Luther geht ins Kloster
Es war an einem heißen Julitage des Jahres 1505, als Martin Luther von einem Besuche bei seinen Eltern nach der Universität Erfurt zurückkehrte.
Sengend brannte die Sonne vom Himmel, und gar beschwerlich schritt der Fuß des jungen Studenten durch den staubbedeckten Weg.
Er war sehr ermüdet und ging, das Haupt zur Erde geneigt, in tiefen und schweren Gedanken dahin.
So bemerkte er nicht, daß hinter ihm ein schweres Wetter aufzog und durch den Wind getrieben rasch näherkam.
Er wurde es erst gewahr, als es schon über ihm stand und ein lauter Donnerschlag die Luft erschütterte.
Luther erschrak und strebte schnell vorwärts, aber konnte dem Wetter nicht entfliehen, das mit seinem Fuße gleichen Schritt hielt und immer heftiger sich entlud.
Rings um ihn flammten die Blitze und brüllte der Donner, und der strömende Regen durchnäßte ihn bald bis auf die Haut, so daß er meinte, die Schrecken des Jüngsten Gerichts seien angebrochen.
In seiner Not flehte er zur hl. Anna, der Mutter der Jungfrau Maria, deren Schutz sonst die Mansfelder Bergleute in der Gefahr anriefen. Plötzlich schlug ein Blitz dicht neben Luther in eine Buche, die am Wege stand, daß sie krachend zersplitterte.
Der Jüngling sank zu Boden und meinte, sein letztes Stündlein habe geschlagen.
Von Furcht gepackt rief er aus:
„Hilf, liebe St. Anna! Hilf – ich will ein Mönch werden!“
Es war, als habe sich das schlimme Wetter mit diesem Schlage ausgetobt.
Bald darauf zog es ab, und zwischen den Wolken kam die Sonne wieder hervor.
Luther erhob sich und setzte seinen Weg fort.
Als er nun gegen Abend in der Stadt Erfurt anlangte, begab er sich alsbald von seiner Wohnung nach dem Augustinerkloster und klopfte Einlaß heischend an dessen Pforte, die ihm auch sogleich aufgetan wurde.
Der Lutherstein in der Dübener Heide
Inmitten der Dübener Heide an der Straße, die über Düben nach Leipzig führt, liegt auf einer von Buchen und Eichen umgebenen Straßeninsel der Lutherstein.
Es ist ein großer Findlingsblock, der die verwitterte Inschrift trägt:
„D. M. L. Ein feste Burg ist unser Gott“.
Luther soll an dieser Stelle im Jahre 1519 bei einer Rückkehr von der Disputation mit seinem Widersacher Dr. Eck feierlich von den Wittenberger Studenten empfangen worden sein.
Über den Ursprung des Luthersteins teilt eine andere Sage folgendes mit:
Luther war ein großer Tierfreund.
Um die Pferde vor seinem Reisewagen zu schonen, die sich in dem sandigen Wege sehr mühen mußten, stieg der Reformator da, wo der Weg anstieg, vom Wagen und ging eine Strecke Weges zu Fuß. Dabei geriet ihm ein Steinchen in den Schuh, das ihn drückte.
Er schüttete es darum an jener Stelle aus, und daraus bildete sich der Lutherstein.
Das Papsthaus
In der Nähe des Dorfes Radis bei Wittenberg liegt im Walde die Gastwirtschaft „Papsthaus“, in der 1812 der berühmte Astronom Galle geboren wurde, der im Jahre 1846 den Planeten Neptun entdeckte.
Der Name des Gasthauses wird auf Luther zurückgeführt.
Die Sage erzählt:
Als der Reformator dort einmal mit Studenten einkehrte und seinen Durst mit einem kühlen Trunke zu stillen gedachte, da wurde ihm schales, schlechtes Bier vorgesetzt.
Erzürnt goß er dieses auf die Erde und rief:
„Das mag der Papst trinken!“
Davon soll das Haus seinen Namen haben.
Luther und die Schweizer Studenten
Als Martin Luther im März 1522 die Wartburg verließ, um nach Wittenberg zu kommen, kehrte er in Jena im Gasthofe „zum schwarzen Bären“ ein, um die Nacht da zu bleiben.
Hier traf er auf zwei Schweizer Studenten, die auch nach Wittenberg reisen wollten.
Der eine von ihnen, Johannes Keßler aus St. Gallen, erzählt darüber folgendes:
„Da wir, die Heilige Schrift zu studieren, gen Wittenberg reisten, sind wir nach Jena im Land Thüringen, weiß Gott! in einem wüsten Gewitter gekommen und nach vielen Umfragen in der Stadt um eine Herberge, wo wir zur Nacht blieben, haben wir keine erhaschen noch erfragen können.
Überall war uns Herberge abgeschlagen; denn es war Fastnacht, wo man nicht viel Sorge um die Pilger und Fremdlinge trägt.
Da haben wir uns aus der Stadt wieder herausgewandt, um weiterzugehen, ob wir wohl ein Dorf erreichten, wo man uns doch beherbergen wollte.
Indem begegnete uns unter dem Tor ein ehrbarer Mann, sprach uns freundlich an und fragte, wo wir doch so spät hin wollten, da wir in keiner Nähe weder Haus noch Hof, wo man uns behielte, vor finsterer Nacht erreichen würden.
Zudem sei es ein Weg, leicht zu fehlen und sich zu verirren; deshalb wolle er uns raten, allhier zu bleiben.
Wir antworteten:
„Lieber Vater, wir sind bei allen Wirtshäusern gewesen, an die man uns hin und her gewiesen hat; allenthalben aber hat man uns abgewiesen und Herberge versagt, müssen also aus Not fürbaß ziehen.“
Da sprach er, ob wir auch im Wirtshaus zum „Schwarzen Bär“ gefragt hätten.
Da sprachen wir:
„Es ist uns nie vorgekommen. Lieber, sagt, wo finden wir das?“
Da zeigte er’s uns an, ein wenig vor der Stadt.
Und als wir den „Schwarzen Bär“ sahen, siehe, wie uns vorher alle Wirte Herberge abgeschlagen hatten, so kam hier der Wirt unter die Tür, empfing uns und erbot sich selbst gutwillig, uns zu beherbergen und führte uns in die Stube.
Dort fanden wir einen Mann allein am Tische sitzen, und vor ihm lag ein Büchel.
Er grüßte uns freundlich, hieß uns näherkommen und zu sich an den Tisch setzen.
Denn unsere Schuhe waren hier mit Verlaub zu schreiben so voll Kot und Schmutz, daß wir aus Scham über die Kotflecken nicht fröhlich in die Stube treten konnten, und drückten uns bei der Tür heimlich auf ein Bänkli nieder.
Da bot er uns zu trinken, was wir nicht abschlagen konnten.
Als wir so seine Freundlichkeit und Herzlichkeit vernahmen, setzten wir uns zu ihm, wie er geheißen, an seinen Tisch, ließen ein Maß Wein auftragen, damit wir der Ehre wegen auch ihm zu trinken böten.
Wir vermeinten aber nicht anders, als es wäre ein Ritter, der nach Landesgewohnheit dasaß, mit einem roten Lederkäppel, in Hosen und Wams, ohne Rüstung, ein Schwert an der Seite, die rechte Hand auf des Schwertes Knopf, mit der anderen das Heft umfassend. Seine Augen waren schwarz und tief, blitzend und funkelnd wie ein Stern, so daß sie nicht wohl mochten angesehen werden.
Bald fing er an zu fragen, von wannen wir gebürtig wären.
Doch gab er sich selbst Antwort:
„Ihr seid Schweizer. Woher seid ihr aus dem Schweizerland?“
Wir antworteten: „Aus St. Gallen.“ Da sprach er:
„Wollt ihr von hier, wie ich höre, nach Wittenberg, so findet ihr dort gute Landsleute, nämlich Doktor Hieronymus Schurf und seinen Bruder Doktor Augustin.“
Wir sagten: „Wir haben Briefe an sie.“
Da fragten wir ihn wieder:
„Mein Herr, wißt Ihr uns nicht zu bescheiden, ob Martinus Luther jetzt zu Wittenberg, oder an welchem Orte er sonst sei?“
Antwortete er:
„Ich habe gewisse Kundschaft, daß der Luther jetzt gerade nicht zu Wittenberg ist; er wird aber bald kommen. Philippus Melanchthon aber ist dort; er lehrt die griechische Sprache, so auch andere die hebräische lehren. In Treue will ich euch raten, beide zu studieren, denn sie sind vorher notwendig, um die Heilige Schrift zu verstehen.“
Sprachen wir:
„Gott sei gelobt! Denn so Gott unser Leben fristet, wollen wir nicht ablassen, bis wir den Mann sehen und hören, denn seinetwegen haben wir diese Fahrt unternommen.“
Nach solchen Worten fragte er:
„Wo habt ihr bis jetzt studiert?“
Antwort: „Zu Basel!“
Da sagte er: „Wie steht es zu Basel? Ist Erasmus Rotterodamus noch daselbst? Was tut er?“
„Mein Herr“, sprachen wir, „wir wissen nicht anders, als daß es wohl steht. So ist auch Erasmus da; was er aber treibt, ist jedermann unbekannt und verborgen, da er sich gar still und heimlich verhält.“
Diese Reden kamen uns gar fremd an dem Reiter vor, daß er von den beiden Schurf, von Philippo und Erasmus, desgleichen von der Erfordernis beider, der griechischen und hebräischen Zunge, zu reden wußte.
Zudem sprach er dazwischen etliche lateinische Worte, so daß uns bedünken wollte, er sei eine andere Person als ein gemeiner Reiter.
„Liebe“, fragte er uns, „was hält man im Schweizerlande von dem Luther?“
– „Mein Herr, es sind wie allenthalben mancherlei Meinungen. Manche können ihn nicht genugsam erheben, und Gott danken, daß er seine Wahrheit durch ihn geoffenbart und die Irrtümer zu erkennen gegeben hat; manche aber verdammen ihn als einen unleidlichen Ketzer, und vor anderen die Geistlichen.“
Da sprach er: „Ich denke mir’s wohl.“
Unter solchem Gespräch ward es uns gar heimlich, so daß mein Gesell das Büchel, das vor ihm lag, aufhob und sperrte es auf.
Es war ein hebräischer Pfalter.
Da legte er es schnell wieder hin, und der Reiter nahm es zu sich. Daraus kam uns noch mehr Zweifel, wer er sei.
Und mein Gesell sprach:
„Ich wollte einen Finger von der Hand hergeben, daß ich diese Sprache verstünde.“
Antwortet er:
„Ihr werdet sie wohl begreifen, wenn ihr anders Fleiß anwendet; auch ich begehre sie weiter zu erlernen und übe mich täglich darin.“
Unterdes ging der Tag ganz hinunter, und es wurde sehr dunkel, und der Wirt kam an den Tisch.
Als er unser hoch Verlangen und Begierde nach dem Martin Luther vernommen, sprach er:
„Liebe Gesellen, wäret ihr vor zwei Tagen hier gewesen, so wär‘ es euch gelungen; denn hier an dem Tisch hat er gesessen und“
– er zeigte mit dem Finger – „an der Stelle.“
Das verdroß uns sehr und zürnten, daß wir uns versäumt hatten, ließen den Zorn an dem kotigen und schlechten Weg aus, der uns verhindert hatte.
Doch sprachen wir:
„Nun freuet uns doch, daß wir in dem Haus und an dem Tische sitzen, wo er saß.“
Darüber mußte der Wirt lachen und ging damit zur Tür hinaus.
Nach einer kleinen Weil ruft mich der Wirt vor die Stubentür hinaus, ich soll zu ihm kommen.
Ich erschrak und bedachte, was ich Ungeschickliches getan oder was mir ohne meine Schuld verargt würde.
Da sprach der Wirt zu mir:
„Dieweil ich erkenne, daß ihr den Luther in Treue zu sehen und zu hören begehret: – der ist’s, der bei euch sitzet.“
Diese Worte nahm ich für Spott und sprach:
„Ja, Herr Wirt, ihr wollt mich gern foppen und mein Begier durch des Luthers Trugbild sättigen.“
Er antwortete:
„Er ist es gewißlich. Doch tue nicht, als ob du ihn dafür haltest und erkennst.“
Ich ließ dem Wirt Recht; ich konnte es aber nicht glauben.
Ich ging wieder in die Stube, setzte mich wieder an den Tisch, hätte es auch gern meinem Gesellen gesagt, was mir der Wirt eröffnet hatte.
Endlich wandt‘ ich mich zu ihm und raunte heimlich:
„Der Wirt hat mir gesagt, der sei der Luther.“
Er wollt es auch wie ich nicht glauben und sprach:
„Er hat vielleicht gesagt, es sei der Hutten, und du hast ihn nicht recht verstanden.“
– Weil mich nun die Reiterkleidung und die Gebärde mehr an den Hutten denn an Luther, als einen Mönch, gemahnten, ließ ich mich bereden, er hätte gesprochen:
„Es ist der Hutten“, da die Anfänge beider Namen schier zusammenklingen.
Was ich deshalb ferner redete, geschah so, als ob ich mit Herrn Huldrich ab Hutten, Ritter, redete.
Während alledem kamen zwei von den Kaufleuten, die auch allda über Nacht bleiben wollten, und nachdem sie sich entkleidet und entspornt, legte einer neben sich ein uneingebundenes Buch.
Da fragte Martinus, was das für ein Buch wäre.
Er sprach:
„Es ist Doktor Luthers Auslegung etlicher Evangelien und Episteln, erst neu gedruckt und ausgegangen; habt ihr die nie gesehen?“ Sprach Martinus:
„Sie werden mir auch bald zukommen.“
Da sprach der Wirt:
„Nun verfügt euch zum Tisch; wir wollen essen!“
Wir aber sprachen und baten den Wirt, er möchte mit uns Nachsicht haben und uns etwas Besonderes geben.
Da sprach der Wirt: „
„Liebe Gesellen, setzt euch zu den Herren an den Tisch; ich will euch geziemend halten!“
Da das Martinus hörte, sprach er:
„Kommt herzu; ich will die Zehrung mit dem Wirt schon abmachen!“
Nach dem Nachtmahl stunden die Kaufmänner auf, gingen in den Stall, die Rosse zu versehen.
Indes blieb Martinus mit uns allein in der Stube; da dankten wir ihm für seine Verehrung und Spende und ließen ihn dabei merken, daß wir ihn für Huldrich ab Hutten hielten.
Er aber sprach:
„Ich bin es nicht.“
Dazu kam der Wirt, und Martinus sprach:
„Ich bin diese Nacht zu einem Edelmann geworden; denn diese Schweizer halten mich für Huldrich ab Hutten.“
Sprach der Wirt:
„Ihr seid es nicht, aber Martinus Luther.“
Da lächelte er mit solchem Scherz:
„Die halten mich für den Hutten, ihr für den Luther; bald werde ich wohl gar Markolfus (Komische Figur des 14. und 15. Jahrhunderts wie Till Eulenspiegel) werden.“
Und nach solchem Gespräch nahm er ein hoch Bierglas und sprach nach des Landes Brauch:
„Schweizer, trinken wir noch einen freundlichen Trunk zum Segen!“
Und wie ich das Glas von ihm empfangen wollte, wechselte er das Glas, bot dafür ein Glas mit Wein und sprach:
„Das Bier ist euch unheimisch und ungewohnt, trinket den Wein!“ Indem stand er auf, warf den Waffenrock auf seine Achsel und nahm Abschied.
Er bot uns seine Hand und sprach:
„So ihr nach Wittenberg kommt, grüßt mir den Doktor Hieronymus Schurf!“
Sprachen wir:
„Wir wollen das gern tun; doch wie sollen wir euch nennen, daß er den Gruß von euch verstehe?“
Sprach er:
„Saget nichts weiter als das:
Der kommen wird, läßt euch grüßen; so versteht er die Worte sogleich.“
Also schied er von uns und ging zu seiner Ruhe.
Um anderen Tage sind wir gen Wittenberg gezogen, und am Samstage sind wir dort bei dem Doktor Hieronymus Schurf eingekehret, ihm unsere Briefe zu überantworten.
Wie man uns nun in die Stube beruft, siehe, da finden wir Martinus gleichermaßen wie zu Jena und bei ihm Philippus Melanchthon, Justus Jonas und Doktor Schurf, ihm erzählend, was sich in seiner Abwesenheit zu Wittenberg zugetragen.
Er grüßt uns und lächelt, zeigt mit dem Finger und spricht:
„Dies ist der Philippus Melanchthon, von dem ich euch gesagt habe.“
Da kehrte sich dieser gegen uns, fragte uns viel und mancherlei der Zeitläuften halber, des wir ihm, so viel wir wüßten, Bescheid gaben. Also verzehrten wir denselben Tag mit ihnen mit großen Freuden und starkem Verlangen.“
Luther in Nordhausen
In Nordhausen wird Luthers Geburtstag besonders festlich begangen.
Dabei kommt immer Gänsebraten mit Grünkohl auf den Tisch.
Und zwar soll das in folgendem seinen Grund haben:
Als Luther einmal nach der Stadt Nordhausen reiste, brach kurz vor der Stadt an seinem Wagen ein Rad.
Er stieg vom Wagen herab und ging zu Fuß durch das Tor.
Da er durstig war, trat er in ein Haus am Wege, das einem Schuster gehörte, und bat um einen Trunk Wasser.
Es war gerade Mittagszeit, und der Schuster saß mit seiner Familie am Tische, auf dem Gänsebraten mit Grünkohl aufgetragen war.
Der gastfreie Hausherr lud den Fremden ein, an dem Mahle teilzunehmen, was Luther auch gern tat, da er hungrig war.
Mittlerweile aber war seine Ankunft in der Stadt bekannt geworden, und alsbald erschien der Rat und eine große Menge Volk vor dem Hause des Schusters, um den Reformator in feierlichem Geleit in die Stadt zu holen.
Zur Erinnerung hieran ißt man noch heute in Nordhausen zu Luthers Geburtstag Gänsebraten mit Grünkohl.
Der Luthersteg bei Görlitz
Der Fußweg von der Stadt Görlitz über die Schanze hinaus nach Kunnersdorf zu wird der Luthersteg genannt.
Als Doktor Martin Luther auf seiner Reise nach Schlesien auch nach Görlitz kam, hielt er sich hier einige Tage auf.
Da ging er denn auch mehrere Male diesen Weg, um sich von dem Berge herab an dem Anblick der schönen Gegend zu erfreuen.
Luther und „die stille Wiese“
In der Nähe von Muckendorf liegt eine Wiese, die vom Volke „die stille Wiese“ genannt wird.
Auf ihr soll Martin Luther einmal gepredigt haben.
Eines Tages, da viel Volk aus den benachbarten Dörfern auf dieser Wiese zu einem Feste versammelt war, und alle tanzten und tranken, trat plötzlich Doktor Luther unter sie und begann zu ihnen von Gottes Wort zu reden.
Da verstummte der Lärm, und alles scharte sich um den Gottesmann, und wo vorher laute Musik und Gesang erklungen war, herrschte nun feierliche Stille, weshalb jene Wiese „die stille Wiese“ heißt.
Warum die Gegend bei Volksdorf so rauh ist
Als Doktor Luther durch das Land Mecklenburg reiste und an die Volksdorfer Scheide kam, wehte der Wind so stark und rauh über den See von Dassow daher, daß Luther vor Kälte erschauerte und eiligst kehrt machte.
Dabei sprach er:
„Weil der Wind mich gar so ungebärdig angeht und mir so arg zusetzt, so soll diese Gegend fortan immer rauh bleiben!“
Seitdem sind dort Leute und Land rauh und grob.
Martin Luther in Wertheim
Als Doktor Martin Luther 1521 zum Reichstag gen Worms reiste, da nahm er den Weg mainabwärts und kam nach dem Städtlein Miltenberg, wo er zur Nacht blieb.
Nun war aber in Wertheim ein Graf, der ein arger Feind des Reformators war und Böses gegen ihn sann.
Als er nun vernahm, Luther sei in Miltenberg angekommen, ließ er sogleich sein Pferd satteln und ritt dahin.
Da er aber erst spät abends ankam, so sparte er sich seinen Plan für den nächsten Morgen auf.
Am selbigen Morgen, als er erwacht war und sich angekleidet hatte, stieß der Graf den Fensterladen in seiner Herberge auf und schaute in die frische Morgenluft hinaus.
Da sah er, wie am Hause gegenüber auch schon ein Mann im geistlichen Gewande herausschaute, der ihm einen guten Morgen bot.
Der Graf erwiderte den Gruß, und beide kamen in ein Gespräch über das Wetter, den Weg und den Wein, und gab ein Wort das andere. Da beide Männer Gefallen aneinander fanden, so beredeten sie sich, zusammen das Frühmahl einzunehmen, um das Gespräch fortzusetzen.
Das taten sie denn auch. und sie kamen auch auf die neue Lehre, so Luther verkündete, zu sprechen.
Da nun der Graf über diese heftig zürnte, milderte der andere seinen Zorn und belehrte ihn, der Luther wolle ja den Glauben nicht umstoßen, sondern ihn nur geläutert haben.
So klärte er den Grafen über so manches auf und nahm ihm die Zweifel aus dem Herzen.
Wie nun der geistliche Herr scheiden wollte, bat ihn der Graf um seinen Segen und fragte ihn auch, wie er sich nenne.
Jener versetzte:
„Wie soll ich mich wohl anders nennen, als Doktor Martinus Luther!“ – Da erstaunte der Graf, dann aber fühlte er eine große Freude und geleitete Luther mainabwärts nach Wertheim, wo er ihm im Gasthof „zum Adler“ Herberge anweisen ließ.
Dann führte er ihn auf die Vockenrother Stege, um ihm die Stadt Wertheim und die Umgegend zu zeigen.
Als nun Luther die von Main und Tauber so lieblich umflossene Stadt unter sich liegen sah, sprach er das prophetische Wort:
„Vom Feuer hat Wertheim nichts zu befahn,
im Wasser aber wird’s untergahn.“
Diese Prophezeiung hat sich zwar erfreulicherweise bis heute nicht erfüllt, aber die Wertheimer haben darüber doch einen argen Schrecken gehabt und sind derhalben unwillig auf Doktor Luther gewest und haben ihm nachgesagt, daß er im Adler dort die Bratwürste, die er verzehrt, schuldig geblieben sei.
Solches ist freilich nicht wahr, denn der Graf von Wertheim hat die Herberge und alles, was der Reformator zu sich genommen, für ihn bezahlt.
Noch von einer anderen Anwesenheit des Reformators in Miltenberg wird berichtet.
Auf seiner Reise nach Heidelberg im Jahre 1518 übernachtete dieser dort im Gasthof „zum Riesen“.
Daselbst war auch der Gegner Luthers, der Schenk Eberhard von Erbach, eingetroffen, der geschworen hatte, dem Mönche auf seiner Weiterreise den Weg zu verlegen und ihn gefangen zu nehmen.
Als er aber in der Nacht auf der Herberge in seiner Nähe die Stimme eines Betenden vernahm, wurde er von der Innigkeit des Gebetes so ergriffen, daß er, als ihm am Morgen mitgeteilt wurde, der Beter sei Doktor Martinus Luther gewesen, zu diesem hinging und ihm bekannte, was er Böses mit ihm vorgehabt.
Durch seine Unterredung mit dem frommen Manne wurde der Schenk Anhänger der neuen Lehre.
Er soll Luther auch, als dieser 1521 vom Reichstag zu Worms heimreiste, längere Zeit in seiner Burg Erbach vor den Feinden verborgen gehalten haben, wie denn auch die Grafen von Erbach allezeit treue Anhänger des Evangeliums gewesen sind.
Die Warnung
Als Luther 1518 nach Augsburg zum Verhör vor dem päpstlichen Abgesandten den Kardinal Cajetan reiste, las er unterwegs in Weimar die Messe.
Da trat ein alter Pater zu ihm und warnte:
„Die Welschen sind gefährliche Leute; ich fürchte, sie werden euch verbrennen.“
Luther aber antwortete:
„Vielleicht mit Nesseln; das Feuer wäre zu heiß.“
Es bedeutet etwas
Matin Luther fuhr zum Redestreit mit Doktor Eck nach Leipzig. Dieser traf gleichzeitig mit ihm auch im Wagen dort ein.
Die Studenten gingen mit Spießen und Hellebarden neben den Wagen beider her.
Wie sie nun vor die Tür am Kirchhof der Paulinerkirche ankommen, zerbricht Doktor Eck an seinem Wagen das Rad, daß er aus dem Wagen und in den Kot fällt.
Die Leute aber, die neugierig dastanden und solches sahen, sprachen:
„Das bedeutet etwas! Dieser wird unterliegen, Doktor Martinus aber obsiegen.“
Etliche von den Studenten aber fingen an aus Spott zu singen: „Doktor Eck fiel in Dreck!“
Der „unverbrannte Luther“ in Eisleben
In der langen Gasse der Stadt Eisleben steht in einer Ecke das Haus, in dem Martin Luther geboren wurde.
Obwohl nun selbige Gasse vielmals abbrannte, ist doch dieses Haus jedesmal stehen geblieben, und hat das Feuer hier Halt gemacht, ja, als am 9. August 1689 der allergrößte Teil der Stadt in Flammen aufging, brannte auch nur der obere Teil des Hauses aus, aber der untere mit der Stube, darinnen Luther geboren ist, blieb unversehrt.
In dem oberen Stockwerke befindet sich auch der sogenannte „unverbrannte Luther“, das ist ein Bildnis des selben auf Holz gemalt, zwei Fuß hoch und einen Fuß breit mit dem Heiland zur Rechten, und zur Linken Luthers Petschaft – ein rotes Herz mit einem schwarzen Kreuz in einer weißen Rose. –
Darunter steht:
„Anno 1483 ist Doktor Martinus Luther in diesem Hause geboren und zu St. Peter getauft.“
Hierunter stehen die Worte:
„Hostia eram Papae, sociorum hostis et hujus, vox mea cum scriptisnil nisi Christus erat.“
Diese Worte sind aber nicht von Luther, der aber einen ähnlichen Vers gemacht hat, nämlich:
„Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, Papa!“
Auch soll er zur Erklärung seines Petschafts die Verse gedichtet haben:
Des Christen Herz auf Rosen geht,
ob’s mitten unterm Kreuze steht
Dieses Bild hat sich beim letzten Brande in der Oberstube befunden, die mit ausgebrannt war.
Als man aber, nachdem das Feuer gelöscht war, die Brandstelle durchsuchte, fand man in dem ausgebrannten oberen Stock dasselbe gänzlich unversehrt und von keinem Feuer berührt.
Übrigens ist das Haus auch, wenn die Pest in Eisleben wütete und kein Haus davon befreit blieb, allein unangesteckt davon geblieben.
Wie Luther über die Stadt Erfurt und das Land Thüringen urteilte
„Die Stadt Erfurt“ – so sagte Martin Luther einst – „liegt am besten Orte.
Es ist eine Schmalzgrube, und da muß eine Stadt stehen, wenn sie gleich wegbrennen täte.
Wenn Nürnberg da stünde, sie sollte wohl das ganze Land unter sich reißen; denn wo böse Nahrung ist, da sind witzige Leute, die müssen suchen.
Wo aber genug da ist, da mästet man sich wie die Säue und bauet nicht.
Erfurt ist ein sehr fruchtbar Bethlehem gewesen, aber man hat mit dem Weide die Äcker also verderbet, daß der Segen in Fluch geraten ist.
Die Taler tun den Bauern zu wohl.
Gott wird ihnen Taler geben und das liebe Korn nehmen, und alsdann wird Hunger und Teuerung folgen.
Thüringer Land hat ein schwarz, schleimig Erdreich, macht den Fuhrleuten, wenn es naß ist und geregnet hat, ein schwer fahren und bösen Weg.
Thüringen war etwan ein sehr fruchtbar Land, jetzt aber ist es eine äußerste Vermaledeiung, vielleicht um des großen Geizes der Bauern willen.
Unser sändig Ländlein hier (bei Wittenberg) hat noch den Segen, daß es jenem weit überlegen und fruchtbar ist.
Es ist ein göttlich Wunderwerk.
Gott gäbe uns allen genug, wenn wir seine Gaben nicht so schändlich mißbrauchten und mit unserem Geiz verdürben.“
Luther errettet Melanchthon vom Tode
Als Luthers Freund und Mitarbeiter Philipp Melanchthon im Jahre 1540 zum Hagenauer Religionsgespräch reiste, erkrankte er auf dem Wege in Weimar bis auf den Tod.
Da ließ der Kurfürst Luther sagen, er möge kommen, ehe Melanchthon stürbe.
Luther kam auch sogleich und fand ihn mit gebrochenen Augen, Sinne und Sprache vergangen und das Gesicht eingefallen wie das eines Sterbenden.
Heftig erschrocken wendet sich Luther nach dem Fenster, fällt auf die Knie und bestürmt Gott in seinem Gebet, er müsse ihn erhören und den Freund gesunden lassen.
Dann faßt er Melanchthon bei der Hand mit den Worten:
„Seid getrost, Philippe, Ihr werdet nicht sterben“,
und richtet vor allem sein bekümmertes Gewissen mit kräftigen Worten auf.
Und da Melanchthon zu sich kommt und sich aufrichtet, aber ihn bittet, er möchte ihn um Gottes willen lassen hinziehen, er sei jetzt auf einer guten Fahrt, da antwortet Luther:
„Mit nichten, Philippe, Du mußt unserm Herrgott noch weiter dienen.“ Dann bringt er ihm selbst zu essen und spricht:
„Hörst Du, Philippe, Du mußt mir essen, oder ich tue Dich in den Bann.“
Gott erhörte Luthers Gebet und ließ Melanchthon genesen.
Dieser aber erzählte nie anders, als daß Luther ihn damals aus des Todes Rachen gerissen habe.
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