Die auf die Regierung Friedrichs des Weisen folgenden Jahrhunderte sind reich an Kriegsstürmen, von denen namentlich unsere Stadt heimgesucht wurde.
Nicht wenig trug dazu der Umstand bei, daß sie schon frühzeitig befestigt war.
Ursprünglich bestand diese Befestigung nur in einer einfachen Mauer mit festen Türmen, deren Bewachung den Bürgern oblag. Nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 1332 waren 72 Personen zur Mauerwache berufen.
Im Jahre 1409 aber wurden Wall und Mauern in Festungsmanier hergerichtet.
Als 1429 die Hussiten mit 1000 Mann Wittenberg angriffen, berannten sie vergeblich die Festungswerke und mussten unverrichteter Sache wegen abziehen.
Sie rächten sich dadurch, daß sie die Vorstädte in Brand steckten. Unter Friedrich dem Weisen wurden die Festungswerke in den Jahren 1509 bis 1517 auf Kosten der Stadt verstärkt, und unter Kurfürst Johann Friedrich wurden zu der dreifachen Mauer und den Türmen noch fünf Außenwerke errichtet.
Bald sollten die Festungswerke die Probe auf ihre Festigkeit bestehen.
Bereits im Sommer 1546, noch ehe die Häupter des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf Philipp von Hessen, mit ihrer Armee gegen Kaiser Karl V. zogen, war Wittenberg mit einer Garnison von 7000 Mann besetzt worden.
Es wurde der völlige Belagerungszustand eingerichtet, die Hauben der Türme wurden abgetragen und deren Plattform mit Feldschlangen besetzt, ebenso wurden alle Wälle mit Geschützen und Kriegsmaschinen bewehrt.
Nachdem Kurfürst Johann Friedrich in der unglücklichen Schlacht auf der Lochauer Heide am 4. April 1547 geschlagen und gefangen genommen worden war, setzte sich das kaiserliche Heer gegen Wittenberg in Bewegung und belagerte die Stadt.
Wiederum mussten die Bewohner ansehen, wie die Vorstädte sämtlich in Flammen aufgingen. Kaiser Karl V. kam mit seinem fürstlichen Gefangenen auf dem linken Elbufer vor Wittenberg an. Etwa eine Dreiviertelstunde unterhalb der Stadt, vom sogenannten „Kaiserlager“ aus, setzte er mittels einer Schiffbrücke auf das rechte Ufer über und schlug bei Piesteritz sein Lager auf.
Beim Anblick der wohlverwahrten Festung äußerte er:
„Hätten wir den Vogel nit, das Nest bekämen wir sobald nit.“
Um seinen Zweck zu erreichen, nahm der Kaiser zu einem verwerflichen Mittel seine Zuflucht.
Er verurteilte, jedenfalls nur zum Schein, den Kurfürsten zum Tode und ließ ihm am 10. Mai das Todesurteil verkündigen.
Dieser spielte eben mit dem Herzog von Lüneburg im Zelte Schach. Gelassen hörte er das Urteil an und äußerte dann ruhig zum Herzog: „Wir wollen weiterspielen.“
Schon hatte man im Angesichte der Stadt das Blutgerüst aufgerichtet, als sich Karl V. durch die Vorstellungen mehrerer Fürsten bewegen ließ, das Todesurteil aufzuheben.
Er tat dies jedenfalls um so lieber, als er doch dabei den beabsichtigten Zweck – die Kapitulation der Festung – erreichte. Johann Friedrich musste die im der Geschichte bekannte „Wittenberger Kapitulation“ vom 18. Mai 1547 unterschreiben, wodurch er nicht bloß die Festung mit allen Vorräten, Geschützen, Magazinen usw. dem Kaiser übergab, sondern gleichzeitig auch für sich und seine Kinder auf die Kurwürde verzichtete.
Nur ein kleiner Teil seiner Länder, die thüringischen Besitzungen, verblieben ihm.
Außerdem musste er in der Gefangenschaft des Kaisers bleiben, solange es diesem gefiel.
All diesen schweren Bedingungen unterwarf sich der Kurfürst, nur der einen nicht, daß er die Beschlüsse des Tridentiner Konzils annehmen und so von dem evangelischen Glauben sich abkehren sollte.
Diese Zumutung wies er mit der größten Entschiedenheit zurück. Als die Bürgerschaft die Nachricht erhielt, die Stadt solle übergeben werden, geriet sie in die größte Bestürzung, denn man fürchtete nicht mit Unrecht die Gräueltaten der zügellosen Spanier in Karls Heere.
Die Einwohner bestürmten ihren Stadtpfarrer D. Bugenhagen, er möge an den gefangenen Kurfürsten schreiben und ihn bitten, die Stadt nicht zu übergeben.
Bugenhagen ließ darauf alle Glocken läuten und rief die ganze Einwohnerschaft in der Stadtkirche zusammen.
Hier hielt er, wie er selbst sagte, nicht eine geistliche, sondern eine weltliche Rede an die geängstigte Gemeinde.
Er führte ihr vor, daß beides bedenklich sei, die Nichtübergabe wie die Übergabe der Stadt.
Doch riet er nach reiflicher Überlegung zur Übergabe und befahl dann in einem ergreifenden Gebete die Stadt in Gottes Schutz.
Als Bedingung der Übergabe baten die Einwohner sich vom Kaiser aus, daß kein Spanier die Stadt betreten dürfe.
Als daher der Kurfürst vom Kaiser die Erlaubnis erhielt, acht Tage lang im Schloss zum Pfingstfest bei seiner Familie zu verweilen, da musste dieser länger als eine Stunde vor dem Tore warten, weil sich eine Menge Spanier herandrängten, die man nicht in die Stadt einlassen wollte.
Nach der Übergabe der Stadt musste die alte Besatzung abziehen; an ihre Stelle trat eine neue aus Deutschen bestehende unter dem Befehle des kaiserlichen Statthalters Madruska.
Am 23. Mai kam der Kaiser mit einem kleinen Gefolge durch das Schloßtore selbst in die Stadt geritten.
Er stattete der Kurfürstin Anna zunächst einen Besuch ab und begab sich dann in die Schlosskirche, wo er am Grabe der beiden Reformatoren in tiefem Nachdenken verweilte.
Bekannt ist die Erzählung, wonach der fanatische Herzog Alba den Kaiser aufgefordert habe, den Leichnam Luthers auszugraben und verbrennen zu lassen.
Karl V. aber soll ihm die Antwort gegeben haben:
„Laßt ihn ruhen.
Ich führe Krieg mit den Lebendigen und nicht mit den Toten.“
Auf einem in der Lutherhalle befindlichen Bilde von Teich ist diese Szene dargestellt.
Der ganze Vorgang ist allerdings unbeglaubigt.
Der Kaiser wünschte, auch die Stadtkirche zu besichtigen, er konnte aber nicht in das Innere gelangen, weil der Küster mit den Schlüsseln nicht aufzufinden war.
Bugenhagen berichtet über diesen Besuch selbst folgendes:
„Seine kaiserliche Majestät kam über den Kirchhof, ritt für meiner Tür über. Als Seine Majestät ein Kruzifix gemalt sah an der Kirchen, blößten Seine Majestät das Haupt und die anderen Herren auch.
Seine Majestät ließ fragen nach den Schlüsseln, hätte gern in unserer Kirche gewest, aber unser Küster war nicht vorhanden.“
Einige vornehme Spanier aus des Kaisers Gefolge aber wussten kurz darauf Zutritt zu dem verschlossenen Gotteshause zu finden.
Kaum hatte einer auf dem vierfachen von Cranachs Meisterhand gemalten Altarbilde das Bild Luther auf der Kanzel erblickt, als er auch schon den Degen zog und mit den Worten:
„Dieses Untier wütet auch im Tode noch“
nach diesem stach und die Schulter und den Unterleib traf.
Diese Stiche sind heute noch im Bilde zu fühlen.
Den Kurkreis mit der Kurwürde verlieh der Kaiser dem Vetter des gefangenen Kurfürsten, dem Herzog Moritz von Sachsen, wodurch dieser Besitz von der Wettinischen auf die Albertinische Linie überging, in deren Händen er bis zum Jahre 1814 verblieb.
Auch die über 7 000 Mann starke Besatzung Wittenbergs wurde mit ihrem Gehorsam an den neuen Kurfürsten verwiesen.
Moritz zeigte sich sehr besorgt um das Wohl der Stadt, namentlich um das der Universität.
Die spanischen Horden hatten in der Umgegend arg gehaust, die Saat ihren Pferden gefüttert oder sie verwüstet.
Nach geschehener Huldigung erließ Kurfürst Moritz eine Bekanntmachung, in der er alle Einwohner des Kurkreises, die verjagt oder geflohen waren, zur Rückkehr aufforderte, indem er ihnen gleichzeitig Holz zum Aufbau der zerstörten Häuser und Brotkorn versprach.
Sein Wohlwollen gegen die Stadt Wittenberg bezeugt u.a. der Freiheitsbrief, welchen er ihr im Jahre 1552 erteilte.
Er gibt darin die Versicherung, daß die Stadt nicht ohne die äußerste Not mit Truppen belegt werden sollte.
In dem Falle, daß dies doch geschähe, sollten die Kirchen- und Schuldiener, Professoren, Ratspersonen sowie auch Witwen und Waisen davon befreit sein.
Bei Ausbruch des dreißigjährigen Krieges wurde Wittenberg noch stärker befestigt, und die älteren Festungswerke durch neue vermehrt. Gegen 2000 Arbeiter waren dabei ununterbrochen tätig.
Im allgemeinen erging es der Stadt im Vergleich zu anderen Städten in diesem schrecklichsten aller Kriege noch glimpflich.
Allerdings gingen auch jetzt wieder die Vorstädte in Flammen auf.
Im Jahre 1632 nahm der Retter des evangelischen Glaubens, der Schwedentönig Gustav Adolf, seinen Weg über Wittenberg.
An der Elbbrücke begrüßten ihn die Studenten mit lauten Hochrufen.
Er dankte ihnen bewegt und soll zu ihnen gesprochen haben:
„Von Euch kam das Licht nach Schweden. Weil es aber bei Euch in Deutschland wieder dunkel wurde, mussten wir von Schweden herüber kommen, um das Licht wieder anzuzünden. Es soll bald taghell sein in diesem großen und schönen Lande.“
Der Stadt Wittenberg gab er zahlreiche Beweise seines Wohlwollens.
Das geht auch aus den vielen Reden und Gedichten hervor, die zu seinem Lobe von Wittenberger Professoren und Studenten verfasst wurden.
Nach dem Heldentode Gustav Adolfs bei Lützen musste freilich Sachsen und auch die Umgegend von Wittenberg durch die schwedischen Scharen viel leiden.
Im Jahre 1636 fiel der schwedische General Banner in Sachsen ein. Raub, Plünderung, Brand und Mord bezeichnete den Weg, den seine zügellose Soldateska genommen.
Auch die Umgegend von Wittenberg wurde schwer heimgesucht. Viele Ortschaften, von denen nur noch die Namen auf uns gekommen sind, wurden damals bis auf den Grund verbrannt und zerstört.
Im ganzen Kurkreise zählte man 343 „wüste Marken“ auf dem Raume von 74 Quadratmeilen.
Davon entfallen auf das
– Amt Wittenberg allein 80,
– auf Belzig mit Rabenstein 65,
– auf Seyda 11,
– Schweinitz 15,
– Schlieben 4,
– Liebenwerda 27,
– Annaburg und Pretzsch 45,
– Gräfenhainichen 13 und
– Bitterfeld 62.
Die übrigen 41 kommen auf die zum Kurkreise gehörigen Exklaven. Ganze Gemeinden mit ihren Geistlichen und Lehrern suchten hinter den Mauern von Wittenberg Schutz.
Dieses wagten die rücksichtslosen Feinde seiner starken Festungswerke wegen nicht ernstlich anzugreifen.
Am 17. Januar 1637 aber legten sie Feuer an das Werk Friedrichs des Weisen, die Elbbrücke, von der drei Joche abbrannten.
Da der Kurkreis durch den Krieg und die ihm folgende Pest gänzlich verarmt war, so konnte vorerst an eine Wiederherstellung der Brücke nicht gedacht werden.
Was die Schweden davon übrig gelassen hatten, das vernichtete in den nächsten Jahren Hochwasser und Eisgang, so daß man sich genötigt sah, auch die letzten noch stehenden sechs Joche abzutragen.
Von 1637 bis 1787, also 160 Jahre lang, war der Verkehr über den Elbstrom wieder auf die Fähre angewiesen.
Erst im Jahre 1784 bis 1787 ließ Kurfürst August III., der Erbauer des nach ihm benannten Augusteums, eine neue, auf 12 hölzernen Pfeilern ruhende Brücke von 350 Ellen Länge und 11 Ellen Breite herstellen.
Diese dauerte nur 54 Jahre, bis zum Jahre 1841, wo sie durch einen starken Eisgang vernichtet wurde.
In den Jahren 1842 bis 1846 wurde dann die jetzt noch stehende und später mehrfach umgebaute Elbbrücke von der preußischen Regierung mit einem Kostenaufwande von 800 000 M. errichtet.
Um den Zustand des Kurkreises und den durch den Einfall der Schweden verursachten Schaden festzustellen, setzte Kurfürst Georg I. eine besondere Kommission zu diesem Zwecke ein.
Diese Untersuchung, welche im April und Mai 1638 stattfand, lieferte folgendes Resultat:
„Im Bezirke des Amtes Wittenberg sind 111 Oerter gelegen,
nämlich 5 Städte:
– Wittenberg,
– Schmiedeberg,
– Kemberg,
– Zahna,
– Pretzsch;
– 25 Dörfer sind den Kanzleisassen gehörig;
– 1 Flecken und 52 Dörfer gehören dem Amte,
– 19 Dörfer der Universität u. dem Erbmarschall Löser (in Pretzsch)
– und 9 Dörfer den Amtsschriftsassen.
Es haben sich 3540 Häuser und Güter und ebenso viel Familien bei vorigen guten Zeiten darin befunden.
Von obiger Zahl sind 1033 Häuser und Güter abgebrannt, und 1315 Häuser und Güter stehen wüste.
Außer den abgebrannten Häusern waren noch 254 von den feindlichen Truppen niedergerissen.
An Vieh sind gefunden worden: 205 Pferde, 55 Ochsen, 204 Kühe, 921 Schafe, 9 Ziegen und 197 Schweine.
Unter den Städten haben Zahna und Pretzsch am meisten gelitten. Im ersteren Orte sind 243 und im letzteren 133 Häuser zerstört.
In Schmiedeberg wurden 159 Häuser abgebrannt, und nur 101 Einwohner blieben am Leben. Man sah täglich 6 bis 10 Dörfer in Flammen aufgehen.
Die über der Elbe in der Aue belegenen Dörfer haben am meisten gelitten, ebenso die der Universität gehörenden und die Löserschen Dörfer, nicht minder die auf dem Fläming der hiesigen Festung am nächsten lagen, denn in diesen letzteren hat sich ein Meile umher kein Mensch aufhalten dürfen“. – Soweit der Bericht der Untersuchungskommission.
Viel Ungemach widerfuhr der Stadt Wittenberg im sogenannten nordischen Kriege, den Kurfürst Friedrich August I. (König August der Starke von Polen) mit veranlasst hatte.
Am 27. August 1706 erging an die Bürger der Befehl, daß kein Bürger die Stadt verlassen dürfe und jeder sich zum Wachdienste bereit halten möge, da die Schweden im Anzuge seien.
Am 8. September rückte ein französisches Bataillon in die Stadt ein. Die französischen Soldaten begingen allerlei grobe Ausschreitungen, was die Bürger zu lebhaften Klagen beim Rate veranlasste.
Dessen ungeachtet wurde jedem Bürger das Verlassen der Stadt bei 100 Talern Strafe von neuem verboten.
Die französische Besatzung verließ die Stadt bald wieder, und am Michaelistag 1706 rückte ein 1200 Mann starkes schwedisches Regiment hier ein.
Der Rat der Stadt ließ dem Obersten Rosenstirna bei seiner Ankunft zwei vergoldete silberne Deckelbecher als Geschenk überreichen.
Eine Stunde nach dem Einmarsche versammelte sich das Regiment wieder auf dem Marktplatze, und Offiziere wie Gemeine hielten hier knieend eine Andacht.
Die Stadt wurde verpflichtet, dem Obersten wöchentlich 50 Taler Tafelgelder zu zahlen.
Indessen war dies eine Kleinigkeit, gegenüber den sonstigen Lasten, welche ihr innerhalb von 9 Monaten von den ungebetenen feindlichen Gästen auferlegt wurden.
Allein während der vier Monate September bis Dezember musste die Stadt aufbringen:
An Kriegskontribution
An Exekutionsgebühren 2074 Taler 15 Gr.
An Exekutionsgebühren 157 Taler 16 Gr.
Für zu liefernde Artilleriepferde 500 Taler –
112 Zentner 24 Pfund Heu 80 Taler 8 Gr. 9 Pf.
An Hafer und Stroh 32 Taler 3 Gr.
Für die Verpflegung der schwedischen
Truppen an den ersten beiden Tagen,
inklusive 17 Taler, die der Major Wrangel
mit seinen Leuten vor dem Einmarsch im
„Goldenen Adler“ verzehrt 217 Taler –
Zu den verschiedenen Bedürfnissen;
wie Wagen, Baukosten an der
Hauptwache usw. 238 Taler 2 Gr. 6 Pf.
______________________________________________________________________
Sa. 22020 Taler 21 Gr. 3 Pf.
Hierzu kommen noch 6 000 Taler, welche die Universität und die umliegenden Dörfer aufbringen mussten. In den Monaten Januar und Februar 1707 musste die Stadt ferner aufbringen:
10 376 Taler, in den Monaten März und April 6 917 Taler 11 Gr. und im Monat Mai 1 729 Taler 10 Gr.; ferner an Fourage Geldern 8 000 Taler; an Verpflegung 524 Taler 18 Gr., ungerechnet sonstiger bedeutender Kosten.
Es leuchtet ohne weiteres ein, daß es unserer Stadt schwer wurde, diese hohen Summen aufzubringen.
Der Rat sah sich daher genötigt, einen Teil des städtischen Grundbesitzes unter der Bedingung der Wiedereinlösung zu verpfänden.
So verpfändete er den Fleischerwerder an Samuel Fröber aus Treuenbrietzen gegen 4 000 Gulden, ebenso die Hutung auf Bodemar und eine zum Rittergute Seegrehna gehörige Wiese an die Gemeinde Seegrehna gegen 1700 Gulden und die auf Bodemar gelegene weiße Pfuhlwiese an den Seegrehnaer Pfarrer gegen 200 Taler und das Versprechen, dem Sohne des Pfarrers eine Freistelle auf der Landesschule Grimma und späterhin ein ansehnliches Stipendium auf der Wittenberger Universität zu verleihen.
Am 21. Februar 1707 kam der Schwedenkönig Karl XII. nach Wittenberg, wo er die Schlosskirche und die Lutherstube besuchte.
Einige Jahre später am 14. Oktober 1712 besuchte übrigens auch sein Gegner, Peter der Große von Rußland, unsere Stadt.
Bei seinem Besuche im Lutherhause ließ er das Trinkglas Luthers fallen, so dass dieses noch jetzt in Scherben gezeigt wird.
Nach einer anderen Lesart hat er es absichtlich fallen lassen, weil man ihm das kostbare Andenken nicht überlassen wollte.
An die Tür, welche aus der Lutherstube nach dem Nebenraume führt, schrieb er mit Kreide seinen Namen, wo dieser, unter Glas gefaßt, noch heute zu sehen ist.
Erst am 2. September 1707 verließ die schwedische Besatzung die Stadt, nachdem sie diese 11 Monate lang bedrückt und ausgesogen hatte.
Noch größeres Unheil brachte der siebenjährige Krieg über unsere Stadt.
Der Kurfürst von Sachsen hatte sich den Feinden des Preußenkönigs Friedrichs des Großen angeschlossen.
Die Folge dieser kurzsichtigen Politik war, daß Wittenberg wieder die Schrecken des Krieges erfahren musste.
Bereits im Sommer 1759 wurde die Stadt von den Preußen besetzt. Als aber am 20. August 1759 die Reichsarmee sich der Festung näherte, schlossen diese eine Kapitulation ab, nach der ihnen freier Abzug zugestanden wurde.
Am 27. August erschien wieder ein preußisches Heer vor den Wällen, und nun erfolgte eine ähnliche Kapitulation seitens der Reichsarmee.
Im Herbste 1760 aber rückten gleichzeitig vier Heeresabteilungen gegen die geängstigte Stadt:
auf der linken Seite der Elbe das Württembergische Korps,
auf der rechten Seite ein preußisches Heer, dem bald die Reichsarmee und die unter dem Befehle des Generals Lasci stehenden Truppen folgten.
Die Stadt seufzte unter der Last der Einquartierung.
Die akademischen Gebäude, das Rathaus, das Schulgebäude ua. öffentlichen Häuser wurden zu Lazaretten eingerichtet und mit Hunderten von Kranken angefüllt.
Am 2. Oktober entspann sich hinter den Weinbergen bei Teuchel ein heftiges Gefecht zwischen den Preußen unter dem Befehle des General Hülsen und der Reichsarmee unter dem Kommando des Herzogs von Zweibrücken, wobei das Dorf Teuchel in Flammen aufging.
In der folgenden Nacht brannte die preußische Besatzung die Vorstädte nieder, um freies Gefechtsfeld zu haben.
Am gleichen Tage begann das Württembergische Korps, die Stadt mit Haubitzen und Granaten zu beschießen.
Durch diese Kanonade wurde das Kleemannsche Haus in der Mittelstraße völlig zerstört, die akademischen Gebäude, Fridericianum und Augusteum, arg beschädigt.
Der preußische Kommandant verweigerte die geforderte Kapitulation, er ließ das Straßenpflaster aufreißen und die Wälle noch mehr befestigen.
Die Beschießung vom 2. Oktober war indessen nur das Vorspiel zu dem unheilvollen Bombardement vom 13. Oktober.
Die Belagerer hatten eine Schiffbrücke über die Elbe geschlagen, eröffneten Laufgräben, errichteten drei Batterien vor dem Schloßtore und begannen nun ihren Geschoßhagel in die unglückliche Stadt zu werfen.
Ein Augenzeuge berichtet, dass an diesem Tage 1 000 Bomben, ungezählte Kanonenkugeln und Haubitzgranaten in die Stadt geschleudert wurden.
Grauenhaft war die angerichtete Zerstörung: In der inneren Stadt allein wurden 181 Häuser stark beschädigt und 132 völlig zerstört. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde die Juristenstraße, die einem Trümmerhaufen glich, ferner die Klosterstraße, Bürgermeisterstraße, Scharrengasse, Töpfergasse und ein großer Teil der Jüdenstraße.
Es wurden infolge dessen 296 Familien obdachlos.
Noch schlimmer waren die Verwüstungen in den Vorstädten, in denen insgesamt 200 Häuser zerstört wurden.
Zwei Personen – der Pächter der Fleischsteuer namens Kõppe und die Ehefrau des Tagelöhners Gentzsch wurden durch einschlagende Granaten getötet.
Besonders schlimm hatte die Schlosskirche gelitten, von welcher fast nichts als nur die kahlen Umfassungsmauern stehen blieben.
Die historische Tür, an welche Luther am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen schlug, wurde samt der inneren Einrichtung ein Raub der Flammen.
Auch unsere Pfarrkirche schwebte in großer Gefahr; sie wurde von zahlreichen Kugeln getroffen, und der eine Turm hatte bereits Feuer gefangen, das aber von einigen beherzten Bürgern noch rechtzeitig gelöscht wurde.
Da endlich, als die Not der Einwohner aufs höchste gestiegen war, entschloss sich die preußische Besatzung zur Kapitulation.
Mit klingendem Spiele zog sie zum Elbtore hinaus, um dort das Gewehr zu strecken.
Der Oberbefehlshaber der Reichsarmee gab hierauf den Befehl die Festungswerke zu sprengen. Schon hatte man an der Nordseite die Brustwehr zerstört, die Palisaden ausgehoben und Minen zur Sprengung der Hauptwerke gelegt, als die Nachricht eintraf, dass der gefürchtete Preußenkönig mit einer Armee im Anmarsch auf Wittenberg sei.
Daraufhin unterbrach man die Zerstörungsarbeiten, und am 23. Oktober verließ die letzte Abteilung der Reichsarmee die Stadt, die Schiffbrücke, auf welcher sie über die Elbe setzte, hinter sich verbrennend. Gleich darauf rückten preußische Husaren in Wittenberg ein.
Friedrich der Große erschien selbst in der Stadt und nahm mit Bedauern die großen Verheerungen darin wahr.
Das preußische Heer ging hierauf auf zwei unweit Wittenberg und Dessau geschlagenen Schiffbrücken über die Elbe, um den Feind zu verfolgen, und in der Schlacht von Torgau am 3. November zu besiegen.
Die demolierten Festungswerke wurden leider zum Unglück unserer Stadt wieder hergestellt.
Nur schwer und allmählich erholte sich Wittenberg von den Wunden des siebenjährigen Krieges.
Im Jahre 1806 aber begann für dieses eine neue schwere Leidenszeit.
Der Kurfürst Friedrich August von Sachsen hatte noch in der Schlacht bei Jena den Franzosen als Feind gegenüber gestanden.
Im Frieden zu Posen am 11. Dezember 1806 aber erklärte er sich zum Bundesgenossen Frankreichs und Mitgliede des Rheinbundes und sagte die Stellung eines Bundeskontingents von 2 000 Mann zu. Für diese Willfährigkeit erhob ihn Napoleon I. zum König.
Die Stadt Wittenberg aber musste diese Wandlung bitter bezahlen. Nach der Schlacht von Jena richtete der Stolze Sieger seinen Marsch nach Preußens Hauptstadt Berlin.
Der größte Teil der französischen Truppen berührte unsere Stadt. Vom 20. Oktober bis 28. November 1806 hatte diese und die an der Heerstraße liegenden Ortschaften unter der wechselnden Einquartierung schwer zu leiden.
Wegen der mit dem Kurfürsten angebahnten Verhandlungen wurde Sachsen zwar nicht als feindliches Gebiet behandelt, aber trotzdem musste Wittenberg und der Kur kreis bedeutende Lieferungen an Naturalien leisten und 2 Millionen Franken Kriegskontribution zahlen.
Insbesondere hatten die jenseits der Elbe gelegenen Orte viel zu leiden. Das Korps des Marschalls von Davout erhielt den Befehl, nicht eher die Elbe zu überschreiten, bis der Kaiser mit dem Kerne der Armee von Halle aus eingetroffen sei.
Infolgedessen schlug das genannte Korps zwischen Eutzsch und Pratau sein Lager auf, da nicht alle Soldaten in den Dörfern untergebracht werden konnten.
Die drei Tage dieses Lagerlebens haben die Bewohner jener Orte schwer empfinden müssen.
Den Truppen musste nicht allein reichliche Verpflegung gegeben werden, sondern diese nahmen auch heimlich und mit Gewalt Geld und Geldeswert hinweg.
Lebensmittel, Vieh, Kochgeschirr, Betten usw. wurden den Einwohnern fortgenommen und ins Lager geschleppt, wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Ein getreues Bild von den der Stadt Wittenberg auferlegten Lasten geben die uns vorliegenden Aufzeichnungen eines Zeitgenossen. Zur Verpflegung der französischen Truppen wurden geliefert
a) am 20. Oktober 1806:
6 000 Bouteillen Wein,
30 000 Rationen Brot,
100 Stück Kühe und Ochsen,
außerdem 2385 Taler für diejenigen Lieferungen,
die nicht aufgebracht werden konnten.
b) am 21. Oktober wurden durch den Kriegskommissar Bourget ausgeschrieben:
20 000 Rationen Brot,
20 000 Rationen Hafer, Heu und Stroh,
200 Ochsen,
2 000 Flaschen Wein.
c) am 26. und 27. Oktober wurden zur Lieferung ausgeschrieben:
6 000 Zentner Weizen,
6 000 Zentner Heu,
6 000 Zentner Stroh,
11 000 Scheffel Hafer,
60 Stück. Ochsen.
d) am 15. November erfolgte eine neue Ausschreibung von:
5 200 Scheffel Hafer,
9 686 Scheffel Weizen,
65 Scheffel Erbsen,
260 Faß Bier,
70 ½ Eimer Branntwein,
414 Eimer Wein,
26 ¾ Scheffel Salz,
810 Stück Ochsen,
450 Stück Schafen,
7 587 Zentner Heu,
505 Schock Stroh,
482 Klaster Brennholz,
1 350 ½ Pfund Lichte,
525 ½ Pfund Oel,
2 315 Pfund gebackenen Pflaumen,
17 ½ Zentner Reis.
e) Für das angelegte Reserve-Magazin für 150 000 Mann
und 40 000 Pferde wurden requiriert:
18 456 Scheffel Weizen,
7 099 Scheffel Korn,
447 ½ Zentner Reis,
437 ½ Scheffel Salz,
37 500 Pinten Weinessig,
140 625 Pinten Branntwein,
54 000 Pinten Wein,
328 191 Kannen Bier,
3 214 Ochsen,
8 600 Zentner Heu,
5 250 Schock Stroh,
3 3819 Scheffel Hafer,
7 380 Klafter Scheitholz,
1 050 Pfund Lichte,
525 Pfund Oel.
Für Napoleon schien Wittenberg als befestigter Platz große Wichtigkeit zu haben.
Gleich nach seiner Ankunft hier gab er Befehl, die vernachlässigten Festungswälle wieder herzustellen und zu verstärken.
Damit begann für unsere Stadt die Einleitung zu den schrecklichen Drangsalen der Jahre 1813 und 1814.
Im Jahre 1809 erschien der Major Schill mit seinem Korps vor den Mauern Wittenbergs. Im Verein mit der damals nur schwachen Besatzung schloss die bewaffnete Bürgerschaft bei dessen Annäherung die Tore und besetzte die Wälle, sodass die kühne Schar nichts ausrichten konnte, sondern weiterziehen musste, ohne die in der Stadt unter gebrachte Kriegskasse, auf die es wohl hauptsächlich abgesehen war, in die Hände zu bekommen.
Zur Belohnung für die bewiesene Treue verlieh der König von Sachsen den beiden Bürgerhauptleuten Oeser und Naumann die Ehrenmedaille, der Bürgerschaft aber schenkte er eine kostbare Fahne in den sächsischen Farben.
Zum Andenken hieran veranstaltete die Bürgerschaft eine Sammlung, die den Betrag von 300 Talern ergab und aus der am 23. März 1811 das sogenannte Fahnen-Stipendium gegründet wurde. Die Verwaltung desselben wurde dem Magistrate übertragen und im Einverständnis mit diesem bestimmt, dass die Zinsen dieses Kapitals wechselweise ein Bürgerssohn, der sich dem Handwerk, der Kunst oder der Wissenschaften widmet, oder eine Bürgerstochter zur Aussteuer bei ihrer Verheiratung erhalten solle. Die Zinsen des Stipendiums betragen gegenwärtig 31,50 M.
Im Jahre 1821 lieh sich die hiesige Schützengilde das Kapital gegen Verpfändung des im Schießgraben belegenen Gebäudes und verzinste dieses mit jährlich 4 ½ Prozent.
Im Jahre 1876 zahlte sie die Summe wieder an die Kämmereikasse zurück. Die vom König von Sachsen geschenkte Fahne wurde beim Auszuge zum Schützenfeste abwechselnd von den Schützen und den Grenadieren, welche die bewaffnete Bürgerschaft bildeten, getragen.
Im Jahre 1817 schenkte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen der bewaffneten Bürgerschaft an Stelle dieser sächsischen Fahne eine andere, ihr ähnliche mit dem preußischen Wappen und dem Namenszuge des Königs, die nunmehr von den Schützen und Grenadieren bei den Auszügen getragen wurde.
Vom Jahre 1843 ab wurde aber den Schützen auf ihr Gesuch das Tragen der sächsischen Fahne wieder gestattet.
Die Schützen und die Grenadier-Kompagnie hatte gleichzeitig auch die Verpflichtung, die Stadt in besonderen Fällen zu schützen und zu verteidigen.
Zu diesem Zwecke war ihr eine besondere Zug- und Wachtordnung vom Magistrate vorgeschrieben.
Wir heben aus dieser vom Jahre 1810 datierten Ordnung nachstehend die wichtigsten Bestimmungen hervor:
§ 2. Jeder neu anzunehmende Bürger kann nicht eher als Bürger angenommen und verpflichtet werden, bevor er nicht nachgewiesen hat, dass er sich mit einem guten, brauchbaren Feuer und Seitengewehr nebst Patronentasche und der üblichen Uniform versehen hat.
§ 3. Ob jemand unter die Schützen oder Grenadier-Kompagnie aufgenommen werden soll, bleibt ganz allein der Bestimmung des Magistratsmitgliedes, welches als Oberhauptmann fungiert, überlassen. Es hat sich daher jeder Neuaufzunehmende bei ihm zu melden und sich zu seiner Bestimmung ohne Murren sich unterwerfen.
§ 4. Jeder Bürger hat bei allen Auf- und Auszügen, beim Exerzieren und den Wachen dem Oberhauptmann sowie den übrigen Offizieren strengen Gehorsam zu leisten. Würde sich jemand widersetzen und widerspenstig bezeigen, der soll unabänderlich mit 6 Tagen Gefängnis oder um ein neues Schock ?? bestraft werden.
§ 10. Wer mit unbrauchbarem und ungeputztem Gewehre erscheint, wird um 4 Groschen gestraft und das Gewehr auf seine Kosten repariert
§ 12. Wenn beim Exerzieren oder zur Zeit des Vogelschießens zu feuern oder nach der Scheibe zu schießen angeordnet wird, soll jeder mit 3 Schuss Pulver zum Feuern und 3 Schuss Blei und Pulver zum Scheibenschießen versehen sein, auch sollen an diesem Scheibenschießen alle ohne Ausnahme teilnehmen. Jeder kann erst dann, wenn er seine Schüsse getan, nach erhaltener Erlaubnis fortgehen, um sich ein Vergnügen zu machen, doch darf er sich nicht zu weit entfernen, damit er, sobald die Vergatterung geschlagen wird, schnell sich zu seinem Gewehre stellen kann. Wer dagegen handelt, wird um ein halbes altes Schock oder nach Beschaffenheit der Umstände mit Gefängnis bestraft.
Kehren wir nunmehr zu den Zeit Ereignissen zurück.
Die Annäherung des vom General Grénier befehligten Korps, das aus Italien kommend in Stärke von 24000 Mann in Sachsen einrückte, wurde das Vorspiel zu dem schreckensvollen Kriegsdrama, in dessen Mittelpunkte unsere Stadt stand.
Am 12. Januar 1813 rückte Gréniers Vorhut in Wittenberg ein.
Der Durchmarsch der Truppen währte bis zum 30. Januar, und auch noch im Februar berührten einzelne Teile der großen Armee unsere Stadt.
Es kam daher nicht selten vor, daß einzelne von ihnen zu den Belagerern übergingen.
Am 6. Mai unternahm die Garnison wieder einen Ausfall nach der Gegend der Klausstraße, wurde aber von den tapferen preußischen Jägern zurückgewiesen, wobei die Franzosen 17 Tote und 31 Verwundete verloren.
Das Herannahen einer größeren französischen Truppenmacht zwang die Verbündeten, die Belagerung von Wittenberg vorläufig aufzuheben. Indessen kam die geängstigte Stadt noch nicht zur Ruhe, da sich noch fortgesetzt russische Kosaken sowie preußische Truppen in der Nähe zeigten, und man jeden Tag eine neue Einschließung gewärtigen musste.
Endlich aber kam zwischen den kriegführenden Mächten ein Waffenstillstand zustande, der die Bedingung enthielt, daß alle noch in Sachsen befindlichen preußischen und russischen Truppen dieses Gebiet räumen sollten.
So wurde endlich Wittenberg nach Wochen und Monaten höchster Not von der Belagerung und ihren Schrecken befreit – freilich nur für eine kurze Frist.
Die gewonnene Zeit benutzten die Franzosen zur Ausbesserung und Verstärkung der Festungswerke.
Im Juli kam der Kaiser Napoleon nach Wittenberg, um die Festungsanlagen zu besichtigen.
Die Universität bewillkommnete ihn durch eine Deputation, welche die Hochschule seinem Schutze empfahl.
Allein der hochmütige Korse soll erklärt haben:
„Wittenberg hat aufgehört, eine Bildungsanstalt für junge Leute zu sein.“
Nach einer kurzen Truppenschau reiste Napoleon wieder nach Dresden ab.
Ehe noch in Sachen der Universität eine Entscheidung der zuständigen sächsischen Behörde eintraf, ließ Lapoype eigenmächtig die akademischen Gebäude vollends räumen.
Die Bücher der reichhaltigen Bibliothek wurden von den Soldaten in buntem Durcheinander in Körbe gepackt und in das Provianthaus geschüttet.
Ein Reskript vom 24. Juli ordnete an, dass die Bibliothek und die Sammlungen der Universität nach Dresden gebracht und dort in den Souterrains der Kreuzkirche aufbewahrt werden sollten.
Die Bücher wurden daher in eilig zusammengenagelten Kisten notdürftig verpackt und auf zwei Elbkähne gebracht.
Allein beide Schiffe wurden in der Nähe von Meißen von Kosaken angehalten und mit Beschlag belegt, und nur unter den größten Schwierigkeiten gelang es, die Bücher und Sammlungen in das nahe Schloß Seuselitz zu schaffen.
Nach der im Jahre 1815 erfolgten formellen Aufhebung der Wittenberger Universität und ihrer Vereinigung mit der Halleschen Hochschule wurde die Bibliothek nach letzterem Orte überführt, während ein Teil, vorwiegend theologische Werke, dem 1817 gegründeten Wittenberger Predigerseminare überwiesen wurde. Den Universitätslehrern wurde es, unbeschadet ihres Gehalts, überlassen, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen.
Auch wurde durch besondere Reskripte angeordnet, dass der Fortschaffung des Eigentums der Universität und der Professoren, sowie deren Weggange aus Wittenberg weder von den französischen Behörden, noch von sonst einer Seite Hindernisse in den Weg gelegt werden sollten.
Dessen ungeachtet erlaubte sich Lapoype allerlei Übergriffe.
Sehr treffend bemerkt darüber einer der Universitätslehrer, der Professor Pölitz:
„Es gehörte zu den größten Willkürlichkeiten des in den deutschen Universitätsanalen unvergesslichen Lapoype, dass er die plötzliche Räumung aller Universitätsgebäude mit der größten Härte anordnete und durchführen ließ und dennoch das Eigentum der Universität sowie das Privateigentum der Professoren nicht aus Wittenberg herauslassen wollte, um die durch Leiden aller Art erschöpften Professoren zur Rückkehr, oder eigentlich zur Verpflegung der ihnen zugeteilten Einquartierung zu nötigen.“
Ein weiteres Reskript der sächsischen Regierung ordnete an, dass die Angelegenheit der Universität bis auf weiteres von Schmiedeberg aus geordnet würden und demnach das Protonotariat und die Verwalterei nebst dem vorhandenen baren Kassenbestande dahin gebracht werden sollte, was denn auch vom 1. September ab geschah.
Unterdessen hatten die Feindseligkeiten bereits wieder begonnen. Bald nach der Niederlage der Franzosen bei Großbeeren wandte sich ein Teil dieser Armee in die Gegend von Wittenberg, für die nunmehr eine neue Leidenszeit anbrach.
Was die Soldaten nicht freiwillig erhielten, das nahmen sie sich mit Gewalt. Raub, Plünderung und Verwüstung von Häusern, Gärten und Feldern waren an der Tagesordnung.
Durch die Einquartierung waren ansteckende Krankheiten eingeschleppt worden, die unter den Einwohnern zahlreiche Opfer forderten.
Im Monat September starben in Wittenberg allein 100 Personen. Vom 12. September ab konnte in der Stadtkirche kein Gottesdienst mehr gehalten werden, da der rücksichtslose Gouverneur diese räumen und in ein Magazin umwandeln ließ.
Durch dringende Vorstellungen erreichte der Superintendent Nitzsch, dass wenigstens der Altarplatz, die Kanzel und die Orgel geschont wurden und die Sakristei frei blieb, in welcher das Kirchenarchiv aufbewahrt wurde.
Anfang des Monats September traf der Marschall Ney in Wittenberg ein.
Er vereinigte sämtliche in der Umgegend stehende Heeresabteilungen, um mit der so gebildeten Armee erneut gegen Berlin zu marschieren.
Am 6. September wurde er aber bei dem Dorfe Dennewitz von dem durch russische Artillerie und die Schweden verstärkten Korps des Generals von Bülow angegriffen und nach verzweifelter Gegenwehr zurückgeworfen.
Die in wilder Flucht zurückweichenden Franzosen ließen mehrere Tausend Tote, 70 Kanonen und zahlreiche Pulverwagen auf dem Platze und büßten außerdem 12 000 Gefangene ein.
Bereits am 5. September hatte eine Abteilung Kosaken das gegen Zahna vorgeschobene Lager der Franzosen im Rücken umgangen und sich in den Weinbergen bei Teuchel festgesetzt.
So war dem flüchtenden Ney’schen Korps der Weg nach Wittenberg abgeschnitten, und seine Trümmer mussten sich nach Torgau zurückziehen.
Gleich nach der Schlacht von Dennewitz wurde Wittenberg auf der rechten Elbseite durch die Truppen des Generals Bülow von neuem eingeschlossen.
Noch vor seiner Ankunft war das bisher in Wittenberg stehende 2 000 Mann starke Korps des Generals Dombrowski in die Gegend von Leipzig abgerückt.
Die Besatzung der Festung bestand daher nur noch aus etwa 2 500 Mann, von denen aber kaum 1500 Mann, nämlich die beiden holländischen Bataillone, kampffähig waren.
Zu all seinen Willkürlichkeiten besaß der Gouverneur noch die empörende Unverfrorenheit, am 21. September von der hartgeprüften Stadt eine Anleihe von 50 000 Talern zu fordern, um seine geleerte Kasse zu füllen.
Selbstverständlich war die Stadt, die durch die unaufhörlichen Einquartierungen ohnehin erschöpft war, und die auch jetzt noch die Besatzung auf Kosten des Gemeindesäckels verpflegen und dem edlen Lapoype täglich 36 Taler Traktament zahlen musste, während aller Erwerb stockte, hierzu nicht imstande.
Der Rat der Stadt versäumte denn auch nicht, dies dem Gouverneur in entschiedener Form mitzuteilen und dabei die Bemerkung zu machen, dass man ein solches Ansinnen allenfalls vom Feinde hätte erwarten können, aber nicht von einer mit dem sächsischen Staate befreundeten Macht, die doch die Aufgabe habe, die Stadt zu schützen.
Trotz alledem stand Lapoype von seiner Forderung nicht ab und befahl die Ratsmitglieder am 24. September zu einer Versammlung, in der über die Beschaffung jener Summe beraten werden sollte. Kaum aber hatten die Verhandlungen begonnen, als von draußen die preußischen Kanonen zu donnern begannen. General von Bülow hatte die Vorstädte angegriffen und brachte dadurch die französische Behörde so außer Fassung, daß sie eilig die Versammlung verließ.
Von jener Anleihe ist seitdem nicht wieder die Rede gewesen.
Der Gouverneur sah wohl ein, dass er die ohnehin empörte Bürgerschaft nicht zum Äußersten treiben durfte.
Die Verbündeten griffen nunmehr die Festung mit ganzer Macht an;
vom 25. bis 30. September sandten ihre Batterien fast ununterbrochen ihren eisernen Hagel über die unglückliche Stadt. Das erste Bombardement begann am 25. September abends 8 ½ Uhr und dauerte ohne Unterbrechung bis zum 26. September früh 3 Uhr. Neben einer beträchtlichen Anzahl von Haubitzgranaten wurden auch viele Brandraketen in die Stadt geworfen, wodurch in der Jüdenstraße drei Wohnhäuser und mehrere Hintergebäude angezündet und teilweise in Asche gelegt wurden.
Der vor dem elterlichen Hause stehende 15 jährige Sohn des Senators Giese wurde durch einen Granatsplitter schwer verwundet.
Ihren Höhepunkt erreichten die Schrecknisse in der Nacht vom 27. zum 28. September.
Unaufhörlich brüllten auf beiden Seiten die Geschütze, und in das laute Geräusch der Waffen, in das Knattern des Gewehrfeuers, das Zischen der Brandraketen, das Krachen der berstenden Granaten und die rote Glut der Feuersbrünste mischte sich das Geschrei der Verwundeten und Sterbenden, der Jammer der geängstigten Bewohner.
Um 3 Uhr früh fing der von Brandraketen getroffene Turm der Schlosskirche an zu brennen.
Wie eine helle hohe Fackel leuchtete er zum dunklen Nachthimmel empor.
Um 4 Uhr stürzte die Kuppel mit den zum Teil geschmolzenen Glocken und der Uhr zusammen und fiel auf das benachbarte Schleußnersche Haus, welches dadurch gleichfalls in Asche gelegt wurde.
Auch an anderen Orten der Stadt wüteten die Flammen, denen man nur mit großer Mühe Einhalt tun konnte.
In der Jüdenstraße und Schloss Straße fielen je fünf Häuser dem Feuer zum Opfer, während in der Collegienstraße mehrere Hintergebäude niederbrannten.
Am Morgen des 28. Septembers erteilte der Gouverneur den Einwohnern die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen.
Gegen 1 000 Personen, meist Frauen, machten hiervon Gebrauch und begaben sich nach den benachbarten Orten, besonders nach Kemberg.
Die beiden Geistlichen D. Heubner und Diakonus Magister Nitzsch, ein Sohn des Generalsuperintendenten Nitzsch, hielten treu bei ihrer Gemeinde aus.
Am Abend des 30. September erneuerte sich das Bombardement. Aber trotz der durch die Beschießung angerichteten Verwüstungen ließ sich der Gouverneur nicht zur Übergabe der Stadt bewegen und wies jede diesbezügliche Vorstellung entschieden zurück.
Am Morgen des 3. Oktober vernahm man von Elster und Wartenburg her starken Kanonendonner.
Die schlesische Armee, unter dem Befehle des alten Feldmarschalls Blücher, war trotz der heftigen Angriffe der Franzosen von Elster aus auf zwei Schiffbrücken über die Elbe gegangen und griff das bei Wartenburg stehende 20 000 Mann starke Korps des Generals Ney an und besiegte dieses nach heftigem, blutigen Kampfe.
Die geschlagenen Truppen flohen teils über Pratau nach Dessau zu, teils über Düben gegen Leipzig.
Als am 12. Oktober sich mehrere französische Korps Wittenberg nahten, hoben die Preußen die Belagerung der Stadt auf – leider nur für kurze Zeit.
Bald nach der Völkerschlacht bei Leipzig, in welcher der sieggewohnte Napoleon eine entschiedene Niederlage erlitt, wurde Wittenberg wiederum blockiert.
Am 28. Oktober rückte der Generalmajor von Dobschütz vor die Stadt und schloss diese ein.
Die Belagerer schnitten die durch die Stadt fließenden Bäche ab, wodurch die Stadtmühle am Mahlen verhindert wurde.
Von einer in der Probstei errichteten Batterie wurden auch die in der Elbe liegenden Schiffsmühlen bestrichen und der Brückenkopf beunruhigt.
Infolgedessen ließ der Gouverneur in pietätloser Weise in der Schlosskirche zwei Rossmühlen errichten.
Abgesehen von einigen Vorpostengefechten fanden bis zum Dezember hin keine Vorstöße der Belagerer statt.
In der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt aber stieg die Not von Tag zu Tag immer höher.
Zunächst machte sich bei der rauen Witterung der Mangel an Brennholz fühlbar, Lapoype ließ kurz entschlossen die noch stehenden Bäume. namentlich die schöne, aus einem Legat des Bürgermeisters Thomä herstammende Allee nach dem Luthersbrunnen niederschlagen.
Außerdem wurden auf seinen Befehl die vor dem Elstertore noch stehenden Häuser, die sogenannte lange Reihe, niedergerissen, sowie in der Stadt selbst fünf Wohnhäuser, mehrere Hintergebäude, Ställe und Schuppen zur Gewinnung von Brennholz abgetragen; selbst vom Schlosse wurden die Dachsparren und das innere Holzwerk abgerissen.
Diesen Gewalttaten folgten bald noch schlimmere.
Den Kaufleuten nahm man widerrechtlich ihre Vorräte an Kaffee und Zucker weg, die Königliche Salzniederlage belegten die Franzosen mit Beschlag und verkauften dann das Salz an die Einwohner zu dem unerhörten Preise von 1 Taler 6 Groschen pro Metze.
Der Gouverneur begründete dieses Vorgehen damit, daß die Sachsen zu den Verbündeten übergegangen seien und er deshalb das Land, also auch Wittenberg, als feindliches Gebiet behandeln müsse.
Der wahre Grund war natürlich der, dass der edle Lapoype sich auf Kosten der armen Einwohner die Taschen füllen und wohl auch für die abgelehnte Zwangsanleihe eine niedrige Rache nehmen wollte. Die Empörung stieg aufs höchste, als der Gouverneur anordnete, alle Keller und Vorratsräume der Einwohner zu durchsuchen.
Gegen diesen erneuten Übergriff erhob aber der Magistrat nachdrücklichst Protest, so dass sich Lapoype mit einer allgemeinen Angabe über die Höhe der vorhandenen Vorräte begnügen ließ.
Da mangels Mühlen trotz der noch vorhandenen großen Vorräte an Getreide nicht genügend Mehl vorhanden war, so setzte der Gouverneur die Rationen der Soldaten wesentlich herab.
Die Einwohner suchten sich dadurch zu helfen, daß sie Weizen und Roggen auf Hand- und Kaffeemühlen schroteten.
Doch war das daraus gebackene Brot für viele nicht genießbar.
Da der Gouverneur sämtliches Malz weggenommen hatte, so war schon seit langem kein Bier mehr zu erhalten, nur Tee und Rum ohne Zucker wurde noch gereicht.
Die Preise für alle Lebensmittel hatten eine ganz unglaubliche Höhe erreicht. So kostete
– eine Kanne Butter 4 Taler,
– ein Scheffel Korn 8 bis 10 Taler,
– eine Metze Kartoffeln 12 bis 14 Groschen,
– ein Pfund Rindfleisch 7 bis 9 Groschen,
– Schweinefleisch 14 bis 16 Groschen,
– Schinken 16 Groschen bis 1 Taler,
– eine Gans 5 Taler,
– ein Huhn 1 Taler,
– ein Apfel 1 Groschen,
– eine Zitrone 8 Groschen,
– eine kleine Metze Erbsen 12 Groschen,
– die Metze Linsen 14 Groschen und
– eine Metze Bohnen 16 Groschen;
– eine Kanne Oel galt 16 Groschen,
– eine Kanne Branntwein 16 Groschen,
– eine Kanne Essig 4 Groschen,
– ein Eimer Wein bis 80 Taler,
– ein Klafter Holz 10 Taler.
Wir könnten das Preisverzeichnis noch fortsetzen, doch geben schon die angeführten Zahlen ein anschauliches Bild von dem Elend, das über unsere arme Stadt hereingebrochen war.
Hungersnot, Angst, Schrecken und Kälte erzeugten zudem ein Heer von Krankheiten, so dass die Zahl der Todesfälle auf 147 in einem Monat stieg, während in normalen Zeiten höchstens 24 auf diesen Zeitraum kamen.
Dazu kam noch, dass die Franzosen die Bürger mit dem größten Misstrauen betrachteten, weil sie ein Einverständnis derselben mit dem Feinde vermuteten.
Diese hässliche Gesinnungsschnüffelei trieb die sonderbarsten Blüten. Ein Bauer von Labetz, namens Knape, fiel diesem Misstrauen zum Opfer.
Er hatte wiederholt, wohl um des Gelderwerbs willen, Briefe nach der belagerten Stadt und aus dieser befördert, sich also jedenfalls von beiden Seiten zur Spionage gebrauchen lassen.
Schließlich wurde er aber von den Franzosen arretiert, vor ein Kriegsgericht gestellt und von diesem als Spion zum Tode verurteilt. Am 8. Dezember wurde er auf dem Anger vor dem Elbtore im Beisein der Garnison erschossen.
Endlich sollte der armen Stadt die Erlösungsstunde schlagen.
Vorher aber musste sie freilich die Schrecken einer 14 tägigen Beschießung durchkosten und so den Leidenskelch bis zur Neige leeren.
Ende Dezember, nach dem Falle der Festung Torgau, erschien der General Tauentzien mit schwerem Geschütz vor Wittenberg.
Sogleich begannen nun die Preußen mit Eröffnung der Laufgräben. Im Dunkel der Nacht wurde die erste Parallele in der Nähe des Krankenhauses gezogen.
Zwar feuerten die Franzosen mit 44 Kanonen gegen die kühnen Belagerungstruppen, sodass die in der folgenden Nacht von diesen errichtete Batterie zum Schweigen gebracht wurde.
Indessen erbauten die Preußen in der nächsten Nacht gleich drei Batterien, aus denen sie am folgenden Tage die Wälle befeuerten und 27 Kanonen der Franzosen unbrauchbar machten.
Am vierten Tage hatten die Belagerer die Parallele weiter vorgeschoben, das befestigte Krankenhaus wurde von ihnen zusammengeschossen und am 1. Januar 1814 mit Sturm genommen. Bald umgaben 12 preußische Batterien die Stadt und entsandten Tag und Nacht ihren Geschoßhagel gegen die Wälle. General von Dobschütz suchte zwar die Stadt so viel als nur möglich zu schonen, konnte aber doch nicht verhindern, daß sich einige Kugeln in die Stadt verirrten und an den Häusern in der Nähe des Walles und am Schloßtore Schaden anrichteten.
Eine von den Franzosen am sogenannten Berliner Pförtche angelegte Batterie brachte das Kunststück fertig, statt die preußische Batterie am bedeckten Wege zum Schweigen zu bringen, die beiden Häuser des Kaufmanns Haberland und des Bürgermeisters Böhringer in der Coswigerstraße in Brand zu schießen.
Die Belagerer hatten sich mittlerweile so nahe an die Stadt vorgeschoben, dass sie den Sturm auf diese wagen konnten.
Am Mittag des 12. Januar ließ Graf Tauentzien den Gouverneur nochmals zur Übergabe auffordern, indem er ihm bedeutete, dass im Falle der Weigerung die Stadt erstürmt werden würde.
Aber Lapoype gab dem Parlamentär eine abschlägige Antwort.
Die Bürgerschaft war über diese unverständliche Hartnäckigkeit umso mehr empört, als am Tage vorher der Sohn des Bürgermeisters Adler durch eine Granate schwer verwundet und die Frau des Kutschers Balzer durch ein gleiches Geschoß in ihrer Wohnung auf der Stelle getötet wurde.
Die Belagerer hatten unterdessen das für kurze Zeit unterbrochene Bombardement wieder aufgenommen und setzten es bis Mitternacht 12 Uhr fort.
Plötzlich schwieg der Geschützdonner; die Preußen bereiteten sich zum Sturme vor, der unter Leitung des Generals von Dobschütz in 4 Angriffssäulen ausgeführt wurde. Ohne dass die Besatzung der Wälle es gewahrte, stürzte plötzlich von allen Seiten die preußische Infanterie heran, griff den Brückenkopf, die Wasserarche zwischen dem Elstertore und dem Berliner Pförtchen, sowie die Wälle am Schloßtore und Elbtore gleichzeitig an und erklomm sie, ohne auf erheblichen Widerstand zu stoßen.
Die überraschten Franzosen stürzten mit lautem Geschrei in die Stadt und warfen sich in das Rathaus und ins Schloss, wo sie sich erfolglos noch kurze Zeit zu verteidigen suchten, sich aber schon nach Verlauf einer Stunde ergeben mussten.
Der Gouverneur befand sich mit dem Kommandanten und mehreren Offizieren in der Sakristei der befestigten Schlosskirche und war nicht wenig überrascht, als er die Nachricht erhielt, die Preußen seien bereits in die Stadt eingedrungen.
Noch ehe er dazu kam, sich zu verteidigen, sah er sich von den in den Schlosshof eindringenden Preußen umringt und gefangen genommen.
Am 13. Januar früh 3 Uhr war die Stadt völlig in der Hand der Belagerer.
Nur 200 Tote und Verwundete sowie 9 verwundete Offiziere hatte der Sieg den Preußen gekostet.
Ihrem Dank Gefühle über die endliche Befreiung gaben die Einwohner in rührender Weise Ausdruck.
Sie versammelten sich auf dem Marktplatze, und nach einer Ansprache ihres treuen Seelsorgers Heubner stimmten alle aus überquellendem Herzen an:
„Nun danket alle Gott“.
Dem General Tauentzien wurde vom König Friedrich Wilhelm III. zur Belohnung für seine Verdienste bei der Belagerung und Einnahme Wittenbergs das Großkreuz des eisernen Kreuzes verliehen. Gleichzeitig erhielt er die Erlaubnis, sich hinfort „Graf Tauentzien von Wittenberg“ zu nennen.
Noch am 13. Januar wurde der Gouverneur Lapoye samt dem Ingenieuroberst Pressart und dem Kommandanten Major von Lohausen gefangen aus der Stadt geführt und zunächst nach Coswig und dann nach Berlin gebracht.
Der Hass und die Wut des Volkes gegen diesen Mann machte sich in einer Flut von Flüchen und Schmähungen Luft, und ein Hagel von Schneebällen und Unrat fiel auf ihn nieder, als er auf einem Korbwagen zur Stadt hinausgebracht wurde.
So wenig man auch diese Tätlichkeiten gegen einen Wehrlosen gutheißen kann, so sehr kann man doch den darin sich äußernden Volksunwillen verstehen, wenn man bedenkt, wie dieser Mann Monate hindurch die Bevölkerung in der schamlosesten Weise gedrückt und misshandelt hat.
Wohl war Wittenberg nunmehr von der französischen Willkürherrschaft befreit, aber die Stadt blutete aus tausend Wunden, und es bedurfte vieler Jahre und großer Opfer, um diese Wunden zu heilen.
Wohin der Blick fiel, überall bot sich ihm ein trauriges Bild der Verwüstung und der bittersten Not.
Vom 1. März 1813 bis zum 13. Januar 1814 waren 285 Wohnhäuser teils durch Feuer, teils durch Niederreißen zerstört worden, und zwar 26 in der Stadt und 259 in den Vorstädten.
Außerdem wurden in der Stadt 21 und in den Vorstädten 16 Häuser so beschädigt, dass sie zum Bewohnen kaum noch tauglich waren.
Durch Bombardement oder Einreißen wurden folgende öffentliche Gebäude gänzlich zerstört:
– das Schloss mit Turm,
– der Turm der Schlosskirche,
– die Nebengebäude des Schlosses,
– die Reitbahn,
– das Universitätshospital,
– der Ratsmarstall,
– die Ratsziegelscheune mit allen Nebengebäuden,
– die Abdeckerei,
– die Garküche,
– die Wohnung des Ratswagenmeisters,
– das Spritzenhaus,
– das Parentationshaus auf dem Gottesader, der mit seinen zerstörten Grabdenkmälern einen betrübenden Anblick bot,
– ferner die Totengräberwohnung,
– das Wohnhaus der Torschreiber und der Akzisetorschreiber,
– ebenso das Ratskrankenhaus und
– das Pulvermagazin.
Vielfache Beschädigungen erlitten auch die
– Schlosskirche,
– Stadtkirche,
– das Amtshaus,
– die Stadtmühle,
– das Hebammeninstitut und
– die Amtsfrohnfeste (Gefängnis)
Die Zahl der Einwohner, die sonst Stadt und Vorstädte zusammengenommen 7 000 betrug, war auf 4 727 Personen gesunken.
Vom 27. Dezember 1813 bis zum 13. Januar 1814 wurden von den Belagerungstruppen in die Stadt geworfen:
– 1 720 Bomben von je 50 Pfund,
– 474 Bomben zu 24 Pfund,
– 350 Bomben zu 18 Pfund,
– 3 480 Haubitzgranaten von 10 Pfund,
– 970 Haubitzgranaten zu 8 Pfund und
– 6 026 zwölfpfündige Kanonenkugeln.
Während des Monats September 1813 wurden bis 8 000 Geschosse in die unglückliche Stadt geworfen, und während des furchtbaren Bombardements in der Nacht des 28. Septembers zählte man allein 3 000 Granaten, Haubitzen und Kanonenkugeln.
Schon an diesen Zahlen kann man die durch die Beschießung angerichteten Verwüstungen ermessen.
Über die unerträglichen Lasten der Einquartierung gibt eine vom Magistrat veröffentlichte Aufstellung Auskunft:
„Die Stadt Wittenberg hatte im Jahre 1812 überhaupt 602 Häuser, 302 in der Stadt und 282 in den Vorstädten.
In diesen Gebäuden wurden vom 17. März bis 31. Dezember 1812 einquartiert und verpflegt von französischen und verbündeten Truppen 67133 Mann, nach Tagen gerechnet, nämlich:
– 72 Generäle,
– 425 Stabsoffiziere
– 2 996 Offiziere und
– 63 139 Unteroffiziere und Soldaten.
Der Verpflegungsaufwand war zwar vom Lande vergütet, aber der Bequartierte durch diese Vergütung noch nicht ganz entschädigt. Vom Januar 1813 bis zum 12. Januar 1814 sind in der Stadt einquartiert und verpflegt worden:
– a) in Bürgerhäusern:
344 059 Mann, nach Tagen gerechnet, und zwar 491 Generäle, 7158 Stabsoffiziere, 5 7397 Offiziere und 27 9013 Unteroffiziere und Soldaten.
– b) in Kasernen, wozu 22 Bürgerhäuser genommen wurden:
699 000 Mann, nach Tagen ausgerechnet, und zwar 4968 Offiziere und 15 795 Unteroffiziere und Soldaten, gefangene Preußen und Russen, überhaupt 719 763 Mann. Es sind also in einem Jahre überhaupt 1 063 882 Mann, nach Tagen gerechnet, in Wittenberg einquartiert und verpflegt worden.
Auf vielen Seiten regte sich bald die Wohltätigkeit für die vom Unglück so schwer heimgesuchte Stadt.
Der König von Sachsen sandte 1 000 Taler, die vor allem unter die ärmsten Bewohner verteilt wurden;
das englische Volk sandte zu wiederholten Malen Unterstützungen, welche insgesamt die Höhe von 9 000 Talern erreichten.
Der Kronprinz von Bayern schickte gleichfalls 3 000 Gulden.
Unmittelbar nach Einnahme der Stadt durch die Preußen wurde diese unter preußische Administration gestellt und nach dem Friedensschlusse vom 21. Mai 1815 endgültig dem preußischen Staate einverleibt.
Die preußische Regierung nahm sich der geprüften Stadt tatkräftig an. Sie gab reiche Zuschüsse zum Wiederaufbau der zerstörten Vorstädte, die nach dem Frieden in weiterer Entfernung unter dem Namen Kleinwittenberg und Friedrichstadt schöner denn vorher wiedererstanden.
Außerdem erließ König Friedrich Wilhelm III. den Einwohnern auf mehrere Jahre die Abgaben, er stellte die Schlosskirche wieder her, stattete das Gymnasium aus und gründete am 1. November 1817 das Predigerseminar als Ersatz für die aufgehobene Universität.
Für die weiteren Bedürfnisse der Stadt genehmigte er eine Kirchen- und Hauskollekte im ganzen Umfange der preußischen Monarchie. Als Lebenselement erhielt Wittenberg eine preußische Garnison, die von dem 11. schlesischen Landwehr-Regiment gebildet wurde. Außerdem wurde ein Kreisgericht in seine Mauern gelegt, dem die Stadt 1820 das ganze obere Rathausgeschoß mietfrei und unkündbar zur Benutzung übergab.
Leider versäumte man, sich in irgend einer Form das Eigentumsrecht an diesen Räumen zu wahren – ein Versehen, das der Stadt in unseren Tagen bittere Früchte tragen sollte.
So wurde es Wittenberg möglich, unter einer kraftvollen, zielbewussten Regierung, unter vielseitiger Unterstützung und durch die Tatkraft seiner Bürger sich allmählich aus tiefstem Elend zur gedeihlichen Entwickelung zu erheben.
Eine interessante Episode aus jenen bewegten Tagen, die von der Klugheit und dem Mute der darin auftreten-den Hauptperson ein rühmliches Zeugnis gibt, möge hier eine Stelle finden:
Unterhalb der Elbbrücke, am Brückenkopf, lag in der Elbe die dem Müller Hubrig aus Pratau gehörige Schiffmühle. Mit der Befestigung des Brückenkopfs wurde in diese eine starke französische Wache gelegt, welche die besondere Aufgabe hatte, den Elbstrom zu beobachten. Es ist erklärlich, dass dem Müller diese fremden Gäste, die in seinem Eigentum in rücksichtsloser Weise schalteten, höchst unbequem waren, zumal sie ihn zu allerlei Dienstleistungen und zur Lieferung von Lebensmitteln nötigten, die von seiner Familie aus Pratau herbeigeschafft werden mussten.
Als die Preußen den durch Wittenberg fließenden Bächen das Wasser abschnitten, und dadurch die Stadtmühle außer Betrieb setzten, wurde der Müller Hubrig von den Franzosen gezwungen, für die Besatzung der Stadt das benötigte Mehl zu mahlen.
Da aber die Schiffmühle den Bedarf nicht decken konnte, so zwang man Hubrig, im Schlosshofes eine Rossmühle einzurichten.
Mittlerweile waren die preußischen Belagerungstruppen immer näher an die Stadt herangerückt. Hubrig sehnte, gleich den Bewohnern Wittenbergs, den Tag herbei, an dem diese die Festung erobern und ihn von seinen Peinigern befreien würden.
Seine Lage war die denkbar schlimmste, denn die Franzosen beobachteten jeden seiner Schritte mit Misstrauen und behandelten ihn wie einen Gefangenen.
Wiederholt hatte seine in Pratau wohnende Frau ihn durch Boten ersuchen lassen, er möge nachhause kommen und nach dem Rechten sehen, aber der die Wache befehligende französische Offizier verbot ihm streng, die Schiffmühle zu verlassen.
Erst als die von der Not eingegebene Nachricht kam, Hubrigs Frau liege schwer krank darnieder, verstand sich der Franzose dazu, ihn für kurze Zeit zu entlassen.
In seinem Anwesen angekommen, trat dem Müller ein preußischer Offizier entgegen, der ihn barsch aufforderte, seine den Franzosen geleistete Unterstützung einzustellen und auf die Seite der Preußen zu treten, widrigenfalls seine Schiffmühle von der in der Probstei errichteten preußischen Batterie in den Grund geschossen werden würde.
Was sollte der unglückliche Mann tun? Folgte er dem Befehle des preußischen Offiziers, so besaßen die Franzosen, in deren Händen sich seine Mühle befand, Mittel genug, ihn ihrem Willen gefügig zu machen.
Weigerte er sich, den Weisungen nachzukommen, so musste er gewärtigen, schon am nächsten Tage sein Eigentum als Trümmerhaufen in den Fluten der Elbe versinken zu sehen, abgesehen von dem Ungemach, das seiner Familie dann drohte.
Er verfehlte nicht, dem Offizier seine üble Lage darzustellen und ihm zu versichern, dass sein Herz längst auf der Seite der Preußen stände, und er nur der Gewalt weichend den Franzosen zu willen gewesen sei.
Er erreichte aber damit nur, dass ihm dieser einen Tag Bedenkzeit gab. Mit sorgenschwerem Herzen nahm der Müller von seiner weinenden Familie Abschied, um getreu seinem den Franzosen verpfändeten Worte gegen Abend nach der Schiffmühle zurückzukehren.
Die Verzweiflung hatte in ihm einen tollkühnen Plan zur Reife gebracht.
Die Franzosen, die in der kalten Herbstnacht auf der Schiffmühle ganz erbärmlich froren, stellten, wie so oft schon, an den Müller die Forderung, ihnen einen warmen Punsch zu brauen.
Bereitwillig ging Hubrig auf den Wunsch ein, indem er versprach, aus Dankbarkeit für den gewährten Urlaub das Getränk besonders stark zu machen.
Sei es nun, dass der Punsch wirklich außerordentlich stark gebraut war, sei es, dass der Müller ihm ein Schlafpulver beigemischt hatte, genug, als die elfte Stunde schlug, da lag die Besatzung der Mühle, den Wachposten eingeschlossen, im festen, tiefen Schlafe. Leise hob Hubrig den Anker und löste die Ketten und Taue, mit denen die Mühle am Ufer festgehalten wurde, und unmerklich fast setzte sich diese den Elbstrom abwärts in Bewegung, gesteuert von des Müllers sicherer Hand.
Trotz der herrschenden Dunkelheit hatte aber der am Ufer stehende französische Vorposten die heranschwimmende Mühle erblickt; plötzlich krachten mehrere Schüsse, die das Dach und die Wände durchbohrten.
Angstvoll beobachtete Hubrig seine Gefangenen.
Aber der Punsch tat seine Wirkung: wohl bewegten sich einige, unverständliche Worte murmelnd, aber keiner erwachte.
Der Müller atmete auf, als er die Festung hinter sich hatte und sich immer schneller dem preußischen Lager bei Appollensdorf näherte.
Aber jetzt entstand eine neue Gefahr:
Die preußischen Posten hatten kaum das aus dem nächtlichen Dunkel auftauchende seltsame Fahrzeug erblickt, als sie auch schon, einen Überfall der Franzosen fürchtend, eine Gewehrsalve auf dieses abfeuerten, welche die Mühle an mehreren Stellen durchlöcherte. Nur mit großer Mühe und unter steter Todesgefahr gelang es, dem heldenmütigen Müller sein Eigentum gegen das Ufer zu steuern, durch Werfen des Ankers zum Stillstand zu bringen und sich mit den Preußen zu verständigen.
Kaum war dies gelungen, als auch schon die Schiffmühle von diesen besetzt wurde.
Ohne Mühe wurden die noch immer schlummernden Franzosen überwältigt.
Ihr Erstaunen war nicht gering, als sie bei dem unsanften Erwecken sich plötzlich von preußischen Soldaten umringt sahen.
Das volle Verständnis ihrer Lage ging ihnen aber erst auf, als sie im Morgengrauen die veränderte Lage der Schiffmühle und vor sich am Ufer das Lager der Preußen erblickten.
Man kann sich leicht vorstellen, welche frommen Wünsche sie dem lachenden „Meunier“ widmeten.
Nach der Einnahme Wittenbergs durch die Preußen kehrte Hubrig mit seiner Schiffmühle wieder an den alten Platz am Brückenkopf zurück.
In den dreißiger Jahren wollte die Militärbehörde ihn zum Aufgeben dieses Platzes zwingen, weshalb Hubrig sich genötigt sah, unter Schilderung der beschriebenen Vorgänge die Hilfe des Königs anzurufen.
Im Jahre 1837 verfügte Friedrich Wilhelm III., dass der wackere Mann das Recht habe, sich als Belohnung für jene mutige Tat für seine Mühle den besten Platz in der Elbe bei der Stadt auszusuchen.
Als aber, namentlich seit Einführung der Dampfschifffahrt, der Schiffsverkehr auf dem Elbstrome immer stärker wurde, da bildete die Schiffmühle für diesen Verkehr ein stetes Hindernis, weshalb die Stromverwaltung auf Beseitigung der Mühle drang. Selbstverständlich bestanden der Sohn und dann der Enkel des kühnen Müllers unter Hinweis auf das erteilte königliche Privileg auf eine entsprechende Entschädigung.
Es kam darüber zu einem jahrelangen Prozesse zwischen dem Eigentümer der Mühle und dem Stromfiskus.
Erst dem Enkel des Helden unserer Schilderung, dem jetzigen Dampfmühlenbesitzer und Amtsvorsteher, Herrn Hubrig in Pratau, gelang es, im Jahre 1867 in letzter Instanz vor dem Reichsgerichte ein obsiegendes Urteil zu erlangen.
Darnach war der Fiskus gehalten, für Ablösung des Privilegs eine namhafte Entschädigung zu zahlen, worauf die historische Schiffmühle aus dem Elbstrome entfernt wurde.
(Bemerkung: Die im Vorstehenden geschilderte kühne Tat des Müllers Hubrig findet sich in verschiedenen Erzählungen, mit viel unhistorischem schmückenden Beiwerk versehen, so z. B. in einer im „Lahrer hinkenden Boten“ vom Jahre 1910 enthaltenen Erzählung von F. Grieben.
Unsere historische Schilderung stützt sich auf die uns von authentischer Seite in dankenswerter Weise aufgrund des vorhandenen Materials gegebene Auskunft.)