der hiesigen Zweigniederlassung sind Fächer von Mark 3,- ab pro Jahr zu haben.
Außerdem besitzt Wittenberg seit 1908 eine Reichsbank-Nebenstelle.
Zur Vertretung der Interessen von Industrie und Landwirtschaft wurde im Jahre 1903 die Wirtschaftliche Vereinigung für Industrie und Landwirtschaft von Wittenberg und Umgegend
(1. Vorsitzender: Fabrikdirektor Gerhold) gegründet, die nach dem letzten Jahresbericht vom Jahre 1910 einen Mitgliederbestand von 54 aufweist.
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