Gesundheit und Wohlbefinden der Bewohner einer Stadt hängen zum wesentlichen Teile von ihrer Versorgung mit gutem, einwandfreien Trinkwasser ab.
Die Lutherstadt Wittenberg darf sich daher beglückwünschen, daß es schon seit nunmehr fünfzig Jahren ein Wasserwerk besitzt, das ihm vorzügliches Trinkwasser in ausreichender Menge liefert. Vordem geschah die Wasserversorgung der Stadt Jahrhunderte hindurch durch öffentliche und private Pumpen und Brunnen. Außerdem standen in älterer Zeit über dem Rischen Bache und dem Faulen Bache, welche bis 1880 bzw. 1885 die Stadt im offenen Bett durchflossen, Wasserräder, welche das Wasser in Röhren nach den aufgestellten Rohrtrögen trieben.
Die häufige, immer wieder vergeblich gerügte Verunreinigung der Bäche und der Umstand, daß die Brunnen und Pumpen ihren Zweck nur mangelhaft erfüllten, zwang dazu, an eine bessere Wasserversorgung zu denken – die durch Röhrwasser, auch Röhrfahrten genannt.
Es wurden nacheinander folgende Röhrwasser angelegt:
– 1. die Schloßröhrfahrt oder der Teuchelbrunnen im Jahre 1543,
– 2. das alte Jungfernwasser im Jahre 1556
– 3. das Neue Jungfernwasser im Jahre 1559,
– 4. das Rhodische Wasser im Iahre 1625,
– 5. das Eiser-Wasser oder der Galgenbrunnen im Jahre 1714.
Die SchIoßröhrfahrt (das Schloßwasser) wurde im Jahre 1543 auf Veranlassung des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen (1532-1547) angelegt, um das Schloß mit Trinkwasser zu versorgen. Da sie aber mehr Wasser lieferte, als das Schloß benötigte, so wurde dieses in „Portionen“ auch an Privatpersonen abgegeben.
AIs Wittenberg 1815 preußisch wurde, ging auch diese Röhrfahrt
in die preußische Verwaltung über.
Im Jahre 1924 übernahm die Stadt Wittenberg die Schloßgebäude, Die Übernahme wurde dabei von der Mitübernahme der Schloßröhrfahrt, die ihre Quelle an der westlichen Ecke des ehemaligen Ererzierplazes bei Teuchel hat, ahhängig gemacht.
Das AIte Jungfernwasser entspringt etwa 80 Meter nordwestlich des Königsplatzes in Friedrichstadt.
Über seinen Namen bestehen zwei Auslegungen.
Die eine legt den Namen so aus, daß
– das Wasser so rein und klar wie eine Jungfrau sei.
– Die zweite führt die Bezeichnung auf ein Nonnenkloster zurück, das im Quellgebiet der Mark Bruder Annendorf stand und einen „Jungfraugarten“ besaß.
Im ältesten Protokollbuch der „Gewerkschaft Altes Jungfernwasser“ befindet sich eingangs ein aus dem Jahre 1698 stammender Auszug, der einer noch älteren, nicht mehr vorhandenen Urkunde entnommen ist.
Leider fehlen auch hier die ersten Blätter, die vielleicht Auskunst über die Entstehung des Namens geben könnten.
Auch aus der in unserem Besitz befindlichen Abschrift der Gründungsurkunde ist nichts über den Ursprung der Bezeichnung enthalten.
Das bereits erwähnte älteste Protokollbuch nennt dieses Röhrwasser anfangs „Jungfrau-Rohr-Brunnen“. Als dann das Neue Jungfernwasser angelegt war, entstand zum Unterschiede von diesem die Bezeichnung Altes Jungfernwasser, die noch heute besteht.
In dem von den sieben Gründern abgeschlossenen Vertrage vom 1. August 1556 heißt es u. a.:
„Zu Gottes Lob und zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt haben sich mit Wissen und Erlaubniß eines ehrbaren Rathes zu Wittenberg die ehrbaren, wohlweisen, hiernach benannten sieben Personen, als die
– Bürgermeister Hieronimus Krapp (Schwiegervater Melanchthons)
– Bürgermeister Christoff Niemeck, genannt Kelner, ferner
– der Stadtrichter Hanns Lufft und die Bürger
– Lucas Cranach,
– Conrad Ruhel,
– Christopf Schramm und
– Caspar Pfrundt,
einhellig entschlossen und sich gegenseitig mit Hand und Mund verpflichtet, ein Quellwasser in der Bruder Annendorfer Mark bei Trajuhn, auf der Stadt Grund und Boden, auf gemeinsame Kosten zu suchen, zu fassen und endlich mit Gottes Hülfe in die Stadt, in jedes der genannten Personen Haus zu führen und in Gang zu bringen; auch das Wasser in der Folgezeit im Felde, in der Stadt und in der Straße, von Erben zu Erben in baulichen Zustande zu erhalten…“
Mit dem Bau der Leitung wurde am 14. August 1556 begonnen und dieser in zwei Jahren am 22. Juli 1558 beendet.
Sie kostete insgesamt 507 Gulden 3 Groschen und 11 Pfennige. Einhellig wurde beschlossen:
„In Anbetracht, daß neben dem heiligen, theueren Gottesmann Dr. Martin Luther seligen und auch nach dessen Tode der hochachtbare
und theure Philipp Melanchthon mit seiner Arbeit und emsigem Gebet, dieser Stadt Kirchen und Schulen zu erhalten, so mannigfältig und treu gedient, und noch täglich emsig damit anhält, um ihm ihre Erkenntlichkeit zu zeigen, dem Herrn Philippo den achten Teil dieses Wassers zu verehren und ihm auf alleinige Kosten der Gewerke, die auch künftig die Unterhaltung übernehmen, in sein Haus führen zu lassen.
Das Neue Jungfernwasser hat seine Quellen in der Bruder-Annendorfer-Mark.
Im Jahre 1559, der Tag ist nicht bekannt, verkaufte der Richter von Trajuhn, Johannes Baptiste Nisius Hamann, zu dessen Anlegung den
gleichen Personen, welche das Alte Jungfernwasser anlegten, von seinen Hufen einen Raum mit einer Quelle im „Jungfraugarten“
für 6 Gulden.
Die Arbeiten zu der Röhrfahrt sind jedenfalls noch 1559 begonnen worden.
Wann sie vollendet wurde, geht aus den vorhandenen Urkunden
nicht hervor.
Die Sitzungen der Gewertschaft fanden Sonntagnachmittags in der Stube über der Sakristei (Ordonandenzimmer) statt.
Immer wieder kehren Klagen über gegenseitigen Wasserraub, undichte Röhren, Klagen der Anwohner über Belästigung durch das Wasser und über die Unzuverlässigteit des Röhrmeisters.
Häufig hatte die Gewerkschaft mit Schulden zu kämpfen, und Prozesse wurden ihr nicht erspart.
Das Rhodische Röhrwasser führt seinen Namen nach dem Professor Dr. Ambrosius Rhode, der den Plan zu dieser Röhrfahrt entwarf.
Es hatte seine Quelle in einem gefaßten Brunnen südlich von der östlichen Grenze der Sprengstoffwerke.
Nach vorhandenen Urkunden ist sie im Jahre 1625 angelegt.
Da die Quelle durch die Abwässer der Sprengstoffwerke als Trinkwasser unbrauchhar geworden war, so wurde ihre Verwendung hierzu polizeilich verboten und die Röhrfahrt schließlich aufgehoben.
Die städtische Wasserleitung
Bei dem erfreulichen Wachstum der Stadt Wittenberg, das namentlich seit dem Falle der Festungswerke einsetzte, vermochte die bisherige Wasserversorgung den gesteigerten Anforderungen nicht mehr zu genügen.
So beschlossen denn die städtischen Behörden nach eingehenden Beratungen und Prüfungen den Bau eines eigenen Wasserwerks, das im Jahre 1884 der öffentlichen Benutzung übergeben wurde.
Die Ausführung wurde dem Ingenieur Pfeffer aus Halle übertragen; die Arbeiten übernahm der Bauunternehmer Conroy und sein Geschäftsführer Klöber aus Essen.
Die Baukosten beliefen sich auf 400.000 Mark.
Die geeigneten Quellen zur Wasserleitung fand man auf dem bruchigen Gelände des Flämingsausläusers bei Straach.
Etwa 50 Schritte links von der Landstraße wurden drei Quellbrunnen und ein Sammelschacht angelegt, die mit Granitplatten eingefaßt und gedeckt wurden.
Die Einrichtung der Quellbrunnen ist ein besonderer Erfolg des Ingenieurs Pfeffer.
Das gleichfalls in Frage stehende Henochsche Projekt wollte das Wasser durch Drainsystem fassen.
Diesem gegenüber erzielte die Pfeffersche Anlage eine vierfache Wirkung: sie verhinderte eine Versandung der Leitung, steigerte die Wassergewinung auf 1.800 Kubikmeter für den Tag, während diese nach dem Henochschen Entwurf nur 1.500 Kubikmeter betrug; ferner steigerte sie die Druckhöhe um 8 Meter, so daß diese beispielsweise bei Hydranten auf dem Marktplatze sich auf 23 Meter belief und war schließlich in der Ausführung billiger.
Das Hochsammelbecken der Leitung wurde etwa 3 Kilometer von Wittenberg auf der Anhöhe vor Dobien errichtet.
Es erhielt eine Bodenfläche von 344 Quadratmeter und faßte bei gänzlicher Füllung 1.200 Kubikmeter.
Das Wasser hat von den Quellbrunnen bis zum Hochsammelbeken 8.624 Meter zu durchlaufen.
Auf diesem Wege waren mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden.
So stellten sich namentlich die Anhöhen bei Nudersdorf als Hindernis entgegen und zwangen dazu, diese mit der Leitung zu umgehen und sie durch ein quelliges, hügeliges Gelände zu führen, in welchem Wasser und Triebsand die Arbeiten erschwerte.
Trotz dieser Hindernisse führte aber die Bauleitung das Werk in verhältnismäßig kurzer Zeit und ohne einen nennenswerten Unfall zu Ende.
In der Zeit von fünf Monaten wurden 21.000 Meter Rohre von 80 bis 300 Millimeter Durchmesser und im Gewicht von 1.100.000 Kilogramm gelegt; ferner wurden in der gleichen Zeit 100 Hydranten und Schieber angebracht und die drei Quellbrunnen und ein Sammelschacht hergestellt.
Mitte Mai 1884 war das bedeutsame Werk vollendet.
Am Morgen des 25. Mai begaben sich die Vertreter des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung und sonstige Herren aus der Bürgerschaft unter Führung des damaligen Bürgermeisters Dr. Schild zunächst nach dem Quellgebiete bei Straach zur Besichtigung der Quellbrunnen und von da nach dem Hochsammelbecken bei
Dobien, wo die eigentliche Eröffnungsfeier und die Übergabe des Werkes an die Stadt Wittenberg stattfand.
Die Leitung funktionierte tadellos, und Ingenieur Pfeffer und
die übrigen Personen der Bauleitung konnten die freudigen und herzlichen Glückwünsche der städtischen Behörden entgegennehmen.
Eine Messung der Temperatur des Wassers ergab, daß dieses auf dem weiten Wege vom Quellbrunnen bis zum Hochsammelbecken nichts an Frische eingebüßt hatte, sie betrug hier wie dort 8 Grad Reaumur.
Zur Feier des für Wittenberg so bedeutsamen Ereignisses vereinigten sich die städtischen Behörden mit den Bauleitern am Abend zu einem Festmahle.
Am folgenden Tage, dem 26. M a i 1884 wurde die Wasserleitung der öffentlichen Benutzung übergeben.
Das fortgesetzte Wachsen der Stadt stellte an die Leistungsfähigkeit des Wasserwerks immer höhere Ansprühe und machte dessen Erweiterung notwendig.
Die bedeutendste Erweiterung geschah im Jahre 1906 durch Aufstellen eines Motors, eines Kompressors und einer Mammutpumpe, besonders aber durch Anlage des 51,71 Meter tiefen Rohrbrunnens.
Die Kosten für diese Erweiterungsanlagen betrugen 30.000 RM.
Im Laufe der Zeit machte sich eine Trübung des Leitungswassers unangenehm bemerkbar.
Der Grund dafür lag im folgenden:
Das Wasser kommt zwar aus den Quellen kristallklar zutage, es enthält jedoch erhebliche Mengen von vollständig gelösten schwefelsaurem Eisenoxydul, das zwar unschädlich ist, sich aber unter Einwirkung des Sauerstoffes der atmosphärischen Luft in Eisenoxyd umwandelt und dann das Wasser trübt und mit seinen Niederschlag die Rohrleitungen verunreinigt und verstopft.
Diesem Übelstande wurde mit der Erbauung einer Enteisenungsanlage abgeholfen, die im Jahre 1904 in Betrieb
genommen wurde.
Der fesselnde Vorgang der Enteisenung spielt sich folgendermaßen ab:
Das Wasser läuft vom Quellbrunnen in das am Hochsammelbeken befindliche Enteisenungswerk, wo es sich automatisch über acht eiserne mit je 170 Löchern durchbohrte Rieselbecken verteilt.
Diese lassen es in 1360 bleistiftstarken Strahlen auf 36.000 keilförmige und systematisch aufgeschichtete Mauersteine fallen, über deren breite Flächen es hinabsickert.
Durch die dadurch herbeigeführte umfassende Einwirkung des Sauerstoffes der atmosphärischen Luft verwandelt sich das schwefelsaure Eisenoxydul in Eisenoxyd.
Aus dem Rieseler gelangt nun das Wasser wieder selbsttätig in die Filter, durch diese in die Behälter und von da gereinigt in die Stadt. Auf die Kiesfüllung der Filter lagert sich das niedergeschlagene Eisenoxyd als braunroter Schlamm ab.
Die Filterfüllung muß daher alle drei Tage gewaschen werden.
Zu dieser Kieswäsche ist eine eigene Anstalt vorhanden, die in der Hauptsache aus drei viereckigen eisernen Trichtern besteht.
In den ersten Trichter wird der Kies geschüttet, durch den nun das
vom Quellbrunnen kommende Wasser von unten heraufdringt und nach Aufnahme des Schlammes über- und abfließt.
Ein zweiter Wasserstrom wirft den Kies zur wiederholten Wäsche in den zweiten und von hier in den dritten Filter, der diesen endlich auf eine Tenne zum Ablaufen des Wassers führt.
Diese sinnreiche Enteisenungsanlage ist nach dem Entwurfe des Ingenieurs Pfeffer aus Halle von Wittenberger Handwerkern ausgeführt.
Die Rohrleitung vom Quellbrunnen bis zur Stadt ist 13.124 Meter lang, und zwar vom Quellbrunnen bis zum Hochsammelbecken bei Dobien 8.624 Meter mit einem Fall von 18 Meter, das ist 1:479.
Diese Strecke durchläuft das Wasser in neun Stunden, also in vier Stunden nur einen Meter.
Dieser langsame Lauf wird bedingt einmal durch den geringen Fall und dann durch die vielen durch das Gelände verursachten Biegungen der Rohrleitung, die das Wasser zu einer vermehrten Reibung zwingen.
Vom Hochsammelbecken hat das Wasser bis zum Marktplatze
noch 2.500 Meter zurückzulegen bei einem Fall von 25 Meter, das ist 1: 100.
Die Geschwindigkeit ist auf dieser Strecke nicht mit Sicherheit festzustellen, da der Abgang durchaus unregelmäßig und vom Verbrauch abhängig ist.
Ende März 1909 betrug die Länge des gesamten Rohrnetzes vom Hochbehälter ab 20.048 Meter, Ende März 1927 bereits 27.908 Meter und ist seitdem entsprechend der Ausdehnung der Stadt fortgesetzt gewachsen.
Von der Leistungsfähigteit des Wasserwerks geben die nachstehenden Zahlen ein anschauliches Bild:
Durch die Mammutpumpe wurden im Jahre 1913 gleich 293.909 Kubikmeter Wasser gefördert.
Während der Kriegsjahre ist eine genaue Ablesung des Wassermessers nicht immer erfolgt.
Ab 1918 geschah dies wieder regelmäßig.
Der Jahres- und durchschnittliche Tagesverbrauch gestaltete sich folgendermaßen:
– bis Ende März 1919 gleich 539.060 Kubikmeter,
täglich 1.475 Kubikmeter,
– bis Ende März 1920 gleich 452.550 Kubikmeter;
täglich 1.235 Kubikmeter,
– bis Ende März 1921 gleich 426.260 Kubikmeter,
täglich 1.165 Kubikmeter,
– bis Ende März 1922 gleich 454.600 Kubikmeter,
täglich 1.240 Kubikmeter,
– bis Ende März 1923 gleich 489.450 Kubikmeter,
täglich 1.340 Kubikmeter,
– bis Ende März 1924 gleich 442.200 Kubikmeter,
täglich 1.210 Kubikmeter,
– bis Ende März 1925 gleich 498.680 Kubikmeter,
täglich 1.365 Kubikmeter,
– bis Ende März 1926 gleich 529.750 Kubikmeter,
täglich 1.450 Kubitmeter,
– bis Ende März 1927 gleich 450.830 Kubikmeter,
täglich 1.250 Kubikmeter.
Die Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren beruhen auf Rohrbrüchen, häufigerem Spülen bei Wassertrübungen und Witterungseinflüssen.
Eine bleibende Senkung des 7,50 Meter unter dem Gelände festgestellten Grundwasserspiegels ist trotz zeitweise nötig werdenden verstärktem Pumpen nicht eingetreten, wodurch die dauernde Ergiebigkeit unseres Wasserwerts erwiesen ist.
Da infolge des Anwachsens der Industrie sich Wittenberg fortgesetzt vergrößerte und damit die Anforderungen an das Wasserwerk immer größere wurden, so mußte eine abermalige Erweiterung desselben ins Auge gefaßt werden.
Diese erstreckte sich vor allem auf die Enteisenungsanlage, die in ihrer bisherigen Form sich als nicht mehr ausreichend erwies.
Statt der offenen Enteisenungsanlage baute man nach dem System Halvor-Breda A.-G.-Berlin-Charlottenburg im Jahre 1916 eine geschlossene Enteisenung ein.
Die Kolbenpumpen leisteten 60 Kubikmeter je Stunde.
Während des Weltkrieges wurde Wittenberg außerordentlich stark mit Truppen belegt.
Außerdem mußte für die große Zahl der hier untergebrachten Kriegsgefangenen (bis zu 16.000 Mann) ein ausgedehntes Gefangenenlager eingerichtet werden; auch machte sich das Einrichten zahl-reicher Lazarette für die vielen Verwundeten nötig. Durch den hierdurch bedingten großen Masserverbrauch wurde das Wasserwerk überlastet.
Seine Brunnen und Pumpen wurden derart in Anspruch genommen, daß die verlangte Wasserlieferung nicht mehr möglich war.
Deshalb entschloß sich die Stadt, im Jahre 1918 einen Kilometer westlich des Wasserwerks bei Reinsdorf zwei neue Brunnen von 80 Meter Tiefe zu bauen, von denen der eine als Versuchsbrunnen gedacht war.
Er brach jedoch bald wieder zusammen, weil die verwendeten Kriegsbaustoffe sich als nicht standhaft erwiesen.
Die Wasserförderung aus dem noch heute bestehenden zweiten Brunnen geschieht durch zwei Zentrifugalpumpen von je 100 Kubikmeter Stundenleistung.
Nach dem Stillegen der Tiefkolbenpumpen im Wasserwerk wurde das bei Reinsdorf geförderte Wasser durch die geschlossene Enteisenungsanlage geschickt.
Die Reinigung war jedoch nicht hinreichend, um den Eisengehalt gänzlich aus dem Wasser zu entfernen.
Die Klagen aus de: Bürgerschaft über trübes, gelbes Wasser wurden immer lauter und dringender, und auch durch öfteres Spülen des Rohrnetzes konnte diesen nicht abgeholfen werden.
Daher entschloß sich die Stadtverwaltung, eine neue Enteisenungsanlage für das gesamte Wasser des Wasserwerks zu schaffen.
Anfang 1925 wurden die ersten Verhandlungen darüber geführt, und am 15. September dieses Jahres der Umbau begonnen.
Man ließ sich dabei von der Erwägung leiten, daß eine völlige Enteisenung des Wassers nur erreicht werden könnte bei einer eingehenden Belüftung desselben.
Man entschloß sich darum zur Anwendung des Spritzdüsensystems nach dem Vorbild des Wasserwerks von Potsdam.
Bei diesem Verfahren wird das Wasser durch Düsen in feine Tropfen zerstäubt und gleichzeitig zwei Meter in die Höhe geworfen.
Bei zwei Meter Aufstieg und zwei Meter Fall durchmißt also das Wasser einen vier Meter langen Weg.
Aus der Höhe fällt es auf eine Prellplatte und von dieser in die darunter liegenden Absatzbecken.
In diesen scheidet sich durch das Ruhen des Wassers das noch darin enthaltene Eisen fast restlos aus.
Von hier aus wird es dann den Kiesfiltern zugeführt und nach Durchfließen einer 80 Zentimeter starken feinkörnigen Kiesschicht geklärt und gereinigt und hierauf auf die Marmorfilter weiter geleitet.
Diese bestehen aus einer Schicht von Marmorkies.
Marmor besitzt die Eigenschaft, die Kohlensäure aufzusaugen, wobei er sich aufzehrt und erneuert werden muß.
Diese jährliche Erneuerung beansprucht 12 Kubikmeter.
Von den Marmorfiltern läust das Wasser unmittelbar durch die Reinwasserbehälter und von da über den Wassermesser in die Stadt.
Die Gesamtkosten des Umbaues betrugen 75.000 RM.
Das Wittenberger Leitungswasser ist nunmehr nicht allein eisenfrei, sondern auch klar und völlig farb- und geruchlos.
Auch in bakteriologischer Hinsicht ist es nach dem Gutachten von Sachverständigen als völlig einwandfrei anerkannt worden.
Die Lutherstadt Wittenberg darf sich also rühmen, ein Wasserwerk zu besitzen, das nach jeder Richtung hin als mustergültig bezeichnet werden darf, und am Gedenktag seines 50jährigen Bestehens wird dies von der Bürgerschaft besonders dankbar anerkannt werden.
Richard Erfurth
aus: Unser Heimatland vom 28.04.1934
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