Die Schlacht bei Torgau am 3. November 1760 war der letzte jener furchtbaren Sturmangriffe, an denen der Siebenjährige Krieg so reich ist und die blutigste des ganzen Krieges, aber auch eine der glänzendsten Waffentaten der preußischen Armee.
Das österreichische Heer unter dem Feldmarschal Grafen Daun hielt in schwer angreifbarer Stellung die Süptitzer Höhen westlich von Torgau besetzt, während im Dorfe Elsnig der Oberst von Ferrari mit drei Grenadierbataillonen und einem Dragonerregiment stand.
Um die Mittagsstunde des 3. November rückte Friedrich der Große mit den Zietenhusaren gegen Elsnig vor und zwang die Österreicher, sich auf das Dorf Neiden zurückzuziehen.
Unterdessen war die erste preußische Infanterie-Abteilung des linken Heeresflügels am Rande der Dommitzscher Heide angekommen und zum Angriff aufmarschiert.
Kanonendonner aus der Richtung der Süptitzer Höhen verleitete den König zu der irrigen Annahme, daß General Zieten mit dem anderen Teile des preußischen Heeres die Umgehung des Feindes bereits vollendet und den Kampf mit ihm aufgenommen habe.
Daher beschloß er auch seinerseits vorzeitig den Angriff.
Mit zehn Grenadierbataillonen überschritt er den Striehhach und stürmte gegen 2 Uhr nachmittags nach Durchschreiten des Neidener Hölzchens über das freie Feld auf die Mitte des linken feindlichen Flügels gegen die Suptizer Höhen vor.
Hier aber empfing ihn ein mörderisches Feuer aus 200 Geschützen, das die wackeren preußischen Grenadiere reihenweise niedermähte.
Aber erst als zwei Drittel von ihnen tot oder verwundet den Boden
deckten, zogen sie sich zurück, verfolgt von den feindlichen Infanterie-Regimentern.
Zur Deckung seiner Tapferen führte Friedrich zwei weitere Infanterie-Brigaden ins Feuer.
Unter großen Anstrengungen und Verlusten gelang es diesen, die Österreicher zurückzuschlagen und die Höhen zu gewinnen.
Der Kõnig selbst setzte sich dabei den größten Gefahren aus, durch sein Beispiel die Soldaten zu immer neuer Tapferkeit anspornend. Zwei Pferde waren ihm bereits unter dem Leibe erschossen, da traf ihn selbst eine Kugel, so daß er vom Pferde fiel und ohnmächtig dem Hauptmann von Behrenhorst in die Arme sank.
Zum Glück war die Kraft der Kugel durch den dichten Pelz und die Uniform abgeschwächt worden, so daß sie nur eine zwar schmerzhafte aber ungefährliche Quetschung hinterließ.
Gleich darauf schwang sich Friedrich wieder in den Sattel und führte die Truppen von neuem dem Feinde entgegen.
Jetzt aber zog Daun seine Reserve heran und drängte die Preußen wieder von der Höhe herab.
Wohl griff um 3 Uhr nachmittags der General von Hülsen mit der zweiten preußischen Infanterie-Abteilung in den blutigen Kampf ein und erstürmte unter großen Opfern von neuem die Höhe, die er aber gegenüber der beträchtlichen Übermacht des Feindes nicht halten konnte.
Der Untergang der Braven erschien besiegelt, da sprengte der König an der Spitze mehrerer inzwischen eingetroffenen Kavallerie-Regimenter vor, um die Infanterie zu retten.
Wohl überritten diese die feindlichen Infanterie-Kolonnen, mußten sich dann aber samt der Infanterie vor den neu ins Treffen geführten
feindlichen Regimentern zurückziehen und den Österreichern bei Anbruch der Dunkelheit das Schlachtfeld und die Süptitzer Höhen überlassen.
Der Kern des preußischen Fußvolkes lag tot oder verwundet auf der blutigen Wahlstatt, ohne daß ein Erfolg errungen war.
Daun hatte bereits Boten mit der Siegesnachricht nach Wien gesandt.
Der König, der von den ungeheuren Anstrengungen des Tages sichtlich erschöpft war, übergab um 6 Uhr das Kommando dem General von Hülsen mit dem Befehl, die Trümmer der Armee hinter dem Striehhach zu sammeln. Er selbst ritt mit wenigen Begleitern nach Elsnig, wo er um 10 Uhr eintraf.
Da alle Häuser des Dorfes mit Verwundeten angefüllt waren, und nur die Kirche noch frei war, so beschloß er, in dieser zu übernachten.
Weil aber der Schlüssel zur Kirchtür nicht aufzufinden war, so sägte man das Schloß heraus.
Aus dem Dorfe wurden etliche Bund Stroh geholt und auf
die Altarstufen gelegt, auf denen sich der König niederließ.
Sein Mut war trotz der erlittenen Niederlage nicht gebeugt, und unumstößlich stand bei ihm der Entschluß fest, am nächsten Tage den Angriff zu erneuern.
Beim Scheine der Altarkerzen schrieb er die betreffenden Befehle und ließ dann nach kurzer Ruhe auf dem Stroh die durch die Kugel
verursachte Quetschung von seinem Leibarzt behandeln.
Mit Sehnsucht erwartete er den neuen Morgen.
Um Mitternacht wurde plözlich die Kirchtür geöffnet, und herein trat der Kapitän von Graevenitz, der dem König die ebenso überraschende als hocherfreuliche Nachricht brachte, daß Zieten über die Österreicher gesiegt und sie in die Flucht geschlagen habe. Der wackere alte Haudegen hatte unter fast übermenschlichen Anstrengungen noch abends 10 Uhr in der Dunkelheit die Süptitzer Höhen erstürmt und dadurch den Österreichern ihre Hauptstellung entrissen.
Daun selbst wurde bei diesem unvermuteten Angriff der Preußen verwundet und zog sich über Torgau nach Dresden zurück.
Es ist also ein weitverbreiteter Irrtum, der leider auch in Geschichtswerken Eingang gefunden hat, daß Friedrich der Große erst am Morgen des 4. November die erste Siegesnachricht, und zwar durdh Zieten selbst erhalten habe.
Dieser Irrtum wird unzweideutig richtig gestellt durch die Bleistift- Aufzeichnung, die sich noch heute an der nördlichen Wand der Elsniger Kirche befindet:
„Hier habe ich meinem König einen Rapport gemacht.
von Graevenitz,
Kapitän.“
Nach dem Empfange der Siegesbotschaft schrieb der König beim trüben Licht der Altarkerzen den Befehl zur Verfolgung des Feindes und an seinen Minister von Finckenstein eine kurze Mitteilung über den Ausgang der Schlacht.
In großer Ungeduld schritt er dann in der Kirche auf und nieder, den Morgen erwartend.
Kaum graute der Tag, so verließ er das Gotteshaus und ritt zum Dorfe hinaus.
Querfeldein jagte ein Reitertrupp auf ihn zu.
Es war Zieten, der mit einer Stimme, in der die Erregung zitterte, dem König meldete:
„Majestät, der Feind ist geschlagen und zieht sich zurück!“
In tiefer Rührung schloß Friedrich den Alten in die Arme.
Dieser aber rief seinen Begleitern zu:
„Burschen, unser König hat die Schlacht gewonnen, und der Feind ist
völlig geschlagen. Es lebe unser großer König!“
Jubelnd tönte es aus aller Munde:
„Unser König Fritz soll leben und unser Vater Zieten auch!“
In Zietens Begleitung ritt Friedrich nach dem Schlachtfelde.
Zur Erinnerung an dieses Hochbedeutsame geschichtliche Ereignis stiftete der Landrat Graf von Seydewitz der Gemeinde Elsnig am 31. Mai 1851 eine bronzene Gedenktafel, auf welcher die geschilderten Vorgänge kurz wiedergegeben sind.
Die Inschrift lautet:
„Auf den Altarstufen dieses Kirchleins der Gemeinde Elsnig sitzend, hat Friedrich der Einzige, der große Vorfahr unseres erhabenen Königshauses, in der Nacht vom 3. zum 4. November 1760 bei Lampenschein den Angriffsplan für den zweiten Tag der Schlacht bei Torgau niedergeschrieben.
Als der König am Morgen des 4. November die Kirche kaum verlassen hatte, brachte ihm Zieten die Siegesbotschaft, daß die Österreicher völlig aufs Haupt geschlagen und auf der Flucht begriffen seien.
– Gott segne unsern König und lasse seine Sache immer siegreich sein!“
Zum 150. Gedenktage der Schlacht bei Torgau im Jahre 1910 schenkte Kaiser Wilhelm II. der Kirche, in welcher Friedrich der Große die erste Siegesnachricht erhielt, ein Ehrenportal nebst einer Gedenktafel.
Letzteres zeigt als Relief den Kopf des großen Königs, den ein Lorbeerkranz umgibt, mit den Jahreszahlen 1760-1910 und darunter die Inschrift:
„Auf der Stufe des Altars Befehle schreibend, erhielt der König Friedrich der Große in der Nacht vom 3. bis 4. November 1760 durch die Meldung des Kapitäns Graevenik die Nachricht von dem durch Zietens rechtzeitiges Eingreifen erzielten endgültigen Siege der Schlacht bei Torgau.“
Die aus dem Jahre 1739 stammenden und von Friedrich dem Großen benutzten Altarleuchter werden noch heute in der Elsniger Kirche benutzt, während die alte Kirchentür, aus welcher der König das Schloß heraussägen ließ, auf der Orgelempore aufbewahrt wird.
Wenn auch der Sieg bei Torgau noch nicht die Entscheidung des Siebenjährigen Krieges und den allseitig ersehnten Frieden brachte, und Friedrich der Große sich im folgenden Jahre sogar genötigt sah, sich auf den bloßen Verteidigungskrieg zu beschränken, so festigte er doch, von neuem den Glauben an den Glücksstern des großen Preußenkönigs und bildet ein leuchtendes Ruhmesblatt in der Geschichte der preußischen Armee.
Diese glänzende Waffentat trug nicht wenig dazu bei, Friedrichs zahlreiche Feinde zum Frieden geneigter zu machen, der Preußen auf den Gipfel des Ruhmes hob und ihm den Besitz von Schlesien fortan unbestritten sicherte.
Richard Erfurth
aus: Unser Heimatland vom 26.10.1935
Zur Gedenkfeier ihrer 175jährigen Wiederkehr.
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