„Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht.“
Dieser Mahnung des Freiheitssängers Theodor Körner ist unsere Lutherstadt Wittenberg nachgekommen, wenn sie die frühere Lindenstraße nach dem unter Mörderhänden gefallenen Kämpfer für Deutschlands Wiedergeburt, den Fliegerhelden Hauptmann Rudolf Berthold, benannte, nachdem ihm bereits am 5. Juni 1933 an unserem alten Kurfürstenschlosse eine Gedenktafel errichtet wurde.
Rudolf Berthold, der vielen Wittenbergern von seiner Dienstzeit her als Leutnant im 20. Infanterie-Regiment noch in Erinnerung steht, hat als Sieger in 44 Luftschlachten seinen Namen mit unvergänglichen Lettern in die Geschichte des Weltkriegs eingegraben.
Wir gehorchen einer Pflicht der Dankbarkeit, wenn wir an dieser Stelle den Lesern eine Schilderung vom tragischen Ende dieses kühnen, edlen Mannes geben, der im Kampfe für Deutschlands Ehre sein Leben verlor.
Der junge tapfere Offizier, der mit klarem Blick die politischen Notwendigkeiten überschaute, hatte nach dem Weltkriege die „Eiserne Schar“ gebildet, die er überall dort einsetzte, wo es galt, die bolschewistische Landplage zu bekämpfen und unschädlich zu machen.
Mit schelen Augen sah die Regierung Ebert auf die tapfere Schar, die im Baltikum und in Bayern gegen den Bolschewismus gekämpft hatte, weil die marzistischen Gewalthaber von ihr ein Wiedererwachen Deutschlands fürchteten. Deshalb erhielt Berthold den Befehl, seine Truppe aufzulösen. Zu diesem Zwecke sollte diese am 15. März 1920 mit der Eisenbahn auf dem Truppenübungsplatz Zossen eintreffen.
Diesem Befehle mit schwerem Herzen gehorchend, marschierte Hauptmann Berthold am 13. März ab.
Inzwischen war der Kapp Putsch ausgebrochen, und die Eisenbahner streikten.
Für den Hauptmann Berthold aber gab es keine Hindernisse. Fachkundige Leute seiner Schar stellten einen Eisenbahnzug zusammen und führten diesen bis kurz vor die Stadt Harburg an der Elbe. Hier ließ Berthold halten und bat um Quartier für seine Truppe in Harburg, bis die Eisenbahnverhältnisse sich geklärt hätten.
Auf seine Anfrage bei der Kommandobehörde der Reichswehr wurde ihm und seinen Leuten die Schule in der Heimfelder Straße in Harburg als Quartier angewiesen.
Die Truppe, in der Hoffnung, am nächsten Morgen weiterfahren zu können, hatte alle Sachen im Zuge gelassen und unbewaffnete Abteilungen gingen zu diesem, um Proviant zu holen.
Um 8 Uhr morgens erschienen die Vertreter der organisierten Arbeiterschaft, der Soldatenrat der Garnison sowie die Vertreter der Stadt Harburg bei Berthold, um mit ihm zu verhandeln.
Seiner Truppe wurde bis zur Klärung der Lage Unterkunft gewährt. Noch während der Verhandlung hatten sich um das Schulgebäude Menschenmassen angesammelt, die eine drohende Haltung zeigten. Bald sah man auch die Straßenkreuzungen durch bewaffnete Zivilpersonen gesperrt, und an vielen Stellen schanzten sich Arbeiter mit Maschinengewehren ein.
Als man Hauptmann Berthold auf diese Vorgänge hinwies, antwortete er:
„Ich halte mich an meine Abmachungen; die Verhandlungen sind mit beiderseitigem Einvernehmen geshlossen worden, und ich lehne jede Gewalt ab.“
Die Menge nahm eine immer drohendere Haltung an;
von der Schule aus konnte man beobachten, wie Maschinengewehre, hinter Weibern verborgen, herbeigetragen wurden, und über Zäune und Höfe schaffte man Gewehre, Patronenkisten und anderes Kampfmaterial heran.
Wohin man auch blicken mochte, von den Dächern, aus den Dachluken, aus den Fenstern blitzten Gewehrläufe.
Bertholds Truppe zählte 800 Mann mit etwa 100 Gewehren und ohne nennenswerte Munition.
Immer mehr Bewaffnete, unter ihnen auch Weiber, wälzten sich gegen die Schule heran, und am Mittag eröffnete man ohne Grund ein heftiges Feuer auf diese, wobei die Fenster in Scherben zersplitterten, große Löcher in die Wände gerissen und alles mit einer dichten Kalkschicht bedeckt wurde.
Schon jetzt wurde eine Anzahl von Bertholds Leuten verwundet.
Zur Erfrischung war nichts da, Wasser gab es nicht, Hunger und Durst quälte die Eingeschlossenen, die Verwundeten, stöhnten.
Die Ärzte waren ratlos, denn Verbandszeug und alles andere war im Eisenbahnzug zurückgelassen worden.
Die Mannschaften, die morgens ausgeschickt waren, um von dort Proviant zu holen, kamen nicht wieder.
Hauptmann Berthold ging ermutigend von einem zum anderen; seine letzte Zigarette teilte er zwischen zwei Schwerverwundeten. Unendlich langsam schlich die Zeit vorwärts, aber die erhoffte Hilfe blieb aus. Immer Verzweifelter wurde die Lage der Eingeschlossenen. Die Verwundeten stöhnten furchtbar, aber noch immer dauerte das sinnlose Schießen fort.
Um dem Schrecklichen ein Ende zu machen, ließ Berthold eine weiße Fahne heraushängen, um die entfesselte Meute zum Einstellen des Feuers und zu Verhandlungen zu bewegen, aber es war alles vergeblich.
Endlich um 6 Uhr abends ließ das Schießen nach, und es erschienen Abgesandte in der Schule, um von neuem zu verhandeln, unter ihnen auch wieder der Arbeiterführer, der bereits am Morgen mitverhandelt hatte.
Wohl würgte der Ekel Berthold im Halse, aber im Hinblick auf seine Kameraden willigte er in die Verhandlungen ein.
Er forderte freien Abzug für seine Truppe, widrigenfalls sie sich bis zum letzten Mann verteidigen würden.
Schließlich mußte er sich zur Abgabe der Waffen verstehen.
Darauf wurde ihm ehrenwörtlich freier Abzug zugesichert.
Berthold vertraute bem Ehrenwort.
Leichenblaß kam er zu seinen Leuten zurück.
„Kinder“, sprach er bebend, „wir haben umsonst gekämpft, doch habe ich freien Abzug durchgesetzt. Ich erwarte von allen Kompagnien, daß sie geschlossen und in straffer Ordnung den Weg zurück nach Stade antreten; dort sehen wir uns wieder.“
Noch einmal wandte er sich um und winkte seinen Kameraden mit traurigem Blicke zu.
Dann stieg er die Treppe hinab und übergab als erster seinen Degen. Niemand achtete der Tränen, die ihm aus den Augen tropften.
Während die Truppe sich zum Abmarsch fertig machte, sollten die Bedingungen des Abzugs mit Hauptmann Berthold schriftlich niedergelegt werden.
Er war völlig unbewaffnet, aber sein Vertrauen wurde schmählich getäuscht. Kaum erblickte die entmenschte Horde Berthold, so fielen sie über ihn her, rissen ihn auf die Straße und schlugen mit Gewehrkolben auf ihn ein.
Ein Mann, der ihn aus dem Feldzug her kannte, flehte ihn an, sich doch von ihm wegbringen zu lassen, aber er erwiderte mit fester Stimme:
„Ich verlasse meine Kameraden nicht.“
Blutüberströmt bat er die Horde, doch seine Leute zu schonen. Wüstes Johlen war die Antwort. In rohester Weise schlug man den Wehrlosen nieder, riß ihn wieder empor, um ihn von neuem niederzuschlagen. Schließlich schoß man auf ihn.
Unterdessen spielten sich in und vor der Schule die widerlichsten Szenen ab. Bestialisch ging der Pöbel gegen die wehrlosen Soldaten vor; selbst die Schwerverwundeten wurden in der rohesten Weise mißhandelt.
Die sinnlose Wut richtete sich besonders gegen die Offiziere; soweit man ihrer habhaft werden konnte, wurden sie niedergemacht.
Einer von Bertholds Leuten erzählt:
„Schließlich wurden wir als Gefangene des Harburger Pöbels abgeführt. Was war aus unserem Hauptmann geworden? Angst und Grauen packte uns. Da sahen wir mitten auf der Straße im Schmutz unsern Hauptmann liegen. Eine tobende Menge bearbeitete ihn mit Fußtritten.
Nehmt ihn doch mit, euren Räuberhauptmann“, so riefen sie uns zu. Als wir aber den Versuch machten, ihn mitzunehmen, wurden wir aufs neue mißhandelt.
Nun war uns alles gleich; unser Führer war tot, aufs grausamste ermordet von entmenschten Bestien, in deren Händen wir uns befanden. Tränen liefen uns über die Wangen; tot war der Mann, den wir alle liebten, der uns hätte helfen können. Mochte nun mit uns geschehen, was da wollte. Gab es keine Kameraden mehr, die uns hätten zu Hilfe kommen können?“ —-
In Berlin am Sarge unseres Hauptmanns fanden sich viele von uns wieder zusammen. In Blumen sanft eingebettet ruhte der Held. Schmerzerfüllt hielten wir bei ihm die letzte Wache.
Vor ihm das Ordenskissen mit vielen hohen Orden.
Nie trug er sie; er war zu bescheiden dazu.
Nur den Orden Pour le merite, den man später in einer Harburger Fabrik in einem Schmutzhaufen fand, sein Eisernes Kreuz 1. Klasse und das Fliegerabzeichen legte er nie ab.
„Ich tat nur meine Pflicht“, sagte er stets, wenn ihm ein Orden überreicht wurde.
Seinen Degen, den seine Schwester aus den Händen der Mörderbanden holte, hatte sie ihm in die erstarrten Hände gelegt. Zwei Kompagnien seiner „Eisernen Division“ bildeten das Ehrenspalier auf dem Friedhofe. Über seinem Grabe wurde die Bataillonsfahne zerbrochen und mit ihm versenkt. –
Auf dem Invalidenfriedhof in Berlin neben seinem Kameraben, dem Dardanellenflieger Hauptmann Buddede, der im Luftkampfe fiel, ist Hauptmann Bertholds Grab. Die Inschrift seines Grabmals kündet von deutscher Ehre und von deutscher Schande. Sie lautet:
„Hier ruht der Fliegerheld Kgl. Pr. Hauptmann Rudolf Berthold, In. Rgt. Graf Tauentzien von Wittenberg Nr. 20, Führer des Jagdgeschwaders II und der Eisernen Schar Berthold, Kämpfer für Deutschlands Ehre, Sieger in 44 Luftschlachten. Geehrt vom Feinde, Erschlagen von deutschen Brüdern am 15. März 1920 in Harburg a. d. Elbe, geb. am 4. März 1891.“
Trauernd und beschämt zugleich steht Deutschland, für das er kämpfte, litt und starb, an der frühen Gruft dieses Helden.
Aber sein Kämpfen und sein tragischer Tod sind nicht umsonst gewesen; sie waren die Saat, aus der unter A.H. und seiner braunen Heldenschar Kampf und Sieg ein neues Deutschland erwuchs. Hauptmann Berthold wird in Deutschland und vor allem in der Lutherstadt Wittenberg allzeit unvergessen bleiben als einer der edelsten Helden unseres Volkes.
Richard Erfurth †
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Quelle: O du Heimatflur vom 22.09.1934
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