III. Über die Elbbrücke nach Pratau
a) Vom Marktplatze nach Süden führt die enge Elbstraße.
Dieselbe wurde zur Zeit, da Wittenberg noch befestigt war, durch ein Thor abgeschlossen. Die Stelle heißt heute noch Elbthor.
An der Rückseite des Lantzschschen Hauses ist eine Steinkugel eingemauert. Dieselbe bezeichnet den Wasserstand bei der großen Überschwemmung im Jahre 1432.
Die Elbstraße mündet auf die Halle-Berliner Chaussee.
Auf dieser gelangen wir nach Überschreitung der Eisenbahnlinie Falkenberg-Cöthen-Magdeburg an die Elbe.
Über den Elbstrom führt eine feste Brücke.
Dieselbe ist 400 Schritte lang und ruht auf 9 Pfeilern.
An dem 5. Pfeiler befindet sich ein Wasserstandsmesser (Pegel).
Den Wasserstand der Elbe zeigt auch die Wasseruhr an, welche sich in dem Häuschen auf der linken Seite befindet.
Am Anfang der Brücke steht das Haus des Brückengeldeinnehmers. Hier muß für Geschirre und auch für Fahrräder Brückengeld gezahlt werden.
In früheren Zeiten geschah der Verkehr über die Elbe durch eine Fähre. Die erste Elbbrücke, die Friedrich der Sanftmütige erbauen ließ, war von Holz. Sie wurde bald durch einen Eisgang weggerissen. Friedrich der Weise ließ dann eine feste, dauerhafte Brücke errichten. Dieselbe wurde jedoch im 30jährigen Kriege von den Schweden zerstört.
Die jetzige Elbbrücke wurde von Kurfürst August bis zum Jahr 1787 erbaut.
Dicht neben der Elbbrücke befindet sich die Eisenbahnbrücke.
Eine am ersten Pfeiler angebrachte Tafel meldet uns, dass diese Brücke von 1857 bis 1859 erbaut wurde.
Über sie führt die Eisenbahn Berlin-Halle-Leipzig und Wittenberg-Torgau-Eilenburg.
Dicht am linken Elbufer liegt der Brückenkopf.
Das ist ein Teil der ehemaligen Festung, der den Zugang zur Elbbrücke bewachte. Auf der Südseite sieht man noch Reste von Wall und Wallgraben. Jetzt dient der Brückenkopf einer Kompagnie des 20. Infanterieregiments als Kaserne.
Er ist nach Pratau eingemeindet.
Hinter dem Brückenkopfe führt der Weg nach Osten zur Propstei. Das ist ein Eichenwald, der dem preußischen Staate (Fiskus) gehört. An die Propstei grenzt ein gleicher Wald – der Fleischerwerder. Dieser gehört der Stadt Wittenberg.
Früher besaß ihn die Fleischers-Innung von Wittenberg; daher sein Namen. Zu beiden Seiten der Halle-Berliner Chaussee erblicken wir mehrere Teiche – Kolke genannt.
Es sind Reste des früheren Elbbettes. Über sie führen zwei Brücken. Am Ende der letzten Brücke liegt Pratau.
b) Pratau ist ein Pfarr-Kirchdorf mit 1.305 Einwohnern; darunter 125 Militärpersonen im Brückenkopfe.
Der Ort ist von den Wenden angelegt worden.
Schon im Jahre 973 wird Pratau als Burgwart im sorbischen Gau Nisizi genannt. Es hieß ursprünglich Broda.
Das ist ein wendisches Wort und bedeutet Überfahrt.
Hier bestand also eine Fähre über die Elbe. Pratau lag ursprünglich dichter am Ufer des Elbstromes.
Noch vor 500 Jahren floß die Elbe dicht an Pratau vorbei.
Kurfürst Wenzeslaus erließ 1380 eine Fährordnung, in welcher unter den Überfahrtsorten auch Pratau genannt wird.
Noch heute heißt ein etwas erhöhter kreisförmiger Platz in der Nähe des Propsteiwaldes im Volksmunde „Das alte Dorf“.
Der Teich in der Nähe dieses Platzes führt den Namen
„Das schwarze Wasser.“
In demselben sollen der Sage nach die Glocken des alten Dorfes versenkt sein und zu gewissen Zeiten ihren Klang vernehmen lassen. Fortgesetzte Überschwemmungen zwangen jedenfalls die Einwohner, diesen Platz zu verlassen und sich weiter südlich anzusiedeln.
Schon Albrecht der Bär ließ in Pratau eine Kirche erbauen.
Sein Sohn Bernhard ließ diese Stiftung (1195) vom Papste (Cölestin III.) bestätigen.
Bis zum Jahre 1201 war Pratau der Sitz eines Propstes (daher der Name des Propsteiwaldes, der zum Einkommen des Propstes gehörte). Diese Propstei wurde im genannten Jahre nach Kemberg verlegt. Die jetzige Kirche liegt auf einem Hügel in der Mitte des Dorfes.
In der nordöstlichen Ecke des Kirchhofs, dicht an der kleinen Thür, liegt eine Tochter bes Malers Lukas Kranach, eines Urenkels von Luthers Freund, dem berühmten Wittenberger Maler Lukas Kranach, begraben. Lukas Kranach besaß das etwa eine Stunde östlich von Pratau liegende Mittergut Wachsdorf.
Im 16. Jahrhundert war Pratau eine kurfürstliche Domäne, der die umliegenden Dörfer zins- und dienspflichtig waren.
Pratan wurde früher oft von Überschwemmungen heimgesucht.
Der Sandhügel östlich vom Dorfe, auf dem die Windmühle steht (Mühlberg), wurde von den Fluten der Elbe angeschwemmt.
Auf dieselbe Weise entstanden die Kienberge im Westen des Ortes. Dieselben sind mit Kiefern bepflanzt.
In ihrer Nähe liegt das „Kaiserlager“.
Hier lagerte Kaiser Napoleon I., als er 1806 über Wittenberg zog. Besonders schwer mußte Pratau bei der Belagerung von Wittenberg im Jahre 1813 leiden.
Pratau ist ein beliebter Ausflugsort für die Bewohner Wittenbergs. Dieselben besuchen meist den am Eingange des Dorfes gelegenen alten Gasthof „zum Freischütz“.
Pratau hat einen Amtsvorsteher und ein Standesamt.
Es ist Station der Eisenbahn Berlin-Halle-Leipzig und Wittenberg-Torgan-Eilenburg.
Auch ein Postamt (Postagentur) befindet sich im Orte.
c)
Das Flußnetz. Die Elbe ist ein großer Fluß oder ein Strom.
Sie ist nicht gleich von Anfang an so groß wie an der Elbbrücke.
Nein, sie ist zuerst so klein, daß man sie mit der Hand aufhalten kann. Da, wo sie aus der Erde quillt, ist ihre Quelle.
Die Quelle liegt meist am Abhang eines Berges.
Mehrere Quellen vereinigen sich zu einem Bache.
Viele Bäche bilden einen Fluß.
Nimmt ein Fluß noch andere Flüsse auf, so heißt er der Hanptfluß, die anderen heißen Nebenflüsse. Ist der Hauptfluß sehr groß und wasserreich, so heißt er – Strom.
Die Elbe ist ein Strom. Alle Flüsse und Ströme münden in das Meer. Die Stelle, wo ein fließendes Gewässer sich in ein anderes oder in das Meer ergießt, heißt Mündung.
Ein Fluß oder ein Strom wird von den Ufern eingeschlossen.
Stellen wir uns in die Mitte der Elbbrücke und schauen stromabwärts – dahin, wohin das Wasser fließt – so haben wir zur Rechten das rechte, zur Linken das linke Ufer.
Zwischen beiden Ufern ist das Flußbett.
Die Oberfläche des Flusses heißt der Wasserspiegel.
Das Gebiet, aus welchem ein Strom (ein Fluß) seine Zuflüsse erhält, heißt sein Stromgebiet (Flußgebiet).
Ein Fluß mit seinen sämtlichen Zuflüssen bildet ein Flußnetz.
Quellen, Bäche, Flüsse und Ströme sind fließende Gewässer. Außerdem giebt es auch stehende Gewässer.
Ein größeres stehendes Gewässer, welches überall von Land umgeben ist, heißt See.
Kleinere stehende Gewässer werden Teich oder Weiher oder Kolk genannt. Seichtes Wasser, das aus weichem Grunde steht, heißt Sumps. Das Meer ist das größte stehende Gewässer.
2. Nach Dobien, Braunsdorf, Reinsdorf und Rothemark
Im Norden von Wittenberg liegt das Dorf Dobien.
Der Weg dahin führt vom Marktplatze aus durch die Juristenstraße, Lindenstraße und Schloßvorstadt und der Belziger (Brandenburger) Chaussee. Dieselbe führt allmählich bergan.
Rechts sehen wir auf einer Anhöhe das Dorf Teuchel, 317 Einwohner. Schule. Eingepfarrt nach Trajuhn.
Teuchel ist ein altes Dorf. Herzog Rudolf II. machte dasselbe der Kapelle, die an der Stelle der heutigen Schloßkirche stand, zinspflichtig. Um Südabhange des Dorfes befanden sich früher Weinberge. Dieselben wurden im siebenjährigen Kriege (1760) bei dem hier stattfindenden Treffen zum größten Teile verwüstet. Teuchel selbst ging dabei in Flammen auf.
Im Osten von Teuchel liegt Trajuhn, 137 Einwohner mit Kirche. Eingeschult nach Teuchel.
Trajuhn war ehemals ein Ratsdorf, d.h. dem Rate der Stadt Wittenberg unterstellt.
Nördlich von Teuchel erstreckt sich der große Militär-Übungsplatz.
In der Nähe desselben entspringt der Trajuhner Bach, der sich Grützmühle mit dem von Trajuhn kommenden Mühlbache vereinigt.
Auf der kleinen Anhöhe links von der Belziger Chaussee liegt das Sammelbecken der städtischen Wasserleitung.
An dasselbe schließt sich der Wald, in welchem dunkle Kiefern mit hellen Birken abwechseln.
Die Straße senkt sich sich bald ins Thal, in welchem Dobien liegt. Dobien hat 356 Einwohner, Schule und Pfarrkirche.
Am Eingange des Dorfes liegt eine Kunstziegelei.
Hier werden aus Thon gelbe Mauersteine verfertigt.
Auch Braunkohle wird in der Nähe gewonnen.
Die Erzeugnisse werden auf einer kleinen Eisenbahn (Grubenbahn) nach dem Bahnhofe Klein-Wittenberg geschafft.
Dobien wird als Burgwart bereits in einer Urkunde vom Jahre 1180 zusammen mit Wittenberg genannt.
Der bei dem Dorfe liegende Wallberg wurde zur Zeit Albrechts des Bären mit einer Grenzburg befestigt.
Da aber späterhin die Ritter dieser Burg fortgesetzt die von Brandenburg nach Leipzig reisenden Kaufleute beraubten, so ließ Herzog Bernhard, der Sohn Albrechts des Bären, diese Burg durch die Bürger Wittenbergs zerstören.
Später wurde an deren Stelle eine Wallfahrtskapelle errichtet, die viel besucht wurde.
Mit der Reformation hörte der Gottesdienst in derselben auf.
Im 30 jährigen Kriege (1637) wurde die Kapelle zerstört.
Die Grundmanern derselben sind jetzt noch vorhanden.
Im Jahre 1301 wurde Dobien dem Rate der Stadt Wittenberg zinspflichtig. Dicht hinter dem Orte hebt sich die Chaussee wieder. Der Boden ist hier sandig und wenig fruchtbar.
Nach Westen führt ein Weg von der Chaussee ab nieder in ein kleines Thal, das vom rischen Bach durchflossen wird.
(Risch bedeutet rasch; er ist seines schnellen Laufes wegen so genannt.)
Am rischen Bache liegt der kleine Ort Braunsdorf (früher Brunstorf), 192 Einwohner. Kirche.
Eingeschult nach Dobien.
Am nördlichen Ende des Dorfes steht eine Papiermühle.
In derselben verfertigt man aus Lumpen, Holzstoff und Stroh Papier und Pappe.
Eine gleiche Mühle steht weiter oberhalb bei Nudersdorf (richtiger Niedersdorf, d. h. niedrig gelegenes Dorf), 258 Einwohner. Schule. Eingepfarrt nach Straach. Großes Rittergut.
Nudersdorf führt im Volke auch den Namen Birkenbusch.
Der das Dorf umgebende Wald (Busch) gehörte zu Luthers Zeit dem kurfürstlichen Kanzler (Minister) Brück und wurde daher Brückes Busch genannt, woraus später der Name „Birkenbusch“ entstand.
In Nudersdorf werden viele Thonwaren, wie Flaschen, Töpfe, Schüsseln und Teller verfertigt.
Auch befindet sich daselbst eine große Dampfziegelei.
Viele Töpfereien sind auch in dem benachbarten Dorfe Straach.
445 Einwohner, Schule, Pfarrkirche, Postagentur, Amtsvorsteher. Straach liegt an der Belziger Chaussee, dicht an der Grenze des Herzogtums Anhalt.
Am rischen Bach südlich von Braunsdorf liegt Reinsdorf (früher Reymstorf), 415 Einwohner, Kirche.
Eingeschult nach Dobien.
Das Ritters gut war früher eine Wasserburg.
Nach einem der früheren Besitzer Namens Bremer haben die „Bremer Lugwiesen“ ihren Namen.
Auf einem Hügel oberhalb des Dorfes lag eine Burg der Raubritter („Stellmeisen“ genannt). Dieselbe wurde von Wittenberger Bürgern im Jahre 1446 zerstört.
Westlich von Reinsdorf lag der Ort Cammin.
Derselbe wurde vermutlich im Bruderkriege (zwischen Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen und seinem Bruder Wilhelm) gänzlich zerstört.
Die Feldmark führt heute noch den Namen Cammin.
Man hat dort vielfach Grundmauern von Häusern, Kellergewölbe, ja ganze gepflasterte Höfe aufgefunden.
In der Nähe fand man auch Grabhügel (vermutlich) aus der Wendenzeit, welche Urnen mit Aschenresten und Bronzenadeln enthielten.
Am rischen Bache abwärts liegt die Hohe Mühle (früher Walkmühle) und die Neumühle.
Zwischen Reinsdorf und Braunsdorf erhebt sich der Gallun-Berg (145 m). Von diesem hat man eine schöne Fernsicht über die Elbaue. Am Gallun lag ehemals auch eine Ortschaft Namens Gallun. Dieselbe wurde vermutlich gleichfalls im Bruderkriege zerstört. Zwischen Reinsdorf und Braunsdorf befand sich 1813 das Lager der Russen. Die russischen Soldaten (Kosaken) haben in den umliegenden Ortschaften arg gehaust.
In der Nähe der Mark Cammin kam es zu einem Treffen zwischen Russen und Franzosen, in welchem die Franzosen unterlagen.
In der Nähe von Reinsdorf liegt die Sprengstoff-Fabrik. (WASAG)
In dieser wird Sprengpulver (Dynamit) und Schießbaumwolle verfertigt. Da diese Stoffe leicht entzündlich und sehr gefährlich sind, so hat man die Fabrikgebäude durch hohe Erdwälle abgeschlossen.
Westlich von Reinsdorf liegen auch die Schiesstände der Infanterie. Dieselben werden nach Osten hin vom Piestritz Bache begrenzt. Von hier aus führt der Weg nach dem Gute Rothemark.
Der Name lautete früher richtiger Rodemark:
das bedeutet eine Feldmark, wo der Wald ausgerodet wurde. Südlich vom Gutshofe liegt das Marmorwerk.
Dort wird der (meist ans Italien gebrachte) Marmorstein gesägt und geschliffen.
Auf der Rothemarkstraße gelangen wir durch das Schloßthor nach der Stadt Wittenberg zurück. Am Ende der Rothemarkstraße liegt eine neue große Buchdruckerei.
3. Nach Klein Wittenberg und Apollensdorf
Vom Schloßthore aus nach W. führt die Dessauer Straße.
Von ihr zweigt sich nach rechts die Tauentzien-Straße ab, an deren Ende die städtische Gasanstalt liegt.
In dieser wird aus Steinkohlen das Leuchtgas bereitet.
Dasselbe sammelt sich in den turmartigen Behältern und wird von da aus durch eiserne Röhren in die Stadt zu den Straßenlaternen, sowie in die Häuser geleitet.
Die Dessauer Straße überschreitet das Geleis der Falkenberg-Cöthener Eisenbahn.
Zwischen diesem und der Tauentzien-Straße erstreckt sich der kleine Militär-Exerzierplatz.
Zu beiden Seiten der Dessauer-Straße befinden sich mehrere Fabriken: z. B.
– die Entzinnungs-Anstalt,
– die Thonfliesenfabrik,
– die Chokoladenfabrik,
– das Jolys Eisenwerk,
– die Seifenpulverfabrik.
Südlich davon liegt der Hafen.
Hier hat man die Elbe durch ein künstliches, tiefes und breites Bett eine Strecke weit in das rechte Ufer hineingeleitet.
Am Rande des Hafens stehen Speicher.
Daselbst werden die Waren aus den Schiffen in die Eisenbahnwagen und umgekehrt aus den Eisenbahnwagen in die Schiffe verladen (Umschlagstelle). Eine besondere Eisenbahn (Hafenbahn) führt diese Güter von und nach dem Bahnhofe Wittenberg.
Der Hafen gewährt auch den Schiffen während des Winters und bei Hochwasser Schutz.
Am Eingange zum Hafen liegt Klein-Wittenberg.
Der Ort lag früher dicht bei Wittenberg, ungefähr da, wo heute der „Kaisergarten“ steht und führte den Namen Amtsfischerei.
Bei der Belagerung Wittenbergs im Jahre 1813 wurde derselbe nebst den übrigen Vorstädten auf Befehl des französischen Kommandanten der Festung niedergebrannt und später an der jetzigen Stelle unter dem Namen Klein Wittenberg wieder aufgebaut.
Der Ort hat 1.947 Einvohner.
In der Mitte desselben liegt der Marktplatz.
Auf diesem werden jährlich zwei Viehmärkte abgehalten.
Kein-Wittenberg ist deshalb ein Marktflecken.
Die Hauptstraße ist die Wilhelmstraße.
Die Bewohner sind vielfach Schiffer. Schule.
Eingepfarrt nach Wittenberg.
Im Orte wohnt ein Amtsvorsteher.
Klein Wittenberg ist Haltestelle der Faltenberg-Cöthen-Magdeburger Eisenbahn; auch besitzt es eine Postagentur.
Im N. wird es von der Coswiger Chaussee begrenzt. Von dieser führt ein Weg nach rechts am Piestritz Bache entlang zur Steingut Fabrik Piesteritz. In dieser werden aus seinem, weißen Thon Teller, Schüsseln, Tassen u.s.w. verfertigt.
Von den Hügeln beim Dorfe Piesteritz ließ Kaiser Karl V. Wittenberg beschießen (1547).
Bei dem Dorfe Piesteritz befindet sich ein Schiffsbauplatz (Werft), auf welchem Elbkähne gebaut werden.
Außerdem finden wir bei Piesteritz eine Oxylinfabrik (Gummistoff) und eine Farbenfabrik.
Piesteritz hat 1.074 Einwohner.
Eingeschult nach Klein Wittenberg. Eingepfarrt nach Wittenberg.
Schreiten wir von Klein-Wittenberg aus auf der Coswiger Chaussee nach W., so gelangen wir in einer Stunde nach dem Pfarrkirchdorfe Apollensdorf (354 Einwohner).
Der Ort führt bis zu Luthers Zeit und auch jetzt im Volksmunde noch den Namen Pollensdorf.
So wurde er jedenfalls nach seinem Gründer Bolde (Balduin) genannt. Später wurde dieses Wort fälschlicher Weise mit dem griechischen Gott Apollo in Verbindung gebracht, und so entstand der Name Apollensdorf.
Nahe am Dorfe erhebt sich der Apollensberg (115 m).
Seinen Namen hat er von dem Orte Apollensdorf erhalten.
Auf dem Berge stand ehemals eine Kapelle, die der Jungfrau Maria geweiht war. Die Einkünfte derselben wurden ums Jahr 1400 der Schloßkirche einverleibt. Die Kapelle verfiel seitdem.
Ihre Mauern wurden im schmalkaldischen Kriege (1547) vollends abgetragen und bei der Befestigung Wittenbergs verwandt.
4. Nach Luthersbrunnen
stlich von Wittenberg liegt der Luthersbrunnen.
Der Weg dahin führt vom Elsterthore aus über das Geleis der Falkenberg-Cöthener Eisenbahn nach der Dresdener Straße.
Rechts vom Bahnübergange liegt eine Wiese, die sogenannte Kuhlache. Auf dieser wird alljährlich das Schützenfest (die Vogelwiese) abgehalten.
Die Dresdener Straße führt zwischen den drei Friedhöfen hindurch. Aus dem rechten, ältesten Friedhofe befindet sich in der Mauer der Eingangsthür der Grabstein von Luthers Tochter Elisabeth und von Melanchthons Enkelin, Magdalene Peucer.
Die Dresdener Straße zieht sich an der Elbe hin.
An derselben liegen mehrere Lagerschuppen für die aus Böhmen herbeigeschaffte Kohle, welche hier aus den Schiffen geladen wird. Weiterhin bemerken wir die städtische Badeanstalt, die Militär-Schwimmanstalt, ein Dampfsägewerk und zwei Maschinenfabriken.
An der rechten Seite der Straße, nicht weit vom Gasthof „zum blauen Hecht“, sind zwei Steine aufgerichtet, die den Namen „Brudersteine“ führen. Der Sage nach soll an dieser Stelle ein Bruder den andern im Zweikampfe getötet haben.
Die Wiesenfläche von der Dresdener Straße bis zur Elbe heißt der große Lug.
In diesen erstreckt sich der Überrest eines früheren Elbarmes, die Wendel genannt.
Jenseits der Elbe erblickt man die Waldungen Propstei und Fleischerwerder. Nördlich von der Dresdener Straße liegt das Dorf Labetz, 211 Einwohner.
Dasselbe besitzt eine Tuchfabrik.
An einer Kunstziegelei vorbei gelangen wir endlich nach dem Luthersbrunnen.

Luther soll diese Quelle im Waldesdunkel entdeckt und sie oft besucht haben. Später wurde sie mit einer Einfassung versehen.
Im Laufe der Zeit aber wurde sie verschüttet.
Am zweiten Jubelfeste der Reformation (1717) wurde sie wieder gereinigt, auf Kosten des Wittenberger Magistrats neu gefaßt und mit einem Hause überbaut. Darauf weist eine über dem Brunnen befindliche lateinische Inschrift hin.
Die darunter stehenden lateinischen Verse lauten in deutscher Übersetzung:
Wer du nur auch, o Leser, den Schritt zum Hause gelenkt hast:
Weigere die Danksagung nimmer dem gütigen Gott.
Mehr Wert ist’s, aus Luthers lebendigem Borne zu kosten,
Als wer jeglicher Bucht sämtlicher Meere besucht.