Das Tauentzien-Denkmal – eine Erinnerung an die Notzeit unserer Heimat

Im Garten des ehemaligen Offizierkasinos in Wittenberg, der zu städtischen Anlagen umgewandelt ist, wurde am 26. Juli des vorigen Jahres ein Gedenkstein enthüllt.

Graf Tauentzien Denkmal 2012
aus: Archiv HV WB

Er ist an der Stelle eines älteren Gedenksteins errichtet, der wegen Beschädigungen entfernt werden mußte, und ist vom Offizierkorps des ehemaligen 20. Infanterieregiments „Graf Tauentzien von Wittenberg“
dem Befreier Wittenbergs, Graf Tauentzien, und gleichzeitig seitens der Stadt Wittenberg dem Andenken seines ehemaligen 20. Infanterieregiments, das bis zu seiner Auflösung im Jahre 1919 hier in Garnision lag, gewidmet.
Der Denkstein erinnert an eine der drangvollsten Zeiten unserer Heimat, insbesondere der Stadt Wittenberg im Jahre 1813-14.
Unsere Heimat gehörte damals zum Königreich Sachsen.
Der Kurfürst Friedrich August von Sachsen hatte noch in der unglücklichen Schlacht von Jena und Auerstädt (14. Oktober 1806) auf Preußens Seite gegen Napoleon I. gekämpft, hatte aber dann mit den Franzosen ein Bündnis geschlossen und ihnen die wichtigsten Festungen des Landes, darunter Torgau und Wittenberg, ausgeliefert, die mit französischen Truppen besetzt wurden.
Für diese Willfährigkeit erhob ihn Napoleon zum König.
Aber unsere Heimat, vor allem die Stadt Wittenberg, mußte die Rechnung dafür zahlen.
Nach der Schlacht von Jena richtete der stolze Sieger seinen Marsch nach Berlin.
Der größte Teil seiner Truppen berührte unsern Heimatkreis.
Vom 20. Oktober bis zum 28. November 1806 hatte dieser, vor allem die an der Heerstraße liegenden Orte, unter der wechselnden Einquartierung schwer zu leiden.
Wegen der mit Napoleon schwebenden Verhandlungen wurde Sachsen zwar nicht als feindliches Gebiet behandelt, aber trotzdem mußte der sächsische Kurkreis bedeutende Lieferungen an Naturalien leisten und zwei Millionen Franc Kriegskosten zahlen.
Besonders schlimm erging es den am linken Elbufer liegenden Ortschaften.
Das Korps des Marschalls von Davoust erhielt den Befehl, nicht eher den Elbstrom zu überschreiten, bis der Kaiser mit dem Kerne der Armee von Halle aus eingetroffen sei.
Infolgedessen schlug das genannte Korps zwischen Eutzsch und Pratau sein Lager auf, da nicht alle Soldaten in den Dörfern untergebracht werden konnte.
Die drei Tage dieses Lagerlebens haben die Bewohner jener Orte schwer empfinden müssen.
Den Truppen mußten nicht allein reichlich Verpflegung gegeben werden, sondern diese nahmen auch heimlich und mit offener Gewalt Geld und Geldeswert weg.
Lebensmittel, Vieh, Kochgeschirre, Betten usw. wurden fortgenommen und ins Lager geschleppt, wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Für Napoleon schien Wittenberg als befestigter Platz große Wichtigkeit zu haben.
Gleich nach seiner Ankunft gab er Befehl, die vernachlässigten Festungswälle wieder herzustellen und zu verstärken.
Damit begann für die Stadt Wittenberg die Einleitung zu den schrecklichen Drangsalen der Jahre 1813 und 1814.
Vom Januar 1813 ab wurde die Festung immer stärker mit französischen Truppen belegt.
Gegen Ende März aber rückten die verbündeten Preußen und Russen heran.
Das gab den Franzosen Veranlassung, alles zur Verteidigung der Festung zu tun und alle dieser entgegenstehende Hindernisse zu beseitigen.
Am 28. März wurde den städtischen Behörden angekündigt, daß die Häuser in den Vorstädten auf 900 Schritt Entfernung von der Festung niedergerissen oder abgebrannt werden würden.
Hatte man sich bisher auf dringend Vorstellungen des Rates hin damit begnügt die Bäume und Umzäunungen der Gärten hinwegzuräumen, so begnügte man sich bei der Nähe der Belagerer nicht mehr damit.
Die Häuser wurden abgeschätzt und am 5. April den Bewohnern bekanntgegeben, daß sie bis zum nächsten Tage 9 Uhr vormittags ihre Habseligkeiten in Sicherheit bringen müßten.
Die französische Besatzung trat am 6. April morgens auf dem Marktplatze unter Waffen; das Elbtor wurde geschlossen, und eine Abteilung Sapeurs (Soldaten) mit der nötigen Bedeckung rückte aus, um das traurige Zerstörungswerk zu unternehmen.
Die 24 Stunden Frist, die man zur Räumung bewilligte, wurde nicht immer innegehalten, soda? die Bewohner nicht selten von dem Brandkommando überrascht wurden.
Die unter der französischen Waffen stehenden Polen hatten Mitleid mit den unglücklichen Bewohnern, die Franzosen aber verfuhren herrisch.
Am schlimmsten erging es denen, welche an der Grenze des bezeichneten Räumungsgebiets oder etwas darüber hinaus wohnten.
Aus Unkenntnis oder Zerstörungslust hatten die Soldaten diese nicht unbeträchtlich überschritten und verjagten mi Kolbenstößen gewaltsam die Bewohner von Haus und Hof, welche sich für sicher gehalten hatten.
Da die Häuser vielfach noch mit Stroh gedeckt waren und ein heftiger Wind wehte, so griff das Feuer schnell um sich.
Am Abend des traurigen Tages lagen:
200 Häuser in Asche und zwar:
– die ganze Amtsfischerei (die Gegend am heutigen Elektrizitätswerk),
– die Häuser hinter dem Krankenhause (am Eingang der heutigen Rothemarkstraße),
– der größte Teil der Klausstraße,
– die Sandstraße (die heutige Lindenstraße)
– die Grünstraße,
– die Häuser in der Gegend der „drei Linden“ (an der heutigen Großen Friedrichstraße) und
– die Beyergasse.
Die noch rauchenden Trümmer wurden in den folgenden Tagen vollends niedergerissen.
Einzelne Familien, die kein Obdach hatten finden können, machten sich in den Gärten aus Stroh und Holzbündeln niedrige Hütten, bis sie in der Stadt und den umliegenden Dörfern Unterkunft erhielten. Die Belagerer rückten nun näher und schlossen die Stadt immer mehr ein.
Bald wurden die Truppen miteinander handgemein, und die Kugeln der Belagerungstruppen flogen in die erschreckte Stadt.
Am ersten Osterfeiertage (18. April), während die Gemeinde zum Gottesdienste in der Stadtkirche versammelt war wurde die Stadt aus 27 Geschützen beschossen.
Das Herannahen einer größeren französischen Truppenmacht zwang die Verbündeten, die Belagerung von Wittenberg vorläufig aufzuheben.
Indeffen kam die geängstete Stadt noch nicht zur Ruhe, da sich noch fortgesetzt russische Kosaken und preußische Truppen in der Umgegend zeigten, und man jeden Tag eine neue Einschließung gewärtigen mußte.
Endlich kam zwischen den kriegführenden Mächten ein Waffenstillstand zustande, der die Bedingung enthielt, daß alle noch in Sachsen befindlichen preußischen und russischen Truppen dieses Gebiet räumen mußten.
So wurde Wittenberg endlich nach Wochen höchster Not von der Belagerung und ihren Schrecken befreit – freilich nur für kurze Zeit.
Die gewonnene Frist benutzten die Franzosen zur Ausbesserung und Verstärkung der Festungswerke.
Im Juli kam der Kaiser Napoleon selbst nach Wittenberg, um die Festungsanlagen zu besichtigen.
Die Universität begrüßte ihn durch eine Abordnung, welche die Hochschule seinem Schutze empfahl.
Napoleon bedauerte, daß die Universität in der Festung so schlecht untergebracht sei und stellte deren Verlegung nach einer anderen Stadt in Aussicht.
Nach einer kurzen Truppenschau reiste der Kaiser wieder nach Dresden ab.
Ehe aber noch in Sachen der Universität eine Entscheidung der zuständigen sächsischen Behörde getroffen war, ließ der französische Gouverneur Lapoype eigenmächtig die akademischen Gebäude vollends räumen.
Die Bücher der reichhaltigen Bibliothek wurden von den Soldaten in buntem Durcheinander in Körbe gepackt und in das Provianthaus geschüttet.
Ein Reskript vom 24. Juli ordnete deren Überführung nach Dresden an.
Die Bücher wurden daher in eilig zusammengenagelte Kisten notdürftig verpackt und auf zwei Elbkähne gebracht.
Allein beide Schiffe wurden in der Nähe von Meißen von Kosaken angehalten und mit Beschlag belegt, und nur unter den größten Schwierigkeiten gelang es, die Bücher und Sammlungen in das nahe Schloß Seuselitz zu schaffen.
Nach der im Jahre 1815 erfolgten formellen Aufhebung der Wittenberger Universität und ihrer Vereinigung mit der Halleschen Hochschule wurde die Bibliothek nach letzterem Orte überführt, während ein Teil, vorwiegend theologische Werke, dem 1817 gegründeten Wittenberger Predigerseminare überwiesen wurde.
Unterdessen hatten die Feindseligkeiten wieder begonnen.
Bald nach der Niederlage der Franzosen bei Großbeeren wandte sich ein Teil dieser Armee nach der Gegend von Wittenberg, für die nunmehr eine neue Leidenszeit anbrach.
Was die Soldaten nicht freiwillig erhielten, nahmen sie sich mit Gewalt.
Raub, Plünderung und Verwüstung waren an der Tagesordnung. Durch die Einquartierung waren ansteckende Krankheiten eingeschleppt worden, die unter den Einwohnern zahlreiche Opfer forderten.
In Wittenberg starben im Monat September allein 100 Personen. Vom 12. September ab konnte in der Stadtpfarrkirche kein Gottesdienst mehr gehalten werden, da der rücksichtslose Gouverneur Lapoype diese räumen und in ein Magazin umwandeln ließ.
Durch dringende Vorstellungen erreichte Generalsuperintendent Nitzsch, daß wenigstens der Altarplatz, die Kanzel und und die Orgel geschont wurden und die Sakristei frei blieb, in der das Kirchenarchiv aufbewahrt wurde.
Anfang September traf der Marschall Ney in Wittenberg ein.
Er vereinigte sämtliche in der Umgegend stehende Heeresabteilungen, um mit der so gebildeten Armee erneut gegen Berlin zu marschieren.
Am 6. September wurde er aber bei dem Dorfe Dennewitz von dem durch russische Artillerie und die Schweden verstärkten Korps des Generals von Bülow angegriffen und nach verzweifelter Gegenwehr zurückgeworfen.
Die in wilder Flucht zurückweichenden Franzosen ließen mehrere Tausend Tote, 70 Kanonen und zahlreiche Pulverwagen auf dem Platze und büßten außerdem 12.000 Gefangene ein.
Bereits am 5. September hatte eine Abteilung Kosaken das gegen Zahna vorgeschobene Lager der Franzosen im Rücken umgangen und sich in den Weinbergen bei Teuchel festgesetzt.
So war dem flüchtenden Ney’schen Korps der Weg nach Wittenberg abgeschnitten, und seine Trümmer mußten sich nach Torgau zurückziehen.
Gleich nach der Schlacht von Dennewitz wurde Wittenberg auf der rechten Elbseite durch die Truppen des Generals Bülow von neuem eingeschlossen.
Noch vor seiner Ankunft war das bisher in Wittenberg stehende 2.000 Mann starke Korps des Generals Dombrowski in die Gegend von Leipzig abgerückt.
Die Besatzung der Festung bestand daher nur noch aus etwa 2.500 Mann, von denen aber kaum 1.500 Mann, nämlich die beiden holländischen Bataillone, kampffähig waren.
Zu all seinen Willkürlichkeiten besaß der Gouverneur noch die empörende Unverfrorenheit, am 21. September von der hartgeprüften Stadt eine Anleihe von 50.000 Talern zu fordern, um seine geleerte Kasse zu füllen.
Selbstverständlich war die Stadt, die durch die unaufhörlichen Einquartierungen ohnehin erschöpft war, und die auch jetzt noch die Besatzung auf Kosten des Gemeindesäckels verpflegen und dem edlen Lapoype täglich 36 Taler Traktement zahlen mußte, während aller Erwerb stockte, hierzu nicht imstande.
Der Rat der Stadt versäumte denn auch nicht, dies dem Gouverneur in entschiedener Form mitzuteilen und dabei die Bemerkung zu machen, daß man ein solches Ansinnen allenfalls vom Feinde hätte erwarten können, aber nicht von einer mit dem sächsischen Staate befreundeten Macht, die doch die Aufgabe habe, die Stadt zu schützen.
Trotz alledem stand Lapoype von seiner Forderung nicht ab und befahl die Ratsmitglieder am 24. September zu einer Versammlung, in der über die Beschaffung jener Summe beraten werden sollte. Kaum aber hatten die Verhandlungen begonnen, als von draußen die preußischen Kanonen zu donnern begannen.
General von Bülow hatte die Vorstädte angegriffen und brachte dadurch die fränzösische Behörde so außer Fassung, daß sie eilig die Versammlung verließ.
Von jener Anleihe ist seitdem nicht wieder die Rede gewesen.
Der Gouverneur sah wohl ein, daß er die ohnehin empörte Bürgerschaft nicht zum Äußersten treiben durfte.
Die Verbündeten griffen nunmehr die Festung mit ganzer Macht an; vom 25. bis 30. September sandten ihre Batterien fast ununterbrochen ihren eisernen Hagel über die unglückliche Stadt. Das erste Bombardement begann am 25. September abends 8½ Uhr und dauerte ohne Unterbrechung bis zum 26. September früh 3 Uhr. Neben einer beträchtlichen Anzahl von Haubitzgranaten wurden auch viele Brandraketen in die Stadt geworfen, wodurch in der Jüdenstraße drei Wohnhäuser und mehrere Hintergebäude angezündet und teilweise in Asche gelegt wurden.
Der vor dem elterlichen Hause stehende 15 jährige Sohn des Senators Giese wurde durch einen Granatsplitter schwer verwundet.
Ihren Höhepunkt erreichten die Schrecknisse in der Nacht vom 27. zum 28. September.
Unaufhörlich brüllten auf beiden Seiten die Geschütze, und in das laute Geräusch der Waffen, in das Knattern des Gewehrfeuers, das Zischen der Brandraketen, das Krachen der berstenden Granaten und die rote Glut der Feuersbrünste mischte sich das Geschrei der Verwundeten und Sterbenden, der Jammer der geängsteten Bewohner.
Um 3 Uhr früh fing der von Brandraketen getroffene Turm der Schloßkirche an zu brennen.
Wie eine helle hohe Fackel leuchtete er zum dunklen Nachthimmel empor.
Um 4 Uhr stürzte die Kuppel mit den zum Teil geschmolzenen Glocken und der Uhr zusammen und fiel auf das benachbarte Schleußnersche Haus, welches dadurch gleichfalls in Asche gelegt wurde.
Auch an anderen Orten der Stadt wüteten die Flammen, denen man nur mit großer Mühe Einhalt tun konnte.
In der Jüdenstraße und Schloßstraße fielen je fünf Häuser dem Feuer zum Opfer, während in der Collegienstraße mehrere Hintergebäude niederbrannten.
Am Morgen des 28. Septembers erteilte der Gouverneur den Einwohnern die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen.
Gegen 1.000 Personen, meist Frauen, machten hiervon Gebrauch und begaben sich nach den benachbarten Orten, besonders nach Kemberg.
Die beiden Geistlichen D. Heubner und Diakonus Magister Nitzsch, hielten treu bei ihrer Gemeinde aus.
Am Abend des 30. September erneuerte sich das Bombardement. Aber trotz der durch die Beschießung angerichteten Verwüstungen ließ sich der Gouverneur nicht zur Übergabe der Stadt bewegen und wies jede diesbezügliche Vorstellung entschieden zurück.
Am Morgen des 3. Oktober vernahm man von Elster und Wartenburg her starken Kanonendonner.
Die schlesische Armee, unter dem Befehle des alten Feldmarschalls Blücher, war trotz der heftigen Angriffe der Franzosen von Elster aus auf zwei Schiffbrücken über die Elbe gegangen und griff das bei Wartenburg stehende 20.000 Mann starke Korps des Generals Ney an und besiegte dieses nach heftigem, blutigen Kampfe.
Die geschlagenen Truppen flohen teils über Pratau nach Dessau zu, teils über Düben gegen Leipzig.
Als am 12. Oktober sich mehrere französische Korps Wittenberg nahten, hoben die Preußen die Belagerung der Stadt auf – aber nur für kurze Zeit.
Bald nach der Völkerschlacht bei Leipzig, in welcher der sieggewohnte Napoleon eine entschiedene Niederlage erlitt, wurde Wittenberg wiederum blockiert.
Am 28. Oktober rückte der Generalmajor von Dobschütz vor die Stadt und schloß diese ein.
Die Belagerer schnitten die durch die Stadt fließenden Bäche ab, wodurch die Stadtmühle am Mahlen verhindert wurde.
Von einer in der Probstei errichteten Batterie wurden auch die in der Elbe liegenden Schiffsmühlen bestrichen und der Brückenkopf beunruhigt.
Infolgedessen ließ der Gouverneur in pietätloser Weise in der Schloßkirche zwei Roßmühlen errichten.
Abgesehen von einigen Vorpostengefechten fanden bis zum Dezember hin keine Vorstöße der Belagerer statt.
In der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt aber stieg die Not von Tag zu Tag immer höher.
Zunächst machte sich bei der rauhen Witterung der Mangel an Brennholz fühlbar, Lapoype ließ kurz entschlossen die noch stehenden Bäume, namentlich die schöne, aus einem Legat des Bürgermeisters Thomä herstammende Allee nach dem Luthersbrunnen, niederschlagen.
Außerdem wurden auf seinen Befehl die vor dem Elstertore noch stehenden Häuser, die sogenannte lange Reihe, niedergerissen, sowie in der Stadt selbst fünf Wohnhäuser, mehrere Hintergebäude, Ställe und Schuppen zur Gewinnung von Brennholz abgetragen; selbst vom Schlosse wurden die Dachsparren und das innere Holzwerk abgerissen.
Diesen Gewalttaten folgten bald noch schlimmere.
Den Kaufleuten nahm man widerrechtlich ihre Vorrate an Kaffee und Zucker weg, die Königliche Salzniederlage belegten die Franzosen mit Beschlag und verkauften dann das Salz an die Einwohner zu dem unerhörten Preise von 1 Taler 6 Groschen pro Metze.
Der Gouverneur begründete dieses Vorgehen damit, daß die Sachsen zu den Verbündeten übergegangen seien und er deshalb das Land, also auch Wittenberg, als feindliches Gebiet behandeln müsse.
Der wahre Grund war natürlich der, daß der edle Lapoype sich aus Kosten der armen Einwohner die Taschen füllen und wohl auch für die abgelehnte Zwangsanleihe eine niedrige Rache nehmen wollte. Die Empörung stieg aufs höchste, als der Gouverneur anordnete, alle Keller und Vorratsräume der Einwohner zu durchsuchen.
Gegen diesen erneuten Übergriff erhob aber der Magistrat nachdrücklichst Protest, so daß sich Lapoype mit einer allgemeinen Angabe über die Höhe der vorhandenen Vorräte begnügen ließ.
Da mangels Mühlen trotz der noch vor handenen großen Vorräte an Getreide nicht genügend Mehl vorhanden war, so setzte der Gouverneur die Rationen der Soldaten wesentlich herab.
Die Einwohner suchten sich dadurch zu helfen, daß sie Weizen und Roggen aus Hand-und Kaffeemühlen schroteten.
Doch war das daraus gebackene Brot für viele nicht genießbar.
Da der Gouverneur sämtliches Malz weggenommen hatte, so war schon seit langem kein Bier mehr zu erhalten, nur Tee und Rum ohne Zucker wurde noch gereicht.
Die Preise für alle Lebensmittel hatten eine ganz unglaubliche Höhe erreicht.
So kostete
– eine Kanne Butter 4 Taler,
– ein Scheffel Korn 8 bis 10 Taler,
– eine Metze Kartoffeln 12 bis 14 Groschen,
– ein Pfund Rindfleisch 7 bis 9 Groschen,
– Schweinefleisch 14 bis 16 Groschen,
– Schinken 16 Groschen bis 1 Taler,
– eine Gans 5 Taler,
– ein Huhn 1 Taler,
– ein Apfel 1 Groschen,
– eine Zitrone 8 Groschen,
– eine kleine Metze Erbsen 12 Groschen,
– die Metze Linsen 14 Groschen und
– eine Metze Bohnen 16 Groschen,
– eine Kanne Öl galt 16 Groschen,
– eine Kanne Branntwein 16 Groschen,
– eine Kanne Essig 4 Groschen,
– ein Eimer Wein bis 80 Taler,
– ein Klaster Holz 10 Taler.
Wir könnten das Preisverzeichnis noch fortsetzen, doch geben schon die angeführten Zahlen ein auschauliches Bild von dem Elend, das über die arme Stadt hereingebrochen war.
Hungersnot, Angst, Schrecken und Kälte erzeugten zudem ein Heer von Krankheiten, so daß die Zahl der Todesfälle auf 147 in einem Monat stieg, während in normalen Zeiten höchstens 24 auf diesen Zeitraum kamen.
Dazu kam noch, daß die Franzosen die Bürger mit dem größten Mißtrauen betrachteten, weil sie ein Einverständnis derselben mit dem Feinde vermuteten.
Diese häßliche Gesinnungsschnüffelei trieb die sonderbarsten Blüten.
Ein Bauer von Labetz, namens Knape, fiel diesem Mißtrauen zum Opfer.
Er hatte wiederholt, wohl um des Gelderwerbs willen, Briefe nach der belagerten Stadt und aus dieser befördert, sich also jedenfalls von beiden Seiten zur Spionage gebrauchen lassen.
Schließlich wurde er aber von den Franzosen arretiert, vor ein Kriegsgericht gestellt und von diesem als Spion zum Tode verurteilt. Am 8. Dezember wurde er auf dem Anger vor dem Elbtore im Beisein der Garnison erschossen.
Endlich sollte der armen Stadt die Erlösungsstunde schlagen.
Vorher aber mußte sie freilich die Schrecken einer 14 tägigen Beschießung durchkosten und so den Leidenskelch bis zur Neige leeren.
Ende Dezember, nach dem Falle der Festung Torgau, erschien der General Tauentzien mit schwerem Geschütz vor Wittenberg. Sogleich begannen nun die Preußen mit Eröffnung der Laufgräben. Im Dunkel der Nacht wurde die erste Parallele in der Nähe des Krankenhauses gezogen.
Zwar feuerten die Franzosen mit 44 Kanonen gegen die kühnen Belagerungstruppen, sodaß die in der folgenden Nacht von diesen errichtete Batterie zum Schweigen gebracht wurde.
Indessen erbauten die Preußen in der nächsten Nacht gleich drei Batterien, aus denen sie am folgenden Tage die Wälle befeuerten und 27 Kanonen der Franzosen unbrauchbar machten.
Am vierten Tage hatten die Belagerer die Parallele weiter vorgeschoben, das befestigte Krankenhaus wurde von ihnen zusammengeschossen und am 1. Januar 1814 mit Sturm genommen. Bald umgaben 12 preußische Batterien die Stadt und entsandten Tag und Nacht ihren Geschoßhagel gegen die Wälle.
General von Dobschütz suchte zwar die Stadt soviel als nur möglich zu schonen, konnte aber doch nicht verhindern, daß sich einige Kugeln in die Stadt verirrten und an den Häusern in der Nähe des Walles Schaden anrichteten.
Eine von den Franzosen am sogenannten Berliner Pförtchen angelegte Batterie brachte das Kunststück fertig, statt die preußische Batterie am bedeckten Wege zum Schweigen zu bringen, die beiden Häuser des Kaufmanns Haberland und des Bürgermeisters Böhringer in der Coswigerstraße in Brand zu schießen.
Die Belagerer hatten sich mittlerweile so nahe an die Stadt vorgeschoben, daß sie den Sturm auf diese wagen konnten.
Am Mittag des 12. Januar ließ Graf Tauentzien den Gouverneur nochmals zur Übergabe auffordern, indem er ihm bedeutete, daß im Falle der Weigerung die Stadt erstürmt werden sollte.
Aber Lapoype gab dem Parlamentär eine abschlägige Antwort.
Die Bürgerschaft war über diese unverständliche Hartnäckigkeit umsomehr empört, als am Tage vorher der Sohn des Bürgermeisters Adler durch eine Granate schwer verwundet und die Frau des Kutschers Balzer durch ein gleiches Geschoß in ihrer Wohnung auf der Stelle getötet wurde.
Die Belagerer hatten unterdessen das für kurze Zeit unterbrochene Bombardement wieder aufgenommen und setzten es bis Mitternacht 12 Uhr fort.
Plötzlich schwieg der Geschützdonner; die Preußen bereiteten sich zum Sturme vor, der unter Leitung des Generals von Dobschütz in 4 Angriffssäulen ausgeführt wurde.
Ohne daß die Besatzung der Wälle es gewahrte, stürzte plötzlich von allen Seiten die preußische Infanterie heran, griff den Brückenkopf, die Wasserarche zwischen dem Elstertore und dem Berliner Pförtchen, sowie die Wälle am Schloßtore und Elbtore gleichzeitig an und erklomm sie, ohne auf erheblichen Widerstand zu stoßen.
Die überraschten Franzosen stürzten mit lautem Geschrei in die Stadt und warfen sich in das Rathaus und ins Schloß, wo sie sich erfolglos noch kurze Zeit zu verteidigen suchten, sich aber schon nach Verlauf einer Stunde ergeben mußten.
Der Gouverneur befand sich mit dem Kommandanten und mehreren Offizieren in der Sakristei der befestigten Schloßkirche und war nicht wenig überrascht, als er die Nachricht erhielt, die Preußen seien bereits in die Stadt eingedrungen.
Noch ehe er dazu kam, sich zu verteidigen, sah er sich von den in den Schloßhof eindringenden Preußen umringt und gefangen genommen.
Am 13. Januar früh 3 Uhr war die Stadt völlig in der Hand der Belagerer.
Nur 200 Tote und Verwundete sowie 9 verwundete Offiziere hatte der Sieg den Preußen gekostet.
Ihrem Tankgefühle über die endliche Befreiung gaben die Einwohner in rührender Weise Ausdruck.
Sie versammiten sich auf dem Marktplatze, und nach einer Ansprache ihres treuen Seelsorgers Heubner stimmten alle aus überquellendem Herzen an:
„Nun danket alle Gott“.
Dem General Tauentzien wurde vom König Friedrich Wilhem III. zur Belohnung für seine Verdienste bei der Belagerung und Einnahme Wittenbergs das Großkreuz des eisernen Kreuzes verliehen. Gleichzeitig erhielt er die Erlaubnis, sich hinfort „Graf Tauentzien von Wittenberg“ zu nennen.
Noch am 13. Januar wurde der Gouverneur Lapoype samt dem Ingenieuroberst Pressart und dem Kommandanten Major von Lohausen gefangen aus der Stadt geführt und zunächst nach Coswig und dann nach Berlin gebracht.
Der Haß und die Wut des Volkes gegen diesen Mann machte sich in einer Flut von Flüchen und Schmähungen Luft, und ein Hagel von Schneebällen und Unrat fiel auf ihn nieder, als er auf einem Korbwagen zur Stadt hinausgebracht wurde.
So wenig man auch diese Tätlichkeiten gegen einen Wehrlosen gut heißen kann, so sehr kann man doch den darin sich äußernden Volksunwillen verstehen, wenn man bedenkt, wie dieser Mann Monate hindurch die Bevölkerung in der schamlosesten Weise bedrückt und mißhandelt hat. –
So redet das Tauentzien-Denkmal eine eindringliche Sprache von der Notzeit unserer Heimat.
Möge Gott diese für alle Zeit vor gleicher Not bewahren.

Richard Erfurth

aus: Heimatkalender von 1926

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