Neuere Geschichte der Schützengesellschaft

Aus der neueren Geschichte der Schützengesellschaft heben wir noch die folgenden wichtigeren Ereignisse hervor:
Am 25. Juli 1864 fand auf Anregung unserer Schützengesellschaft in Wittenberg ein Zentral- und Vereinsschießen statt, an dem sich die Schützengilden der Nachbarstädte Dessau, Coswig, Roßlau, Kemberg, Schmiedeberg, Gräfenhainichen, Bitterfeld, Torgau und Jessen mit zusammen 300 Schützen in Uniform und ihren Fahnen beteiligten.
Die Stadt Torgau entsandte außerdem von ihrer Geharnischten Kompagnie 5 Mann.
Die Ausschmückung der Festwiese kostete unserer Schützengesellschaft 500 Taler, wozu die Stadt eine Beihilfe von 100 Talern gewährte.
Am 3. November dieses Jahres brannte das im Jahre 1818 erbaute Schießhaus in Kleinwittenberg vollständig nieder.
Infolge des Deutsch-Österreichischen Krieges fiel im Jahre 1866 das Schützenfest aus.
Am 30. Juli 1867 fand in Verbindung mit dem Schützenfeste die 50-jährige Gedenkfeier der Übergabe der von König Friedrich Wilhelm III. der Schützengesellschaft im Jahre 1817 geschenkten Fahne statt.
Der Krieg mit Frankreich verhinderte sowohl 1870 als 1871 das Abhalten des Schützenfestes.
Zur Erinnerung an den Sieg bei Sedan fand am 2. September1872 in Wittenberg eine größere allgemeine Feier statt, an der sich die Schützen in ausgedehntem Maße beteiligten;
u. a. stellten sie zu dem am Morgen des Gedenktages stattfindenden großen Wecken 2 Züge, ebenso nahmen sie geschlossen an dem am Abend veranstalteten Fackelzuge teil.

Das jüngere Wittenberg. Partie der westlichen Anlage
Das jüngere Wittenberg. Partie der nordwestlichen Anlage

Das Jahr 1875 brachte der Schützengesellschaft eine nicht unbedeutende Einnahme.
Zwei Morgen von der in ihrem Besitz befindlichen neben der „Kuhlache“ gelegenen Wiese wurden von der Berlin-Anhalter Eisenbahngesellschaft zur Anlage eines zweiten Gleises für die Strecke Wittenberg-Leipzig zum Preise von 2.850 Mt. pro Morgen erworben.
An der am 18. April 1879 stattfindenden Grundsteinlegung zum Kriegerdenkmal nahmen die Schützen in geschlossenem Zuge teil, ebenso an der feierlichen Enthüllung desselben am 29. Juni desselben Jahres.
Einer Einladung der Dessauer Schützengilde folgend, beteiligten sich beide Kompagnien am 18. Juli 1881 an dem dortigen Schützenfeste.
Im Jahre 1883 wurde statt der bisherigen Scheibe mit 12 Ringen eine solche mit 20 Ringen eingeführt.
An der Feier des 400 jährigen Geburtstages D. Martin Luthers im Jahre 1883 beteiligte sich die Schützengesellschaft in hervorragender Weise.
In dem am 31. Oktober stattfindenden historischen Festzuge bildeten 26 Schützen eine besondere Gruppe – altdeutsche Schützen darstellend -, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Am 7. Juni 1887 feierte der Schützen-Oberst Strensch sein 25 jähriges Jubiläum als Schützen Offizier.
Aus diesem Anlaß wurde ihm am ersten Auszugstage zum Schützenfest ein von den Offizieren der II. Kompagnie gestifteter Ehrensäbel überreicht.
In der Schützenfestwoche des Jahres 1889 konnte die Schützengesellschaft nicht weniger als 3 Jubiläen feiern:
Das 50 jährige Schützenjubiläum des Schützen-Oberstleutnants Claus und des Schützen-Hauptmanns Lysius, sowie das 150 jährige Jubiläum der im Jahre 1739 durch freiwillige Beiträge beschafften Fahne.
Von dieser war freilich nur noch der Fahnenstock übrig geblieben. Es wurde daher beschlossen, an diesen neue Fahnenbänder in den Farben gelb-grün mit entsprechender Widmung in Goldstickerei anzubringen.
Zur Feier des Tages wurde ein Zentralschießen veranstaltet, wozu Einladungen an die Schützengilden der Nachbarstädte ergingen.
Am Tage der Jubiläumsfeier – 29. Juli – nahmen die Schützen vor dem Auszuge zum Festplatze auf dem Markte Aufstellung, wo Bürgermeister Dr. Schild nach einer markigen Ansprache die Fahnenbänder an den Fahnenstock heftete.
Den beiden Schützen Claus und Lysius wurde als Erinnerungszeichen ihrer 50 jährigen Dienstzeit je ein vergoldetes Kreuz mit der Zahl 50 und eine silberne Schale überreicht.
Im Jahre 1890 beteiligten sich 7 Mann der I. und 15 Mann der II. Schützenkompagnie unter Mitführung der Fahne von 1739 an dem X. Deutschen Bundesschießen in Berlin.
An der 200 jährigen Jubiläumsfeier der Schützengilde Zahna am 22. Juni 1891 nahm die Schützengesellschaft geschlossen mit Fahne und Musik teil.
Am 5. Juli dieses Jahres beging der verdiente Schützen-Oberst Strensch sein 25 jähriges Jubiläum als Kommandeur der Schützengesellschaft.
Diese ehrte seine Verdienste durch Überreichung einer Ehrengabe, welche aus einem in Gold und Silber getriebenen 1 m hohen Tafelaufsatz bestand, der die Widmung trug:
„Die Schützengesellschaft zu Wittenberg ihrem Oberst Strensch zum 25 jährigen Kommandeur-Jubiläum den 27. Juli 1891.“
In der Generalversammlung am 1. Juli 1891 wurde beschlossen, daß künftig die
– 10 jährige Schützen Dienstauszeichnung am grün-gelben,
– die 20 jährige am schwarz-gelben und
– die 30 jährige am grün-schwarz-gelben Bande zu tragen sei.
Die Generalversammlung vom 18. Juli 1892 bestimmte, daß die offizielle Schützenuniform künftig aus folgenden Teilen besteht:
– 1. aus einer hellgrauen Joppe,
– 2. einem Filzhut in der Grundfarbe der Joppe mit grünem Bande und grüner Einfassung, Gemsbart, Kokarde und Birkhahnfeder,
– 3. einem Paar weißer und einem Paar schwarzer Beinkleider,
– 4. einem Paar weißer Lederhandschuhe,
– 5. einem Hirschfänger und
– 6. einer Büchse.
Den bisherigen Mitgliedern wurde freigestellt, die alte Uniform aufzutragen; die neueintretenden Schützen waren jedoch verpflichtet, sich die neue Uniform zu beschaffen.
Gleichzeitig wurde beschlossen, das Abzeichen der Königswürde künftig in Form eines silbernen Sterns im Werte von 20 Mark zu verleihen.
In dem historischen Festzuge, welcher gelegentlich der Einweihung der erneuerten Schloßkirche am 31. Oftober 1892 stattfand, bildeten die Schützen mit 28 Mann und 12 Kindern eine besondere Gruppe, die einen Auszug der Schützenbrüderschaft im 15. Jahrhundert darstellte.
Die prächtige Gruppe erweckte ganz besonders den Beifall Sr. Majestät des Kaisers und das Entzücken der Kaiserlichen Prinzen, da in ihr von zwei Kindern eine weiße Ziege und ein Schäfchen als „Schießvorteile“ mitgeführt wurden.
An der Feier des 600 jährigen Bestehens der Stadt Wittenberg am 28. Juni 1893 und der an diesem Tage stattfindenden Grundsteinlegung zum Kaiser Friedrich-Denkmale
beteiligten sich beide Schützenkompagnien mit ihren Fahnen.
Zu den Kosten des Denkmals steuerte die Gesellschaft 100 Mk bei. Ebenso nahmen die Schützen am 2. September 1895 an dem zur 25 jährigen Jubelfeier des Sedantages arrangierten Festzuge teil.
Am 13. April 1899 faßte die Generalversammlung folgenden Beschluß:
Jedes Mitglied ist verpflichtet, 9 Jahre lang in Uniform sich an den Aus- und Einzügen der Schützen zu beteiligen, wenn dasselbe beim Eintritt in die Gesellschaft nicht bereits das 45. Lebensjahr überschritten hat.
Im Jahre 1899 fand wiederum ein Zentral-Schießen statt, zu welchem 24 auswärtige Schützengilden eingeladen wurden.
Für Beschaffung von Silberprämien wurden der Gesellschaftskasse 100 Mk. entnommen, außerdem kam eine große Anzahl von Erinnerungsmedaillen zur Verteilung.
Am Hauptfesttage wurden die auf dem Marktplaße aufmarschierten Schützen von Bürgermeister Dr. Schirmer namens der Stadt Wittenberg begrüßt, der auch mit den Mitgliedern des Magistrats über diese die Parade abnahm.
Ende des Jahres 1907 nahm der bisherige Vorsitzende und Kommandeur der Schützengesellschaft, Schützen-Oberst A. Strensch, wegen seines hohen Alters seinen Abschied, nachdem er 46 Jahre aktives Mitglied der Gesellschaft gewesen war.
An seine Stelle wählte die Schützengesellschaft am 21. Juni 1908 den Stadtverordneten Kaufmann Paul Friedrich zum Vorsitzenden und Kommandeur.
Gleichzeitig wurde beschlossen, künftig ohne Büchse ein und auszuziehen.
Beim Schützenfeste dieses Jahres erstrahlte der Festplatz abends zum ersten Male in elektrischer Beleuchtung.
Diese war zunächst provisorisch angebracht, wurde aber im nächsten Jahre zu einer dauernden Einrichtung.
Zu diesem Zwecke wurde das städtische Stromkabel bis zur Festwiese verlängert.
Die von der Stadt hierfür auf gewendeten Kosten betrugen ca. 4.000 Mk., für welche die Schützengesellschaft vorläufig auf drei Jahre eine anteilige Verzinsung von jährlich 80 Ml. übernahm.
Gleichzeitig wurde auch eine Telephonleitung nach dem Festplatze gelegt und im Schießstande eine Fernsprechstelle errichtet.
An der Fahnenweihe der Dessauer Schützengilde beteiligten sich 40 Wittenberger Schützen.
Gustav Hamann errang bei dem dort abgehaltenen Prämienschießen auf der Ehrenscheibe des Herzogs von Anhalt den 1. Preis, aufgelegt.
Bei der Generalversammlung 1909 beschloß die Gesellschaft, dem Deutschen Schützenbunde als Mitglied beizutreten.
Außerdem brachte dieses Jahr der Schützengesellschaft mehrere wichtige Errungenschaften.
Zunächst kam der Landaustausch mit der Eisenbahndirektion zum Abschluß, von dem in erster Linie der beschlossene Neubau des Schützenhauses abhing.
Nunmehr konnte die Gesellschaft auch daran gehen, auf ihrem Grundstücke mehrfache Verbesserungen vorzunehmen.
Der Speckebach, der bisher die kleine Schützenwiese von dem Hauptplatze trennte und neben anderen Unzuträglichkeiten den Festverkehr erheblich störte, wurde an die Nordgrenze des Grundstückes verlegt und hier in Betonröhren gefaßt.
Die Kosten der Verlegung betrugen 3.074 Mk.
Zur Erinnerung hieran wurde in der Stirnwand des Grabenauslaufs eine Gedenktafel eingelassen, welche die Inschrift trägt:

Seit 7. 7. 1909
Fließts Wasser hier zur Elbe rein.

Am Abend des ersten Schützenfesttages 23. Juli wurde das Werk durch eine kurze Feier eingeweiht.
Gleichzeitig erfolgte der Anschluß des Schützenfestplatzes an das städtische Wasserwerk, wodurch es möglich wurde, den Besuchern der Vogelwiese jederzeit einwandfreies Trinkwasser zu bieten.
Die Kosten der Anlage bezifferten sich für die Gesellschaft auf 2.000 Mk.

Das Schloßtor mit Stadtmühle zur Festungszeit
Das industrieelle Wittenberg,
Hafenanlage in Verbindung mit der Staatsbahn, links Fabrik-Terrain – rechts Elbe
Das alte Wittenberger Elstertor
Das alte Wittenberger Elstertor zur Festungszeit
Das jüngere Wittenberg,
Partie der östlichen Anlagen – früher Wittenberger Elstertor

Durch Zuschüttung des alten Grabenlaufs und Erhöhung des Gesellschafts-Grundstückes wurde dieses für die Schießhausanlage weiter vorbereitet.
Zur Aufschüttung wurden ca. 4.000 cbm Bodenmaterial verbraucht. Die Kosten bezifferten sich auf 2.242 Mark.
Am 10. April 1910 faßte die Schützengesellschaft den endgültigen Beschluß, ein Schützenhaus mit 15 Schießständen zu erbauen.
Im Jahre 1810 erhielten die Schützen für die in Gemeinschaft mit der schwachen Besatzung der Festung 1809 ausgeführte tapfere Verteidigung Wittenbergs gegen das Schill’sche Korps vom König von Sachsen zwei goldene Denkmünzen, verliehen.
Zur Erinnerung hieran fand am 1. August 1910 vor dem Auszuge der Schützen zur Festwiese auf dem Marktplatze eine würdige Gedächtnisfeier statt, bei welcher der Kommandeur in einer Ansprache der Bedeutung des Tages gedachte.
Zum ersten Male fand in diesem Jahre als Abschluß des Schützenfestes ein von Mannschaften des 20. Infanterie-Regiments ausgeführtes militärisches Sportfest statt, das im Jahre 1911 wiederholt wurde.
Am 23. April 1911 beteiligten sich die beiden Schützenkompagnien in geschlossenem Zuge an der Einweihung des in den Anlagen vor dem Augusteum errichteten Kolonial-Kriegerdenkmals.
Beim Schützenfeste dieses Jahres wurde zum letzten Male der Vogel von der Stange geschossen.
Sonntag, den 10. Dezember 1911, wurde unter zahlreicher Beteiligung in feierlicher Weise der Grundstein zum neuen Schützenhause gelegt.

Hiermit schließen wir die Geschichte der Wittenberger Schützen-gesellschaft ab.
Möge diese auch fernerhin eine Stätte echter Kameradschaft, unwandelbarer Vaterlandsliebe und aller bürgerlichen Tugenden bleiben und bis in die fernste Zukunft wachsen und gedeihen, getreu dem alten Schützenspruch:

Üb‘ Aug‘ und Hand
Fürs Vaterland!

Richard Erfurth

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