Bei den zahlreichen Besuchern der Lutherstadt Wittenberg erweckt ein hochgiebiliges Gebäude an der Ostseite des Holzmarktes die Aufmerksamkeit.
Es führt im Volksmunde die Bezeichnung „Hamlethaus“ und enthält gegenwärtig die Geschäftsräume des „Wittenberger Bankvereins“. Fragt man nach der Bedeutung dieser Bezeichnung, so erhält man die Antwort, daß einst der Dänenprinz Hamlet in ihm gewohnt habe, als er auf der Wittenberger Universität studierte.
Der alte Westgiebel des Hauses, das in seinem Äußeren mittelalterliche Formen zeigt, wurde im Jahre 1904 durch einen Brand zerstört, aber in seiner ursprünglichen Form wieder hergestellt.
Das nun die Benennung als „Hamlethaus“ anbetrifft, so steht diese allerdings geschichtlich auf recht schwachen Füßen.
Zunächst muß festgehalten werden, daß der Prinz Hamlet von Dänemark eine sagenhafte Figur ist.
Die Sage weiß über ihn folgendes zu berichten:
Hamlet war der Sohn des Fürsten Horwendel von Jütland und seine Mutter die dänische Königstochter Gerutha.
Auf ihr Anstiften wurde Fürst Horwendel durch ihren Liebhaber Fengo ermordet, dem sie dann die Hand zum Ehebunde reichte.
Da Hamlet von dem Stiefvater für sein Leben fürchtete, so stellte er sich irrsinnig.
Doch traute man seinem Wahnsinn nicht, und König Fengo ließ ihn auf mannigfache Weise prüfen.
Hamlet wußte aber seine Rolle meisterhaft zu spielen und den König dadurch zu täuschen.
Dessen Versuch, ihn bei einem Aufenthalte in England durch Mord aus dem Wege zu räumen, schlug fehl.
Der König von England gab dem Prinzen sogar seine Tochter zur Frau.
Ein Jahr darauf kehrte dieser nach Dänemark zurück und tötete den Mörder seines Vaters mit dem Schwert.
Das Volk rief nunmehr ihn zum König aus, doch fand er später seinen Tod durch die Hand seines Schwiegervaters, dem er eine schwere Beleidigung zugefügt hatte.
Das Feld, auf dem er begraben liegt, wird noch heute gezeigt und trägtden Namen „Amleths-Heide“.
Ebenso sagenhaft wie die Person Hamlets selbst ist auch die Erzählung, daß er in Wittenberg, der berühmtesten Hochschule jener Zeit, studiert habe.
Sie stützt sich lediglich auf eine Stelle in Shakespeares Drama „Hamlet“, wo der Dichter den König sprechen läßt:
„Denn wissen soll die Welt,
Daß ihr an unserm Thron der Nächste seid,
Und mit nicht minder Überschwang der Liebe
Als seinem Sohn der liebste Vater widmet,
Bin ich euch zugetan. Was eure Rückkehr
Zur hohen Schul‘ in Wittenberg betrifft,
So widerspricht sie höchlich unserm Wunsch,
Und wir ersuchen euch, beliebt zu bleiben,
Hier in dem milden Scheine unsers Augs,
Als unser erster Hofmann, Vetter, Sohn.“
Vielleicht liegt der Sage die Verwechselung mit einem andern dänischen Fürsten zugrunde, mit dem König Christian II., dem „Bösen“, von Dänemark, der allerdings zur Reformationszeit in Wittenberg weilte.
Dieser Mann, der einst drei Kronen auf seinem Haupte vereinigte,
nämlich die von Dänemark, Schweden und Norwegen, diente an der Wittenberger Stadtkirche als – Küster.
Der damalige Diakonus Fröschel berichtet über diese seltsamen Mann:
„Der Ministrant, der zum Altar diente, war König Christian aus Dänemark, der fleißig auf den Altar wartete und sich so tief demütigte, daß er allewege mit dem Diacono, so die Messe hielt, vor dem Altar niederkniete und mit ihm das Confiteor betete.“
Dieser König Christian II. war einer von jenen Fürsten,nwelche die Reformation für ihre persönlichen eigennützigen Zwecke auszunutzen trachteten.
Er hatte seine Gemahlin Isabella, die Schwester Kaiser Karls V., verlassen und mit der Düveke, seinem, „Täubchen“, ein Verhältnis eingegangen.
Nach deren Tode wandte er seine Neigung deren lasterhaften
Mutter zu.
Diese veranlaßte ihn, nach Schweden zu gehen und verleitete ihn zu dem furchtharen Stockholmer Blutbad am 8. November 1520.
Suchte er in Schweden die Hilfe der Geistlichkeit zu gewinnen, ließ er nach Dänemark aus Wittenberg Bugenhagen kommen, um auch hier seine Politik mit Hilfe der Reformation durchzusetzen.
Aber der Adel des Landes, dessen Rechte er antastete, vertrieb ihn 1523, und er flüchtete sich nach Wittenberg zu den Reformatoren.
Doch hielt es der ruhige Mann in dem stillen Elbstädtchen nicht lange aus.
Da die Reformatoren keine Neigung zeigten, seinen selbstsüchtigen Neigungen Vorspann zu leisten, so wandte er sich wieder den Katholiken zu.
Als er aber 1531 nach Dänemark zurückehrte in der Hoffnung, die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen, wurde er gefangengenommen und 28 Jahre lang bis zu seinem Tode in Haft gehalten.
Man sieht, wie der ungeheure Kampf der Geister damals die Geschicke der Menschen sonderbar durcheinander warf.
Ein König als Küster – das war allerdings eine seltsame Erscheinung, und die damaligen Wittenberger Studenten mögen nicht selten diese Erscheinung bewitzelt haben.
Gleichzeitig aber erkennt man auch, wie die Sage den geschichtlichen Hintergrund vertauscht.
Richard Erfurth
aus: Unser Heimatland vom 23.11.1935
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