V. Sagen

1. Die weiße Frau im Schloß zu Wittenberg
Wie in den Palästen mehrerer hoher und fürstlicher Personen Deutschlands und Böhmens, so hat sich auch vormals, wie die Sage geht, im kurfürstlichen Schlosse zu Wittenberg, auf dem Gange, welcher zur Schloßkirche führt, von Zeit zu Zeit ein Gespenst sehen lassen. Dasselbe erschien namentlich dann, wenn ein betrübender Todesfall daselbst bevorstand.
Es war bekannt unter dem Namen der „weißen Frau“.
Alte Bücher vermelden darüber:
Sie ist ganz weiss gekleidet, hat auf dem Haupte einen weißen Schleier, wie die Witwen tragen, mit weißen Bändern, ist lang von Person und eines sittsamen Angesichts.
Bisweilen sieht man sie geschwind durch das Schloss hingehen, mit einem Bund Schlüssel an ihrem Gürtel, als wenn sie sehr beschäftigt wäre. Mit diesen Schlüsseln schließt sie bald diese, bald eine andere Kammer auf und wieder zu, sowohl bei hellem Tage als bei nächtlicher Weile ohne Unterschied.
Wenn ihr dann jemand begegnet und sie grüßet, so grüßet sie ihn wiederum mit einer sonderlichen Gravität und lieblichen, ehrbaren und schamhaftigen, als einer Witwe wohlanstehenden Gebärde:
sie neiget ihr Haupt, geht ihres Weges fort und thut keinem Menschen ein Leid.“

F. Bäßler, Sagen aus allen Gauen des Vaterlandes

2. Die weiße Frau und der Soldat
Im Schlosse zu Wittenberg erschien von Zeit zu Zeit um Mitternacht die weiße Frau. Viele hatten sie schon gesehen, aber noch niemand hatte gewagt, sie anzureden oder ihr zu folgen.
Endlich beschlossen mehrere Soldaten, dies zu thun.
Am Abend setzten sie sich in ein Zimmer, das auf dem Gange lag, der zur Schloßkirche führt, und vertrieben sich die Zeit bis Mitternacht mit Kartenspiel.
Als die Turmglocke die Mitternachtsstunde schlug, da fiel einer der Soldaten nach dem andern in tiefen Schlaf.
Nur einer, der ein Sonntagskind war, blieb munter.
Dieser sah, wie sich leise die Thür öffnete und die weiße Frau hereintrat. Sie winkte dem Soldaten mit der Hand, ihr zu folgen. Dann führte sie ihn durch mehrere Gänge des Schlosses zu einer verborgenen Kammer. In derselben stand eine große Truhe, die mit Gold- und Silbermünzen angefüllt war.
Die weiße Frau füllte einen großen Beutel mit diesen Münzen und reichte ihn dem Soldaten. Doch mußte er ihr versprechen, niemand etwas davon zu sagen. Hierauf führte sie ihn zu seinen Kameraden zurück und verschwand.
Sorgfältig verbarg der Soldat den Beutel und weckte dann die anderen. Sie blieben zusammen noch einige Zeit wach und gingen dann zu Bett.
Nach Beendigung seiner Dienstzeit blieb jener, dem die weiße Frau erschienen war, in Wittenberg und heiratete bald darauf.
Am Abend des Hochzeitstages, als alle in fröhlichster Stimmung waren, drangen die Gäste in den Bräutigam, er möge doch erzählen, woher sein Reichtum stamme.
Anfangs sträubte er sich wohl, aber der genossene Wein ließ ihm das Versprechen, welches er der weißen Fran gegeben hatte, vergessen. So begann er denn, jenes Erlebnis zu erzählen.
Kaum aber hatte er damit angefangen, so klopfte es dreimal heftig gegen das Fenster.
„Das war die weiße Frau,“
flüsterte der Bräutigam erbleichend und schwieg stille.
Seit der Zeit aber kräntelte er, nichts wollte ihm mehr gelingen, und er starb bald darauf als ein armer Mann.

Aus dem Volke gesammelt vom Verfasser

3. Doktor Faust in Wittenberg
Johannes Faust, ein Bauernsohn aus dem anhaltischen Flecken Soltwedel, hatte einen begüterten Bürger in Wittenberg zum Oheim. Dieser war kinderlos und nahm den trefflich beanlagten Knaben zu sich, hielt ihn fleißig zur Schule an und ließ ihm später die Universität Ingolstadt besuchen.
Hier lag der junge Faust mit Eifer theologischen Studien ab und erwarb sich die Magisterwürde.
Durch Umgang mit schlechtgesinnten jungen Leuten und den Verkehr mit umherschweifenden Zigeunern wurde er zu zauberischem Unwesen verführt.
Er wandte sich nun der Medizin und Sterndeuterei zu und erlangte hierin, sowie in der Kunst der Magie und Geisterbeschwörung, allmählich tiefe Kenntnisse und große Geschicklichkeit.
Als er hinlänglich vorbereitet zu sein glaubte, ging er an einem heiteren Tage aus der Stadt Wittenberg an einen eine halbe Meile entfernten Kreuzweg, wo fünf Straßen von einem Punkte ausliefen. Als es Abend geworden war, auch kein Fuhrwerk mehr vorüberkam, ergriff er einen Reif, versah ihn mit vielen seltsamen Zeichen und setzte daneben noch zwei Kreise.
In dem nahegelegenen Walde, Spessart (vlt. ist die „Specke“ gemeint) genannt, erwartete er mit Sehnsucht die Mitternachtsstunde.
Kaum war diese angebrochen, so trat er in den Reif und beschwor unter Verhöhnung des göttlichen Namens zu dreien Malen den Teufel.
Alsbald sah er eine große feurige Kugel unter furchtbarem Knall dem Kreise sich nähern, vor demselben zerplatzen und in die Luft fahren.
Fast wäre Faust vor Schrecken aus dem Kreise gesprungen.
Doch faßte er neuen Mut und versuchte eine härtere Beschwörung.
Sogleich entstand im Walde ein solches Windesbrausen, daß alles zu Grunde zu gehen schien.
Wagen, mit Rossen bespannt, rannten in rasendem Galopp an dem Kreise vorüber, so daß der Staub hoch aufwirbelte.
Nur mit Mühe vermochte Dr. Faust auf den Füßen sich zu halten.
Als aber der Staub sich gesenkt hatte, gewahrte er ein Gespenst oder einen Geist sich um den Zauberkreis bewegen.
Mutvoll beschwor er ihn und forderte ihn auf, ihm zu dienen.
Jener sagte zu, falls Faust die Bedingungen erfüllen würde, welche er ihm morgen in seiner Behausung vorlegen würde.
Vergnügten Sinnes verließ Doktor Faust den Zirkel, vernichtete dessen Spuren und eilte der Stadt zu.
Um die Mittagszeit des nächsten Tages sah er dann hinter dem Ofen etwas Schattenähnliches erscheinen, konnte jedoch nicht erkennen, ob es ein Mensch sei.
Sogleich begann er die Beschwörung und befahl dem Geiste, in wahrer Gestalt sich ihm zu zeigen.
Da schaute hinter dem Ofen ihm ein Menschenhaupt entgegen, welches wiederholt sich vor ihm verneigte.
Auf die Weisung, sein Versteck zu verlassen, gehorchte der Geist und stand nun deutlich vor ihm.
Jetzt aber durchzuckten Feuerflammen das ganze Gemach.
Der Geist, der zwar ein menschliches Haupt, aber einen zottigen Leib hatte, blickte mit seinen glühenden Angen den Doktor an, so daß dieser erschreckt ihm zurief, er solle hinter den Ofen zurückweichen, was denn auch geschah.
Die Frage Fausts, ob er nicht in einer weniger abscheulichen Gestalt sich zeigen könne, verneinte der Geist. Doch fügte er hinzu, er wolle ihm einen Geist in menschlicher Gestalt zum Dienst überweisen, wenn er sich verpflichte, dasjenige zu halten und zu leisten, was er ihm vorlegen werde.
Faust, welcher dem Vorschlag sich geneigt erklärte, wurde nunmehr angewiesen, mit der Feder niederzuschreiben, daß er wolle:
1. Gott und allen himmlischen Herren absagen,
2. aller Menschen Feind sein, besonders derer, welche ihn wegen seines bösen Lebens tadeln würden,
3. geistlichen Personen den Gehorsam verweigern,
4. Kirche, Predigt und Sakrament meiden,
5. die Ehe hassen.
Sodann wurde ihm eröffnet, daß er ein großer Mann sein solle und teilhaftig der herrlichsten Genüsse, wenn er durch einen mit seinem eigenen Blut geschriebenen Schuldbrief diese Artikel bestätigen würde.
Nach einem schweren inneren Kampfe willigte Faust ein und schrieb mit seinem einer Ader der linken Hand entnommenen Blute den Schuldbrief.
Bald daraus klopfte es an die Thür.
Beim Öffnen sah Faust sich gegenüber eine lange, in ein Mönchsgewand gekleidete Person mit grauem Barte, welche sich vor ihm verneigte.
Befragt nach ihrem Begehr, antwortete sie, daß sie bisher dem Obersten der Geister unterthan gewesen sei, nun aber als vertrauter Geist ihm getreulich dienen wolle.
Mephistopheles, so war der Name des Dieners, erhielt nun von seinem neuen Herrn Befehle, welche er sofort ausführte.
Zunächst brachte er dessen Vermögensumstände in Ordnung. Stuben, Kammern und Keller stattete er mit Hausrat und Vorrat aus. In den prächtig hergerichteten Sälen grüßten den Eintretenden die schönsten Vogelstimmen, während Sumpfvögel im Vorhof des anstoßenden Zaubergartens lustwandelten, welcher mit Blumen und Bäumen bestanden war, die nur in südlichen Zonen zu gedeihen pflegten.
An der Einfahrt lag des Doktors großer Zauberhund, der rote Augen und zottiges schwarzes Haar hatte und seltsame Sprünge vollführte. Mit seiner Hilfe führte der Schwarzkünstler seine Zaubereien aus. So unternahm er mit Wittenberger Studenten eine Lustfahrt nach Leipzig, wo er aus Auerbachs Keller rittlings auf einem Fasse herausritt, welches er nun behalten durfte.
Eine gleiche Fahrt machte er nach Salzburg, wo er aus den Kellerräumen des Bischofs den Kellermeister entführte und auf dem Gipfel eines hohen Tannenbaumes niedersetzte.
Ein lustiges Stücklein führte Faust mit drei zu Wittenberg studierenden Freiherren aus, welche gern der Hochzeit des bayrischen Kurfürsten beigewohnt hätten.
Auf den Vorschlag des einen luden sie den Schwarzkünstler zur Tafel und trugen ihm ihr Anliegen vor.
Faust versprach, ihnen behilflich zu sein, wenn sie während der ganzen Fahrt gar nichts redeten; auch nach ihrer Ankunft im fürstlichen Palaste sollten sie auf jede Anrede kein Wort erwidern. Das versprachen sie und hielten sich zur festgesetzten Stunde bereit.
Da entfaltete Faust im Garten seines Hauses seinen weiten Nachtmantel, auf den sich dann die Barone setzen mußten.
Sofort erhob sich ein Wind, der sie sacht noch vor Morgengrauen gen München trug vor die Schwelle des Palastes.
Dort empfing sie der Hofmarschall und geleitete sie in den oberen Saal. Sowohl ihm als dem sie begleitenden Hofjunker fiel es auf, daß sie alle Fragen nur durch Verbeugungen erwiderten.
Nach der Trauung nahte die Stunde zur Tafel.
Als bei der vorher stattfindenden Darreichung des Handwassers der eine der drei Fremden dem Diener seinen Dank aussprach, mußte er, während die beiden andern, sich an Fausts Mantel haltend, davonfuhren, zur Strafe zurückbleiben.
Natürlich machte die Geschichte Aufsehen und der Zurückgebliebene wurde in Haft geführt.
Noch ehe aber der kommende Tag anbrach, stand Faust vor seiner Zelle, schläferte die Wächter ein, sprengte Thür und Riegel und führte den sanft Schlafenden in seinem Zaubermantel wieder unversehrt zu seinen Vettern gen Wittenberg, worauf er reich beschenkt von dannen ging.
Als die vierundzwanzigjährige Frist ablief, nach welcher Faust Eigentum des Teufels werden mußte, da versammelte er in Wittenberg Studenten um sich.
Mit ihnen ging er nach dem Dorfe Rimlich.
(In einigen Faustbüchern wird Pratau als dieser Ort angenommen und zwar der dortige alte Gasthof „zum Freischütz“. Diese Annahme beruht (nach Kirchners Faustbuch 1716) auf Folgendem: Im 30 jährigen Kriege teilte der Gemeindevorsteher in Pratau den einrückenden Soldaten mit, daß sein Haus durch Fausts schrecklichen Tod berüchtigt sei.
Zum Beweise zeigte er ihnen Blutflecke an der Wand, die der Schlaue aber vorher durch Ochsenblut hergestellt hatte. Durch seine Erzählung und diesen Hinweis erreichte er seine Absicht, die unwillkommene Einquartierung zur schnellen Flucht zu veranlassen.)
Nachdem sie gemeinsam gespeist hatten, führte Faust sie in ein Nebenzimmer. Dort wurde er ernster und ernster und schwieg, vor sich lange Zeit hinstarrend.
Dann preßte er die Hände zusammen, seufzte und stöhnte.
Endlich hob er an und erzählte das schauerliche Geheimnis seines Lebens, wie er Gott verloren, mit dessen Feind sich verbündet habe und nun der Verdammnis anheim gefallen sei.
Betrübten Herzens nahmen die Gäste von ihm Abschied, übernachteten aber im Gasthaus.
Um Mitternacht begann ein ungestümer Wind das Haus zu umtosen. Aus dem Zimmer, in welchem Faust sich befand, hörte man ein grausiges Zischen und Pfeifen, als von Schlangen herrührend, sodann ein Gepolter, ein Ringen, Stoßen und Herumwerfen, dazwischen das Angstgeschrei des unglücklichen Mannes.
Dann wurde alles still.
Am andern Morgen fand man den Leichnam verstümmelt auf dem Hofraume, das Zimmer aber mit einzelnen abgerissenen Gliedern bedeckt.
In aller Stille fand die Beerdigung statt, wobei wiederum ein heftiger Sturmwind losbrach.

F. Bäßler, Sagen aus allen Gauen des Vaterlandes

Anmerkung: Eingehende Forschungen haben bewiesen, daß dieser Faust der Sage wirklich gelebt hat. Er wurde etwa ums Jahr 1480 zu Knittlingen in Württemberg geboren.
Nachdem er auf verschiedenen Universitäten sich unmöglich gemacht hatte, kam er nach Wittenberg. Im Album der Wittenberger Universität steht unter dem 18. Januar 1518 ein Johann Faust eingetragen. Nach dem zuverlässigen Berichte Melanchthons ist Faust in der Zeit des „Herzogs“ (Kurfürsten) Johann (1525 bis 1532) in Wittenberg gewesen. Lenheimer, ein Schüler Melanchthons, weiß viel von diesem Faust zu erzählen. Gestorben ist Faust alt und elend noch vor dem Jahre 1540 zu Staufen im Breisgau. Nach übereinstimmendem Urteile der Zeitgenossen war Faust ein Gaukler und Betrüger.

4. Die verzauberte Schlange an der Elbbrücke zu Wittenberg

Zu der Zeit, da über den Elbstrom bei Wittenberg noch eine hölzerne Brücke (Erbaut vom Kurfürsten Friedrich dem Sanftmütigen 1428. Sie wurde bald durch Eisgang zerstört) führte, ließ sich dort öfter eine weiße Schlange sehen.
Von derselben ging die Sage:
es sei eine schöne Prinzessin, die von einem bösen Zauberer in eine Schlange verwandelt worden wäre. Wer sie erlöse, den würde sie zum Gemahl nehmen und sehr reich machen. Diese Erlösung könne aber nur derjenige vollbringen, der drei Tage und drei Nächte wache und nach Ablauf dieser Frist der Schlange den Kopf küsse.
Ein junger Schuhmacher aus Wittenberg erklärte sich zu diesem Unternehmen bereit.
Wirklich gelang es ihm, sich drei Tage und drei Nächte hindurch wach zu erhalten.
Am dritten Tage in der Nacht ging er mit einigen Freunden zur Elbbrücke. Es dauerte nicht lange, so wand sich die weiße Schlange an einem Pfeiler aus dem Wasser heraus und streckte den Kopf nach dem Schuhmacher aus.
Da erschrak dieser heftig und rief voll Abscheu:
„Was, dich greuliches Tier soll ich küssen! Nee, lieber will ich Schuster bleiben!“
Da stieß die Schlange einen lauten Schmerzensschrei aus und sank ins Wasser zurück. Seitdem ließ sie sich nie wieder sehen.

Aus dem Volke gesammelt vom Verfasser

5. Die Mönche im Apollensberge
Vor vielen Jahren gingen mehrere Burschen aus dem Dorfe Apollensdorf an einem Sonntagnachmittag auf den nahen Apollensberg.
Sie wanderten um den Berg herum und kamen an die Stelle, auf welcher einst die Marienkapelle gestanden hatte.
Im Scherze schlug einer der Burschen dem anderen die Mütze vom Kopfe. Dieselbe rollte den Abhang hinab und in ein verfallenes Gewölbe. Da dieses ziemlich tief war, so holte einer von daheim ein Seil. An diesem ließ sich der Bursche, dem die Mütze gehörte, hinunter, um dieselbe wieder heraufzuholen.
Er fand sie in einer dunklen Ecke des Gewölbes liegen.
Als er sich danach bückte, bemerkte er einen Gang, der sich nach der Stadt Wittenberg hin erstreckte.
Der Bursche teilte seinen Kameraden dies mit und ging ein Stück in dem Gange vorwärts. Plötzlich schimmerte ihm ein Licht entgegen. Zu seinem Erstaunen sah er in einem gewölbten Raume drei Männer in Mönchskleidern sitzen, die an einem Tische eifrig Würfel spielten. Jeder hatte vor sich einen Haufen Gold- und Silbermünzen liegen. Freundlich winkte einer der Mönche den erschrockenen Burschen an den Tisch. Zitternd folgte dieser der Ausforderung.
Jeder der Mönche that ihm eine Handvoll Münzen in seine Mütze. Doch befahlen sie ihm streng, niemand etwas von seinem Erlebnis zu erzählen.
Eilig entfernte sich der Bursche und ließ sich von seinen Kameraden wieder empor ziehen.
Oben angekommen, rief er ihnen voller Freude zu:
„O, wenn ihr wüßtet, was ich gesehen habe!
Wenn ihr wüßtet, was ich in meiner Mütze habe!“

Kaum hatte er das gejagt, so vernahm man im Berge ein lautes Poltern.
Als der Bursche erschrocken seine Mütze öffnete, so fand er darin statt der Gold- und Silbermünzen nur Unrat.
Der geheimnisvolle Gang aber war seit jener Zeit verschwunden.

Aus dem Volke gesammelt vom Verfasser

6. Sagen vom Burgstall bei Seegrehna
Über den Burgstall zieht um Mitternacht in dunklen Nächten die wilde Jagd. Alte Leute haben oft das Toben, Peitschenknallen, Schreien und Schießen gehört.
Seitdem man aber um den Burgstall den Wald ausgerodet, hat sich das wilde Heer dort nicht wieder gezeigt.
Auch einen Reiter ohne Kopf, der auf einem Schimmel sitzt, hat man dort öfters gesehen.
Irrlichter erscheinen nicht selten und locken den, der ihnen nachgeht, in Sumpf und Morast.
An der Stelle des Burgstalls stand ehemals ein Schloß.
Dasselbe ist in die Tiefe gesunken.
Es hausen verwunschene Prinzessinnen darin, und des Nachts hört man oft das Schreien kleiner Kinder aus der Erde dringen.
In der Tiefe liegt viel Geld in einer großen Braupfanne.
Wer mit einem schwarzen Ziegenbock, der kein weißes Haar haben darf, zur Zeit des Vollmondes nachts 12 Uhr dort hinkommt, der kann den Schatz heben.
Einmal kam ein Bauer in den Burgstall und sah dort ein Feuer brennen. Er ging näher, bemerkte aber niemand.
Da seine Pfeife ausgegangen war, nahm er ein Stück Kohle vom Feuer und legte es auf die Pfeife zum Anzünden.
Am nächsten Morgen fand er die Kohle in ein Goldstück verwandelt. Eine Herde Schweine, die dort gehütet wurden, waren trotz aller Mühe ihres Hirten nicht durch den Burggarten und das Thor zu bringen.
Ein Mann ist einmal die ganze Nacht in den Wällen des Burgstalles herumgeirrt, ohne sich herauszufinden.

Aus den Mitteilungen des Provinzial-Museums zu Halle a.d. Saale

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