Mein Weg als Erstklässler führte mich von der Schloßstraße („Goldene Kugel“) täglich zum Lutherhaus. In seinen Räumen der unteren Etage befand sich seit 1. September 1834 die Lutherschule, eine Übungsschule für die Predigtamtskandidaten.
In unserer Familie war der Besuch dieser Schule zur Tradition geworden, denn alle meine Tanten, mein Onkel, meine Mutter und meine Schwester waren Lutherschüler.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich als Letzter der langen Reihe im Kriegsjahr 1917 meinen Schulweg auch dorthin nahm.
Wir hatten damals zwei hauptamtliche Lehrer, der eine von ihnen leitete die Schule und wurde mit „Herr Oberlehrer“ angesprochen. Der andere Lehrer war mein Klassenlehrer:
Richard Erfurth.
Im Lehrplan eingeschlossen, hatten einige Kandidaten des Predigerseminars bei uns Unterricht in Religion, manchmal auch in Gesang und selten in Turnen zu erteilen.
Kam ich nun am Melanchthonhaus vorbei, wo Lehrer Erfurth mit seiner Familie wohnte, stand dieser bereits am schönen Renaissance-Portal und erwartete mich.
Fast täglich war dann meine Aufgabe, einen verschlossenen Brief, den er mir übergab, schnell zur Redaktion des „Wittenberger Tageblatts“ zu bringen.
Anschließend begab ich mich im langsamen Schritt wieder in Richung Schule. Dadurch versäumte ich die erste Stunde des Unterrichts, die sowieso nur täglich aus Singen, Beten, Epistel-Lesen und Aufsagen von einem Gebot bestand.
Erfurth als Lehrer
Richard Erfurth war ein ausgezeichneter Pädagoge, was ich später erst erkannte, als ich nach vier Jahren in eine höhere Schule wechselte. Ich war in vielem Wissenswerten den anderen Mitschülern voraus, was nicht zuletzt auf die gute Ausbildung der ersten Schuljahre zurückzuführen war.
Selten wurde er grob oder schimpfte uns aus, ja, er konnte manchmal bei aller Sachlichkeit den Stoff humorvoll darbieten.
Bei Wanderungen zeigte er uns die Schönheiten der Natur und erklärte geschichtliche Zusammenhänge.
Als nach langen Jahren seiner beruflichen Tätigkeit endlich die Möglichkeit bestand, in die Stelle des Schulleiters aufzurücken, setzte man ihm einen Lehrer vor die Nase, nur weil dieser einige Semester Theologie studiert hatte.
Das hatte Erfurth nie ganz überwinden können.
Sein Lebensweg
Am 14. Januar 1869 wurde Richard Erfurth in Schleinitz bei Weißenfels an der Saale geboren.
Er besuchte von 1887 bis 1890 das Lehrerseminar in Weißenfels, dann erhielt er Lehrerstellen in Dobien und Dabrun im Kreis Wittenberg, um später in dem Nachbardorf Pratau in gleicher Funktion tätig zu sein.
Von dort ging er nach Wittenberg an die Lutherschule.
Hier war seine segensreiche Tätigkeit von 1899 bis 1932.
Im gleichen Jahr trat er in den Ruhestand.
Bis zu seinem Tode am 23. August 1949 lebte er in Wittenberg.
Erfurth als Heimatforscher
Neben seiner beruflichen Tätigkeit und der Mitarbeit in verschiedenen Gremien der Evangelischen Kirche Wittenbergs ist vor allem seine Mitarbeit im „Verein für Heimatkunde und Heimatschutz“ in Wittenberg hervorzuheben.
Seit der Gründung dieses für die Geschichte Wittenbergs so wichtigen Vereins war Erfurth im Vorstand vertreten.
Dort hielt er im Laufe der Jahre folgende Vorträge:
– 1911 Zur Geschichte der Faustsage,
– 1927 Das geschmuggelte Schwein,
– 1930 In Wittenberg vor 100 Jahren,
– 1935 Emil Quandt-Prediger und Dichter.
In den Jahren von 1924 bis 1936 war er Herausgeber der Heimatbeilage vom
– „Wittenberger Tageblatt“:
– „O du Heimatflur“, später
– „Unser Heimatland“.
Darin finden wir von ihm selbst auch viele Beiträge.
Aber auch in Zeitschriften und Zeitungen der näheren Umgebung veröffentlichte Erfurth seine Aufsätze und als Korrespondent der Zeitung besuchte er Versammlungen, öffentliche Veranstaltungen sowie besondere Ereignisse, die sich in der Lutherstadt abspielten.
Seine Mitarbeit an den verschiedenen „Stadtführern“, die von 1911 bis 1938 in hiesigen und auswärtigen Verlagen erschienen, tragen alle als Verfasser im textlichen Teil seinen Namen.
Die nachstehende Übersicht gibt uns ein Bild von seinen als Bücher oder Broschüren verfassten Veröffentlichungen.
Aufstellung über seine verlagsgebundenen Veröffentlichungen
– Heimatkunde des Kreises Wittenberg. Wittenberg 1902
– Bilder aus der Kulturgeschichte unserer Heimat. Wittenberg 1905
– Geschichte der Stadt Wittenberg. Tell 1. Wittenberg 1910
– Die Schützengesellschaft zu Wittenberg von der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart. Festschrift zur 500jährigen Jubelfeier. Wittenberg 1912
– Vom Joche erlöst (Vaterländisches Festspiel in zwei Aufzügen behandelt die Erstürmung der Stadt durch die Preußen 1813-1814.
Heft 208 der Reihe „Jugend und Volksbühne“. o.J. (1913)
– Geschichte der Stadt Wittenberg. Teil II. Wittenberg 1927
– Vun jrienen Schtrand der Elwe. (Mundart). Berlin-Leipzig o.J. (1930)
– Die Schulzentochter von Apollensdorf. Halle 0.J. (1934)
– „Er lebt“. D. Martin Luther in der Sage. Leipzig 1938
– Was du ererbst von deinen Vätern hast.
Die Mundart der deutschen Gaue. Leipzig 1941
– u.v. andere.
Heinrich Kühne
Quelle: Heimatkalender 2004
(Mario Dietrich – Drei Kastanien Verlag)
(Herzlichen Dank, dass Sie mir Ihren Beitrag zur Verfügung
gestellt haben.)
