Hausinschriften in Wittenberg – 1941

An der Schloßkirche befindet sich über der Thesentür, eine zum Teil nicht mehr gut lesbare Inschrift, die auf den 13.10.1760 hinweist.
Über der Inschrift ist die Jahreszahl 1499 in gotischen Ziffern angebracht.
Die Inschrift lautet in deutscher Übersetzung:
„Diese Wiege der Reformation, welche der Krieg den 13. October 1760 in Schutt und Asche stürzte und uns dadurch in allgemeine Trauer versetzte, ist nach Ablauf von zehn Jahren nun schöner erstanden und den 8. August 1770 Gott dem Allerhöchsten allein geweiht worden.“

In der Coswiger Straße, am Haus Nr. 19, begegnen wir wieder einer gegen die Calvinisten gerichteten Inschrift.
Es heißt dort:
„Gottes Wort Luteri Leer vorget nu und nimer mer.“
Darunter ist die alte Hausnummer 319 (Coßwigergasse) angegeben.

Vom Haus Markt 16 kündet eine Inschrift am Hause:
„Unter dem Schutz und Beistand des Allerhöchsten erbauet durch den Bürger und Tuchschärer Paul Weck im Jahre 1804.“
Wir erfahren hier von einem Handwerk, das unsere heutige Zeit nicht mehr kennt.
Das Handwerkszeichen der Tuchschärer ist über dem Hauseingang Mauerstraße 1 zu sehen.
Dieses Haus gehörte, wie aus der Inschrift:
„Paul Weck – D. Z. S. H. – 1799“
zu ersehen ist, ebenfalls dem Erbauer von Markt 16.

Eine leider auch nur noch im letzten Teil lesbare Hausinschrift ist am Haus Scharrenstraße 8 zu sehen.
Leserlich ist:  „Johann Gottlieb Wurts – 28.Mai 1781.“
Es ist dies der Bauherr, der jedenfalls das Haus 1781 baulich erneuerte.
Das Haus war Wohnung der Äbtissin des früheren Nonnenklosters.

Erwähnung verdient auch die am Hause Markt 1 an der Rückseite in der Elbstraße eingemauerte steinerne Kugel, die den Hochwasserstand der Elbe im Jahre 1432 angibt.
Hierzu sei bemerkt, daß nach dem bereits erwähnten Chronisten J. Ch. Francke im April 1784 das Hochwasser der Elbe noch einmal so hoch stand, daß das Wasser bis an den Markt in der Elbgasse herauftrat.

Zum Schluß sei noch auf zwei Gedenkzeichen hingewiesen. die von der Belagerung, Beschießung und Erstürmung der Festung Wittenberg 1814 berichten.
Es sind dies eine Gedenktafel an der Mauer unterhalb des Kasinogartens, auf der es heißt:
„Zur Erinnerung an den Befreier unserer Stadt aus Franzosennot, Generalmajor Leopold Wilhelm Dobschütz, und die bei der Belagerung und Erstürmung der Festung gefallenen preuß. Soldaten.
Die dankbare Lutherstadt. 13. Jan. 1814 – 13. Jan. 1934″:
und der Batteriestein in den Anlagen gegenüber dem Kasinogarten mit der Aufschrift:
„Zum Andenken an die 1814 hier erbaute Batterie.“
Von hier aus wurden die Wälle am Schloßtor der Festung sturmreif geschossen.

An der auf dem Kirchplatz, neben der Stadtkirche stehenden Kapelle zum heiligen Leichnam, die um 1377 erbaut wurde, befinden sich alte Grabsteine, deren Inschriften nicht mehr zu erkennen sind. Der Stein in der Mitte und der links daneben befindliche sind die Grabsteine des 1569 verstorbenen Buchhändlers und Senators Bartholomäus Vogel und seines Sohnes,
Vogel war der erste Herausgeber Lutherscher Werke.

Das an der Stadtkirche unter dem Dach an der Südostecke befindliche alte Steinrelief mit der Überschrift „Rabbini Schemhamphoros“ weist auf die Judenvertreibung vom Jahre 1304 hin.
Dargestellt ist eine Sau mit vollen Eutern, an denen spitzmützige Juden saugen.
Die Bedeutung der Inschrift ist nicht klar.
Man hat sie mit: „Des Rabbiners Gott“ übersetzt.

Auch das Gebäude des „Wittenberger Tageblatt“ hat lateinische Inschriften auszuweisen.
In diesen Gebäude befand sich das Wittenberger Gymnasium bis 1888.
Die Inschrift an der Wettinerstraße lautet zu deutsch:
„Wittenberger Gymnasium, erneuert und erweitert im Jahre 1828.
– O wie schön, das Leben durch Lehre der Alten zu bilden und für Gutes allein allezeit eifrig zu sein.“

An der Seite nach dem Kirchplatz steht ebenfalls lateinisch:
„Im Jahre des Herrn 1564 im Juli ist der Bau dieser Schule begonnen worden, zur Zeit da der durchl. Herzog zu Sachsen, August, des heil, röm. Reichs Kurfürst in diesen Landen regierte, welcher durch seine Milde solchen Bau gefördert hat.
Pfarrer hiesiger Gemeinde war D. Paul Eber aus Kittingen, und hiesiger Stadt Bürgermeister Herr Thomas Heylinger.“
Es folgen noch zwei Bibelsprüche.

Ebenfalls am Kirchplatz steht das Bugenhagenhaus, heute Superintendentur und Evangelisches Pfarramt.
In diesem Hause wohnte, wirkte und starb D. Johannes Bugenhagen. So kündet die am Hause angebrachte Gedenktafel.
Bugenhagen, ein treuer Freund Luthers, wurde 1523 Nachfolger des Stadtpfarrers Simon Heins und wirkte später als Generalsuperintendent der Churkreises.
Die an der Kirchplatzseite und an der Seite nach der Wettinerstraße befindlichen lateinischen Inschriften berichten, daß dieses Haus unter der Regierung Friedrich Augusts, König von Polen und Kurfürst zu Sachsen, nachdem es baufällig geworden, 1731 von neuem glücklich und zur Zierde dieser Stadt geworden sei.

Am Ende des Seitengebäudes des Grundstücks Collegienstraße 78, an der Wallstraße, ist eine Inschrist eingemauert, deren lateinischer Text von der Wiedererrichtung durch den damaligen Hauseigentümer C. E. Giese im Jahre 1816 berichtet.
Diese Tafel wurde bei einem Umbau freigelegt und an der jetzigen Stelle angebracht.
Hier spricht die Zeit der Erstürmung Wittenbergs 1814 zu uns.
Nach einer im Garten des Grundstücks aufgefundenen Brandröhre, die sich im Wittenberger Heimatmuseum befindet, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß Gebäude dieses Grundstücks bei der Beschießung zerstört wurden.

Die Inschrift über dem Hauseingang Mittelstraße Nr. 52 weist auf die Reformationszeit und den glühenden Haß zwischen den Lutheranern und den Anhängern Calvins hin.
Sie lautet:
„Gottes Wort und Lutheri Schrift ist des Papst und Calvin Gift.“ Ueber und unter dieser Inschrift ist zu lesen:
„Dieser Stein ist reparieret und das Haus Erbauet worden von Gottfried Braedikow 1774.“
Aus dieser Jahreszahl kann geschlossen werden, daß die Beschießung 1760 Haus und Schriftstein beschädigt hatte.

Über dem Tor Mittelstraße 4 steht geschrieben:
„Maxima petra domus – Est bene parta domus. MDCCLIV.
Die Zeile ist leider unleserlich —
… in der lateinischen Inschrift ist folgende Übersetzung zu lesen: „Ehrlich erworbenes Haus – sicher gegründetes Haus.“
Eine neuere Übersetzung sagt:
„Der festeste Grund einer Familie ist ein gut begründetes Haus“
Die Jahreszahl lautet 1754.
Das Haus war früher Cranachscher Besitz, denn es führte in seinen Wetterfahnen die Cranachschlange.

Ein Steinrelief mit der Beschriftung:
„Mihtas hinxit labor ac industriae servat“
ist am Hause Mittelstraße 62 angebracht.
Wieder bestehen hier zwei Übersetzungen.
Stier übersetzte:
„Fleiß und Mühe bewahrt, was der Nutzen zuammengebracht hat.“
Die andere Übersetzung lautet:
„Zum Wohlergeben hier dient Arbeit und Regsamkeit.“
Die Inschrift ist der Wahlspruch der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin, die sich früher hier in diesem Hause befand.

Die Gedenktafel am Hause Kirchplatz 14 kündet, daß der Dichter deutscher Kirchenlieder, Paul Gerhardt, in diesem Hause von 1628 bis 1642 wohnte.
Der Dichter war als Hauslehrer bei dem Archidiakonus Fleischhauer tätig.

Die Häuser Kirchplatz 15 und 16 erinnern wieder an die Beschießung Wittenbergs.
Bei Nr. 15 ist eine Kanonenkugel über dem Hauseingang eingemauert.
Die um den Türbogen laufende Inschrift ist nicht mehr leserlich. Über der Tür zu Nr. 16 läuft der Spruch:
„Was Gott beschert bleibt unverwert.“
Dieser Spruch soll darauf hinweisen, daß das Haus bei der Beschießung verschont blieb.

Das Haus Schloßstraße 1 ist in den Jahren 1502 bis 1507, gleichzeitig mit der Universität, erbaut worden.
1521 kaufte der Maler Lukas Cranach dieses Gebäude mit der Apotheke und einem „süßen Weinschank“.
Die am Hause angebrachte Gedenktafel gibt darüber Auskunft. Über der Toreinfahrt, zwischen den Wappen Cranachs, Wernsdorfs und Leysers berichtet eine lateinische Inschrift:
„Dieses vom Alter verfallene Haus, berühmt einst durch die Namen der Cranach, Policarp und Wilhelm Leyser, Caspar Ziegler und J. G. Berger, hat D. Ernst Friedrich Wernsdorf im Jahre 1723 zur Zierde seiner Vaterstadt wiederherstellen lassen!“
Die in dieser Inschrift genannten Personen waren, Gelehrte der Wittenberger Universität.
Die beiden Leysers Theologen, Ziegler Jurist.
An den Doktor der Rechtswissenschaft und ordentlichen Professor, Caspar Ziegler (1621 bis 1690) erinnert auch die am rechten Seitengebäude, im Hof des Grundstücks angebrachte Tafel.
Die Inschrift befand sich bis vor einiger Zeit an einer Wand innerhalb des Seitengebäudes.
Inhaltlich gibt sie Kunde von der Errichtung einer Grenzmauer, die 1687 (2) Caspar Ziegler zur Schlichtung einer Streitigkeit mit dem Eigentümer des Nachbargrundstückes mit Gottes Beistand errichten ließ.

Im Grundstück Schloßstraße 2 (Schwarzer Bär) ist am Seitengebäude rechts ein Stein mit folgender Inschrift eingemauert: „Jerem. XII: Wehe dem, der sein Haus mit Sünden bawet, und sein Gemach mit Unrecht.“
Der Ursprung dieser Inschrift fällt in die Zeit Luthers, der zu den Gästen des schon damals bestehenden Gasthauses zählte.
Über die Bedeutung der Inschrift sind Überlieferungen nicht vorhanden.

Die Inschrift im Hofe Schloßstraße 4 bezieht sich wieder auf die Calvinisten.
Das über der Inschrift stehende Signum „A. B. 1592“ gibt das Jahr an, in welchem Andreas Blume das Haus von dem Goldschmied Christian Döring kaufte.
Christian Döring betätigte sich neben seinem Goldschmiedehandwerk als Verleger lutherischer Schriften und betrieb mit Lucas Cranach in dessen Hause eine Druckerei.

Unser Rundgang ist beendet.
Teile Alt-Wittenberger Geschichte sind an uns vorübergezogen, Erinnerungen an eine reichbewegte, denkwürdige Vergangenheit haben zu uns gesprochen.
Möge diese Besprechung Wittenberger Hausinschriften dazu beitragen, das Streben nach dem Wissen um die Vergangenheit unserer Lutherstadt anzuregen.

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