„Eine Flurnamensammlung gleicht einem Kalksteinfelsen, in dem sich Muscheln und versteinertes Seegetier eingesperrt finden, und der so gar manches aus einer Jahrtausende zurückliegenden Vergangenheit zu erzählen vermag.“
Oberstaatsarchivar Dr. H. Bischorner – Dresden
Zu nachfolgender Abhandlung kann ich keinen besseren Anfang finden, als die einleitenden Worte Gottfried Kellers zu seinem „Grünen Heinrich“:
„Mein Vater war Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von dem Alemanen erhalten hatte, der zur Zeit der Landesverteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute. Nachdem im Laufe der Jahrhunderte das namengebende Geschlecht im Volke verschwunden, nahm ein Lehnsmann den Dorfnamen zu seinem Titel und baute ein Schloß, von dem niemand mehr weiß, wo es gestanden hat, ebensowenig ist bekannt, wann der letzte Edle jenes Namens gestorben ist.
Aber das Dorf steht noch da, seelenreich und belebter denn je, während ein paar Dutzend Zunamen unverändert geblieben und für die zahlreichen weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen müssen. Die Einteilung des Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr ein wenig und mit jeden halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit.“
Wie so oft sind wir an einem schönen Tage durch unsere Heimatflur gewandert oder gefahren und haben uns erfrischt und erfreut an der innigen herben Schönheit unseres Heimatlandes.
Wie oft hat uns ein im Frühlingsschmuck prangender Wald oder Busch entzückt, eine in ihrem Blumenfestkleid stehende Wiese zum frohen Schauen hingerissen oder ein goldreifendes Ährenfeld mit dankenden Gefühlen erfüllt.
Oft wünschten wir: hier möchte ich wohnen – das möchte ich jedes Jahr wieder erleben!
Daß wir eine schöne Heimat haben, das wissen wir alle, wenn wir es auch vielfach nicht aussprechen wollen.
Daß wir aber unsere Heimat meistens nicht recht kennen, das werden viele von uns nicht wissen und auch nicht glauben.
Und doch ist es so.
Wenn wir die vielen folgenden Flurnamen lesen werden, dann werden wir oft ungläubig den Kopf schütteln und meinen, daß das wohl nicht stimmen könne.
Dieser Ungläubigkeit bin ich schon so oft begegnet; das ist eine leidige Tatsache, die sich gerade mit Besonderheit auf die Bezeichnung unserer Heimatflur, auf die Flurnamen, anwenden läßt. Und doch besteht für uns alle, die wir unsere Heimat lieb haben, die Aufgabe und Verpflichtung, die alten Flurnamen nicht untergehen und verwehen zu lassen.
Wir erhalten und bewahren uns auf diese Weise ein gutes Teil Volks- und Heimatgeschichte als kostbaren Besitz.
Den Flurnamen ging die Flureinteilung voraus.
Mit der Separation ist die alte Flureinteilung verschwunden.
Will man eine bestimmte Zeit für die Prägung der Flurnamen bezeichnen, so kann man getrost sagen, daß sie der Zeit entstammen, da die alte Sorbenflur wieder von den Germanen in Besitz genommen wurde.
Es gilt im allgemeinen als natürlich, daß die sorbischen Namen älter sind als die deutschen.
Und wenn man bezüglich dieser wendischen Flurnamen behauptet, sie hätten sich auch noch nach der Besitzergreifung des Landes seitens der Germanen allmählich weiter gebildet und weiter verbreitet, so kann man ebenso dasselbe von den deutschen Namen, deren Entstehung eben mit der Besitzung des Landes einsetzt, behaupten.
Der Umfang und der Schatz dieser deutschen Namen ist auch allmählich gewachsen und hat sich ausgedehnt bis fast in unsere Zeit hinein.
So kommt es, daß wir neben alten Namen auch solche neueren Ursprungs vorfinden.
Es gibt Forscher, die den Flurnamenschatz in unzählige Spalten registriert wissen wollen.
Ob das richtig ober falsch ist, wollen wir dahingestellt sein lassen.
Es gibt neben unverderbten Formen der Flurnamen doch auch viele verderbte und entstellte, sodaß es oft schwer fällt, einen richtigen Sinn zu finden.
So weiß man zB. von der wüsten Mark auf Flur Reinsdorf nicht genau, ob dieselbe Camin oder Arnim heißt.
Auch der Volksmund hat so manchen Flurnamen erst sinnlos verdreht.
Als Beispiel führe ich den Jeesersee und die Jeeserseewiesen auf Flur Rackith an.
Jeeser bedeutet an sich schon See.
Sicher hat man das in Rackith nicht gewußt, und so hängte man eben an das Wort Jeeser noch das Wort See; nicht ahnend, daß man damit einen See-See schuf, und zwar nur darum, weil es sich eben um einen See handelte.
Ja, auch das alte Wort Mark selbst entging diesem Geschicke nicht, fast überall ist es im Sächsischen und Thüringischen in das Wort Martel verdreht worden.
Wir wollen daher bei unserer Abhandlung nur zwischen deutschen und sorbischen Flurnamen unterscheiden.
Mit der Fluraufteilung, die mit den schon eben angedeuteten Separationen einsetzte, sind viele unserer Flurnamen in Vergessenheit geraten.
Nur noch wenige Flurnamen sind im Gebrauch.
Meistens sind es die Landwirte, die ihre Felder noch mit den alten Bezeichnungen benennen; aber auch Fischer, Waldarbeiter, Hirten und Jäger bedienen sich noch ihrer.
Mehr und mehr versinken die Flurnamen in Vergessenheit, und das hat vielfach seinen Grund darin, daß behördlicherseits die Fluren fein säuberlich mit Kartenblatt und Parzellennummern versehen wurden.
Diese Art der Bezeichnung ist natürlich um vieles einfacher – vielleicht auch genauer – daß aber damit ein Teil Heimatgeschichte verschwindet, das ist die Schattenseite dieser neuen Einführungen. Wir wollen nun nicht die beteiligten Behörden – Grundbuchämter, Katasterämter – als Übeltäter bezeichnen, – sie können sich nur nach den gegebenen Bestimmungen richten.
Sie haben auch nicht die Veranlassung zu diesem „Nummernsystem“ gegeben.
Die einzigen Verantwortlichen sind die „Boniteure„ der vergangenen Separationen; sie machten sich die Arbeit des Vermessers und des Kartenzeichnens mit Hilfe der Nummerngebung recht, recht leicht – und schadeten damit der Nachwelt in Bezug auf die Flurnamen um ganz beträchtliches.
Oft ist es mir bei meinem jahrelangen Flurnamensammeln geschehen, daß ich an Hand eines Separationsrezesses oder einer Flurkarte einen Flurnamen feststellen wollte – gähnende Leere starrte mir ins Gesicht.
Gerade da, wo der Flurname stehen mußte, fand ich ihn nicht. – So sind wir also soweit, daß sich der Heimatforscher der Flurnamen mehr und mehr annehmen soll.
Er mag sie sammeln und aufzeichnen, ehe sie ganz der Vergessenheit zum Opfer fallen.
Und das ist der Endzweck meiner vorliegenden Arbeit, das soll der Lohn meiner jahrelangen Sammeltätigkeit sein.
Die Flurnamen lassen uns einen Einblick tun in die ältesten Wirtschaftsformen, in das Verkehrswesen und in das Rechtsleben längst vergangener Zeiten.
Oft genug beleuchten sie kulturgeschichtliche Vorgänge. Über Lage, Form und Beschaffenheit des Flurstücks berichten sie.
Ja, geschichtliche Tatsachen sind vielfach mit Flurnamen verbunden; auch Sagen und Legenden knüpfen sich an sie.
Einige Flurnamen haben die unwesentliche Bedeutung für die Familiengeschichte ganzer Geschlechter.
Altes Sprachgut bergen die Flurnamen in ungeahnter Fülle; ragen doch viele Namen aus der Zeit der ersten Siedlung bis in unsere Tage hinein.
Flurnamen sind Erbe aus Vorvätertagen; sie machen uns die Heimat vertrauter und spinnen geheime Fäden vom Menschen zu Wald, Flur und Feld.
Sie weben geheime Beziehungen vom Menschen zur Heimat!
Sehen wir uns nun einmal die Menschen und Zeiten genauer an, aus denen die Flurnamen bis zu uns hinüber dauerten.
Zur Zeit der Römer, als Kaiser Augustus lebte und der Stern über Bethlehem in erster Morgenfrühe erstrahlte, war unsere Heimat „düster und unerforscht“ von Germanen bewohnt.
Und zwar bewohnten zu Beginn unserer Zeitrechnung die Gebiete zwischen Saale, Mulde und Elbe die Hermunduren. Rechts der Elbe dagegen sowie auch an der schwarzen Elster waren die Semnonen seßhaft.
Die Elbe bildete damals schon die Grenze zwischen diesen beiden altgermanischen Stämmen, die ihren Ursprung in den Herminonen finden, jenem Hauptstamme, der nach altgermanischem Glauben von dem Gotte Tuisto (Zio)und seinem Sohne Mannus abzweigt.
Auf diese gehen schon altgermanische Flurnamen zurück.
In unserer Heimat möchte ich solche mit folgenden Beispielen belegen:
– In Lammsdorf haben wir die Sonntagswiesen,
– in Iserbegka weiter gar eine Sonnenwiese.
In vielen Sagen wird uns die Verehrung des Sonnengottes durch die alten Germanen vor Augen geführt.
Es ist daher kein Zufall, daß die Verehrung des Sonnengottes, des „ersten Gottes der nordischen Völker“ (siehe: Hauser, Geschichte des Judentums) sich auch in Flurnamen unserer Heimat ausdrückt. Weiter wollen wir es nicht als Zufall betrachten, daß es ganz in der Nähe der „Sonntagswiesen“ und der „Sonnenwiesen“ eine Flur gibt, die mit „Ammewiesen“ (Pratau) bezeichnet wird.
Ammas ist die Muttergottheit der Alten, Amma heißt in der Edda die Stammutter der freien Bauern, der „Karle“.
Die Endung des Wortes Ammas = As ist die bekannte nordische Bezeichnung des höchsten Wesens, der Erdmuttergöttin Artemis. Ihr waren Berge, Wälder, Flüsse und Quellen heilig.
In Schmilkendorf gibt es Ameisenklothen.
Daß dieser Name nichts mit den winzigen Tierchen zu tun hat, geht daraus hervor, daß es Ameisenberge gibt, die bis zu 1.000 Meter hoch sind. (Fichtelgebirge)
Ameise ist vielmehr in Verbindung zu bringen mit Emse.
Die Emse ist aber keine andere als die Ammas der Kleinasiatischen Völker des Altertums, welche die Griechen Artemis nannten.
So schließt sich hier ein Ring, wie er kunstvoller nicht gedacht werden kann.
Auch hat der alte Flurweg in Zahna Ammad bestimmt Bezug auf Amma, die Muttergottheit der Alten.
Als Parallele hierzu möchte ich hier noch einige Flurbezeichnungen unserer Heimat anführen, die im unbedachten Dahersprechen grundverschiedenes bedeuten können, bei näherer Betrachtung aber doch eins sind.
– In Seegrehna gibt es eine Lehde,
– in Pratau eine Last,
– in Listerfehrda Lattwiesen;
– ferner gibt es in Globig Huldstücken,
– in Eutzsch Holzgründe,
– in Bleesern, Wartenburg und Erdmannsdorf Hoheholzbreiten und Holzpläne, und
– in Kropstädt Holmbreiten.
Die Huldstücken haben offenbar ihren Namen nach der Göttin Hulda, die unter dem bekannten Namen „Frau Holle“ in sächsischen Sagen eine große Rolle spielt.
Auf norddeutschen Altären der Römerzeit heißt sie Huldena, in der Edda Hlodyn, die als Mutter Thors gilt.
Sie ist dieselbe wie die griechisch-römische Latona (Leto), ein Name, der sich nur aus urdeutscher Sprache erklären läßt.
Lat bedeutet im Niederdeutschen: das Letzte, den Rand, das Äußerste oder den Saum einer Siedlung oder Mark; Hlod oder Huld heißt oberdeutsch Holz (plattdeutsch Holt), Holz ist hier ein Sammelbegriff wie Gemarkung oder Gemärke, der die Bedeutung Wald angenommen hat.
Wir kommen zu dem Schluß, daß die Listerfehrdaer Lattwiese genau dasselbe bedeuten, wie die Huldstücken in Globig oder die Holzpläne in Erdmannsdorf, nämlich sie deuten auf den Saum einer Gemarkung hin.
Auch sie entspringen in ihrem innersten Wesen altgermanischem Kult und schließen den vorhin schon gezeichneten Ring noch weiter, da doch „Frau Holle“ dasselbe ist wie Hulda oder Artemis.
Auf altgermanischen Ursprung deuten ferner die:
– Kammeberge (Klebitz),
– Kahnzen (Teuchel),
– Kamme (Zahna),
– Kannabude (Dabrun) hin.
Kanna – Malstätte der Hundertschaft (Altfriesisch).
– Weiter die Fäme (Nudersdorf) –
Fehm – altdeutsche Freigerichte;
– Dungstücken und Erbedungstücken (Pannigkau).
Dung – germanische Volksversammlung.
Der Nachweis altgermanischer Flurnamen ließe sich noch weiterführen, doch wollen wir nunmehr auch die sorbischen Flurnamen besprechen, um dann noch einmal zu den Namen germanischen Ursprungs zu kommen, die erst nach der Vertreibung der Wenden (Sorben) aus unserer Heimat entstanden sind.
Vor etwa 1.000 Jahren waren unsere Heimatgefilde im Besitz der Sorben.
Das Land zwischen Elbe, Bober und Havel wurde um diese Zeit von Wendenstämmen bewohnt, die im 7. Jahrhundert bis hierher vorgedrungen waren.
Im 9. Jahrhundert setzte eine gewaltige Völkerwanderung ein.
Den äußeren Anlaß dazu gaben die Goten, die bestrebt waren, ihre Herrschaft weiter und weiter nach Osten auszudehnen.
Sie gerieten mit dem finisch-mongolischen Stamme der Hunnen in einen folgenschweren Krieg.
Die Hunnen saßen damals an der Wolga und waren ein urwüchsiges Nomadenvolk von angeborener Wildheit.
Sie sollen die Veranlassung zu größeren Völkerverschiebungen gegeben haben.
Auch die Wenden waren heidnische Nomaden, die aber bereits zum Seßhaftwerden neigten.
Auf zweiräderigen Karrenwagen, bespannt mit kleinen mutigen Steppenpferden, zogen braune, schwarzhaarige Menschen daher; klein, aber gedrungen und kernig an Gestalt.
Mühsam bahnten sie sich ihre Wege durch Germaniens Urwälder. Auf den Wagen führten sie ihre Weiber und Kinder mit sich; auch Hausgerät hatten sie bei sich, von dem wir uns heute – was Einfachheit anbelangt – kaum eine Vorstellung bilden können.
Sie kamen alle vom Osten. Ihr Mutterland, die asiatische und russische Steppe, war zu klein geworden, um die Menschenmassen alle zu ernähren.
Denke man nun nicht, daß diese Wanderung der Wenden nur eine kurze Zeitspanne gedauert hat.
Generationen sind darüber ins Grab gegangen.
Zwei Jahrhunderte lang wanderten sie, unstet, nirgends recht zur Ruhe kommend.
Faßten sie einmal hier oder dort festen Fuß, wurden sie wieder durch kriegerische Maßnahmen aufgescheucht.
Bis an die Elbe drangen sie vor.
Hier setzte zunächst der gewaltige breite Strom den Eindringlingen ein natürliches Hindernis entgegen.
Es kam zu Niederlassungen der Wenden an der Elbe.
Holz zum Bau einer Hütte lieferte der Wald, Fleisch zum Essen der Strom und die Jagdgründe der ganzen weiten Umgebung.
Die schlechtesten Stämme, die bis hierher vordrangen, waren es jedenfalls nicht.
Ein wandernder oder in den Krieg ziehender Volksstamm schickte nie seine unzuverlässigen Leute an die Spitze.
Nur wenige Stämme der Wenden stießen bis über die Elbe vor, um dort seßhaft zu werden.
Die Hauptstämme saßen an der Elbe.
Viele Ortschaften unseres Kreises verraten noch an ihrem Namen oder an ihrer Bauart den wendischen Ursprung.
So hat Gielsdorf, ein Dörfchen von wenig mehr als zehn Häusern, sich bis heute noch die typische wendische Bauart erhalten.
Ähnlich ist es bei Zemnick und Meltendorf, die allerdings zum Nachbarkreise Schweinitz gehören.
Ausgesprochen wendische Namen haben
– Gallin Sumpf,
– Zörnigall finsterer Sumpf,
– Labetz Lieblingsort,
– Pratau Überfahrt,
– Wergzahna Quelldorf.
Wendische Personennamen bilden bei folgenden Ortsnamen einzelne Silben:
– Leetza,
– Bülzig,
– Jahmo,
– Mochau,
– Grabo,
– Melzwig,
– Pannigkau,
– Külso,
– Iserbegka.
Wendische Sippendörfer waren
– Klebitz,
– Prühlitz,
– Piesteritz,
– Selbitz,
– Eutzsch.
Die Dörfer
– Köpnick,
– Rackith,
– Trajuhn,
– Weddin und
– Wiesigk führen ihre Namen ebenfalls auf wendischen Urprung zurück.
Obwohl Listerfehrda wenig Anlehnung seines Ortsnamens an das Wendische hat, so ist es doch nach seiner Flureinteilung eine ausgesprochene wendische Siedlung gewesen.
Es hat an Flurnamen:
– Achsken,
– Bruden,
– Buhnig,
– Drobitzken,
– Klinschken,
– Mauken,
– Schaspeln,
– Rubig und
– Kuhlen,
also eine ganze Auslese wendischer Bezeichnungen.
Wendische wüste Marken befinden sich bei
– Elster (Wendorf),
– Klebitz (Wendemark und Wendpfuhl),
– Listerfehrda (wendische Kuhlen),
– Marzahna (Wenddörfer),
– Globig (Wenden),
– Wartenburg (Wendhusen),
– Zahna (wendische Mark).