Die vorgeschichtlichen Bewohner unserer Heimat

Die vorgeschichtlichen Forschungen und Funde können uns bis heute noch kein lückenloses Bild der ältesten Kultur unserer Heimat und noch weniger ein solches ihrer ältesten Bewohner geben. Überhaupt werden die Feststellungen der Vorgeschichtswissenschaft recht verschieden beurteilt.
Während die einen – die Optimisten – triumphierend verkünden, daß die vorgeschichtlichen Funde und Forschungen der letzten Jahrzehnte uns ein getreues Bild vom Wesen, Leben der ältesten Menschen vermitteln und uns in den Stand setzen, die stete Weiterentwickelung der menschlichen Kultur durch viele Jahrzehnte fast lückenlos zu verfolgen, behaupten die anderen – die Pessimisten – daß hier noch alles im Dunkeln liege, daß die bisher gemachten Feststellungen vielleicht uns über einzelne Zeiträume der Vergangenheit Aufklärung geben, daß es aber gänzlich unmöglich sei, aus ihnen ein zusammenhängendes Bild der ältesten
Völker und ihrer kulturellen Entwickelung zusammenzubauen.
Wie es meist der Fall zu sein pflegt, so liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte.
Angesichts der großen Erfolge, welche die prähistorische Forschung in den letzten Jahrzehnten erzielt hat, würde es an Böswilligkeit grenzen, wollte man den Fortschritt auf diesem Gebiet ableugnen. Gewiß, es bestehen noch mancherlei Unklarheiten und Lücken, wie das bei einer verhältnismäßig noch so jungen Wissenschaft nicht anders sein kann, aber das Erreichte ist doch so bedeutend, daß es das Dunkel, wenigstens über die Völker von Nord- und Mitteleuropa
um mehrere Jahrtausend rückwärts schreitend, erhellt hat und für weitere Jahrtausende die großen geschichtlichen Zusammenhänge zum mindesten ahnen läßt
Es darf nicht übersehen werden, daß die Vorgeschichtsforschung vor ungeheure Schwierigkeiten gestellt ist, die an den Prähistoriker in wissenschaftlicher Hinsicht außerordentliche umfassende Ansprüche stellen, denen immer nur ein beschränkter Kreis von besonders hierzu Befähigten gewachsen ist.
Diese Schwierigkeiten häufen sich namentlich bei der Forschung nach dem Urmenschen unserer Heimat.
Es sind jetzt rund fünfundsiebzig Jahre her, da fanden Steinbrucharbeiter bei dem Ausräumen einer neuentdeckten Höhle des Neandertales (zwischen Düsseldorf und Elberfeld) im Lehm eine Anzahl von Knochen, die ihnen als eine Merkwürdigkeit erschienen. Sie machten den Besitzer des Steinbruchs auf diese aufmerksam, der alsbald den bereits ausgeworfenen Abraum sorgfältig durchsuchen ließ.
Man fand noch einige weitere Knochenreste und vor allem Bruchstücke eines Schädels.
Der gesamte „Höhlenbärenknochenfund“ gelangte schließlich in den Besitz des Elberfelder Gymnasiallehrers Dr. Fuhlrott.
Dieser glaubte in den Knochenfunden die Überreste eines Menschen zu erkennen, und zwar menschliche Gebeine,
„die wahrscheinlich aus der Diluvialperiode stammen und daher einem urtypischen Individuum unseres Geschlechts einst angehört haben.“
Das waren in jener Zeit aber unerhörte ketzerische Ansichten.
Denn seitdem der große Zoologe Cuvier rundweg erklärt hatte, es gäbe keine Diluvialmenschen, keine „Zeugen der Sintflut“, hatte niemand mehr gewagt, gegen ein solches Urteil aufzutreten.
Man war freilich auch durch den Reinfall Scheuchzers gewarnt und eingeschüchtert worden.
Dieser Schweizer Naturforscher glaubte nämlich auf einem Schieferabdruck deutlich das Stelett eines menschlichen Kindes zu erkennen und hatte seinen Fund stolz „Andrias Scheuchzeri“
-das Scheuchzermenschlein – getauft, es als einen „Zeugen der Sintflut“ hingestellt und unter die Abbildung seines Fundes die rührseligen Verse gesetzt:
„Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,
Erweiche, Stein, das Hertz der neuen Boßheitskinder.“
Das kritische Auge Cuviers aber vermochte unschwer in diesem „alten Sünder“ und Sintflutszeugen einen – Riesensalamander nachzuweisen.
Alles lachte, und mit dem Diluvialmenschen war es danach endgiltig vorbei.

Und nun kam der Elberfelder Gymnasiallehrer und behauptete, die in seinem Besitz befindlichen Knochen stammten dennoch von einem solchen Diluvialmenschen.
Er war kühn genug, diese seine Meinung auf dem Naturforschertage in Bonn 1857 offen zu vertreten, ja, er sprach sogar davon, daß diese Knochenreste „wenn nicht einen völlig erloschenen Menschentypus, so doch eine auffallende Affenähnlichkeit des Individuums vermuten lassen.“
Das war unstreitig ein starkes Stück in jenen Tagen, da Darwin noch nicht Bresche geschlagen hatte in die geltenden Anschauungen der Naturwissenschaft.
Es kann daher auch nicht wundernehmen, daß Fuhltrott in Bonn ein vollkommenes Fiasko erfuhr.
„Man war,“ so berichtet er, „zwar erstaunt und machte große Augen über das, was man sah, aber man zuckte auch allseitig die Achseln über das, was man hörte.“
Nur der Bonner Anatom Schaafhausen pflichtete ihm rückhaltlos bei.
Jetzt aber erschien Darwins revolutionierendes Werk von der „Entstehung der Arten“, und alsbald mehrten sich die Stimmen derer, die in dem „Neandertalmenschen“ einen Urmenschen, eine Art Zwischenglied zwischen Menschen und Affen erblickten.
Ein Reihe namhafter ausländischer Gelehrten wie Huxley, King, Broca ua. traten für Fuhltrott ein.
Und in der Tat: Dieser „Neandertaler“ zeigte dem Betrachter eine ganze Reihe auffälliger Besonderheiten:
da springt wie das hochgeschlagene Visier eines alten Ritterhelms über den Augenhöhlen eine mächtige Knochenleiste hervor;
die Stirn scheint zu fehlen, der Schädel ist abgeflacht, die Oberschenkelknochen sind stark gebogen, die Gelenkknorren aber außerordentlich massiv.
Alles hat etwas unsagbar Wildes, ja geradezu Tierisches.
Es erschien zweifellos, daß der Mensch aus dem Neandertal das „Bindeglied“ sei, welches Darwin suchte.
Aber die Freude an diesem Neandertaler sollte nicht lange dauern. Rudolf Virchow in Berlin nahm ihn unter seine kritische Lupe, und diese Kritik des großen Gelehrten war für Fuhlrotts „Diluvialmenschen“ geradezu vernichtend.
Was bedeutet die Krümmung der Oberschenkel?
Der Neandertaler hat offenbar an der „englischen Krankheit“ (Rhachitis) gelitten.
Und was besagen die knöchernen Wülste am Schädel und andere Eigentümlichkeiten?
Der arme Kerl wurde von der Altersgicht (Arthritis deformans) geplagt, er war ein gichtbrüchiger Greis.
So lautete denn die unbarmherzige Schlußfolgerung:
„Schwerlich dürfte in einem bloßen Neander- oder Jägervolk eine soviel geprüfte Persönlichkeit sich bis zu hohem Greisenalter zu erhalten vermögen.“
Und, wie das immer zu sein pflegt, so wagten sich jetzt auch die anderen Autoritäten mit ihrem absprechenden Urteil hervor und schalten den armen Neandertaler einen „schwаchsinnigen Einsiedler mit rhachitischem Wasserkopf“, einen „Kosaken aus der Zeit Napoleons“, einen „alten Kelten“ usw..
Einer erklärte ihn sogar für einen „Wilden“.
Jedenfalls war der „Diluvialmensch“ wiederum einmal endgiltig abgetan.
Das war anfangs der siebziger (1870er) Jahre.
Da fand man 1887 in einer Kalktuffgrotte bei Spy unweit Namur in Belgien zwei Skelette, die eine geradezu erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Neandertaler aufwiesen.
Waren das nun ebenfalls „gichtbrüchige Dulder“, „Schwachsinnige Einsiedler?“ – Jene kritisierenden Autoritäten hüllten sich in ein verlegenes Schweigen.
Aber die Antwort gaben andere:
Anerkannte Führer der modernen Anthropologenschule – Professor Schwalbe in Straßburg und Professor Klaatsch in Heidelberg.
Ihren tiefgründigen Untersuchungen (1900 bis 1902) gelang der Nachweis, daß die Neandertal-Rasse eine besondere Gattung Mensch sei, eine ältere Form der Menschheit, die sich weit von allen zeitlichen Menschenrassen entfernte, daß der Neandertaler
„ein seiner Zeit, seinen Bedürfnissen und Kämpfen angepaßtes Wesen war, welches, selbst ein Tier unter Tieren, sicherlich aber in vielen Fähigkeiten dem modernen Menschen überlegen war.“

Ein glücklicher Umstand fügte es, daß gleichzeitig mit der Veröffentlichung dieser grundlegenden Untersuchungen bei Krapina in Kroatien neue Funde von Diluvialmenschen gemacht wurden, die das Urteil von Schwalbe unb Klaatsch bestätigten.
Das weitaus bedeutendste Beweisstück für die Existenz des Diluvialmenschen lieferte aber ein Fund des Basler Archäologen Otto Hauser.
Dieser hatte seit etwa 12 Jahren in der Dordogne (Südfrankreich) eine Reihe von Siedelungen der Steinzeit systematisch durchforscht, wobei er im März 1908 bei Le Monstier das wohlerhaltene Skelett eines jungen Neandertalers entdeckte.
Dieses wurde mit den Abgüssen anderer Neandertalfunde im sogenannten Goldsaal der prähistorischen Abteilung des Museums für Völlerkunde in Berlin ausgestellt.
Damit erfuhr die einst so belachte Ansicht Dr. Fuhlrotts eine glänzende Rechtfertigung.
Der in den Kalkbrüchen bei Taubach an der Ilm gemachte Fund von zwei Menschenkiefern aus der Diluvialzeit hat diese noch weiter bestätigt.
Auf Grund dieser Funde und der sich daran schließenden Untersuchungen dürfte es möglich sein, ein Bild vom Äußeren dieser Menschen der Diluvialzeit, von ihrem Leben und Treiben vor rund 300.000 bis 400.000 Jahren zu entwerfen.
Sie charakterisieren sich als eine kleinwüchsige Rasse, die in ihrer Statur etwa an die Eskimo erinnert.
Auf gedrungenem Halse saß der etwas vorn überhängende mächtige, lang ansgezogene Schädel.
Unter den starken Augenbrauenwülsten, die mit einer tiefen Furche sich gegen die zurückliegende Stirn absetzten, quellen aus kreisrunden Höhlen die Augen hervor, die weit auseinander standen.
Zwischen ihnen saß, mit den Nüstern nach vorn gerichtet, eine stumpfe, breite Nase.
Die massigen Kiefer, die ein furchtbares Gebiß trugen, sprangen zu wahrhaft tierischer „Schnauze“ vor-  eine Bildung, die um so tierischer wirkt, als auch die Andeutung eines Kinnes (wie bei den Affen) fehlt.
Niemand kann sich dem Einbruck entziehen, den dieser Schädel des „Hauserschen Moustiermenschen“ macht.
Mit gebeugten Knien schreitend – denn er vermochte diese nicht durchzudrücken den Plattfuß nur mit dem äußeren Rand aufsetzend, beschlich der Neandertaler, mit den affenartig beweglichen Händen einen Knüttel oder Stein umklammernd, das Wild-Mammut, Nashorn, Urrind, Höhlenbär.
Seine Wohnung war eine Höhle unter überhängendem Felsendach. „Ein Tier unter Tieren“ charakterisiert ihn Professor Klaatsch, zweifellos in vielen Stücken ein Tier und doch unzweifelhaft schon ein Mensch.
Er kannte schon die Verwendung des Feuers und also wohl auch bereits die Art seiner Erzeugung.
Er besaß auch schon Steinwerkzeuge, wenn auch noch primitivster Art.
Er bestattete seine Toten sorgfältig und gab ihnen Nahrung mit auf den Weg ins Jenseits, woraus folgt, daß er schon gewisse religiöse Vorstellungen besaß.
Diese Neandertalrasse hat nun, nach den Fundstellen zu schließen, in jenen Zeiten weite Gebiete Europas bevölkert:
das heutige Deutschland, Oesterreich, Belgien, Frankreich und Spanien.
Daher ist es auch kaum anzunehmen, daß sie vom Schauplatz abgetreten sein soll, ohne irgend welche Spuren zu hinterlassen. Und doch liegt darüber поch vieles Dunkel.
Wir wissen nicht, was aus der Neandertalmenschheit geworden ist. Sie ist für unsere Blicke plöglich verschwunden und wird in Europa von einer ganz anders gearteten Menschenrasse abgelöst.
Wir dürfen freilich nicht vergessen, daß es sich bei unserer Diluvialepochen-Rechnung um Jahrhunderttausende handelt, und daß unsere Kenntnisse dieser Eiszeitperiode doch immer noch recht lückenhaft sind.
Aber wie die Geschichte dauernd am Webstuhl der Zeit sitzt und fortwirkt, so wirkt und forscht auch die Wissenschaft trotz aller zeitlichen Hemmungen immer weiter, und wir dürfen, namentlich auch im Hinblick auf das bisher Erreichte, zuversichtlich hoffen, daß es der prähistorischen Forschung gelingen wird, das Dunkel, welches die ältesten Menschen unserer Heimat noch umgibt, immmer mehr zu lichten.

Richard Erfurth

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aus: Unser Heimatland vom 17.03.1927

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