Kemberg

Das neue Rathaus – Ehrenfriedhof – Heimatgeschichtliches

An einem schönen Frühherbsttage führten mich berufliche
Angelegenheiten nach Kemberg, dem am Rande der Dübener
Heide gelegenen freundlichen Städtchen mit etwa 2.500 Einwohnern und einer Ortszeitung, „General-Anzeiger“ genannt.
Da der Mittagszug ab Wittenberg 11,49 Uhr in Bergwitz
keinen Anschluß nach Kemberg hat (die Kleinbahn hat unter
dem Drucke der Zeitverhältnisse den Betrieb erheblich eingeschränkt),
so zog ich vor, Schusters Rappens zu satteln und den etwa einstündigen Weg vom Bahnhof Bergwitz bis zum Ziele meines heutigen Strebens zu Fuß zurück zulegen.
(Ein guter Fußgänger könnte sogar die ganze Strecke von
Wittenberg über Pratau, Eutzsch, Lammsdorf in etwa 2
Stunden bewältigen)
Ein nettes junges Mädchen aus der „Seestadt“ Kemberg leistete mir freundliche Gesellschaft und erzählte mir vieles von ihrer Heimatstadt, von Land und Leuten, und ich durfte ihr zum Lohne dafür den Korb mit allerlei nützlichen Sachen, in Wittenberg eingekauft, tragen.
Sie war mit einem Sohne der alten Lutherstadt verlobt, wollte bald heiraten, nur fehlte es noch an einer Wohnung, und so besuchte sie Wittenberg des öfteren, um hier ihre Aussteuer zu vervollständigen. Mit berechtigtem Stolze erzählte sie von dem schönen neu hergerichteten Kemberger Rathause, von dem 85 Meter hohen Kirchturme und von dem stimmungsvollen Friedhofe mit dem neuen Kriegerdenkmal und der sinnigen Ehrung der auf dem Felde der Ehre gefallenen Kemberger Söhne.
Bald betraten wir das Städtchen selbst.
Enge, vielfach gewundene Straßen, mit kleinen Katzenköpfen gepflastert (Wittenberg, das erheblich größer ist als Kemberg, hat dafür auch größere Katzenköpfe in seinem Pflaster), und bald ist man am Rathause.
Hier verabschiedete sich meine liebenswürdige junge Begleiterin,
und ich setzte meinen Weg allein fort.
Am Rathaus traf ich mit mehreren Wittenberger Herren zusammen, die gekommen waren, das Kemberger Rathaus zu besichtigen.
In seinem abgetönten blau-roten Kleide macht dasselbe schon äußerlich einen sehr gediegenen Eindruck, der durch das
geschmackvolle ausgestattete Innere noch wesentlich gehoben
wird.
Wir hatten die besondere Freude, in Herrn Bürgermeister Dietze, dem zielbewußt vorwärtsstrebenden und umsichtigen Leiter des Städtchens, einen bereitwilligen Führer zu finden, der sich uns für ein Stündchen gern zur Verfügung stellte.
Über das Rathaus und seine Erneuerung lassen sich folgende Einzelheiten festlegen:

Das Kemberger Rathaus ist eines der schönsten Kunst –
und Altertumsdenkmäler der Provinz Sachsen.
Es besteht aus zwei Teilen;
der hintere ist im 15. Jahrhundert erbaut, der vordere 1606. Erneuert wurde das Rathaus 1783.
Im hinteren Teile waren während der Zeit, wo Kemberg noch
Garnison war (bis 1890 lagen Telle des 3. Feldartillerie-Regiments hier, und auch Wittenberger haben ihre Dienstzeit hier „abgerissen“)
die Montierungskammern.
Seitdem werden diese Räume meist zur Aufbewahrung von Akten usw. benutzt.
Schon während des Krieges erwiesen sich die einzelnen Büroräume für die aufstrebende Kemberger Stadtverwaltung als unzureichend. Die rasche Entwicklung der Stadtsparkasse (ein besonderer Verdienst des Bürgermeisters) und ihr in Aussicht genommener bankmäßiger Ausbau machte 1921 die Trennung der Sparkasse von der Kämmerei nötig.
Seitdem war die Frage eines durchgreifenden Rathaus – Um-
und Ausbaues brennend geworden.
Auch die immer stärker werdende Baufälligkeit drängte darauf zu. Bei den schwankenden Geldwertverhältnissen war der Bau für die kleine Stadt immerhin ein Wagnis, und weite Kreise der Bürgerschaft sträubten sich gegen das Unternehmen.
Es kam sogar zu einer vom Bürgerverein einberufenen stark besuchten „Protestversammlung gegen das Rathausprojekt“. Magistrat und Stadtverordneten-Versammlung beschlossen schließlich trotzdem fast einstimmig den Bau.
Heute freut sich die ganze Bürgerschaft an dem gelungenen Werke. Das erneuerte Rathaus ist eine Zierde der Stadt, in den Farben blau und rot gehalten, aber nicht schreiend und aufdringlich, sondern dem ehrwürdigen Alter angepaßt.
Ein schöner Sitzungssaal, große neuzeitlich ausgestattete Büroräume wirken gediegen und vornehm.
Im Erdgeschoß ist ein großer Bürgersaal eingebaut, der allen gemeinnützigen Veranstaltungen kostenlos (auch freie Heizung und Beleuchtung) zur Verfügung steht.
Im Mittelpunkte des Rathauses befindet sich die Halle, die ein hübscher Wandbrunnen ziert und von deren Höhe den Bürger der Glockenspruch grüßt:
Holder Friede, süße Eintracht, weilet,
weilet freundlich über dieser Stadt.
Das Kemberger Rathaus stellt in seiner neuen Gestalt einen erfreulichen Kulturfortschritt dar.
Die Bauzeit währte etwa fast 9 Monate, und der Bau erforderte etwa 700 Millionen Mark, die wohl ganz aus den Einnahmen aus Holzverkäufen der Stadt gedeckt wurden.
Durch die Verwertung von übriggebliebenem Baumaterial ist Kemberg in der glücklichen Lage, die Kartoffelversorgung der Bürgerschaft zu finanzieren und zwar ohne daß die Mittel hierfür aufgebraucht würden.
Das überschießende Baumaterial ist bis jetzt aufgehoben worden und soll nun verwertet werden. (Siehe Angebot des
Kemberger Magistrats in vorletzter Sonntagsausgabe.)
An die interessante Besichtigung schloß sich eine kurze Rast im „Ratskeller“, wo bei einer Tasse Kaffee und einem
Glase Bier die Zeit rasch verrann.
Ein Spaziergang durch das schöne Städtchen führte uns nach dem Friedhofe, der sehr sinnig und gediegen angelegt ist.
Hier interessierte uns vor allem die Anlage der Kriegerehrung. Unter geschickter Benutzung aller Baumbestände ist hier ein offenes Rechteck geschaffen worden, in dessen Mitte sich das in expressionistischem Stile gehaltene Denkmal befindet, während
ringsherum, nach dem Datum des Todes geordnet, sich Tafeln
mit den Namen, Geburts- und Sterbetagen der Gefallenen befinden (nur die Angehörigen einer Familie sind nebeneinander gebracht worden). Auch sonst bietet der Friedhof recht viel des Sehenswerten.
Um die Tageshelle noch auszunutzen, wurde noch das Heimatmuseum neben der alten Kirche, in der einst auch Luther das Wort Gottes verkündet hat, besucht.
Ein alter Herr, dem man den gedienten Soldaten sofort ansieht, Schirmer mit Namen, und der sich der heimatlichen Sammlungen mit regem Interesse und unermüdlichem Fleiße annimmt, zeigt uns die Schätze des Museums, in dem sich in gedrängter Lage sehr viele Gegenstände von hohem geschichtlichem Werte, freilich auch manch weniger wichtige Sachen befinden.
Wie uns der alte Herr mitteilte, läßt der Besuch des Museums durch die ortseingesessene Bevölkerung recht viel zu wünschen.
Frellich auch wir konnten nur kurze Zeit dort weilen und mußten an den vorgeschichtlichen Fundstücken ebenso rasch vorübergehen wie an den vielen Gegenständen militärischen Charakters, an neuzeitlichem Notgelde wie an dem alten Webstuhle und den alten Rüstungen, Kopfbedeckungen und Waffen.
Vielleicht bietet sich Gelegenheit, hierauf noch einmal zurückzukommen.

Nun noch ein kurzes Wort über die Geschichte Kembergs, das ich wieder dem Wanderbuche „Die Dübener Heide“ von Ernst Fritzsche in Düben entnehme:
Slawischen Ursprungs, wurde der Ort dann von Niederländern besiedelt.
Gleich Wittenberg, Clöden und Schlieben seit 1201 Sitz eines Propstes mit umfangreichem Sprengel.
„Als der selige Lutherus einst den hiesigen Propst Siegelheim
(† 1518) von Wittenberg aus nebst einigen anderen Professoren besuchet, haben sie von den in die Kirche eingedrungenen Mißbräuchen geredet, wodurch dann Lutherus bewogen worden, kurz darauf seine bekannten Thesen anzuschlagen.“
Propst Bernhardi verheiratete sich 1521 mit einer Kembergerin, war also einer der Ersten, die auf Luthers Anraten mit der Ordnung des Zölibats brachen.
Der aus Wittenberg verbannte Bilderstürmer Dr. Karlstadt lebte längere Zeit in Seegrehna, dann einige Jahre in Kemberg, wo er sich kümmerlich vom Viktualienhandel ernährte, er starb als Professor in Basel.
Die Spuren eines Grabes erinnern an die einstige Umwehrung der Stadt, der Nahe der Burgstraße an die ehemalige Burg, die auf dem Platz des jetzigen Friedhofes stand und wohl eine heidnische Opferstätte benutzte.
Die gotische Kirche mit ihrem 1859 erneuerten 85 Meter hohen Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert.
Darin sehenswert ein schönes Tabernakel und aus dem Jahre 1565 ein Altargemälde von dem jüngeren Cranach, die Taufe Jesu darstellend;
die Personen tragen die Gesichtszüge der Reformatoren und der Kemberger Geistlichkeit.
Die Stadt litt sehr durch den 30jährigen Krieg
– Gustav Adolf weilte 1631 hier,
– Friedrich der Große 1760 drei Tage lang,
– Napoleon 1812.
Kemberg hatte infolge seiner Lage an Handelsstraße gleich Düben von alters her viel Vorteil durch Vorspanndienste, Gastwirtschaftsverkehr und Beschäftigungen der Handwerker.

Die Abenddämmerung mahnt zum Aufbruch.
Leb wo du freundliches Städtchen, in dem wir dank dem freundlichen Entgegenkommen des Herrn Bürgermeister Dietze einige frohe Stunden in angenehmster Unterhaltung weilen durften.

Adolf Tietze

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