Havarieschwerpunkt war Strombrücke in Magdeburg

Vor Jahrzehnten waren Havarien auf der Elbe keine Besonderheit. Sie ereigneten sich an Stromschnellen, Untiefen, durch Berührung mit Was­sereichen oder gar an Brücken.
Ein besonderer Havarieschwerpunkt war immer wieder die Strombrücke in Magdeburg.
Gelegentlich sind diese Havarien durch sensationswit­ternde Fotografen festgehalten. Ei­nige Havarien gaben Veranlassung zur Herausgabe von Gedenkpost­karten.
Heute sind diese Bilddoku­mente besonders wertvoll, denn sie belegen auch die harte und gefähr­liche Arbeit der Schiffer früherer Tage. Eine besonders informative Ansichtskarte aus dem Jahre 1913 erhielt der Chronist kürzlich, auf der neben der Bilderklärung:
„Mag­deburg. Das Schiffsunglück an der Strombrücke. Die aus Hamburg ein­getroffenen 12 Taucher sind damit be­schäftigt, die wertvolle Ladung zu bergen“ ein Augenzeuge der Ka­tastrophe den Havariehergang folgendermaßen schilderte:
„Am 13. Oktober 1913 früh 6 Uhr fuhr ein Dampfer mit 10 beladenen Kähnen durch die Jochbrücke. Ein Eilgutdampfer wollte den Schleppzug überholen, passierte das zweite Joch der Brücke, fuhr mit dem Heck auf, des niedrigen Wasserstands wegen, wurde durch den an dieser Stelle sehr starken Strom zur Seite geschleudert und stieß gegen den ersten Kahn des Schleppzuges. Dieser wurde zur Seite gedrückt und legte sich quer vor die beiden Joche der Brücke. Durch den schroffen Druck, mit dem die Stahltrosse riss, wurde der Schleppdampfer ebenfalls zur Seite geschleudert, legte sich auf die Seite und ging unter, ebenfalls der Kahn. Das Wasser rauschte mit großer Macht über die Schiffe hinweg und riss am Ufer die Steinpflasterung hinweg.
Heute, am 22. 10., ist der Kahn nochmals gesunken, nachdem  sie denselben mit vieler Mühe bis zur Mitte des Stromes gebracht hatten.“
Aber auch die Wittenberger Brücke war vor ihrem Umbau 1887, also vor genau 100 Jahren, ein schwierig zu befahrendes Hindernis. Bevor zwei Strompfeiler entfernt wurden, betrug die lichte Durchfahrtsbreite lediglich 20 Meter. Dies war die Ursache, dass auch die Wit­tenberger Elbbrücke ihre Havarien hatte.
So wird im „Wittenberger Kreisblatt“ vom 11. März 1868 ge­meldet: „Am Sonntag versank der mit 1.100 Zentner böhmische Braunkohlen beladene Kahn des Schiffers Kiesbauer aus Aken an der Elbe am dritten Joche der hiesigen Elb­brücke. Nur mit Mühe und Noth hat der genannte Schiffer und seine Leute das nackte Leben retten kön­nen.
Das Unglück ist dadurch her­beigeführt worden, dass der Anker zu klein und zu schwach gewesen und beim Durchfahren der Brücke nachgegeben hat. Die Leute auf dem Schiff vermochten den Kahn nicht länger aufzuhalten, er fuhr gegen die steinernen Pfeiler und versank nach etwa 10 Minuten.

Ein im drit­ten Joche steckender Strohwisch be­zeichnet die Unglücks – stelle, wo der Kahn versunken ist und warnt die durchsegelnden Schiffe, diese Stelle zu passieren. Das wenige gerettete Schiffszeug, Mastbaum, Ketten, Seile und Leinen, hat der Schiffer Kiesbauer zu ber­gen versucht.
Der Kahn ist nicht, wohl aber seine Ladung versichert.“
Dieses Unglück erweckte allge­meine Anteilnahme bei der Wittenberger Bevölkerung.
Drei Tage nach der Havarie schreibt die gleiche Zei­tung:
„… Wir appellieren an die be­kannte Mildtthätigkeit unserer Mitbewohner und sind gern bereit, milde Beiträge, die uns zugestellt werden sollten, dem armen Kies­bauer auszuhändigen.“
Ganz kurios mutet eine weitere In­formation. des „Wittenberger Kreis­blattes“ vom 22. April 1868 an:
„Noch liegt ein gestrandeter Elb­kahn vor der hiesigen Elbbrücke, und es hätte bald einem zweiten Kahn vor kurzem dasselbe Unglück, in diesem Falle jedoch selbstver­schuldet durch seinen Führer, begegnen können. Der Steuermann eines mit sogenannten Kopfsteinen (zum Pflastern zu verwenden) bela­denen ganz neuen Fahrzeuges fand es für angemessen, ohne den Kahn umzuwenden, wie es üblich ist, direkt durch unsere Brücke zu fahren.
Kahn und Ladung sind Eigentum des Schiffers und Steinbruch – besitzers Finke aus Meißen. Der schwer beladene Kahn stieß gegen einen Brückenpfeiler, dem zufolge ganz aus seiner Fahrrinne und fuhr mit seinem Hintertheile unter starker Verletzung der Kajüttenseite wieder gegen die Seitenwand des entgegengesetzten Pfeilers und drohte zu sinken.“
Der Steuermann und die übrigen Schiffer retteten sich in das jedes Fahrzeug begleitende Beiboot, der verlassene Kahn hielt sich unter der Brücke dennoch über Wasser und kam glücklich, wenn auch herren­los, unterhalb der Brücke wieder zum Vorschein.
Statt nun sofort den Kahn wieder in Besitz zu nehmen, und in das richtige Fahrwasser zu geleiten, überließ der kühne Finkesche Steuermann das Fahrzeug seinem Schicksal.
Der Kahn fuhr dann auch mit voller Kraft gegen die Schiffmühle unterhalb der Brücke und zertrümmerte die Fähre, auf welcher das Mühlrad der Mühle ruhte.
Nachdem das unglück­liche Fahrzeug auch noch diesen Stoß ausgehalten und nachdem der betreffende Steuermann wiederholt durch Zurufen aufgemuntert war, doch sein Fahrzeug wieder in Besitz zu nehmen, gingen der heldenmü­tige Mann und seine Leute wieder an Bord desselben zurück.
Aber auch nach der Wegnahme von 2 Strompfeilern und damit verbunden die Verdopplung der Durch­fahrtsbreite kam es noch zu schweren Havarien an der Wittenberger Elbbrücke.
Die hallesche „Saale-Zeitung“ vom 30. Juni 1910 meldet: „Wittenberg. Der mit Kies beladene Kahn eines Schiffseigners Kruse aus Magdeburg fuhr beim Passieren der Elbbrücke auf einen Sandheger auf und wurde leck. Der Dampfer „Brandenburg“ versuchte den Kahn wieder flott zu machen, dabei riss die Kette, der Kahn wurde gegen einen Brückenpfeiler getrieben, brach in der Mitte durch und sank.“ Wie gefährlich auch die übrige Elb­strecke war, beweist eine Statistik aus dem Jahre 1909. Darin ist auf­geführt, dass in den Monaten April und Mai des Jahres 1909 nicht weni­ger als 10 Kähne auf der Elbstrecke von Belgern bis Coswig Total­havarie erlitten haben.
Das ent­spricht einer Elbstrecke von nur 60 km.
Einige Beispiele aus unserem Mitttelelbebereich
„Coswig, 11. 5. Heute Nachmittag erlitt einem Kahn aus Aken, der mit einer Ladung von mehr als 8.000 Zentner böhmische Braunkohle nach Plaue bestimmt war, am Hasenwerder zwischen Griebo und dem Lughaus totale Ha­varie. Die Mannschaft des Fahr­zeugs war damit beschäftigt, den Anker, der die im Strom liegende Kette für die Kettendampfer gefasst hatte, freizulegen, als der Raddamp­fer „Kronprinz Georg von Sachsen“ mit einem Kahn stromabwärts vorbeifahren wollte. Der Dampfer bog dem Kahn kurz aus, dass der in vol­ler Fahrt befindliche geschleppte Kahn nicht mehr ausweichen konnte und mit seinem. Vorderste­ven in den Hintersteven des Akenschen Kahnes mit solcher Wucht hineinfuhr, dass letzterer vollständig gespalten und in den Grund gebohrt wurde. Der Kahn sank so schnell, dass die Schiffer nur das nackte Leben retten und nicht ein­mal die Schiffspapiere und das Geld bergen konnten. Jetzt liegt das ha­varierte Fahrzeug vollständig unter Wasser, nur der Mast ragt heraus. Die Untersuchung, ob eine Bergung des Kahnes und der Ladung mög­lich ist, kann erst erfolgen, wenn der jetzige Wasser – stand wesentlich zurückgegangen ist.“

„Wittenberg, 23. 07. 1907 (Zwei Kähne gesunken).
Als der Dampfer „Johann Faber“ mit einem Schlepp­zug auf der Bergfahrt bei Elster vor­beikam, fuhr der talwärts fahrende eiserne Kahn des Schiffseigners Spaltholz aus Pirna dem letzten Kahn des Zuges an der vorderen Ka­jüte in die Flanke. Beide Kähne san­ken auf der Stelle, die Mannschaft konnte mit knapper Not das nackte Leben retten. Zur Aufnahme des Protokolls mussten sämtliche betei­ligten Schiffsführer erscheinen, der betreffende Dampfer musste die Wei­terfahrt deshalb unterbrechen.“
„Schwere Havarie erlitt hinter Piesteritz beim roten Berg (eine Stromstellenbezeichnung, d. A.) ein mit Stückgütern, Zucker, Malz, Por­zellan usw. beladener Kahn einer großen Gesellschaft. Er fuhr auf einen Buhnenkopf und wurde so schwer beschädigt, dass er binnen kurzem sank. Von der Ladung konnte so gut wie nichts gerettet werden „, schrieb die „Saale‑Zeitung“ am 25. April 1905.
Heute zählen Havarien zu den gro­ßen Seltenheiten im Elbschifffahrtsverkehr.
Die Ursachen sind mannig­faltig, aber mit einer verbesserten technischen Ausrüstung der Schiffe und der intensiven Ausbildung der Besatzungen zu begründen. Aber auch das Verbot, antriebslos die Elbe zu befahren, wirkte sich posi­tiv aus. Nicht zuletzt hat sich auch die Verkehrsdichte auf der Elbe er­heblich reduziert.

Karl Jüngel

Quellen: Freiheit vom 26.01.1980