Siebenhundert Jahre sind vergangen, seitdem das erstarkte Germanentum sich anschickte, die von den Slawen im Zuge der großen Völkerwanderung besetzten Gebiete unserer Heimat der deutschen Kultur und dem Christentum zurückzugewinnen.
In diesen langwierigen, zähen und erbitterten Kämpfen war dem Fläming, diesem typischen Gebilde des norddeutschen Tieflandes, eine hervorragende Rolle zugeteilt.
Von bestimmendem Einfluß bei dem Vordringen des Deutschtums war zunächst das weite Elbtal, das im Bogen den Fläming umfaßt, und dann die mächtige Niederung nördlich des Plateaus, in welcher sich die Täler der alten Urströme vereinigen.
Mit ihren ausgedehnten Mooren, ihrem dichten, undurchdringlichen Buschwerk, boten sie den Slawen einen stärkeren Schutz gegen das unaufhaltsam vordringende Germanentum, als das unter Umständen hohe Gebirgswälle vermocht hätten.
Man muß das um so mehr festhalten, da durch unermüdlichen Fleiß in jahrhundertelangem zähen Ringen und mit unermeßlichen Opfern an Kraft und Geld gerade diese Gebiete in fruchtbare, blühende Landschaften umgewandelt worden sind, die den ursprünglichen, den Gang der Geschichte beeinflussenden Charakter dieses Gebiets nur noch schwer erkennen lassen.
Hierzu gesellt sich im alten Elbtal noch ein orographisches Element, welches die geschichtliche Bewegung beein-flussen mußte:
der Südfuß des Flämings, der dicht an das Elbtal herantritt, erhebt sich im Durchschnitt auf 60 bis 70 Meter, erreicht an einzelnen Stellen über 100 Meter und bildet vielerorts, wie bei Elster, Griebo, Coswig, Roßlau, Stedby, Hohenwarthe, mächtige Steilufer.
Diese Umstände machen es verständlich, daß der im allgemeinen westlich gerichtete Germanisationsstrom sich auf dem Fläming in eine Anzahl von kleineren Adern auflöste, deren Lauf in süd-nördlicher Richtung über den Fläming in das genannte große Sumpf- und Moorgebiet zielte, wobei die Lage des Flämings zum Elblauf als richtunggebend zu betrachten ist.
Mir müssen hierbei einen scharfen Unterschied machen zwischen den in früheren Jahrhunderten stattgefundenen Eroberungszügen, die eine bloße Unterwerfungs- und Überflutungsmethode darstellen, und der seit dem 12. Jahrhundert einsetzenden allmählich weiterschreitenden, wie ein Sauerteig wirkenden Germanisierung und Kolonisierung, die das von den Slawen besetzte Gebiet sicherer und dauernder der deutschen Kultur und dem Christentum gewann, als die Gewaltpolitik eines
– Heinrich I.,
– Otto I.,
– Heinrichs des Löwen u. a.,
die den Slawen das Christentum mit der Schwertspitze einimpfen wollten und eben deshalb keine dauernden Erfolge erzielten.
Daraus erklärt es sich, daß bis zum Beginn des zwölften Jahrhunderts in der Kolonisation des Ostens keine größeren Fortschritte erzielt wurden, als daß das Germanentum die schwächere Saalelinie überschritt und bis zur Elbe- Elsterniederung vordrang, die den Slawen aus den angeführten Gründen starken Schutz bot, und sie zu lang dauerndem Widerstande befähigte.
Im wesentlichen wurde durch diese wechselvollen und verlustreichen Kämpfe nur die Elblinie als Grenze gesichert; über sie hinaus reichte wohl der deutsche Einfluß, nicht aber auf die Dauer die deutsche Herrschaft.
Mit Blut und Eisen läßt sich eben ein Volk, das ganz anders geartet ist und eine andere Kultur und Religion besitzt, auf die Dauer nicht zwingen.
Erst als das deutsche Volk erstarkte und von seiner ständig wachsenden Zahl überschüssige Kräfte abgeben konnte, da gelang es der ständig vordringenden Germanisationsflut, das Slawentum immer weiter zurückzudrängen, wobei die Art, das Christentum vorzuleben, mehr erreichte als der Fanatismus, der es mit Gewalt aufzudrängen versuchte.
Von den slawischen Volksstämmen, die bereits gegen Ende des sechsten Jahrhunderts bis zur Saale vorgedrungen waren, kommen für das Flämingsgebiet nur die Sorben in Betracht.
Die durchgreifende Kolonisation dieses Landstrichs ging von Magdeburg aus, das im Laufe der Zeit sich zu einer mächtigen Stadt entwickelt hatte, die nach Ausdehnung ihrer Grenzen und ihrer Macht strebte.
Erzbischof Norbert von Magdeburg (1126-1134) schuf sich im Prämonstratienserorden mutige Pioniere, die in unermüdlicher Arbeit Christentum und deutsche Kultur in das Land rechts der Elbe trugen.
Aber auch von anderer Seite wurde die Bewegung vorgetragen. Ritter von angesehenem Adel – meist waren es die jüngeren Söhne, die daheim durch die Erbfolge vom Grundbesitz ausgeschlossen wurden -, welche die Aussicht auf Landerwerb lockte, und die nun mit ihrem Gefolge selbständig an der Elblinie vordrangen und in den alten Sorbenburgen seßhaft wurden, welche fortan die Stüzpunkte für die weitere Germanisation bildeten.
Von Südwesten kamen die Grafen von Askanien, vor allem Graf Otto, der im alten Sorbengau Zerwisti das befestigte Coswig und seine Umgebung eroberte.
Bald drang auch von Osten aus das Deutschtum unwiderstehlich über die Elbe vor.
Von der Lausitzer Mark aus unterwarf sich Ottos Sohn, Albrecht der Bär, den Rest des Gaues Zerwisti mit Wittenberg als Stützpunkt.
Im Jahre 1146 unternahm Markgraf Konrad von seiner Burg Meißen aus einen Kreuzzug ins heidnische Sorbenland und brachte die Herrschaft Dahme in deutschen Besitz, während gleichzeitig der Ritter von Schlieben in Baruth einen Burgwart errichtete.
So drang germanische Kultur vom Elbtal, aus immer weiter auf dem Flämingsplateau vor. Bald konnte auch das dieses nordwärts begrenzende ausgedehnte sumpfige Niederungsgebiet den Slawen keinen Schutz gegen das unaufhörlich anbrandende Deutschtum mehr gewähren. Von entscheidender Bedeutung war es, daß 1134 Kaiser Lothar von Sachsen Albrecht dem Bären die Nordmark zum Lehen gab. So wurde diesem tatkräftigen Askaniersproß im rechtselbischen Gebiet ein umfangreiches Feld für seine Tätigkeit gegeben, der er seine ganze Kraft widmete.
Hierbei fand er in dem klugen Erzbischof Wichmann von Magdeburg einen Bundesgenossen, der ihm half, bei der Kolonisierung des slawischen Ostens die rechten Hilfsmittel und Methoden anzuwenden, so daß er darin Erfolge erzielte, wie kein anderer Fürst seiner Zeit.
Er erkannte, daß die bloße kriegerische Eroberung nicht
imstande war, eine dauernde Herrschaft aufzurichten, deshalb ließ er die kolonisatorische auf dem Fuße folgen. Seinen Kriegern gab er im eroberten Sorbenlande Grundbesitz gegen Entrichtung eines mäßigen Jahreszinses, und den Rittern überließ er die sorbischen Burgen. Der slawische Adel, soweit er sich mit den neuen Verhältnissen abfand, wurde mit den gleichen Rechten und Pflichten im Lande geduldet. Aus den Niederlanden und vom Niederrhein rief
Albrecht Kolonisten herbei, die mit der in der Heimat erworbenen Geschicklichkeit und Erfahrung es trefflich verstanden, weite Sumpfgebiete für den Ackerbau zu gewinnen, Wälder auszuroden und neue Gewerbe einzuführen. Das Andenken an diese flämischen Ansiedler hält der Fläming in seinem Namen dankbar fest.
Diese verständnisvolle Kolonisierung blieb auf dem Flämingsplateau nicht stehen, sondern schritt in nördlicher Richtung über dieses hinaus. Vor allem geschah das durch den bereits genannten Erzbischof Wichmann, der in gleicher Weise wie Albrecht tätig war. Im gleichen Jahre, da jener die Wendenfeste an der Havel bezwang, bemächtigte sich der Erzbischof des Sumpfgebiets um Jüterbog.
Am bedeutungsvollsten für diesen neuen Kulturstrom wurde die Tätigkeit der Zisterziensermönche, die 1171 bei Jüterbog das Kloster Zinna gründeten, von dem aus sie den Kreis ihres segensvollen Wirkens fortgesetzt erweiterten.
Während also hier eine mit friedlichen Mitteln tätige Kulturbemegung nach Norden hin vordringt, setzt mit Beginn des 13. Jahrhunderts durch den Deutschen Ritterorden im westlichen Teile des Flämings eine ähnliche von Süden nach Norden gerichtete Bewegung ein, die freilich zeitweise kriegerischen Charakter annahm. Burggraf Bederich, der auf der Burg Belzig saß, lernte auf dem Kreuzzug mit Friedrich Barbarossa die Tätigkeit des Templer- und Johanniterordens kennen.
Um diese für seine Zwecke nutzbar zu machen, schenkte er dem Deutschen Ritterorden im Jahre 1227 in Dahnsdorf bei Belzig eine Kommende, „damit das Heidentum ausgerottet werden möchte“.
So floß denn auch von hier aus ein Segensstrom deutsch-christlicher Gesittung, wenn auch nicht in gleicher Stärke wie der von Zinna.
Der Weg, welchen der deutsche Kulturstrom im rechtselbischen Gebiet nahm, ist entscheidend für das Werden und Wachsen der auf dem erworbenen Boden entstehenden Staaten geworden.
Es sind vier größere Staatengebilde, die auf dem Fläming einander entgegenwuchsen:
– von Westen her schob sich der Landbesitz des Erzbistums Magdeburg vor,
– von Südwesten das Gebiet des späteren Anhalt und
– von Süden und Südwesten her die nachmaligen Wettiner Besitzungen.
Von Norden her aber trat die Mark Brandenburg in Wettbewerb. Zwischen den genannten größeren Staatengebilden entstand zwar eine Reihe kleinerer Grafschaften, die jedoch von den größeren und mächtigeren Bildungen allmählich aufgesogen wurden. Dadurch, das jene Staaten aufeinander zuwuchsen, mußte mit Naturnotwendigkeit der Fläming das Berührungsgebiet zwischen ihnen werden. So kam es, daß dem Flämingsplateau in den folgenden Jahrhunderten der Stempel eines typischen Grenzgebiets deutscher Kleinstaaten aufgedrückt wurde, und daß es den damit verbundenen Fluch erbte, während es von den Segnungen ausgeschlossen blieb.
Unter diesem Gesichtswinkel läßt sich denn auch die so wechselvolle und an Geschehnissen so reiche Geschichte des Flämings in den seiner Germanisierung folgenden Jahrhunderten verstehen. Bei der großen Fülle des Materials ist es im Rahmen dieser Abhandlung nicht möglich, im einzelnen alles das aufzuzählen, was der Gegensaz der im Fläming sich berührenden
Staaten für diesen bedeuten mußte.
In unseren Tagen, nachdem durch die Einverleibung des Herzogtums Magdeburg in den preußischen Staat, durch die Angliederung der
von Sachsen 1815 abgetrennten Gebietsteile an diesen und die deutsche Einigung von 1871 jene alten unglücklichen Verhältnisse unmöglich geworden sind, hat man die Rolle, welche der Fläming in der Geschichte einst spielte, vergessen.
Und doch trifft man auch heute noch zahlreiche Spuren, die an
diese seine einstige Bedeutung erinnern.
Trotz des Wiederaufbaues vieler alter Ortschaften gibt es im deutschen Vaterlande kaum ein zweites Gebiet, in welchem die „wüsten Marken“ so zahlreich sich finden, wie auf dem Fläming.
Werden doch, um nur ein Beispiel anzuführen, im Kreise Zauch-Belzig auf einem Raume von nur 14,13 Quadratmeilen nicht weniger als 65 zerstörte Dorfstätten gezählt – ein sprechendes Zeugnis von den unheilvollen Grenzüberfällen und Grenzkriegen, deren Schauplatz der Höhenrücken war. Daraus erklärt sich auch die auffallende Erscheinung, daß die Feldfluren der Flämingsdörfer eine ganz ungewöhnliche Ausdehnung besitzen sowie die unter den Bewohnern lange Zeit hindurch bestehende Abneigung, sich an den
Verkehrswegen anzusiedeln.
Und endlich wird es auch verständlich, daß Burgen wie der Rabenstein, Eisenhart u. а. sowie Städte wie Jüterbog und Belzig eine so bedeutsame Rolle in der Geschichte spielen konnten, während sie heute nur noch ein verträumtes Dasein führen oder nur in ihren Resten von ehemaliger Größe, Stärke und Bedeutung Kunde
geben.
Richard Erfurth

Quellen: Unser Heimatland vom 24.12.1931