Den Höhepunkt im Leben unserer Schützengesellschaft bildet das alljährliche Schützenfest, im Volksmunde „die Vogelwiese“ genannt. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß dieses aus den Auszügen der Schützen zu den Waffenübungen hervorgegangen ist.
Der Ort, auf dem diese Schießübungen stattfanden, der sogenannte Schießgraben, hat im Laufe der Zeit wiederholt gewechselt. Ursprünglich befand er sich am südlichen Wallgraben, gegenüber dem kurfürstlichen Schlosse – der heutigen Schloßkaserne.
In einer Verordnung des Kurfürsten vom Jahre 1449 wird das den Schützen für diesen Ort erteilte Privilegium aufs neue ausdrücklich bestätigt.
Im Jahre 1530 finden wir den Schießgraben hinter dem „schwarzen Kloster“ – dem jetzigen Lutherhause – und 1554 vor dem Elbtor, unweit des ehemaligen Strenges.

Im Jahre 1605 lag der Schießwall auf dem Anger nach der Brücke zu, die zwischen den Schanzen sich befand.
In den Regesten der Schützengesellschaft finden wir über die ältesten Verhältnisse des Schießgrabens unter dem 26. März 1626 folgende Bemerkung:
„Daß ungefehr vor 80 Jahren der Hochgebohrene Fürst und Herr, Herr Moriz, Herzog zu Sachßen den jezigen von uns erbauten ganzen Plaz zu errichtung einer Schießhalle und Auffrichtung einer Schützen-Gesellschafft geschenket und verehret.
Solchen Plaz nun haben unsere Vorfahren mit großen Unkosten mit Schießstellen, Häusern und Gebäuden fein zierlich eingefaßt, haben über 60 Gulden aus dem Obst gelöst, also daß solche Obstbäume das beste und fürnehmste Einkommen des Schießgrabens zu halten, wie denn auch Churfürstliche Gnaden Augustus jährlich aus dero Ambt Wittenberg 20 Gulden ewiges Einkommen gewidmet.
N. B. L. Kettners anmerckung:
Es soll andern Theils in der Mitte des Grabens der Alte Schieß-Graben von den Ravelin an bis an die Mitte zwischen den Hasen-Berge und Tonnerhause liegen, worauf ehedeßen Häuser gestanden, davon man noch die Rudera (Überreste) siehet, Churfürst Johann Friedrich I. Befehl d. a. 1544 der Schützen-Gesellschafft damahls das Eigenthum auf den Schieß-Graben zugestanden.“
Gegen diese Überweisung erhob der Rat der Stadt Einwendungen beim Kurfürsten, doch wurde er von diesem mit seiner Beschwerde abgewiesen.
In dem betreffenden Bescheide heißt es unter anderem:
„Nun könnt ihr versichert sein, daß wir keineswegs des Sinnes sind, euch an eurem Eigenthumb, Grund und Boden und nutzbarlicher Gerechtigkeit an diesen und anderen Verhinderung und eingriff thun lassen.
Ihr könnt versichert sein, daß wir euch nach billigkeit schützen werden.
Weyl wir aber der Gesellschafft das Schießen erlaubet und zugelassen, daß sie auf dem Orthe, da uns die Obergerichte zustehn, zu halten, und unser Ampt hierzu in Gewehr und Herkommen ist, daß darin den Schüzen eine Verehrung gegeben.“
Über die ersten Baulichkeiten am Schießgraben gibt die Schützenrechnung vom Jahre 1479 Auskunft.
Es heißt dort:
„Item 5 Mittelgroschen und 3 Groschen vor Balken und vor Holtz auf den Schützwal.“
Die dort errichteten Gebäude waren auf lange Zeit hinaus nur aus Holz.
Trotzdem scheint sich die Schützengesellschaft durch die Ausstattung des Schießgrabens – für die z. B. im Jahre 1556 die Summe von 70 Gulden aufgewendet wurde – in ziemliche Schulden gestürztbzu haben, an denen sie viele Jahre schwer zu tragen hatte. Erst im Jahre 1607 wird mit unverkennbarer Freude berichtet,
„daß in diesem Jahre der Schießgraben allhier ist endlich einmahl Schulden frey gemacht worden.“
Um einer künftigen Verschuldung vorzubeugen, wird in einer Verordnung desselben Jahres ausdrücklich bestimmt,
„daß fürohin keinem Hauptmann soll verstattet sein, daß er ohne Vorbewußt der ganzen Gesellschafft etwas bauen oder sonsten unnötig ausgeben wollte, deswegen der Graben in Schulden gesäzet würde.“
Als unwillkommene Weihnachtsbotschaft verfügte Kurfürst Johann Georg am 27. Dezember 1631, daß der Schießgraben
„wegen endtstandener und wachsender Kriegsgefahr“ abgebrochen werden müsse, da das Erdreich des Schießwalles zum Befestigen des Festungswalles gebraucht wurde.
Auf wiederholte Bitten der Schützen um Anweisung eines anderen Platzes willigte der Kurfürst am 14. Mai 1632 ein,
„daß der vorgeschlagene Herrn Dr. Bartholomei Reußneri Erben zuständige Gartten vor dem Elster Thore hierzu erkaufsst und daß Kaufgeldt(Das Kaufgeld für das 5 Morgen große Grundstück betrug 700 Gulden) sowohl als die Kosten, so auff Abtragung und Wiederauffbauung der beiden Schießhäuser gehen würde, auß uns anbefohlenen Ambte bezahlet und entrichtet werden möchte“.
Der Dreißigjährige Krieg, der so unsägliches Unheil über Deutschland brachte, verschonte auch Wittenberg nicht.
Auch der kaum errichtete Schießgraben wurde davon betroffen.
Der betreffende Bericht darüber im Schützenregister II vom Jahre 1644 lautet:
„Weill der Oberste Melchior Brubbach 1642 die ganze Vorstadt vorm Elster-Thore hat demoliren laßen, also hat der Schießgraben auch biß auff den untersten Stuhl midt fordt gemußt.
Nachdehm aber der liebe Sommer wieder herbey kommen, haben der Schützen-Hauptleute auff der ganzen Gesellschaft einhelligen Schluß mit Consens Eines Ehrbaren Rathes vom Kobaltschen Legato 40 Thlr. auff Zinsen gegen Verpfändung der Michael Kornschen Pfande vom Superintendenten D. Paulo Röbero genommen undt den untersten Stuhl instand kommen, auch eine Stuben wieder bauen laßen undt darnach in Gottes Nahmen das Speisen undt Bogenschießen wieder angefangen.
Es hat aber der von vielen gutherzigen Leuten geliebte Ordt auch in Kriegen seine Neider, undt weill die ganze Schwedische Armee hier vorbey gegangen, alß hat ihm obgedachter Oberster undt Commandant mit allerley materialien zum anbrennen dienlichem anlegen lassen, welcher auch abgebrandt worden, wann eß der Oberst Wachmeister Brambach nicht mit Mühen gehindert hätte. Gott der Herr gebe den lange ersehnten Friden undt gutherzige Leute, so zur wieder anrichtung hilfenahe Handt leisten mögen.
Amen.“
Der Wunsch nach Errichtung eines ausreichenden Schießhauses ließ freilich bei der Not der Zeit lange auf Erfüllung warten.
Erst 1680 wird uns von dem neuerbauten Schießhause „zum grünen Rautenkranze“ berichtet.
Die Vogelstange stand nicht immer am Schießgraben und wechselte wiederholt ihren Standort.
Im Jahre 1704 wurde sie vom Fährhause nach der Kuhlache transportiert, und zwar, wie es in der Begründung bezeichnenderweise heißt,
„wegen öffterer beym Fehrhause vorgegangener Schlägereyen, auch um dem Schießhause näher zu seyn“.
Als im Jahre 1759 preußische Truppen die Festung Wittenberg belagerten, da fiel neben manchem anderen Gebäude am 16. August auch das Schießhaus dem Kriege zum Opfer und wurde gänzlich zerstört.

Erst fünfzehn Jahre später konnte man an einen Wiederaufbau denken.
Die Baukosten dieses im Jahre 1775 vollendeten Schießhauses betrugen 982 Taler 22 Groschen.
Um diese Summe aufzubringen, war die Gesellschaft genötigt, vom Kleinod, der Königskette, 21 Stück gehenkelte Dukaten und 1 Louisdor für 70 Taler an den Juden Meyer zu verkaufen; ebenso erhielt dieser 29½ Lot silberne Medaillen zum Preise von 22 Talern 17 Gr. 9 Pf. und einen silbernen Becher, sowie alte silberne Krug Beschläge für den Preis von 9 Talern 7 Gr.
Die übrigen Baugelder wurden durch freiwillige Beiträge aufgebracht.
Die Baurechnung befindet sich noch in den Akten.
Das für Wittenberg so verhängnisvolle Jahr 1813 bereitete auch dem mit vielen Opfern erbauten Schießhause den Untergang, daß am 6. April von Feindeshand niedergebrannt wurde.
Der Rayonbestimmungen wegen und weil das Terrain zu den verstärkten Festungsanlagen gebraucht wurde, wurde der Schützengesellschaft die Erlaubnis zum Wiederaufbau des Schießhauses an der alten Stelle verweigert.
Dafür wies ihr König Friedrich Wilhelm III. von Preußen in dem neu entstandenen Vorort Kleinwittenberg eine Baustelle an, die durch Hinzukauf von Land im Preise von 10 Talern vergrößert wurde, und auf der dann im Jahre 1818 das neue Schießhaus und der Schießstand sich erhob.
Die Bausumme, belief sich auf insgesamt 1.005 Taler 11 Gr. 10 Pf. Zum Aufbringen derselben mußten von der Gesellschaft verschiedene Darlehen aufgenommen werden.
Durch Ministerial-Reskript vom 27. Februar 1820 wurde den Schützen die Anlage einer Schankwirtschaft in ihrem Schießhause erteilt.
In dem gleichen Jahre wurde mit der Gemeinde Piesteritz die Vereinbarung getroffen, daß diese der Schützengesellschaft den vor dem Schießstande liegenden Triftweg gegen Zahlung von jährlich 2 Talern für immer überließ.
Außerdem wurde der Gesellschaft das Recht eingeräumt, alljährlich auf der sogenannten Nachthainichte einen Scheibenstand mit Kugelfang einzurichten.
Dafür verpflichtete sich diese, der Gemeinde während der Schützenfestwoche eine halbe Tonne Wittenberger Bier oder dessen Geldwert zu liefern.
Über dem Schießhause in Kleinwittenberg waltete aber kein freundlicher Stern.
Sehr oft wechselte es seinen Pächter.
Im Jahre 1843 ging es in Privatbesitz über.
Die Schützengesellschaft wahrte sich ihr Recht an dem Grundstück dadurch, daß sie mit dem neuen Besitzer Heinrich einen Erbpachtvertrag abschloß.
Heinrich verpflichtete sich, 1.300 Taler und den Erbpachtzins von 5 Talern, sowie der Gemeinde Piesteritz die vorerwähnten jährlichen 2 Taler zu zahlen.
Am 3. November 1864 brach im Schießhause Feuer aus, welches das
Gebäude völlig zerstörte.
Es wurde zwar bald wieder aufgebaut, aber auch jetzt war ihm das Glück nicht sonderlich hold.
Im Jahre 1878 wurde das Grundstück von Kelch – Rothemark käuflich übernommen, der es seinerseits wieder verpachtete;
1880 wurde die jetzige Schießhalle erbaut und
1904 der neue Kugelfang eingerichtet.
Die Unzulänglichkeit der bisherigen Schießanlagen und mancherlei Unzuträglichkeiten ließen den Wunsch auf Errichtung eines eigenen Schützenhauses mit ausreichenden, den modernen Anforderungen entsprechenden Schießständen immer dringender werden.
Nach längeren eingehenden Vorberatungen faßte die Schützengesellschaft am 20. April 1910 den endgültigen Beschluß, auf ihrem Grundstück, der Kuhlache, dem bisherigen Festplatze der „Vogelwiese“, ein Schützenhaus mit 15 Schießständen zu erbauen. Der Voranschlag berechnet die Kosten der ganzen Anlage auf rund 130.000 Mk.
Diese werden zum Teil durch Anteilscheine in Höhe von je 25 Mk. aufgebracht, die mit 4 Prozent verzinst und nach und nach amortisiert werden.
Durch Aufschütten, Kanalisieren und Verlegen des Speckebaches wurde das Grundstück für den Bau hergerichtet.
Zu seiner Vergrößerung nahm die Gesellschaft mit der Eisenbahndirektion wiederholt Terrain-Austausch vor.
Außerdem pachtete sie im Jahre 1909 auf 30 Jahr von der Stadt Wittenberg Teile der Parzellen 12 bis 18 der Kuhlache für die Jahrespacht von 60 Mk. I
m Jahre 1911 erwarb sie weiter 465 Quadratmeter käuflich zum Preise von 2 Mk. pro Quadratmeter.
Im Herbste dieses Jahres konnte mit dem Bau begonnen werden, der, durch die Witterung begünstigt, beim Abschluß dieser Festschrift bereits so weit fortgeschritten ist, daß die Einweihung des stattlichen Schützenheims am 28. Juli 1912 zugleich mit der 500 jährigen Jubelfeier der Schützengesellschaft erfolgen kann.
Am 10. Dezember 1911 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Wir lassen den Bericht über die Feier folgen, wie er von uns im „Wittenberger Tageblatt“ veröffentlicht wurde:
Vom schönsten Wetter begünstigt, hat gestern die Grundsteinlegung zum Neubau unseres Schützenhauses stattgefunden.
Vor 2½ Uhr versammelten sich die Mitglieder beider Kompagnien und nahmen mit ihren Fahnen um den Grundstein Aufstellung, der von Tannengewinden und Fahnen umgeben war.
Bald darauf trafen dort auch die Ehrengäste ein.
Unter diesen bemerkten wir Herrn Oberst Vollbrecht, als Vertreter der Garnison, Herrn Bürgermeister Dr. Schirmer, als Vertreter des Magistrats, Herrn Stadtverordnetenvorsteher Bickel, als Vertreter der Stadtverordnetenversammlung, Herrn Stadtrat Elfe, als Vertreter der Veteranen der Schützengesellschaft, ferner die Ehrenmitglieder der Gesellschaft, Herrn Fabrikbesitzer Heydrich und Herrn Stadtältesten Lauter und die Vertreter der Lokalpresse. Pünktlich 2 Uhr begann die Feier mit dem von Mitgliedern der Regimentsmusik gespielten Chorale „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.“
Hierauf trat der Schützen-Adjutant, Herr Stein, vor die Front und verlas mit weithin vernehmbarer Stimme die Urkunde der Grundsteinlegung, die folgenden Wortlaut hat:
Verhandelt Wittenberg, den 10. Dezember 1911.
Zu der Errichtung neuer Schießstände und Erbauung eines Schützenhauses ist heute Sonntag, als den 10. Dezember des Jahres 1911 nach Christi Geburt, am Nachmittag 2½ Uhr der Grundstein gelegt worden.
Der Grundstein befindet sich in der dritten Wand im Gebäude, welche von Süden nach Norden läuft, ist überdeckt mit einer Sandsteinplatte, und ist mit Zementbeton umgeben.
Der Grundstein enthält eine kupferne Hülle, in der nachfolgende Dokumente und Erinnerungszeichen der Nachwelt übergeben werden:
– 1. Jahresbericht des Geschäftsjahres 1908/9, sowie Nachrichten über die Erinnerungsfeier, welche von der Verlegung des Speckebachs berichtet.
– 2. Der Jahresbericht des Geschäftsjahres 1909/10.
– 3. Der Jahresbericht des Geschäftsjahres 1910/11.
– 4. Abschrift der Urkunden die Fahnen-Stiftung betreffend vom 16. März 1811 und 31. Juli 1911.
– 5. Nachrichten über gewesene Schießstätten beim Büchsen- und Vogelschießen.
– 6. Etat der Gesellschaft von 1911/12.
– 7. Ein Verzeichnis der Schießtage für 1911.
– 8. Ein Zeichnungsschein, wie solche zur Abnahme von Anteilscheinen zur Kapitalbeschaffung zu Baugeldern ausgegeben worden sind.
– 9. Ein Werbebrief.
– 10. Eine Einladung zum Festmahl während des Vogelschießens 1911.
– 11. Die namentliche Aufführung derjenigen Kameraden, die zum Baufonds gezeichnet haben.
– 12. Aufruf zur Stiftung des Fahnenbandes zur 100 jährigen Erinnerung.
– 13. Geschichte der Stadt Wittenberg von Richard Erfurth, Lehrer an der Lutherschule.
– 14. Führer durch Wittenberg und Umgegend von Richard Erfurth, Lehrer an der Lutherschule, beides gestiftet vom Verfasser.
– 15. Ein Adreßbuch der Stadt Wittenberg vom Jahre 1911, gestiftet von Kamerad Clemens Stitz.
– 16. Verschiedene Aufnahmen der bisherigen Schießbude und des Vogelstandes, sowie ein Gruppenbild der Gesellschaft.
– 17. Ansichten von Wittenberg aus den 50er Jahren und der Jetztzeit, gestiftet von Kamerad Zerling.
– 18. Die Ansichten des Schießhauses vom Jahre 1775.
– 19. Verwaltungsbericht der Stadt Wittenberg vom Jahre 1909.
– 20. Etat der Stadt Wittenberg vom Jahre 1911.
– 21. Exemplare des „Wittenberger Tageblattes“.
– 22. Das Mitglieder-Verzeichnis.
– 23. Verschiedene Münzen.
In Gegenwart der unterzeichneten Schützen-Kameraden wurden die unter 1 bis 23 aufgeführten Gegenstände in der von dem Kameraden Elvert gefertigten kupfernen Kapsel untergebracht.
Die Kapsel wurde geschlossen und in aller Gegenwart vom Kameraden Fritz Elvert verlötet.
Paul Friedrich. Carl Hecht. Wilhelm Stein. Max Zerling.

So wurde der Vogel 500 Jahre beschossen.

Nunmehr trat der Kommandeur der Schützengesellschaft, Schützenmajor Herr Kaufmann und Stadtverordneter Paul Friedrich an den Grundstein und richtete an die Versammlung folgende Ansprache:
Sehr geehrte Gäste, werte Mitbürger und liebe Kameraden!
In einer Zeit der Wünsche und Hoffnungen, in den Tagen froher Weihnachtserwartung haben wir uns hier zusammengefunden.
Es gilt, den Grundstein zu einer Heimstätte zu legen, die neben dem Frohsinn und der Erholung der Erziehung zur Wehrkraft gewidmet sein soll.
Selbstbeherrschung und Verantwortlichkeitsgefühl sollen in dem werdenden Schützenhause gepflegt und gefördert werden.
Es ist ja nicht das erstemal, daß unsere Schützengesellschaft mit dem Bau eines Schützenhauses beginnt.
Schon 1632 hat der Kurfürst Johann Georg von Sachsen dieses Grundstück, auf dem wir stehen, in der Größe von 5 Morgen unserer Gesellschaft zur Errichtung eines eigenen Heims überwiesen und ihr dazu die Baukosten in Höhe von 700 Gulden gestiftet.
Dieses erste Schießhaus wurde lange Jahre benutzt, bis es in den Stürmen des Siebenjährigen Krieges am 16. August 1759 zerstört wurde.
Die Not der damaligen Zeit ließ es nicht zu, sofort an den Wiederaufbau zu denken.
Erst in den Jahren 1774/75 wurde ein Neubau vorgenommen, und er konnte nur ermöglicht werden durch freiwillige Spenden, durch den Verkauf von Dukaten, Silber und Goldsachen, sowie durch Ausgabe von Obligationen.
Die Namen der Spender sind uns bekannt, es sind Namen, die auch heute noch in unserer Stadt durch anderweitige Vermächtnisse in gutem Gedenken stehen.
Die noch vorhandenen Zeichnungen jenes Hauses haben wir in photographischer Wiedergabe zu den Grundsteinschriften des Neubaues gelegt.
Sie zeigen uns, daß unser neues Heim eine ganz ähnliche Dachkonstruktion haben wird, wie jenes Haus von 1775.
In den Kriegsläuften vor hundert Jahren, die über unsere Stadt soviel Unglück brachten, wurde unser Schießhaus abermals zerstört.
Es wurde am 6. April 1813 ein Opfer der Flammen.
Die Erlaubnis zum Wiederaufbau wurde wegen der in Aussicht genommenen Wiederbefestigung der Stadt nicht wieder erteilt. Dafür übereignete aber der König von Preußen im Jahre 1817 einige Baustellen in Kleinwittenberg.
Dorthin wurde im Jahre 1818 das Schießhaus und der Schießstand verlegt.
Also nahezu hundert Jahre sind wir zu Kleinwittenberg heimisch.
Im Laufe der Jahre war aber der Wunsch nach Errichtung besserer Schießstände immer lebhafter geworden, so daß im Jahre 1907 eine Kommission mit der weiteren Verfolgung dieses Zieles betraut wurde.
Nach mancherlei ernsten und schweren Beratungen, bei denen es oft genug nicht ohne starke Meinungsverschiedenheiten abging, haben wir in dieser Stunde nun die Freude, uns sagen zu dürfen:
Das Ziel ist erreicht, der Grundstein zum neuen Schützenhause wird gelegt!
Wir wissen den Behörden Dank, die uns zur Erreichung unseres Zieles durch ihr Entgegenkommen geholfen haben.
Wir danken Ihnen, sehr geehrte Herren Ehrengäste, dafür, daß Sie durch Ihr persönliches Erscheinen heute Ihre freundliche Stellung zu unserer Schützengesellschaft zum Ausdruck bringen.
Mögen die Patendienste, die Sie heute bei unserem Neubau leisten, für diesen von guter Vorbedeutung sein.
Wir danken auch allen lieben Mitbürgern für ihre Anteilnahme an unserer Gesellschaft und wünschen, daß diese Freundschaft immer anhalten möge.
Uns aber, Kameraden, soll der heutige Tag eine Mahnung sein, in Treue und Einigkeit zu unserer Schützengesellschaft zu stehen, und daß wir immer da helfend eingreifen, wo es noch fehlt.
Nunmehr habe ich die Ehre, die Grundsteinlegung vollziehen zu helfen und tue die ersten Hammerschläge mit dem Wunsche, daß das neue Haus immerdar unter Gottes Schutz stehe, daß es durch Glück und Segen eine Heimstätte guter deutscher Sitte und deutscher Kraft werde, daß es bei uns gelte:
Allezeit treu bereit
Für des Reiches Herrlichkeit!
Nach diesen von drei Hammerschlägen begleiteten Worten wurden seitens der offiziellen Persönlichkeiten die üblichen drei Hammerschläge vollzogen, die von nachstehenden Weihesprüchen begleitet waren:
Herr Bürgermeister Dr. Schirmer:
Möge in dem neuen Heim der alten Wittenberger Schützengilde immerdar der alte Soldatenspruch gelten:
Mit Gott für Kaiser und Reich!
Mit Gott für König und Vaterland!
Herr Oberst Vollbrecht:
Ich wünsche der Schützengesellschaft, daß sie in echter Treue die soldatischen Tugenden pflegen möge, und den Gedanken Kraft und Geltung verschaffen möge, die ausgedrückt sind in dem altbewährten Spruche:
Üb‘ Aug‘ und Hand
Fürs Vaterland!
Herr Stadtverordnetenvorsteher Bickel:
In Einigkeit stark!
Herr Stadtrat Elfe:
Treue zum Vereine,
Treue zum Vaterlande,
Treue zum König!
Herr Fabrikbesitzer Heydrich
Mit vereinten Kräften!
Herr Rudolf Bräse als derzeitiger Schützenkönig:
Durch Gottes Güte der Stadt zur Zierde,
Der Schützengesellschaft ein Heim
Soll dein Ziel sein!
Herr Schützenhauptmann Hecht für die I. Schützenkompagnie:
Ist’s Gottes Werk, so wird’s bestehn,
Ist’s Menschenwerk, wird’s untergehn!
Herr Schützenhauptmann Balzer für die II. Schützenkompagnie:
Den Schützen zur Ehr‘,
Dem Vaterlande zur Wehr,
Laßt uns ferner walten,
In Einigkeit zusammenhalten!
Mit dem von der Musik gespielten „Altniederländischen Dankgebet“ erreichte der schöne Festakt, dem auch zahlreiche Zuschauer beiwohnten, sein Ende.
Daran schloß sich eine Besichtigung der Bauanlage, die schon jetzt ein anschauliches Bild von dem Umfang und der zweckmäßigen Einrichtung des Hauses bietet.
Unter Vorantritt der Musik begaben sich die Schützen um 3 Uhr durch die Lutherstraße nach dem kleinen Balzerschen Saale zum anschließenden Kommers.
Bei diesem wurde durch den Kommandeur, Herrn Friedrich, die erfreuliche Mitteilung gemacht, daß das Ehrenmitglied der Gesellschaft, Herr Fabrikbesizer Theodor Heydrich, dieser zum Bau einen Baustein von 500 Mk. gestiftet hat.