Zu den besuchtesten Punkten in der Umgebung von Wittenberg gehört der Wörlitzer Park, der alljährlich von vielen Hunderten besucht wird, die sich hier an dem, was Natur und Kunst gemeinsam geschaffen haben, erfreuen.
Der Park breitet sich nördlich der Stadt Wörlitz zu beiden Seiten des Wörlitzer Sees bis an den Damm hin aus, welcher die prächtigen Anlagen gegen das Eindringendes Hochwassers der Elbe schützt.
Er ist eine Schöpfung des Fürsten Franz von Anhalt, des „Vaters Franz“, wie ihn seine dankbaren Untertanen genannt haben, denen er in einer langen Regierungszeit von 1758 bis 1817 ein wahrer Vater war.
Sein reich gesegnetes Wirken faßte der Dichter Wilhem Müller treffend in die Worte zu sammen, die auf dem „Monument“, jenem mit einer 5 m hohen Säule gekrönter Granitsteinbau auf dem Elbwalle stehen:
„Gott erbaute er Kirchen, der Armut Hütten, den Künsten und Wissenschaften würdige Tempel. Alles Schönen Freund und Kenner, alles Guten Förderer, seines Volkes Vater, seines Landes zweiter Schöpfer.“
Von jeher ist der berühmte Park von Wörlitz von bedeutenden Männern aller Art besucht worden.
Daß unser Dr. Martin Luther den Garten Wörlitz öfter besuchte, ist bei der Nähe Wittenbergs selbstververständlich, und daß er im Schlosse von Wörlitz wiederholt mit den Fürsten Johann, Georg und Joachim und Fürst Wolfgang zusammentraf, geht aus verschiedenen Briefen des Reformators hervor.
Weniger bekannt aber dürfte es sein, daß auch unser großer Dichter Johann Wolfgang von Goethe wiederholt als Gast des Fürsten hier weilte.
Zum ersten Male traf er mit seinem Herzoge Karl August von Weimar als dessen Minister im Dezember 1776 in Wörlitz ein.
Er schreibt über diesen Besuch an Frau von Stein:
„Wir sind auf dem Lusthause zu Wörlitz angekommen, von dem ich Ihnen viel erzählen will. Wir sind bald an die Leute gewohnt, und sie bald an uns. Wir, hetzen uns mit den Sauen (Wildschweinen) herum.“ Nach späteren Äußerungen hat besonders das „hohe und ruhige Wesen“ des Vaters Franz einen großen Eindruck auf ihn gemacht. Während dieser Anwesenheit Goethes beschäftigte man sich auf dem Eis des Sees mit winterlichen Kriegsspielen.
Die eine Partei, zu welcher der Dichter gehörte, wollte die von der gegnerischen Partei besetzte Roseninsel erobern.
Dabei brach Goethe durch das Eis und wäre beinahe ertrunken.
Im Mai 1778 sehen wir Goethe mit seinem Herzog wieder in Wörlitz. Er schreibt über diesen Besuch ganz entzückt:
„Hier ist es jetzt unendlich schön. Mich hat’s gestern abend, wie wir durch die Seen, Kanäle und Wäldchen schlichen, sehr gerührt, wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben, einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist, wenn man so durchzieht, wie ein Märchen, das einem vorgetragen wird, und hat den Charakter der Elysischen Felder.
In der sachtesten Mannigfaltigkeit fließt eins ins andere; keine Höhe zieht das Auge und das Verlangen an einen einzigen Punkt; man streicht herum, ohne zu fragen, wo man ausgegangen ist und hinkommt.
Das Buschwerk ist in seiner schönsten Jugend, und das Ganze hat die reinste Lieblichkeit.“
Im Jahre 1781 kam Goethe abermals nach Wörlitz und zwar als Gesandter seines Landesherrn, um die Fürstin Luise zu ihrem Geburtstage (24. September) zu beglückwünschen.
Er spricht bei dieser Gelegenheit vom Fürsten Franz als von einer „schönen und großen Natur“.
Im Jahre 1794 scheint Goethe das letzte Mal in Wörlitz geweilt zu haben. Das Verhältnis zwischen ihm und dem anhaltischen Fürsten erkaltete allmählich; die Charaktere der beiden großen Persönlichkeiten waren denn doch zu verschieden.
Fürst Franz sprach das auch gegenüber seiner Umgebung unverholen aus:
„Goethe paßt nicht für mich; er paßt besser für den Herzog (Karl August von Weimar). Wir harmonieren nicht recht in Gesinnung und Gefühl.
Als Dichter kam er mir nie, als Staatsmann nur Augenblicke nahe. Sonst war er mir – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll – zu vornehm, zu höfisch-gemessen, manchmal unangenehm schweigsam. So sind wir auseinandergekommen.“
Noch mancher Große aus dem Reiche des Geistes hat im Parke von Wörlitz geweilt und sich begeistert über seine Schönheit und Lieblichkeit ausgesprochen.
Die Staatsumwälzung hat auch hier manches geändert nicht immer zum besseren.
Möge ein weitblickendes Regiment dafür sorgen daß dieses einzigartige Fleckchen Erde in seiner ursprünglichen Schönheit erhalten bleibt, damit sich noch viele Geschlechter daran erfreuen können.
Richard Erfurth †
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Quelle: O du Heimatflur vom 15.11.1925