Nach diesen notwendigen Einschaltungen setzen wir die Geschichte des Grenadierkorps fort.
Äußerlich waren die Grenadiere den Schützen in Rechten und Pflichten gleichgestellt.
In der „Zug- und Wachtordnung“ vom Jahre 1810 heißt es ausdrücklich:
„daß keine Compagnie vor der anderen irgend einen Vorzug hat, sondern alle drei einen ganz gleichen Rang haben, indem alle Mitglieder derselben als hiesige Bürger gleichen Schutz und gleiche Rechte genießen“.
Aber die Grenadiere waren von vornherein den Schützen nicht sympathisch und zwar hauptsächlich wohl deshalb, weil sie sich mehr aus den niederen Handwerkskreisen rekrutierten.
Dieses hatte seinen Grund in der damaligen städtischen Verfassung, nach welcher jeder wehrfähige Mann, der sich in der Stadt Wittenberg niederließ, den Schützen oder den Grenadieren beigetreten sein mußte, ehe er das Bürgerrecht erlangen konnte. Den letzteren aber waren betreffs ihrer Ausrüstung – die Waffen wurden ihnen aus der Rüstkammer geliefert – mannigfache Erleichterungen zugestanden, weshalb das Grenadierkorps vorwiegend von den Minderbemittelten zur Erfüllung ihrer Bürgerpflicht gewählt wurde.
Trotz der im Jahre 1810 erfolgten Reorganisation schien über dem Grenadierkorps ein Unstern zu walten.
Schon im Jahre 1811 schmolzen beide Kompagnien auf eine zusammen.
Von nachteiligem Einfluß waren für das Korps auch die Kriegsdrangsale, denen Wittenberg in den Jahren 1813 bis 1814 ausgesetzt war.
Der Kommandant der Festung, der französische General Lapoype ließ der bewaffneten Bürgerschaft die Waffen abnehmen, die dieser auch nicht wieder zugestellt wurden.
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen schenkte zwar der Grenadier-Kompagnie nach dem Übergang Wittenbergs in preußischen Besitz andere Gewehre, indessen hatte sich die Zahl ihrer Mitglieder so verringert, daß mehrere Jahre nur 20 bis 40 Mann sich an dem jährlichen Auszuge beteiligten und kein Hauptmann gewählt wurde, während früher die Kompagnie bis 200 Mann zählte.
Eine im Jahre 1844 erfolgte Reorganisation flößte der Grenadier-Kompagnie vorübergehend neues Leben ein.
In diesem Jahre wurde der Chirurgus August Förster zum Bürgergrenadier-Hauptmann gewählt.
Dieser übernahm die Kompagnie unter gewissen Bedingungen mit 2 Offizieren, 1 Feldwebel, 1 Fähnrich, 5 Sergeanten und 11 Grenadieren.
Sie erhielt ein neues Statut, als Uniform den kleidsamen Waffenrock und als Kopfbedeckung den Helm.
Noch im gleichen Jahre wuchs sie auf eine Stärke von 60 Mann an. Daneben bildete sich auf Anregung des neuen Hauptmanns eine Veteranen-Kompagnie, die aus früheren Grenadieren bestand und sich gleichfalls der Grenadier-Kompagnie anschloß.
Noch im Jahre 1844 hielt die ganze bewaffnete Bürgerschaft ein gemeinschaftliches Schießen ab.
Auch beteiligten sich die Grenadiere an dem Königsschießen der benachbarten Schützengilden.
Am 15. Oktober des Jahres schloß sich die Kompagnie zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs beim Kirchgange dem Militär an und stellte sich mit diesem auf dem Arsenalplaze in Parade auf.
Im folgenden Jahre hielt die Kompagnie infolge von Zwistigkeiten mit den Schützen ihr Schießen wieder allein ab.
Nach Abnahme der Parade durch den Magistrat und den Stadtkommandanten, Generalmajor von Busse, zog sie vom Marktplatze nach der Schießwiese vor dem Elstertore zum Abschießen des Vogels.
Dieser trug ein herzförmiges Schild, auf dem wohl mit Bezug auf die Schützen die Worte standen:
Ob arm, ob reich!
Ein jeder brave Bürger
Ist dem andern gleich.
Ein denkwürdiger Tag für die Kompagnie war der 18. Februar 1846, an dem der 300 jährige Todestag Luthers durch eine größere Feier begangen wurde, die durch die Anwesenheit König Friedrich Wilhelms IV. ihre besondere Weihe erhielt.
Der Grenadier-Kompagnie fiel hierbei die Aufgabe zu, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, was sie mit Eifer und bestem Erfolge tat.
Als der König am 19. Februar die Rückreise antrat, marschierte die Kompagnie zum Bahnhof und stellte sich in Parade auf.
Der König, der darüber große Freude empfand, ließ die Kompagnie vorbeimarschieren und dankte dem Kommandeur mit huldreichen Worten.
Im Jahre 1846 hielt die Grenadier-Kompagnie das Königsschießen wieder in Gemeinschaft mit der Schützen-Kompagnie ab.
Daß trotz der zwischen beiden Kompagnien bestehenden Differenzen doch immer wieder ein gemeinsames Schießen stattfand, hatte seinen guten Grund.
Die Grenadier-Kompagnie besaß fast gar keine Schießvorteile und Revenuen.
Nur wenn sie ihren Auszug mit den Schützen gemeinsam hielt, bekam sie aus der Kämmerei 24 Taler, wovon sie indessen an die Schützenkompagnie 5 Taler abgeben mußte.
Die fortgesetzten Eifersüchteleien und Streitigkeiten zwischen Schützen und Grenadieren führten schließlich zur Auflösung der Grenadier-Kompagnie.
Im Jahre 1848 zog diese zum letzten Male aus und gab dann ihre Fahne für immer ab.
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