Nachrichten aus dem Haushalt Dr. Martin Luther

Das Wittenberger Ratsarchiv ermöglichst es, auch in Dr. Martin Luthers Küche und Keller zu schauen.
Gar oft ist der Rat zu Wittenberg dem großen Reformator helfend zur Seite getreten, wenn die materiellen Nöte des Lebens auch ihn nicht verschonten.
Dr. Martin Luther war gezwungen, einen großen Haushalt zu führen. Wie so oft kamen Gelehrte, Ritter und Fürsten nach Wittenberg, um die neue Lehre zu hören oder zu studieren, wie so oft kamen diese auch nur, um ihre Neugier zu befriedigen.
Gar mancher von ihnen wurde in Luthers gastlichem Heim, dem als Hausfrau Käthe Luther treu und recht vorstand, aufgenommen.
Das Haus des gelehrten Mannes Dr. Luther war oft genug Herberge vieler Gäste.
Für die seelsorgerische Tätigkeit an der Stadtkirche bezog Luther überhaupt kein Gehalt.
Als Lehrer an der Universität aber erhielt er alljährlich 200 Gulden; das war gewiß eine bescheidene Entlohnung für den stets arbeitenden und schaffenden Gottesmann.
Er stand mitten im praktischen Leben und da wurde auch er als Hausvater von den vielen kleinen Sorgen und Beschwerden, die das tägliche Leben mit sich bringt, nicht verschont.
Viele, sehr viele arme Studenten fanden im Dr. Lutherschen Hause gastliche Ausnahme, so mancher von ihnen wurde dort dauernd beköstigt.
So kam es, daß dieser Haushalt nicht unbedeutende Summen erforderte.
Für seine eigene Person war Dr. Luther durchaus einfach und mäßig. Er liebte als tägliches Getränk ein Glas Bier, welches von seiner Frau, der damaligen Sitte entsprechend, selbst gebraut wurde und wofür sie wöchentlich ca. 56 Pfennige brauchte.
Den zahlreichen Gästen des Hauses konnte ein so einfaches Getränk nicht vorgesetzt werden.
Sie wurden mit den fremden gehaltvolleren Bieren oder mit Wein bewirtet, den man aus dem Wittenberger Stadtkeller bezog.
Da griff nun oft der Rat der Stadt helfend ein und erleichterte Dr. Martin Luther die ihm durch seine Gastfreundschaft entstandenen Unkosten.
Die Ratsakten enthalten hierüber lehrreiche Einzelheiten.
Sie bringen zahlenmäßige Belege für die Aufmerksamkeiten, die die Stadt Wittenberg ihrem größten Bürger, der eine Welt aus den Angeln hob, geboten hat.
Luther war es stets eine besondere Freude, wenn der Rat der Stadt ihm ein Fäßchen „eimbeckisch“ oder torgauisch“ Bier verehrte oder gar einige Kannen Malvasier“ schenkte.
Zur Verlöbnisseier Dr. Martin Luthers mit Katharina v. Bora, die am 14. Juli 1523 im Hause des Bürgermeisters Philipp Reichenbach in der Bürgermeistergassen stattfand (siehe Consilius Vitebergensis Bd. IV. S. 19), spendete „Der Rath dieses Orths 14 Maaß aller hand Wein neben gewöhnlicher Gratulation“.
Die Jahres Rechnung von 1525 (Luthers Hochzeitstag war am 18. Juni 1585) führt nun folgende Posten auf:
„Ausgabe von des Raths-Geschenke

– 20 fl. vor ein Stubichen Malvasier, das Quart zu 5 Groschen,
– 6 Gr. vor ein Stubichen Rheinischen Wein,
– 7 Gr. vor 6 Kannen Franken-Wein, das Quart zu 14 pfg.,
Dr. Martino aus sein Verlobnis verehret Mittwoch nach Trinitatis„.

In der Jahres-Rechnung von 1525 finden wir noch folgende Posten:

– 2 fl. 16 Gr. 6 Psg. vor ein Faß Eimbeckisch Bier. Dr. Martino auf seine Wirtschaft geschenket. Dienstags nach Joh. Baptisten,
– 1 fl. 8 Gr. 3 Pfg. vor ein Schwabisch (Schwäbisch Tuch ein Kleid)
Frau Katharina, Dr. Martinium ehelichen Weibe zum Neuen Jahr geschenket,
– 2 fl. 16 Gr. 2 Pfg. vor Wein, hat Dr. Martin Luthern das gantze Jahr über im Stadtkeller holen lassen und der Rath hats für ihn bezahlet,
– 13. Gr. der Dictus Schultzin gegeben, hat Dr. Martino verzehret, da er auf Erforderung des Raths und gemeine Stadt widerum gen Wittenberg kommen, da er aus der Insul Pathmos (gemeint ist von der Wartburg) kommen. Ist dies Jahr allererst bezahlet worden.
– 7 fl. 20 Gr. Dr. Martinium“.

Auch für Dr. Martin Luthers Bekleidung finden wir in dieser Jahres-Rechnung einige Posten:

– 140 Gulden Eberhard, dem Kürschner, gegeben. Hat Dr. Martino einen Rock mit schwarzen Schmachen (Lammfell-Besatz) gefüttert“.

Im Jahre 1526 heißt es:

– 242 Gulden Ambrosio Reuther für 11 Ellen purpurianisch Tuch hat der Rath Dr. Martino zum Rock geschenket“:

In den Akten findet sich aus dem Jahre 1528 folgender Vermerk:

– 110 Gulden Dr. Martino dies Jahr verehret.
– 12 Gulden für ein Stubichen Rotwein,
     1 Stubichen Rheinischen Wein, jede Kanne zu 14 Groschen, und
     1 Stubichen Landwein, die Kanne zu 9 Groschen,
sind Dr. Martini Vater verehret.
– 111 Gulden 4 Groschen für Wein, welchen Dr. Martinus dies Jahr über aus dem Stadtkeller hat holen lassen, worum der Rath ihn nicht hat nehmen wollen.
– 4 Gulden für 1 Stubichen Kotschberger, Dr. Martino verehret“.

Neben diesen Getränken machte der Rat der Stadt Wittenberg seine berühmten Mitbürger auch noch andere Geschenke, die zum Teil oft in nachträglichem Erlaß von Forderungen bestanden.
So erhielt Dr. Martin Luther zum Ausbau seines Hauses verschiedene Zuwendungen.
Aus der Jahresrechnung 1539 erfahren wir das Folgende:

– 505 Gulden dem ehrwürdigen hochgelahrten Dr. Martino überlassen. Nämlich 110 Wagen Kalk, jeder Wagen zu 4 Gulden, und 2.600 Mauer- und Dachsteine. Um Martino zu Seiner Ehrwürden Gebäude dies Jahr dieses alles hat ihn der Rath nicht wollen nehmen“.

In all diesen Zuwendungen des Rates der Stadt erblicken wir das unverfälschte Wohlwollen dem verdienstvollen Bürger gegenüber. Und diese Wohltaten konnten keinem Würdigeren als Dr. Martin Luther zu Gute kommen.
Machte er doch aus seiner Armut niemals ein Verbergen.
So oft war er ohne Geld.
Als ihn einstmals ein armer Student um einen Zehrpfennig ansprach, und er selbst auch keinen Pfennig im Hause hatte, reichte er ihm einen silbernen Becher, das Geschenk des Kurfürsten.
Mochte der Student den Becher an einen Goldschmied verkaufen. Als der Bittsteller den Becher nicht annehmen wollte, drückte Luther diesen zusammen und sagte:
„Nun ist es alt Silber, laß es dir münzen!“
Nicht unbekannt ist auch die Stelle aus einem Brief Dr. Martin Luthers an Kurfürst Friedrich den Weisen, als dieser ihn von der Türkensteuer befreien wollte:
„Ich möchte mit meinen armen Pfennigen gern auch mit in dem Heere wider die Türken seyn, neben andern, die es gern geben!“

Hundertfältige Frucht haben die Geschenke des Rates an Dr. Luther getragen.
Was wäre Wittenberg, wenn es keinen Reformator Dr. Martin Luther in seinen Mauern Herberge und Heimat gewährt hätte?

Robert Ernst

aus: Deutsche Heimat vom 25.06.1933

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