Schwere Weihnachten in Wittenberg

Weihnachten 1931 wird eins der schwersten in deutschen Landen sein. Der Ernst dieser Tage ist gekennzeichnet durch Arbeitslosigkeit, Lohn- und Gehaltsverminderung, Darniederliegen von Industrie, Handel und Gewerbe, Erliegen der Landwirtschaft, unerträglicher Steuerdruck und katastrophale Lage des Reichs und der Einzelstaaten.
Noch in unser aller Erinnerung ist das schwere Kriegsweihnachten von 1917. Nicht nur, daß die bange Sorge um die draußen im blutigen Kampfe stehenden lieben Familienglieder schwer auf den Herzen lag, auch der Mangel an allem Lebensnotwendigen drückte auf das Gemüt und ließ keine rechte Weihnachtsfreude aufkommen. In vielen Häusern fehlte damals sogar der Weihnachtsbaum, dieses unerläßliche Attribut eines deutschen Weihnachtsfestes, und wo ein solcher stand, war er lichtlos oder es brannten an ihm nur wenige Lichter, oft nur ein einziges.
Noch viel trauriger gestalteten sich aber die Weihnachtstage, welche im Jahre 1813 die damals sächsische Stadt Wittenberg unter der Willkür der französischen Besatzung erdulden mußte, während von draußen die preußischen Belagerungstruppen die Kanonenkugeln gegen die Festungsmauern und in die Stadt schleuderten, die unter den Einwohnern Angst und Entsezen verbreiteten.
Noch 1806 in der Schlacht bei Jena hatte Kurfürst August von Sachsen auf der Seite von Preußen gegen Napoleon I. gekämpft.
Im Frieden zu Posen am 11. Dezember 1806 erklärte er sich aber zum Bundesgenossen von Frankreich und lieferte neben anderen festen Plätzen auch die Festung Wittenberg aus.
Für diese Willfährigkeit erhob ihn der Franzosenkaiser zum König. Die Bewohner Wittenbergs aber mußten diese Wandlung bitter büßen.
Napoleon ließ die vernachlässigten Festungswälle wieder herstellen und verstärken, und vom Januar 1813 ab wurde die Stadt immer stärker mit französischen Truppen belegt, die darin mit schonungsloser Willkür schalteten.
Im April schlossen die Preußen die Festung ein und beschossen sie. Zeitweise wurde die Belagerung wieder aufgehoben, aber im September wurde die Stadt wieder eingeschlossen und sechs Tage lang – vom 23. bis 28. September – heftig beschossen, wobei u. a. der Turm der Schloßkirche und mehrere Häuser der Stadt in Flammen aufgingen.
Am 28. September verließen gegen 1.000 der verängstigten Bewohner mit Erlaubnis des französischen Gouverneurs Lapoype Wittenberg und suchten in den benachharten Orten Unterkunft.
Vorübergehend mußten die Belagerer wieder abziehen, aber nach der Völkerschlacht bei Leipzig wurde Wittenberg von den Preußen unter General von Dobschütz und dem Oberbefehl des Generals von Tauentzien ununterbrochen eingeschlossen.
Die Not der Einwohner stieg damit aufs höchste.
Hungersnot, Schrecken und Kälte erzeugten zudem Krankheiten mannigfacher Art, so daß die Zahl der Todesfälle auf 147 im Monat stieg, während sie in gewöhnlichen Zeiten höchstens 24 für diesen Zeitraum betrug.
Auch die Beschießungen wiederholten sich jetzt in kurzen Zwischenräumen.
Am 5. Dezember wurden gleichzeitig mehrere Stunden lang der Brückenkopf von Pratau aus und von Rothemark aus das Krankenhaus vor dem Schloßtor sowie das Festungswerk Hoher Kavalier mit Granaten belegt.
Noch stärker war die Beschießung am 11. Dezember, wobei 38
Granaten in die Stadt fielen und mehrere Häuser schwer beschädigten. Hierbei flog ein Brandgeschoß auf das Chor
der Stadkirche und zündete dort.
Nur mit großer Mühe gelang es, den Brand zu löschen.
Unter diesen Verhältnissen wurde das Weihnachtsfest für die Bewohner Wittenbergs ein überaus trauervolles; von wirklicher Feststimmung war nichts zu spüren.
Ein anschauliches Bild von der furchtharen Lage der Bürger, deren Zahl nur noch 4.200 betrug, gibt das Tagebuch des Bürgermeisters Adler.
„Am 23. Dezember“, so heißt es dort, ,„bettelte sich der Schuhmacher Benke von meinem Nachhar einen Hund oder eine Katze zum Feiertagsbraten. Ich mußte mich früh auf Hafergrütze reduzieren, und meine Leute filtrierten sich den Satz (vom Kaffee) von der Einquartierung noch einmal durch, noch aber hat jeder von uns Mittags sein bißchen Fleisch.
Dieses war übrigens der erste Weihnachtsabend in meinem Leben als Hausvater, wo ich meinen Kindern keine Freude machen konnte.
Sie bekamen auch nicht einmal ein Wachsstöckchen.

Es ging mir gewaltig zu Herzen, als ich aber vollends zuletzt die Resignation meiner Kinder sah, brach mein Gefühl in heiße Tränen aus. Wer weiß, ob ich in einigen Tagen noch trockenes Brot für sie habe.“
Die beiden Geistlichen D. Heubner und Magister Nizsch,
ein Sohn des lezten Bittenherger Generalsuperintendenten Nitzsch, hielten treu bei ihrer Gemeinde aus und suchten diese auch während der Weihnachtsfeiertage um sich zu sammeln.
Besonders ergreifend war die Weihnachtsandacht, welche Nitzsch den gefangenen preußischen Offizieren hielt.
Man hatte sie in einem Keller des Schlosses untergebracht, und jedem Deutschen war der Verkehr mit ihnen aufs strengste untersagt. Von den Franzosen wurden sie mit Geringschätzung behandelt. „Diese Gefangenen“ – so erzählt Nitzsch in seinen Erinnerungen – „waren mehrenteils Familienväter, Landwehroffiziere; ihr ungewisses Geschick, der Gedanke an Familie und Vaterland, der Verlust ihrer Teilnahme an dem Kriegszuge, die Gefahr, den Leiden des Gefängnisses zu erliegen oder, wenn der Sturm mißlingen würde:
das Weh von dem allen lag ernst auf ihren dennоch fassungsvollen Gesichtern, als ich vor ihnen mich zeigte, um der an mich gelangten Einladung zufolge am ersten Festmorgen unter ihnen Gottesdienst zu halten und das heilige Abendmahl auszuteilen.
Wir hatten wenig Geräte am Orte, konnten aber doch einen anständigen Kommuniontisch aufstellen.
Oben durch die Fensterluken staunten französische Gesichter auf uns herab. Sie faßten das nicht, und es verdroß sie, daß die Preußen einen solchen Trostfonds haben sollten.
Ich predigte aus einem Siegesliede Ps. 118, daß der Tag des Weltheils auch für Gefangene ein Fest sei, da er uns die Freiheit des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe neu fühlen lasse.
Wir sangen (dazu hatte ich einen Kantor mitgebracht), wir beteten und kommunizierten. Dieses vollendete die erkennbare Rührung und Erbauung der Herzen. Die Burschen der Offiziere waren mit ihnen im Geschicke, so im Troste vereint.“
Vom 12. September ab konnte in der Stadtkirche kein Gottesdienst mehr gehalten werden, da der französtsche Gouverneur diese räumen und als Magazin verwenden ließ.
Auf dringende Vorstellungen des Generasuperintendenten Nitzsch wurde wenigstens erreicht, daß Altarplatz, Kanzel und Orgel geschont und die Sakristei für das Kirchenarchiv frei blieb.
Die Gottesdienste wurden seitdem im Auditorium der Superintendentur abgehalten. Hier predigte D. Heubner am ersten Weihnachtstage über das Themа „Die Verbindung des Himmels mit der Erde“ nach Ev. Lukas 2 B. 1—20.
In der Einleitung entwarf er ein Bild von der traurigen Lage, in welcher sich die Stadt befand.
Nach den Festtagen wurde diese noch gesteigert, so daß die bedauernswerten Einwohner die Einnahme der Festung durch die Preußen als Erlösung herbeisehnten. Aber noch dauerte es Wochen, ehe dieser Wunsch in Erfüllung ging, und noch am Neujahrstage verbreiteten die in die Stadt fallenden Bomben Schrecken.
Nach dem Falle der Festung Torgau wurden die Belagerungsgeschütze von dort nach Wittenberg übergeführt und auf zwei beim Luthersbrunnen eingerichteten Fähren über die Elbe geschafft. In Laufgräben arbeiteten sich die Belagerer Tag und Nacht von Westen her immer näher an die Wälle heran, was durch die Kälte, die bis auf -12 Grad stieg, erschwert wurde.
Bei der Beschießung am 8. Januar wurden die Balzerschen Eheleute,
die im Hause des Kaufmanns Haberland in der Coswiger Straße wohnten, von einer Granate getötet, und am folgenden Tage setzte ein Geschoß das Haus in Brand.
Beim Löschen des Feuers wurden drei Personen durch Bombensplitter erheblich verwundet, darunter der Sohn des Bürgermeisters Adler, dem die linke Hand zertrümmert und eine schwere Wunde im Unterleib zugefügt wurde.
Der heftigste Angriff auf die Festung erfolgte am 12. Januar, an dem von 12 Uhr mittags bis 1 Uhr nachts aus allen Batterien unaushörlich gefeuert wurde.
Im ganzen wurden in dieser Zeit 2.477 Schüsse abgegeben, die vor allem die Befestigungswerke zertrümmerten.
„War es“, so heißt es im Tagebuch von Adler, „diese Nacht (11. Jа- nuar) noch leidlich gewesen, so war es den Tag über desto schrecklicher und ist es gegenwärtig – nachts 12 Uhr – noch.
Die ältesten französischen Offiziere versicherten, daß ihnen dergleichen noch nicht vorgekommen sei.
Das heutige Schießen war keineswegs ein mehr oder weniger unterbrochenes Knallen und Prasseln, sondern ein fortrollender Donner, der nur zuweilen unterbrochen wurde, um desto schrecklicher wieder anzufangen.
Wir hatten bis jetzt das Bombardement vom 27. September für unübertrefflich gehalten, allein wir wurden auf eine grausame Art überzeugt, daß wir den Kelch unserer Not noch nicht geleert hätten, und daß er uns noch voller eingeschenkt werden solle.
Ein ununterbrochenes Pfeifen um und über uns von allen Arten von Kugeln, die uns unsere Erfahrung sehr gut unterscheiden ließ – denn sehen konnte man selbst am Tage nichts -, belehrte uns von der Größe unserer Gefahr, und daß wir nunmehr selbst in dem Keller keinen Augenblick unseres Lebens sicher waren.
Es brennt hinter dem Rathause; nur wenige Menschen rufen nach Hilfe, es ist alles unter der Erde.“
Nachdem so die Festung sturmreif geschossen war, wurde sie in der Nacht vom 12. zum 13. Januar 1814 von den Preußen erstürmt. Zuerst fielen Schloßbastion und Bastion Scharfeneck, worauf die Eingedrungenen Elbtor und Elstertor den dort aufgestellten Kolonnen öffneten. In kurzer Zeit war die Stadt in den Händen der Preußen und die französische Besatzung ohne wesentlichen Widerstand gefangen.
Es war ein erhebender Augenblick, als am 13. Januar nachmittags 3 Uhr das Geläut der Glocken die Einwohner vor das Rathaus rief, wo „Vater Heubner“ eine Ansprache an sie richtete.
Aus vollem, dankbaren Herzen der vom Joch Erlösten stieg machtvoll der Choral „Nun danket alle Gott“ zum Himmel empor. –
Es ist gewiß nur ein geringer Trost, zu wissen, daß unsere Vorfahren noch Härteres zu erdulden hatten als wir.
Aber wie sie voll Mut und Gottvertrauen daran gingen, das Zerstörte wieder aufzubauen und so das Schicksal meisterten, so wollen auch wir in dieser schweren Zeit den gläubigen Mut und die Hoffnung auf bessere Tage uns bewahren.
Sie sollen uns vor allem in die kommenden Weihnachtstage begleiten, dann wird auch uns die hehre Weihnachtsbotschaft Gewißheit werden:
Und Friede auf Erden und den Menschen ein WohIgefallen!

Richard Erfurth

Quellen: Unser Heimatland vom 24.12.1931

zurück – Richard Erfurth