Wie er lebte, kämpfte, litt und starb

Die Erinnerung an alle die Männer, die für ihr Vaterland kämpften, litten und in den Tod gingen, muß jedem Deutschen heilig und gesegnet sein.
Sie streuten die Saat, aus der eine große und schöne Zukunft emporwuchs.
Darum soll ihr Beispiel unter uns fortleben und uns namentlich in unserer schweren und doch so großen Gegenwart Stärke und Kraft geben und uns begeistern, es ihnen gleichzutun an Heldenmut und freudiger Opferbereitschaft.
Zu diesen Männern gehört Andreas Hofer, der Held von Tirol
Hofers Jugend

Im lieblichen Passeiertal, in das die Kronen der Tiroler Berge schauen, liegt unweit des Fleckens St. Leonhard der Sandhof.
Von Osten her blickt auf ihn die steile Hochwaldspitze, während im Westen die felsige Matatzspitze zum Himmel emporstrebt.
Zwischen diesen beiden Talwächtern, im alten, weithin im Lande bekannten Wirtshause „Am Sand“, wurde um die Mitternachts- stunde des 22. November 1767 Andreas Hofer geboren.
Als die Hebamme Maria Henlin aus Matatz – so wird erzählt – nach seiner Geburt vor die Haustür trat, da habe sie über der Platterspitze einen Stern leuchten gesehen, dessen Strahlen sich wie ein Gewehr auf den Sandhof gerichtet hätten.
Auch noch andere wollen das Zeichen gesehen und sich schwere Gedanken darüber gemacht haben.
Andreas‘ Mutter starb sehr früh, und der Vater folgte ihr bald nach. Unter der Obhut der älteren Schwester und ihres Mannes Josef Gufler wuchs der Knabe auf.
Es war keine frohe Jugend, denn im Sandhof wohnte die Sorge. Schon der Vater hatte schlecht gewirtschaftet, und unter dem Schwiegersohne wurde es nicht besser.
Die Schuldenlast nahm zu, und der Verdienst nahm ab.
Als Andreas mündig wurde und nach seiner Verheiratung selber den Sandhof übernahm, mußte er alle Kraft aufwenden, um sich über Wasser zu halten.
Mit 12.000 Gulden war der Hof abgeschätzt;
3.000 mußte er an die Schwester auszahlen, und 9.000 Gulden Schulden hatte er zu verzinsen.
Aber Hofer verzagte nicht.
Als das Wirtsgeschäft immer weniger einbrachte, überließ er es seiner Frau und wurde Roßhändler und Säumer.
Hierbei kam er weitherum im Lande, das er von der Etsch bis hinunter nach Innsbruck und weiter nach Norden hin durchzog.
Der große starke Mann mit den scharfen Adleraugen und dem langherabwallenden prächtigen schwarzen Bart war bald überall bekannt im Tiroler Lande und bei allen wegen seines freundlichen, hilfsbereiten Wesens beliebt und geschätzt.
Bald aber rief ihn das schmerzvolle Schicksal seiner heißgeliebten Heimat auf einen anderen, verantwortungsvolleren Platz und stellte ihn vor neue, größere und schwerere Aufgaben.
Österreich wird von Napoleon besiegt
Über ganz Europa lagerten dunkle Wetterwolken.
Nachdem in Frankreich Napoleon sich im Jahre 1804 zum Kaiser emporgeschwungen hatte, wollte er sich in maßlosem Ehrgeiz zum Herrn der Welt machen.
England, Rußland und Österreich traten seinen Machtgelüsten entgegen.
In der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 besiegte er aber die Russen und Österreicher.
Kaiser Franz von Österreich sah sich gezwungen, unter harten Bedingungen des Siegers am 26. Dezember den Frieden von Preßburg zu schließen.
Er mußte Venetien an Italien abtreten, während der Franzosenkaiser Tirol an seinen Bundesgenossen Bayern verschenkte.
Nun war Napoleons Streben darauf gerichtet, auch die Macht des altersschwachen deutschen Reiches zu brechen.
Im Jahre 1806 gründete er den Rheinbund, dem 16 deutsche Staaten beitraten, und die sich damit der Herrschaft des Korsen beugten.
Kaiser Franz legte die zum Schatten gewordene deutsche Kaiserkrone nieder und nannte sich nur noch „Kaiser von Österreich“, welchen Titel er sich zwei Jahre vorher, nach Napoleons Kaiserkrönung, gegeben hatte.
Damit hatte das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ sein Ende gefunden.
Nur Preußen wollte sich dem Willen des Eroberers nicht fügen.
Da reizte er es zum Kriege und besiegte die preußische Armee in der Schlacht von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806.
Unterdessen hatte Österreich, das trotz allen Mißgeschicks nicht verzweifelte, unausgesetzt gerüstet.
Noch einmal erhob es sich, um allein den Kampf gegen den Unterdrücker aufzunehmen.
Kaiser Franz rief das ganze Land dazu auf, und alle folgten voll Begeisterung dem Rufe.
Napoleons Heere waren in Spanien beschäftigt, aber um so eifriger rüsteten die mit ihm verbündeten Fürsten und selbst der Rheinbund gegen Österreich.
Um dem Angriff der Feinde zuvorzukommen, brachen die Brüder des Kaisers Franz, der Erzherzog Karl in Bayern und, der Erzherzog Johann in Italien ein.
Wohl eroberte Erzherzog Karl München und Regensburg, aber in einer fünftägigen Schlacht vom 19. bis 23. April 1809 wurden die Österreicher bei Abensberg, Landshut, Eckmühl und Regensburg geschlagen.
Am 13. Mai zog Napoleon zum zweiten Male als Sieger in Wien ein.
Zwar siegte der heldenmütige Erzherzog Karl in der zweitägigen blutigen Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai über die Franzosen, erlag aber am 5. und 6. Juli der Übermacht bei Deutsch-Wagram. Kaiser Franz war gezwungen, am 12. Juli den Waffenstillstand von Znaim und am 14. Oktober den Frieden von Schönbrunn zu schließen, durch den Österreich abermals großen Länderverlust erlitt.
Mit schwerem Herzen mußte er auch die Einwilligung zur Ehe seiner Tochter Marie Luise mit dem rücksichtslosen Sieger geben, der sich kurz zuvor von seiner ersten Gemahlin Josephine hatte scheiden lassen.
Tirol in tiefer Not
Vor allen bekamen jetzt die Tiroler die harte Faust des Korsen zu spüren.
Als im Vertrag von Preßburg ihr Land von Österreich losgerissen und an Bayern gegeben wurde und bayrische Soldaten dieses Gebiet besetzten, da begehrten die wackeren Tiroler, die mit ganzer Seele an ihrer Heimat, an Österreich und an ihrem Kaiser Franz hingen, zornig auf.
Die kurzsichtige Bayernregierung tat alles, was den Bewohnern das fremde Regiment verhaßt machte.
Durch unbesonnene Verordnungen unter Mißachtung der Landeseigenart und Sitte, alles Herkommens und aller Rechte und Freiheiten verletzte man die Gefühle des schlichten, freiheit -liebenden Bergvolles und steigerte seine Empörung zur Gluthitze.
Mit Gewalt wollte man die Tiroler zwingen, bayrisch zu werden.
So schickte man recht scharfe, schneidige bayrische Beamte ins Land, die mit Verachtung auf die Bauern herabsahen und sie grob und herrisch behandelten und quälten.
Nach altem Recht waren die Tiroler bisher vom Heeresdienst befreit gewesen, jetzt aber sollten sie durch fortgesetzte Aushebungen gezwungen werden, die Kriege des verhaßten Bonaparte zu führen. Für das Vaterland wollte man gern kämpfen, bis zum letzten Blutstropfen, nicht aber für den Unterdrücker und Menschenschlächter.
Um dem zu entgehen, flüchteten die Burschen und jungen Männer in die Wälder und Berge.
Bisher hatte man in Tirol niemals Steuern für Verpflegung von Truppen im Frieden gezahlt, doch jetzt wurde für diesen Zweck eine neue Steuer nach der anderen ausgeschrieben und mit der größten Härte und Rücksichtslosigkeit eingetrieben.
Nicht mit Unrecht rief ein Student in Innsbruck beim Einzug der Bayern dort aus:
„Vivat noster rex! Wer was hat, versteck’s!“
Vor den Augen und Händen der eingesetzten bayrischen Steuerbeamten war nichts sicher.
Dazu traten unaufhörliche Verpflegungs- und sonstige Forderungen für die durchziehenden fremden Truppen.
Das Land verarmte immer mehr, und die Erbitterung wuchs und trieb die verzweifelnden Bauern zu Auflehnungen und Angriffen auf ihre Peiniger.
Die Folgen waren Strafen in Form von Plünderungen, Brandschatzungen, Gefängnis und schließlich das Standrecht oder der Strang.
Immer dunkler gestaltete sich der Leidensweg des treuen Tirolervolkes.
Der Name Tirol sollte verschwinden, und statt dessen wurde das Land in einen Inn, Eisack- und Etschkreis eingeteilt.
An Stelle des alten Tiroler Adlers wurde überall der bayrische Löwe angebracht.
Beim Pfarrer in Schwaz ließ ein bayrischer Hauptmann den Ofen einreißen, weil auf den Kacheln ein Tiroler Adler war, und als am gleichen Ort ein Glasbläser Trinkflaschen anfertigte, auf denen ein österreichischer Adler eingebrannt war, steckte man ihn drei Tage ins Gefängnis.
Die Erbitterung der frommen Tiroler erreichte ihren Gipfel, als man sogar ihre kirchlichen Einrichtungen antastete.
Ihre Pfarrer, welche die Bayern als Neuerer und als Bundesgenossen der kirchenfeindlichen Franzosen haßten und offen und insgeheim zum Widerstande gegen sie aufforderten, trieb man aus dem Lande und setzte statt ihrer bayrische landfremde Vikare ein, von denen das Volk nichts wissen wollte.
Die Christmetten und Bittumgänge wurden untersagt, angeblich, weil durch sie Ruhe und Ordnung gestört würden.
Die ständischen Klöster hob man auf und verkaufte ihr Eigentum an die Juden.
So wüteten Deutsche gegen Deutsche!
Die Tiroler rüsten zum Kampf

Ein ungeheurer Zündstoff hatte sich angesammelt, und es bedurfte nur des äußeren Anlasses, ihn zur Entladung zu bringen.
Insgeheim kamen schon die führenden Männer des Tirolervolkes zusammen, um zu beraten, was zu tun sei, unter ihnen Andreas Hofer, Peter Mayr, der Wirt an der Mahr, Josef Speckbacher, der Wirt Martin Leimer, der Kapuzinerpater Haspinger, Rotbart genannt, Kajetan Döninger u.a.
Man vertraut auf die Hilfe Österreichs und auf die vom Erzherzog Johann gegebenen Versprechungen, trifft Vorbereitungen und ordnet alles für die kommende Erhebung nach den Vorschlägen Hofers und seiner Freunde.
Die Sturmzeichen werden verabredet, Waffen bereitgestellt, Pulver und Blei gesammelt, die Kampfgenossen geworben.
Von Ort zu Ort, von Hof zu Hof gehen geheime Boten und Laufzettel.
Sie dringen bis zu den fernsten Hütten und in die abgelegensten Täler.
Diese „Bittbriefe“ waren so gehalten, daß die fremden Späher sie nicht verstanden, auch wenn ihnen einer in die Hände fiel.
„Wenn das Korn reif ist zum Schnitt“, so lautete einer, „dann müßt ihr auf die Zeichen auf den Bergen achten und das Wetter anschauen. Und wenn der Inn das Holz führt und die Nächte hell sind vom Mond, geht das große Wallfahrten an.“
Immer wieder kam man zu heimlichen Versammlungen zusammen, meist in Wirtshäusern oder einsam gelegenen Kapellen.
Für jeden Ort, für jeden einzelnen Bezirk wurden die Führer bestimmt, wozu man nach altgermanischer Weise die entschlossensten und erprobtesten Männer wählte.
Als Oberführer, als Kommandanten, erkor man Andreas Hofer, der das allseitige Vertrauen besaß und das Land kannte wie kein zweiter.
Der schlichte, stille Mann weigerte sich anfangs entschieden, den verantwortungsvollen Posten anzunehmen, gab aber doch zuletzt dem Drängen seiner Freunde nach.
An den Kaiser nach Wien und an Erzherzog Johann wurden Briefe gesandt.
Von diesem Manne kam auch wiederholt Antwort, während Kaiser Franz sich zurückhielt.
Dreimal so wird berichtet war auch eine Abordnung der Tiroler in Wien und besprach sich mit dem Erzherzog über die Erhebung.
Fast vier Jahre schwelte so im Verborgenen das Feuer der Empörung.
Hin und wieder aber brach es offen hervor.
Die Überfälle auf die fremden Soldaten mehrten sich.
Die Folgen waren blutige Vergeltungsmaßnahmen.
Strafzüge brannten Höfe und ganze Ortschaften nieder, die Täter, deren man habhaft werden konnte, wurden als warnendes Beispiel an Bäumen aufgeknüpft.
Während dieser Zeit waren Hofer und seine Freunde unausgesetzt tätig. Der Sandwirt kam kaum noch nach Hause, so sehr ihn seine Frau Anna auch darum bat.
In den Tälern um Meran wurden die Mannschaften geworben, das ganze Passeiertal aufgewühlt, das Ötztal, das Oberinntal, das Pustertal, der Vintschgau – das ganze Land zum Sturme vorbereitet. Tag und Nacht waren Hofer, Speckbacher, Mayr, Eisenstecken, Teimer, Haspinger und die anderen Freunde unterwegs.
In ganz Tirol gärte und brodelte es wie in einem kochenden, glühenden Vulkan.
Wohl spürten die im Lande sizenden bayrischen Beamten und die Soldaten an dem wachsenden Trotz und dem Widerstande gegen die erlassenen Verordnungen, daß etwas am Werke sei, aber bei der Heimlichkeit, mit der die Tiroler alle Vorbereitungen betrieben, vermochten sie nichts Genaueres, über den sich vorbereitenden Aufstand festzustellen.
Andreas Hofer ruft die Tiroler zu den Waffen
Anfang April 1809 war es soweit.
„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!“
Als Kaiser Franz jetzt sein Volk zu den Waffen rief, da erhoben sich die Tiroler wie ein Mann.
Im Inn sah man am 9. April kleine Brettchen schwimmen mit Zähnchen darauf, und die Bäche waren weiß von Mehl und Sägespänen, als Zeichen für die Dörfer und Höfe.
Mit einbrechender Dunkelheit flammten von allen Höhen die Feuer als Sturmzeichen.
Die Sturmglocken riefen bis in die fernsten und einsamsten Gebirgstäler hinein die Männer auf zum Kampfe für die geliebte Heimat.
In Scharen eilen sie herbei.
Aus den Wäldern, Bergen und Schluchten kehren die Vertriebenen zurück, jauchzend und von Kampflust glühend.
Von den höchsten Almen steigen die Sennen nieder.
Der Holzfäller wirft die Axt hin, der Handwerker verläßt die Werkstatt, der Bauer den Hof – alle tragen Begeisterung und Zorn im wetterzerfurchten Gesicht.
Die Schützenkompanien treten zusammen.
Alle Arbeit ruht.
Unter dem Heu und Stroh, wo er versteckt liegt, holt man den Stutzen hervor.
In jeder Gemeinde, in jedem Tale treten sie unter dem gewählten Führer zusammen.
Es gibt kein Haus, in dem nicht wenigstens ein Mann den Stutzen schultert.
Aus manchen Tälern kommen so viele, daß dort keine Männer mehr daheim sind.
Durch das ganze Land fliegt der Aufruf Andreas Hofers.
„Auf zum Kampf! Nieder mit den Bayern! Nieder mit den Franzosen!“ –
„Vivat unser Kommandant André Hofer! Vivat unser Kaiser Franz!“
klingt überall die Antwort zurück.
Der Feind wird geschlagen. Tirol ist frei
Am 10. April kam ein österreichisches Heer unter dem Feldmarschalleutnant Chasteler das Pustertal herauf, um die Tiroler zu unterstützen.
Andreas Hofer war unterdessen mit seinen Passeiern und den Etschtalern über den Jaufenpaß nach Sterzing gezogen.
Von allen Seiten strömten ihm die Männer zu.
Bei Sterzing kam es am 11. April zum ersten Gefecht.
Die Bayern, die sich tapfer wehrten, wurden von den erbitterten Tirolern geschlagen und ins Moos, ein Sumpfgelände im Süden der Stadt, getrieben.
Da die Bayerngewehre weiter trugen als die Tiroler Stutzen, so ließ der Sandwirt Heuwagen heranfahren, hinter denen er mit seinen Männern Deckung nahm und ein heftiges Feuer auf die Feinde richtete, das diese zum Weichen brachte.
Wer nicht getötet oder gefangen wurde, floh nach Innsbruck.
Die Tiroler folgten den Fliehenden, überschritten den Brenner und stürmten von den Bergen herab gegen die Stadt.
Den Bayern blieb nichts anderes übrig, als sich zu ergeben.
Unter dem Jubel der Einwohner und dem Siegesgeläut aller Glocken zogen die Tiroler am 12. April in Innsbruck ein, so wie sie aus dem Gefecht kamen:
durchschwitzt, mit nackter Brust, zerrissenen Hemdsärmeln, den Rock über die Schulter gehängt, das Gesicht vom Pulverrauch geschwärzt, viele auch mit verbundenem Kopf oder angeschossenem Arm.
Keiner wollte beim Einzug fehlen.
Der bayrische Löwe wurde abgerissen und überall mit Begeisterung der Tiroler Adler hochgezogen.
„Gelt“, sprach ein alter Bauer, „du Sakraschwanz, sein dir halt doch die Federn wieder gewachsen!“
Währenddem rückte aus Italien eine französische Heeresabteilung unter dem General Bisson in Tirol ein, um den Bayern zu Hilfe zu kommen.
Durch das Etsch- und Eisacktal drangen die Franzosen gegen Innsbruck vor.
Überall läuteten wieder die Sturmglocken durch das Land.
Daheim aber in den Häusern, in Kirchen und Kapellen knieten die Frauen , Kinder und Greise vor dem Bilde der Gottesmutter und flehten mit gläubigen Herzen um den Sieg für die gerechte Sache.
Nur langsam kamen die Franzosen vorwärts.
Tage und Nächte haben die Tiroler in den Wäldern, an den Bergabhängen, an den Straßen geschanzt, Gräben ausgehoben und Brustwehren aus Felsengestein aufgerichtet.
Auf den hohen Tannen über der Schlucht hocken ihre Posten wie Raben im Nest und spähen mit Adleraugen die Straße entlang.
In den Deckungen liegen die Männer, junge und alte, kraftvolle und gebrechliche – wer nur einen Stutzen tragen kann, ist dem Rufe gefolgt.
Hinter Felsen und Klippen, auf den Berglehnen, hinter Bäumen und im Gebüsch lauern sie auf den heranziehenden Feind.
Nicht Sturm und Regen, weder Nebel noch Kälte noch Sonnenbrand ficht sie an.
Sie sind es gewöhnt, die Unbilden der Witterung mit Gleichmut hinzunehmen. Geduldig warten sie.
Und als nun endlich die Franzosen herankommen, da bricht durch die Stille ein langgezogener gellender Ruf.
Das Echo der Felsen wirft ihn zurück wie einen erlösenden Schrei aus Tausenden von Kehlen.
Gleich darauf krachen die Stutzen und mähen die Eindringlinge reihenweise nieder.
Die gelösten Felsblöcke und Steinlawinen zermalmen und begraben ganze Abteilungen.
Staub wirbelt empor und verhüllt zeitweise das grausige Bild. Angstschreie gellen, Befehle, Flüche – alles wird vom Tosen der Bergschlacht verschlungen.
Die reißende Eisack schäumt grollend über die sperrenden Trümmer, ihre gischtigen Wellen färben sich rot vom Blut.
Die enge Straße ist durch Felsblöcke und Baumstämme gesperrt, und wenn die Soldaten sich anschicken, die Hindernisse fortzuräumen, dann werden sie aus dem Hinterhalt von den nie fehlenden Kugeln der Tiroler Schützen niedergestreckt.
„Den Getroffenen möchte es scheinen, als ob die Berge über ihnen zusammen stürzen“, bemerkt ein zeitgenössischer Bericht.
Der Tod hält eine grauenvolle Ernte.
Furcht und Entsetzen packt die Feinde.
Mit Mühe und Not und unter starken blutigen Verlusten erreichen die Franzosen endlich die Gegend von Innsbruck.
Hier aber werden alle Felsen, Berge und Hänge lebendig.
Vom Iselberg herab, wo Hofer den Kampf leitet, prasselt ein Kugelregen auf die Feinde nieder und mäht sie reihenweise nieder. So verzweifelt sie sich auch wehren, gegen den Bauernzorn ist alle ihre Tapferkeit umsonst.
Von allen Seiten umstellt, müssen sie sich zuletzt ergeben.
Unter endlosem Jubel ziehen die Tiroler unter Andreas Hofer und die Österreicher unter General Chasteler abermals in der Hauptstadt Innsbruck ein.
Tirol ist vom Feinde frei! Durch das ganze Land hallen die Siegesglocken, braust ein Jubelsturm, flattern die Fahnen mit dem Tiroler und dem österreichischen Adler.
In allen Kirchen und Kapellen knien die Kämpfer mit Weib und Kind vor den Altären und danken Gott für den errungenen Sieg und die wiedergewonnene Freiheit.
Troß aller gerechten Erbitterung befleckte keine Grausamkeit gegen die besiegten Feinde den herrlichen Befreiungskampf.
In ihrer Freude war es den Tirolern, „als ob die Sonne Tag und Nacht scheine und als ob die Engel und alle Heiligen ihnen vorangefochten“.
Die Männer schultern ihren Stutzen und gehen wieder nach Hause an ihre Arbeit auch Andreas Hofer.
Neue Siege
Nicht lange konnten sich die braven Tiroler ihrer schwer errungenen Freiheit erfreuen.
Wie ein Donnerschlag traf sie die Schreckenskunde, daß die Österreicher in den Schlachten um Regensburg vom 19. bis 23. April von Napoleon geschlagen waren.
Am 13. Mai rückte dieser in Wien ein.
In unehrenhafter Weise behandelte er den Freiheitskampf der Tiroler als Meuterei und setzte auf den Kopf Chastelers, der am 13. Mai eine Niederlage erlitten hatte, einen Preis aus, als ob er ein Räuber wäre.
Gegen Tirol, das nun mehr sich selbst überlassen war, sandte er seinen Marschall Lefebvre, während die Bayern unter General Wrede in steten Kämpfen über den Strubpaß ins Inntal vordrangen.
Überall bezeichneten Spuren grausamer Rache ihren Weg.
Wieder war Innsbruck in der Hand der Feinde.
Ihre Grausamkeit erbitterte die Tiroler aufs äußerste.
Wieder riefen die Sturmglocken die Männer zu den Waffen, von den Bergen lohten die Flammenzeichen, und abermals wurde jeder Paß, jede Felswand, jeder Bergabhang an den Straßen lebendig.
Abermals (am 29. Mai) drängte sich der Kampf am Iselberg zusammen, und wieder erfocht die unvergleichliche Tapferkeit der Tiroler unter Hofers kluger Führung, der alle durch sein Beispiel anfeuerte, den Sieg.
Unter schweren Verlusten traten die Bayern, die sich tapfer geschlagen hatten, den Rückzug an.
Nach dem ersten Siege am Iselberg hatte Kaiser Franz den Tirolern in einem Handschreiben das feierliche Versprechen gegeben, daß sie nie von Österreich getrennt werden sollten, und daß kein Friedensschluß unterzeichnet werden würde, der nicht Tirol unauflöslich mit dem Hauptland verknüpfe.
Dem Sandwirt schickte er eine goldene Kette, deren Schaumünze das Bild des Kaisers trug.
Diesem Kaiserwort vertrauten die Tiroler.
Aber im Waffenstillstande von Znaim, den Österreich am 12. Juli 1809 mit Napoleon schloß, wurde Tirols in keiner Weise gedacht, und nun rüstete der Franzosenkaiser mit neuer Macht, um das preisgegebene treue Land zu züchtigen.
Mit 40.000 Franzosen, Bayern und Sachsen rückte der Marschall Lefebvre im August 1809 in Tirol ein und besetzte ohne Widerstand Innsbruck.
Aber wieder rief Andreas Hofer seine Landsleute zu den Waffen, und zum dritten Male und noch gewaltiger als zuvor erhoben sich die Tiroler Bauern zur Verteidigung der teuren Heimat.
Eine von Süden heranziehende Abteilung, die meist aus Sachsen bestand, wurde in den engen Schluchten der Eisack unter herabgerollten Felsen und Baumstämmen verschüttet.
Eine andere Abteilung traf im oberen Inntale bei Landeck ein gleiches Schicksal.
Nur mit viel Mühe rettete sich der französische Marschall, nachdem er am 13. August am Iselberge ohne Erfolg gegen Hofer und seine Tapferen gekämpft und eine ganze Reihe Ortschaften unter dem Iselberg hatte niederbrennen lassen, „aus dem verwünschten Lande“. Es war die schwerste und längste Schlacht, welche die Tiroler schlugen. Erst mit anbrechender Dunkelheit ging sie zu Ende.
Wie Andreas Hofer das Land regiert
Abermals zog der siegreiche Hofer in der Hofburg von Innsbruck ein, in der er nur einen kleinen Saal für sich beanspruchte, und übernahm die Regierung des Landes.
Alle Ehrungen wies er bescheiden ab, indem er, mit der Hand zum Himmel weisend, sprach:
„I nit, der da drob’n.“
So regierte er schlicht und recht, wie es ihm sein Gefühl und sein einfacher Verstand eingaben, wie ein Hausvater und wie der Bürgermeister eines Dorfes im Passeiertal.
Leicht aber hat er sich das Regieren nicht gemacht, und gefallen hat es ihm, dem schlichten, geraden Manne, dem das viele Schreibwerk nicht lag, auch nicht.
Sein Geschäftszimmer wurde von früh bis spät nicht leer.
Und wer kam da nicht alles zu ihm, und was wurde nicht alles von ihm verlangt!
Wie sehnte er sich da oft hinaus aus der heißen, dumpfen Amtsstube und den mancherlei Widrigkeiten und Schwierigkeiten in die Freiheit seiner geliebten Berge und zu Weib und Kindern daheim!
Tirol erliegt der Übermacht
Leider sollte er für Land und Volk umsonst gekämpft haben, denn dem Waffenstillstand von Znaim folgte am 14. Oktober der Frieden von Schönbrunn, der Tirol endgültig den Bayern auslieferte.
Die Tiroler mochten es freilich nicht glauben und vertrauten auf das ihnen gegebene Versprechen des Kaisers Franz.
Sie waren durch die andauernden Kämpfe geschwächt und sandten nach Wien ein Schreiben mit der dringenden Bitte um Hilfe.
Statt dieser aber kam von dort an Hofer die Mahnung, die Waffen niederzulegen.
Er war dazu bereit, aber seine Umgebung hielt es noch immer nicht für möglich, daß Tirol von Österreich im Stich gelassen sei.
Hofers Waffengefährten erklärten das Schreiben aus Wien, das zur Unterwerfung aufforderte, für eine Fälschung.
„Liebe Brüder“, antwortete er ihnen,
„mit dem Krieg weiß i halt nix mehr z`machen. I hab mir vorg`nommen, dem Befehl des Kaisers z`horchen.“
Sein Schwager Josef Gufler aber fiel ihm ins Wort:
„Du bist halt wie a altes Weib und glaubst alles, was die falschen Herren di vorschwätz`n.“
Auch die anderen drangen in ihn, die Sache des Vaterlandes nicht zu verlassen.
Einige wußten zu berichten, daß einer Sennerin auf der Alm im Zillertal die Mutter Gottes erschienen sei und ihr verkündet habe, daß in sieben Tagen Tirol wieder von seinen Feinden frei sein werde.
So ließ sich denn Hofer zuletzt mit schwerem Herzen bewegen, die Tiroler noch einmal zu den Waffen zu rufen.
Und abermals läuteten die Sturmglocken, lohten die Feuer von den Bergen und griffen die Männer zum Stutzen.
Doch dieses Mal war alle ihre Tapferkeit vergebens.
Die Zahl der Feinde war zu groß.
Von Süden, von Norden, von Salzburg her zogen sie heran, sie er gossen sich ins Inntal und rückten in Innsbruck ein, das Hofer räumen mußte.
Die Tiroler hatten durch den Krieg schwer gelitten, sie waren ermüdet und ausgemergelt.
Auch fehlte es vielfach an Pulver und Blei, an Schuhwerk und Lebensmitteln.
Wenn auch wie vorher Felsen, Steinlawinen und Bäume vernichtend auf die dichten Reihen der Bayern und Franzosen niederfuhren und die Tiroler Kugeln klaffende Lücken rissen, so blieben die Feinde bei ihrer Übermacht zuletzt doch Sieger.
Wohl wehrte sich im November hier und da noch ein Haufen tapferer Tiroler verzweifelt und erbittert, namentlich im Passeiertal, aber auch sie mußten endlich einsehen, daß jeder weitere Widerstand nutzlos sei, und zerstreuten sich in der bitteren Gewißheit:
„Wir sind verraten von Österreich, verraten und verkauft!“
Die Flamme der Begeisterung erlosch, und die Hoffnung wandelte sich in Mutlosigkeit, trostlose Verzweiflung und dumpfe Trauer, wenn auch im Herzen der Haß gegen die fremden Unterdrücker weiterkochte.
Franzosen und Bayern waren die unbestrittenen Herren im Lande und wüteten gegen die armen geängsteten Bewohner mit der größten Grausamkeit.
Napoleon betrachtete die treuen, tapferen Tiroler als Aufrührer, obgleich sie nur ihre Pflicht taten, wenn sie das verteidigten, was dem Menschen das Höchste und Teuerste ist, die Heimat.
Auf die Ergreifung der Anführer setzte er Belohnungen aus – auf Hofers Kopf 1.500 Gulden.
Die meisten von ihnen hielten sich versteckt oder flohen aus dem Lande.
Pater Haspinger entkam über die Grenze.
Speckbacher lag mit gebrochenem Bein den Winter über in Kellerlahn unter Stroh und Dünger verborgen, bis er Gelegenheit zur Flucht fand.
Peter Mayr aber mußte seine Treue mit dem Tode büßen.
Hofer wird verraten
Andreas Hofer zauderte lange, im Vertrauen auf die Hilfe und Fürsprache des Wiener Hofes, ehe er sich zur Flucht entschloß.
Vorher schrieb er noch einen Brief nach Wien, in dem er an das ihm gegebene Versprechen erinnerte.
Das Schreiben wurde auch durch einen Boten glücklich dahin gebracht, aber Antwort und Hilfe blieben aus.
Man hatte in der Donauhauptstadt andere Sorgen.
Endlich gab Hofer dem Drängen seiner Verwandten und Freunde nach und stieg im Dezember 1809 mit seinem Freunde Döninger hinauf ins Hochgebirge zu der auf einsamer Alm gelegenen Hütte des Pfandlerbauern, zwei Stunden über dem Sandhofe.
Hierher ließ er Frau und Sohn kommen, die man von Haus und Hof vertrieben hatte.
Wochenlang hauste er hier mit den Seinen, vergraben in Schnee und Eis, allen Unbilden des Winters preisgegeben und den größten Entbehrungen ausgesetzt.
Es fehlte am Notwendigsten. Weder Tisch noch Stühle waren vorhanden, das Bett bildete das im Sommer geschnittene Bergheu. Die aus unbehauenen Baumstämmen zusammengefügte Hütte ließ den Schnee und den kalten Wind hindurch.
Tag und Nacht mußte man Feuer unterhalten, um sich zu erwärmen.
Immer wieder drang man in Hofer, er möge Tirol verlassen und nach Österreich hinüberfliehen.
Aber er konnte sich nicht dazu entschließen und war nicht fortzubringen.
Es schien, als sei er an das Passeiertal gebunden, auf das unausgesetzt seine Blicke gerichtet waren, als ob er von dort ein Wunder erwarte.
Leider fand sich ein Verräter:
Franz Raffl.
Er war der Elende, der Hofers Versteck um des Judaslohns willen den Franzosen verriet.
In der Nacht zum 28. Januar 1810 stieg unter seiner Führung ein Trupp französischer Soldaten hinauf zu der verschneiten Alm, umstellte die Pfandlerhütte und nahm den Sandwirt gefangen.
Ohne Widerstand ließ er sich binden, nur für Frau und Kind bat er um Schonung.
Als beide sich an ihn hängten, stießen die Soldaten sie roh beiseite.
Man gab dem Gefangenen nicht einmal Zeit, sich völlig anzukleiden. Unter wiederholten Mißhandlungen schleppte man ihn durch Schnee und Eis im Morgengrauen hinab nach Meran.
Am anderen Tage brachte man ihn nach der italienischen Festung Mantua, in die bereits eine Anzahl seiner Waffengefährten eingeliefert worden war.
Andreas Hofer stirbt als Held
Wie ein Lauffeuer ging die Schreckenskunde von seiner Gefangennahme durchs Land und ließ die Tiroler Herzen in Furcht und Mitleid erbeben.
Das Verhör in Mantua war nur kurz, denn das Urteil des Kriegsgerichts stand von vornherein fest. Es lautete:
Im Namen des Kaisers!
Andreas Hofer, der Gastwirt am Sand im Passeiertal, hat nach Verkündigung des Waffenstillstandes und nach vollzogenen Friedensschluß die Tiroler zum Aufstande gereizt und sie als Haupt der Rebellion angeführt.
Er wird deshalb als Rebell zum Tode durch Erschießen verurteilt.
Mit aller Entschiedenheit wehrte sich Hofer dagegen, als „Rebell“ bezeichnet zu werden, indem er darauf hinwies, daß er nur nach dem Willen seines Kaisers die Waffe ergriffen und sein Vaterland verteidigt habe.
Wohl sei die Nachricht vom Waffenstillstande und vom Friedensschluß zu ihm gekommen, aber er sowohl wie die anderen hätten sie nicht geglaubt, sondern für eine Täuschung gehalten.
Es nützte ihm nichts.
Am 20. Februar 1810 vollendete sich das Schicksal des großen Tiroler Volkshelden.
Die Tür seines Gefängnisses öffnet sich.
Soldaten nehmen ihn in ihre Mitte.
Ein Pater, Gebete murmelnd, begleitet ihn auf seinem letzten Gange. Unter dumpfem Trommelwirbel führt man ihn auf den Festungswall. Der Korporal will Hofer die Augen verbinden, aber dieser wehrt sich entschieden dagegen.
Als Held, aufrecht und mutig, wie er gestritten, will er auch dem Tode entgegensehen.
Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, dahin, wo die Berge seiner Heimat zum Himmel weisen, der sein letzter Wunsch und Gedanke gilt.
Ein Befehl ertönt.
Die Gewehre werden gerichtet.
„Gebt Feuer!“ ruft Hofer.
Der Offizier hebt den Degen.
Zwölf Schüsse krachen und werfen den treuen Mann nieder.
Sie sind schlecht gezielt, noch atmet er.
Erst eine dreizehnte Kugel beendet sein Leben.
So starb Andreas Hofer, „das treue Herz Tirols“.
Andreas Hofer lebt fort
Im Herzen der Tiroler aber lebte Hofer weiter.
Er blieb ihnen Hoffnung und Trost auch in den folgenden schweren Tagen.
Überall in den Tälern und auf den Almen erzählen sie einander noch heute von ihm und den anderen Führern und ihren Heldentaten, und wie es wohl anders und besser hätte werden können, wenn die Männer in Wien so treu gewesen wären wie Andreas Hofer.
Sein Opfer war nicht vergebens gebracht, es trug reiche Frucht. Hofers Heldengestalt zog als leuchtendes Beispiel den Kämpfern im Befreiungskriege 1813 voran und begeisterte sie zur höchsten Tapferkeit, mit der schließlich die Völkergeißel Napoleon niedergerungen wurde.
Im Wiener Kongreß 1815, der das große Völkerringen beendete, kehrte Tirol wieder zum Mutterlande Österreich zurück.
Bei ihm verblieb es, bis nach dem letzten Weltkriege Südtirol am 10. September 1919 an Italien kam, während Nordtirol zusammen mit ganz Österreich am 13. März 1938 durch unseren großen Führer ins Großdeutsche Reich heimgeführt wurde.
Nach der Wiedervereinigung Tirols mit Österreich erinnerte sich dieses dankbar des edlen Tiroler Freiheitshelden.
Hofers Gebeine wurden aus der fremden Erde gehoben und im Jahre 1823 in der Hofkirche zu Innsbruck beigesetzt.
An seiner Ruhestätte erhebt sich das 1834 errichtete Grabmal.
Auf leuchtender Marmortafel steht die noch heute alljährlich von vielen Tausenden gelesene Inschrift:
„Er besiegte den Feind, siegtrunkene Scharen und sich selber. Hoffnung, Lenker und Hort und Leuchte Tirols.“
Von der Höhe des Iselbergs, von dem er wiederholt seine Heldenschar zum Siege geführt, schaut ernst und, mahnend sein Standbild in Erz auf die geliebten Heimatberge, für die er kämpfte, litt und starb.
Was Hofer uns noch heute zu sagen hat
Fester, leuchtender und dauerhafter als in Stein und Erz steht Hofers Bild in der Geschichte und in allen deutschen Herzen geschrieben.
„Die Nachwelt setzt jeden in sein Ehrenrecht.“
Dieses Wort eines anderen großen deutschen Mannes aus jener Notzeit Deutschlands, des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn, gilt in besonderer Weise von Andreas Hofer.
Lebhafter als sonst lebt heute die Erinnerung an deutsche Vergangenheit auf.
Schärfer als je treten die Bilder großer Persönlichkeiten im hellen Scheine der ereignisvollen Gegenwart hervor, die Heldentum und Opfermut zu ehren weiß.
In dem Tiroler Freiheitshelden erkennt das deutsche Volk sich selbst und die Grundzüge seines eigenen Wesens wieder.
Andreas Hofer war ein Deutscher, beseelt von glühender Vaterlandsliebe, der sich eins fühlte mit seinem Volke und vom unbeugsamen Glauben an dessen gerechte Sache getragen wurde. Sein Leben war ausgefüllt von den deutschen Lugenden: Pflichtbewußtsein, Treue und Opfermut.
Er kannte nur das eine Ziel: seiner heißgeliebten Heimat zu dienen und für ihre Freiheit und Wohlfahrt zu kämpfen.
Er tat es schlicht und bieder, voll Bescheidenheit und ohne Ehrgeiz.
Bei allen wahrhaft großen Naturen zeigt sich die rechte Größe besonders im Unglück; so auch bei Hofer.
Auch nach der Niederlage gegen die Übermacht der Feinde konnte ihn nichts dazu bewegen, die Heimat zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.
Treu harrte er bei ihr aus bis zum bitteren Ende.
Standhaft und mutig, wie er gestritten, ertrug er auch die Gefangenschaft, und furchtlos, stark und aufrecht sah er dem Tode ins Auge.
So ist er seinem Volke der Wegbereiter in eine bessere Zukunft geworden, und so kann er uns Menschen des 20. Jahrhunderts als Grundgestalt kämpferischer Führerpersönlichkeit Vorbild und Ansporn sein.
Unser Volk steht wiederum im schweren aufgezwungenen Entscheidungskampfe um seine Freiheit, Wohlfahrt und Zukunft, der seit den Septembertagen 1939 ein ununterbrochener Siegeszug ohnegleichen war und bis zum ruhmvollen Ende nach unserer festen Überzeugung auch bleiben wird.
In diesem Waffengange soll uns Andreas Hofer als Bannerträger vorangehen und uns mahnen, so mutig, treu und opferbereit zu sein, wie er es war.
Einen tiefen Blick in den Urgrund seines Wesens läßt uns der „Laufbrief“ tun, den er an seine Tiroler sandte, als nach ihren ersten Siegen Napoleon seinen Marschall Lefebvre im August 1809 mit der Übermacht von 40.000 Franzosen, Bayern und Sachsen gegen Tirol marschieren ließ.
Er zeigt, mit welcher Umsicht und Sorgfalt Hofer alles bedachte und bis ins kleinste ordnete und den Kampf vorbereitete.
Das Sendschreiben, das durch Eilboten verbreitet wurde, lautet in seiner wörtlichen Fassung:
Abgeschükt um 6 Uhr den 4. August 1809.
Herzallerliebsten Tyroller, absonderlich liebe Baseyrer!
Seyt von der Güte, versehet alle jene Bunkten, welche ich euch vorschreib Affisiert, oder berichtet alle Gerichter, so im Lande Tyroll seind, und diess mit Eylfertigen Staffeten, berichtet auch, daß mein Herz nicht untreu seye, man möchte mir verzeichen, indem ich Voglfrey bin, und eine größere Suma Geld auf mich gelegt worden ist, so bin ich dermahlen in einem ungelegenen Ort, und werde nicht sichtbar werden, bis ich nicht sich, daß sich die wahren Batrioten von Land Tyroll hervorthun werden, und die Gegenlieb einander so erzeigen und sagen, wegen Gott, Religion und Vaterland wollen wir streiten und kämpfen, werde ich den ersten Augenblick sichtbar seyn, und werde sie anfiren und comendieren, soviel mein Verstand besitzt, die Botschafter aber sind auszuschüken in eill.
Indessen aber möchten zwey ab deputirt werden, um Munition nacher Gries nägst Botzen zum Anwalt hinzukommen, um selbige zu erheben.
Es war der Fall, sie wäre ihm nicht eingeräumt worden, so hat H. Anwalt von Gries zum Badlwirth sein Schwager Gastwirth am Weintrauben hinzugehen, um sich zu erkundigen, wo er Munition hat abgelegt.
Wann allenfahls in Botzen keine abgelegt worden ist, so müssen sie sich zum Kreuzwirth auf Brixen wenden, was ich mich weiß zu erinnern, so wird ein Fasl Bulfer noch beym Badlwirth liegen, wo die Wirthin ist anzufragen, und das Bley wird sicher beym Anwalt in Gries seyn, damit man nicht bedarf nach Brixen zu gehen, stellet mir diese abgesetzten Bunkten eilfertig in Werck, alsdan werden wir mit Gott siegen für Religion und Vatterland.
Den Frischmann ist auch zu schreiben, daß er sich nicht auf den Teimer verlassen solle, das heis ich abweichen, oder Verräter des Tyrolls.
Euer treues Herz
Andere Hofer, Ober-Comendant von Baseyr, dermahlen wo ich bin.
Welches aber waren die Wurzeln, aus denen Andreas Hofer allezeit die Kraft zu seiner schweren Aufgabe zog, die er nicht gesucht hatte, die er aber, nachdem er sie übernommen, mit unbeugsamem Mut und fester Entschlossenheit durchführte?
Es war zunächst die religiöse Weihe seiner Vaterlandliebe, seiner echte, ungefärbte Frömmigkeit, sein fester Glaube an Gott, von dem er sich an seinen Platz gestellt fühlte und auf dessen Hilfe er in allen Lagen vertraute.
Dieser Glaube war bei ihm nicht eine bloße Meinung, eine bloße Sitte und Gewohnheit, sondern war Teil seines Wesens, Ausdruck seines Mannestums.
Sie war den Felsbergen seiner Heimat gleich, von denen keiner allein steht, sondern in unlösbarer Verbindung mit den anderen sich zum Gebirge weitet.
Gewissenhaft beobachtete Hofer daher auch die kirchlichen Gebräuche.
Wenn er daheim war, fehlte er selten beim Gottesdienste in St. Leonhard, und wenn die Passeiertaler wallfahrteten, dann war – so wird berichtet – der Sandwirt stets in der ersten Reihe.
Ging er in Geschäften auf Reisen, so betete er, wenn er das Tal hinabritt, immer den Rosenkranz.
Bezeichnend für seinen frommen Sinn war auch, was er zwei Tage vor der Schlacht am Iselberge, am 27. Mai 1809, an die Bewohner des oberen Inntals schrieb:
Meine lieben Oberinntaler!
Übermorgen greife ich den Feind von der Seiten des Berges Isels an. Kommt mir also zu Hilfe!
Wier wollen die Boaren mit Hilff der göttlichen Muetter fangen oder erschlagen und haben uns zum liebsten Hertzen Jesu verlobt.
Kommt uns zu Hilf!
Wollt Ihr aber g’scheider seyn als die göttliche Fürssichtigkeit, so werden wier es ohne Enk auch richten.
Andere Hofer, Oberkommandant.
In Verbindung damit steht das Zweite:
seine Liebe und glühende Begeisterung für die Heimat und sein Volk, sein lodernder Zorn gegen die Feinde des Landes und ihren Übermut, der frei war von persönlichem Groll und Ehrgeiz.
Stets ging ihm das Wohl des Ganzen über das eigene Wohl und das Wohl seiner Familie.
Unter all den Männern, welche damals das ganze Gewicht des Unglücks fühlten, das auf ihrem Lande lastete, stand Andreas Hofer weitaus am höchsten, war er die mannhafteste und kernigste Gestalt, der Treueste der Treuen.
Diese Treue hielt er Tirol bis zum letzten Atemzuge. Sein Leben und Wirken war deutsche Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes.
Für ihn gilt, was unser Hindenburg vor seiner Wahl zum deutschen Reichspräsidenten schrieb:
„Für mich gibt es nur ein wahrhaft nationales Ziel:
Zusammenschluß des Volkes in seinem Existenzkampf, volle Hingabe eines jeden in dem harten Ringen um die Erhaltung der Nation.“
In der schwersten Zeit Tirols erkoren Hofers Landsleute ihn zum Führer.
Auch unter den schwierigsten Verhältnissen, selbst dann noch, als auch die Mutigsten verzagten, verlor er nicht den Glauben an sein Volk.
Er behielt die Besonnenheit, um die passende Gelegenheit zu erspähen und zu nutzen.
Er wankte nicht im Augenblick der Entscheidung, gab der Schar der Kämpfer eine Seele und führte mit eisernen Willen und ungebeugt durch Fehlschläge sicher und mit Verstand das durch, was er begonnen.
Die gewinnende, seelenstärkende und begeisternde Macht, die von seiner schlichten Persönlichkeit ausging, wird uns von allen Zeitgenossen bezeugt, die mit Hofer in Berührung kamen.
Nicht geringen, vielleicht den größten Anteil an der Entwicklung dieser Persönlichkeit hatte die ihn umgebende Natur.
Die unbezwungenen Felsgipfel, die in ewigem Schnee und Eis prangenden Gletscher, die blitzenden Seen und frische grünen Matten Tirols erzeugten jenes Freiheitsgefühl, das ein Hauptbestandteil seines Wesens war.
Das Heldische der Tiroler Bergnatur erzog ihn zu seiner geschichtlichen Größe, gab dem bescheidenen Menschen die Kraft des Entschlusses und des Handelns, verlieh ihm die Begeisterung, durch die er alle mit sich fortriß.
Seine Worte brachten die unter fremdem Druck seufzenden Tiroler zum Bewußtsein ihres Wertes, feuerten sie zum Kampfe um Sein oder Nichtsein an, zur Wahrung ihrer Rechte gegenüber den grausamen Unterdrückern und zur Zusammenfassung aller Kräfte für die Verteidigung ihres Selbstbestimmungsrechts.
Angesichts der Mißhandlungen und Verfolgungen des einzelnen durch die rücksichtslosen Eindringlinge lehrte er seine Landsleute, daß Einzelnot Volksnot ist, und daß dem gegenüber die Losung lauten muß:
Einer für alle und alle für einen!
So wurde Andreas Hofer seines Volkes Führer, Hort und Heil, und so soll er uns Menschen der Gegenwart vor der Seele stehen als Mahner zu den heldischen Tugenden, die sich in seiner Person verkörpern.
Besonders die deutsche Jugend soll sich den großen Tiroler Freiheitshelden zum leuchtenden Vorbild nehmen und seiner Mahnung folgen, die der Dichter Ernst von Wildenbruch in die Worte kleidet:
Wie die Väter einst gestritten,
was sie trugen und erlitten,
sagt euch der Geschichte Buch.
Laßt es nicht Papier nur bleiben,
in die Seele müßt ihr’s schreiben,
einen Wahr- und Lebensspruch.
Denn sie schufen und erbauten,
weil der Zukunft sie vertrauten.
Ihre Zukunft, das sind wir.
Laßt sie nicht zuschanden werden;
was der Väter Kraft auf Erden
einst begann, vollbringt es ihr!
Wer nicht weiterbaut, zerstöret.
Was euch mühlos heut gehöret,
Vaterlands Bestand und Kraft,
morgen wird’s der Sturm euch rauben,
wenn das Wollen und das Glauben
in den Seelen euch erschlafft.