Ausblicke und Schluss

Viel Ernstes und Schweres ist auf den vorstehenden Blättern verzeichnet, und nur spärlich sind die Lichtblicke in dem schicksalsschweren Zeitraum, den sie umschließen.
Und doch gehören diese Jahre und Tage zu den größten der deutschen Geschichte wie der Geschichte unserer Lutherstadt, denn in ihnen offenbart sich ein Heldentum, eine Pflichttreue und eine Opferbereitschaft, wie sie in der Weltgeschichte beispiellos und unerreicht dastehen.
Erst eine vorurteilslose, über dem Hader der Parteien und Völker stehende und darum gerechter urteilende Zukunft wird die Größe dessen, was unser Volk und mit ihm unsere Stadt in jenen Schicksalsstunden Deutschlands leistete, recht würdigen können.

Es gehört zu den glücklichen Eigenschaften des Menschen, daß er das Böse leichter vergißt als das Gute.
Darum kann es nur nützlich sein, wenn kommende Geschlechter lesen, wie groß und schwer die Lasten waren, die ein widriges Schicksal uns auferlegte. Sie sollen erkennen und daraus lernen, mit wieviel Mut und Entsagung wir diese Lasten getragen, wie wir namentlich auch in unserer Lutherstadt Wittenberg gerungen und gearbeitet haben, um aus unserem Unglück herauszukommen, wie wir uns ehrlich mühten, aus dem Trümmerhausen des Zusammenbruchs uns und unsern Kindern ein neues glückliches Vaterland zu zimmern und den Aufgaben von Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden.

Welche besonderen Aufgaben unserer Lutherstadt in der nächsten Zukunft gestellt sind, das sollen die nachfolgenden Zeilen kurz andeuten.
Wir folgen dabei den schätzenswerten Ausführungen, welche das Oberhaupt unserer Stadt Oberbürgermeister Wurm in der „Provinzialkirche“ sowie in der „Magdeburgischen Zeitung“ hierüber gegeben hat.

Die starke Zunahme der Industrie in Wittenberg und seiner nächsten Umgebung birgt die Gefahr in sich, daß unserer Stadt ihre Eigenart als Lutherstadt genommen und sie zu einem gewöhnlichen Industrieort herabgedrückt wird.

Aufrichtiger Dank gebührt darum unserer Stadtverwaltung, vor allem ihrem unermüdlich tätigen Oberbürgermeister, die diese Gefahr rechtzeitig erkannten und mit allen Kräften bemüht sind, sie abzuwehren und Wittenberg seinen Charakter als einzigartige historische Gedenkstätte der Reformation dauernd zu erhalten und es wieder wie vor vier Jahrhunderten zum Mittelpunkte lutherisch-evangelischen Lebens zu gestalten.

Um dieser Eigenart der Stadt auch nach außen hin Ausdruck zu geben, faßten Magistrat und Stadtverordnetenversammlung bereits im Mai 1922 den Beschluß:
Die Stadt Wittenberg führt künftig den Namen:

Lutherstadt Wittenberg

 

Wohl hat diese Willenskundgebung der städtischen Körperschaften trotz wiederholter Eingaben bisher noch nicht die Genehmigung des preußischen Innenministeriums gefunden, aber es besteht die begründete Hoffnung, daß es den fortgesetzten Bemühungen gelingen wird, diese in absehbarer Zeit zu erhalten.
Inzwischen hat der Evangelische Oberkirchenrat sämtliche ihm nachgeordneten kirchlichen Behörden angewiesen, im dienstlichen Verkehr ausschließlich die Bezeichnung „Lutherstadt Wittenberg“ zu gebrauchen.
Die breitesten Kreise unserer Bürgerschaft, namentlich die Vertreter von Industrie, Handel und Gewerbe, wenden sie im geschäftlichen wie privaten Verkehr an, und zahlreiche auswärtige Stellen – amtliche wie private – haben sich diesem Beispiele angeschlossen, sodaß zu hoffen ist, daß diese durch die historische Vergangenheit unserer Stadt wie durch ihre kulturelle Gegenwartsbedeutung gerechtfertigte Bezeichnung, welche Wittenberg in sichtbarer Art über andere Städte hinaushebt, bald allgemeiner Gebrauch werden wird.

Der in der gleichen Richtung liegende berechtigte Wunsch, Wittenberg zum Sitz einer Generalsuperintendentur für den Süd-Ost-Sprengel der Provinz Sachsen zu machen, hat sich zwar noch nicht verwirklichen lassen, doch hat der Evangelische Oberkirchenrat genehmigt, daß der Generalsuperintendent dieses Kirchenbezirks hier einen Sprechtag für die Ephoren desselben einrichtet.

Nach dem Verlust der Garnison hat sich die Stadtverwaltung mit Erfolg bemüht, einen großen Teil der leergewordenen Kasernen vom Reich und dem preußischen Staate zu erwerben.
Dazu gehört vor allem das Schloß Friedrichs des Weisen, das räumlich untrennbar mit der Schloßkirche verbunden ist.
Dieses ehrwürdige Baudenkmal aus großer Vergangenheit zu erhalten und würdig auszubauen, ist eine der vornehmsten Sorgen unserer Stadtverwaltung.
Die Finanznöte haben dies leider noch nicht in dem gewünschten Umfange gestattet, doch sind bereits verheißungsvolle Anfänge vorhanden, um den geräumigen Bau für evangelisch-kirchliche Zwecke nutzbar zu machen.
Die in dieser Beziehung bestehenden Pläne reifen ihrer Vollendung entgegen.

Dahin gehört vor allem die Errichtung eines „Forschungsheims für Weltanschauungskunde“, dessen Gründung am 10. Februar 1927 ohne äußeren Prunk in echt evangelischer Schlichtheit in Gegenwart von Vertretern der obersten Kirchenbehörden, Vertretern der Universität Halle-Wittenberg, zahlreichen namhaften evangelischen Männern von nah und fern durch Generalsuperintendent D. SchöttIer – Magdeburg unter Mitwirkung unseres rührigen Oberbürgermeisters Wurm erfolgte.
Zur Herrichtung der erforderlichen Räume bewilligten die städtischen Körperschaften im Februar d. Jahres die Summe von 15 000 M. für den Ausbau des Obergeschosses im alten Kurfürstenschloß.
Mit diesem Forschungsheim erhält unsere Stadt ein wissenschaftliches Institut, dessen Bedeutung weit über Deutschlands Grenzen hinausreicht.

Gesichert ist auch die Einrichtung eines „Luther-Hospiz“ in dem von der Sparkassenverwaltung angekauften „Bahnhofshotel-Kaiserhof“ in der Collegienstraße, welches den Besuchern der Lutherstadt angenehmen Aufenthalt zu mäßigen Preisen gewähren soll.

Zur Linderung der Wohnungsnot sind beträchtliche städtische Mittel zum Bau von Kleinwohnungen bereitgestellt, und zur Förderung des Schulwesens ist der Neubau eines neuzeitlichen Schulgebäudes mit Turnhalle in bevorzugter Lage am Schwanenteiche in Aussicht genommen.

Die Kanalisation der Stadt, mit der die Neupflasterung mehrerer Straßen, vor allem der wichtigen Collegienstraße und Schloßstraße verbunden ist, soll einheitlich in einem Gesamtkläranlagesystem nach dem Projekt eines bedeutenden Sachverständigen durchgeführt werden.

Die über die Eingemeindung der westlichen Vororte insbesondere von Kleinwittenberg schwebenden Verhandlungen dürsten in Kürze zum Abschluß gelangen.

Das Schaffen neuzeitlicher Straßenzüge wird den stark zugenommenen Fremdenverkehr, der vornehmlich der Besichtigung der Reformationsgedenkstätten gilt, in hohem Maße fördern und zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen.
In Verbindung damit wird auch erreicht werden, daß der Verkehr mit dem modernen Verkehrsmittel, dem Auto, der jetzt vielfach um die innere Stadt herumführt, durch diese selbst geleitet wird.
Zur Hebung des Fremdenverkehrs und dessen glatter Abwicklung ist die Stadtverwaltung ferner bemüht, weitere möglichst günstige Eisenbahnverbindungen zu erreichen, insbesondere auch nach unserer Provinzialhauptstadt Magdeburg.

Unser Rathaus, dessen Umbau rüstig fortschreitet und am 18. Februar feierlich gerichtet wurde, wird nach der Fertigstellung als hervorragend historisches Baudenkmal eine besondere Zierde der Lutherstadt bilden.

Es sind großzügige Pläne, die im Vorstehenden gekennzeichnet wurden, und die von dem weiten Blick für die Bedürfnisse und Entwickelungsmöglichkeiten unserer Lutherstadt und der selbstlosen Fürsorge unserer Stadtverwaltung Zeugnis ablegen.
Bei der Energie unseres derzeitigen Stadtoberhauptes und dessen restloser Tätigkeit dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß diese Pläne in absehbarer Zeit ihre Erfüllung finden.

Nicht minder weitreichende Pläne werden von unseren kirchlichen Körperschaften vorbereitet.
Dahin gehört zunächst die Anlage eines neuen großen Friedhofes außerhalb der Stadt im sogenannten Weinbergfeld in der Nähe von Teuchel und die großzügige Umgestaltung des ältesten Friedhofs (II) rechts der Dresdener Straße in Parkanlagen mit Urnenhain.

Das Interesse aller evangelischen Kreise beansprucht die von den kirchlichen Körperschaften ins Auge gefaßte innere wie äußere Erneuerung unserer Stadtpfarrkirche in einer Gestalt, die ihrer Bedeutung als Mutterkirche der Reformation gerecht wird.
Es ist zu hoffen, daß die Evangelischen des In- und Auslandes wie die Staats-und Kirchenbehörden diese Absicht in tatkräftiger Weise fördern.

Unserer Bürgerschaft und ihren Vertretern in den städtischen und kirchlichen en Körperschaften erwächst die die Aufgabe, alle diese Pläne zur Weiterentwicklung und Verschönerung unserer Stadt sich zu eigen zu machen und in weitgehendster Weise zu unterstützen.

Es muß dankbar anerkannt werden, daß trotz der Ungunst der Zeit, trotz der leidigen Finanznöte, die auch bei uns wie überall Hemmnisse schaffen, doch in unserer Stadt mit den zur Verfügung stehenden knappen Geldmitteln in den letzten Jahren viel für ihre Verschönerung und Fortentwicklung geschehen ist, namentlich in der Richtung, ihre Eigenart als Lutherstadt zu erhalten und weiter auszuprägen.
Das läßt uns freudig und vertrauensvoll in die Zukunft blicken.

Möge unsere städtische und kirchliche Verwaltung auf dem betretenen Wege weitergehen und ihr dabei jederzeit die Unterstützung der gesamten Bürgerschaft zuteil werden.
Möge unserer geliebten Lutherstadt Wittenberg auch in der Zukunft eine reichgesegnete Weiterentwicklung und neue Blüte beschieden sein, und es ihr in der Verwaltung von Stadt und Kirche wie in der Bürgerschaft auch künftig nie an weitschauenden, opferbereiten und tatkräftigen Männern und Frauen fehlen, denen mit besonderer Beziehung auf unsere Lutherstadt das Wort des Dichters als Richtschnur vor der Seele steht:

Du mußt an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Auferstehn.
Laß diesen Glauben dir nicht rauben
trotz allem, allem was geschehn!
Und handeln mußt du so, als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär‘ dein.

Gott schütze und segne die Lutherstadt Wittenberg!

Ende

***

zurück – Richard Erfurth †