Eine Wanderung ins Tal des Krähebaches

Der „Wittenberger Rundblick“
1. Ausgabe Juli 1955 letzte Ausgabe Juli 1957

1957.07.07. Wittenberger Rundblick

Eine Wanderung ins Tal des Krähebaches
Eine Sonntagmorgenwanderung durch das schöne Krähe Bachtal ist für den echten Heimatfreund ein beglückendes Erlebnis. Um hieran teilzuhaben, besteigen wir unser Fahrrad und in flottem Tempo geht es die Berliner Chaussee hinaus in den jungen Morgen. Nachdem wir den Trajuhn – Teuchelschen Bach überquert haben, grüßen uns rechts und links die beiden Randsiedlungen der Stadt mit ihren roten Dächern und dem hellen Anstrich, dazu die sauber gepflegten Gärten in ihrer Blütenpracht. Gleich am Anfang der Stadtrandsiedlung liegt das alte Chausseehaus. Der früher hier wohnende Chausseegeldeinnehmer. ließ die Gespann Führer erst dann passieren, wenn sie ihren Obolus entrichtet hatten. Doch jene Zeit ist längst vorbei. Gegenüber dieser Steuereinnahmestelle befindet sich westwärts auf höhergelegener Wiese das Quellgebiet des „Neuen Jungfernröhrwassers“, das seit 1559 die Lutherstadt mit gutem Trinkwasser versorgte und noch heute in vielen Höfen der Stadt um das Marktviertel herum tagein und tagaus fließt. Laub­ und Nadelbäume umrahmen das feuchte Wiesengelände, wo sich die Sammelbrunnen befinden, und von hier aus wird das Wasser unterirdisch mittels Eisenrohren in die Stadtgeleitet. Nach dieser fast 400jährigen gedanklichen Rückschau haben wir den Mailandsberg erreicht. Dessen alte Gaststätte und die gegenüberliegende Schmiede, dazu die 1945 abgebrannte Bockwindmühle, lange Zeit nur die einzigsten Ansiedlungen an dieser Straße waren. Erst seit 1816 (nach dem Befreiungskrieg) wurde diese Chaussee mit festem Unterbau versehen, um nun das inzwischen zu Preußen geschlagene Gebiet Kursachsens mit dem Amt Wittenberg möglichst schnell verkehrstechnisch an die neue Hauptstadt Berlin zu binden. Geschichtlich reizvoll ist es, wenn man liest, daß sich 1829 neben „Stadt Mailand“ ein Bad befand, zu dem vom Schloss Tor aus eine Personenkutsche für 2 Silbergroschen und 6 Pfennige und mit der Abfahrtzeit früh 4 Uhr den Verkehr vermittelte.
Auf der Höhe angelangt, vorbei an den hübschen Einfamilienhäusern, geht es nun links von der Chaussee abbiegend in schneller Talfahrt den „Mus Grund“ hinunter in Richtung Thießen. Der Teucheler Exerzierplatz bleibt zur Linken liegen, während rechter Hand sich weite, wogende Kornfelder ausdehnen. Vor uns im Hohlweg gaukelt ein Pirol Pärchen, das uns den Weg weisen möchte. Kurz bevor wir den Ort Thießen erreichen, legen wir eine kurze Pause ein. In vollen Zügen genießen wir das schöne Landschaftsbild, das sich vor Uns aufgetan hat. In der Ferne blaut der lang hingestreckte Höhenzug des „Hohen Fläming“. Die hohe Kieferngruppe auf dem Bergrücken bezeichnet die Lage des „Schwarzen Berges“ (178 m N.N). Sein Gipfel liegt bereits 118 m höher als der Elbwasserspiegel. Links dahinter, für uns fast etwas niedriger erscheinend, liegt der 185 m hohe Michelsberg. Wir sind immer wieder begeistert von dem schönen Panorama, das sich unseren Augen darbietet. Unmittelbar vor uns liegt das Dorf Thießen mit seinen roten Ziegeldächern. Das Grün der Wiesen und Kornfelder gibt dazu den schönsten Farbkontrast.
Geschichtlich ist Thießen eine alte Ansiedlung. Schon 1440 war der ganze Ort Handelsobjekt eines einzelnen Mannes, des Ritters Albrecht von Lipzek, der ihn für 250 rheinische Goldgulden an die Stadt Wittenberg verkaufte. Solche Willkür war eben damals möglich. Im Mittelgrund, in ungefähr 2 km Entfernung, schaut das Dorf Mochau zu uns herüber, das direkt an den Flämingwald angelehnt ist. Die Holländer Mühle auf der Anhöhe ste.ht seit 1873, sie hat aber ihr Flügelpaar inzwischen mit dem elektrischen Motor vertauscht. Beide Orte, Mochau und Thießen, werden von je einem Bachlauf durchflossen, die beide zu den Quellzuflüssen des Krähebaches zählen. Die Mochauer behaupten zwar, ihr Bach wäre der eigentliche Krähebach, während die Thießener auf demselben Standpunkt beharren.
Uns als frohen Wandersleuten sind beide Wasser lieb; wir halten uns diesen Behauptungen fern. In Thießen selbst haben wir die saubere Dorfstraße hinunter die Stelle erreicht, wo die Straße über den Bach hinweggeht. Wir machen hier kurz Rast und lassen uns auf der Mauerbrüstung nieder; wir spiegeln uns nun in den klaren Wassern, die hurtig in das eigentliche Krähe Bachtal hinausfließen. Sand und Kies führt der Bach mit, doch nichts trübt die Reinheit seines Wasserspiegels. Unser Blick wandert nach Westen in das sonnenbeschienene Tal; und hier hinaus geht nun auch unsere Fahrt. Links vom Bach das letzte Anwesen des Dorfes, dahinter ein größeres Kornfeld – und sofort nimmt uns der Wald auf.
Zur Rechten das herrliche Wiesental, das in vollster Blüte steht! Gelb leuchtet der giftige Hahnenfuß mit seinem, größeren Farbkonkurrenten,
dem Löwenzahn und der Sumpfdotterblume. Dazwischen eingesprengt das blasse Weiß rosa des Wiesenschaumkrautes, abgetönt durch tiefblauen Gundermann. Aber auch eine leider zur Seltenheit gewordene hyazinthenähnlich ausschauende blau lila Blume lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es ist das breitblättrige Knabenkraut, das eine knollenartige Wurzel mit fingerähnlichen Ansätzen hat. Da es zu unserem einheimischen Orchideenarten gehört, ist es laut Naturschutzgesetz unter Schutz gestellt worden. Früher glaubte man, die Knollen brächten Segen für den Besitzer. so nannte man sie „Christus“-, .,Marien“-, „Johannis“­ oder „Glückshändchen“, die dunkleren alten Knollen dagegen „Teufelshände“ oder „Satansfinger“.

Die Lieblichkeit des Landschaftsbildes wird noch durch die einzelnem Birkengruppen malerisch unterstrichen. Den Nordrand des Tales schließt der ansteigende Wald sanft ab. Ob all dieser Naturschönheit stört uns auch der sandige und von knorrigen Wurzeln überwachsene Pfad, der unser Stahlroß arg strapaziert, nicht. Wir wollen nur sehen und schauen und uns an all dem Schönen stärken für unseren Alltagskampf. Drüben am jenseitigen Waldrand rattert bereits eine Mähmaschine und der Schnitter Tod hält unter all der Blütenpracht schon reiche Ernte. Doch die Fruchtbarkeit der Mutter Erde schenkt uns diesen Blumenflor jedes Jahr aufs Neue. Am Fuße des Hohen Flämings entlang durchstreifen wir dieses kleine Bachtal. Gelber Ginster lugt aus einer Kieferngruppe in seiner bestechenden Farbe hervor. Tiefer senkt sich unser Weg. Wir sind ringsherum vom Walde eingeschlossen und befinden uns an jener Stelle, wo sich beide Quellzuflüsse zum größeren Bach vereinigen. Neben uns her läuft ein mit dichtem Gehölz bewachsener Wall. Wir steigen wieder von unserem Fahrrad ab und klettern den Wall hinauf und – vor uns liegt eine große Wiese mit einem Teich darin. Pferde weiden geruhsam. Ein flinker Eichelhäher hat uns entdeckt und streicht mit krächzendem Ton über uns ab. Links von uns befindet sich ein größeres Anwesen. Rauchwölkchen steigen aus dem Schornstein gen Himmel. – Wir sind an der „Grüntalmühle“, der Perle dieses kleinen Heimattales. Abgeschieden vom lauten Verkehrsgetriebe liegt das Gasthaus, zu dem auch eine Landwirtschaft gehört. Ein Bild tiefsten Friedens! Bald wird helles und frohes Kinderlachen zu hören sein, denn auch hier werden unsere Kinder ihre Ferientage verleben. In dieser gesunden Luft – dazu kommt die herrliche Wald Lage mit Wasser und dem munter dahinfließenden Bach – können sich die Kinder nach Herzenslust tummeln. Dazu können sie dann Blaubeeren pflücken, die nahe dem Hause zu finden sind. Etwas später breitet gerade hier der Wald einen reichgedeckten und artreichen Pilzsegen aus. Mithin ein idealer Platz für die Kinderferienaktion!
Schon gleich nach dem 1. Weltkrieg richtete die Wittenberger Ortskrankenkasse I in der Grüntalmühle ein Erholungsheim ein, das bis 1927 den Kranken zur Nachkur diente.
Die Zeit der Gründung der Grüntalmühlereicht ungefähr bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurück. Schon damals mahlte diese Mühle für die umliegenden Walddörfer Schmilkendorf, Mochau, Thießen und Dobien das Flämingskorn. Aber nicht immer floß der Bach so ruhig an ihr vorüber und drehte zu diesem Zweck das längst verschwundene Mühlrad, er hat sich auch schon von einer gefährlicheren Seite gezeigt, als er sich nach einem wolkenbruchartigen Regen seinen Weg durch den Hausflur und die Wirtschaftsräume bahnte. Erst dann empfindet der Mensch die urgewaltige Kraft des Wassers, die selbst ein sonst so harmlos erscheinendes Waldbächlein zu einem reißenden Strome ansteigen lassen kann. Aber auch das liegt schon lange zurück.
Heute genießen wir hier bei herrlichstem Frühsommerwetter einen kühlen Trunk beim Gastwirt Kränkel und besteigen nach herzlicher Verabschiedung wieder unser getreues Fahrrad zur Weiterfahrt. Doch kurz hinter dem Mühlenanwesen kreuzt ein breiter Waldweg unsere Straße, der von Wittenberg kommend über Teuchel, vorbei am Exerzierplatz die „Krähe“ passierte und weiter über Schmilkendorf und Grabo bis Belzig führte. Es ist dies die alte Heerstraße, die oberhalb noch stückweise mit Feldsteinen, wie sie hier der Ackerboden alljährlich nach jedem Pflügen erneut ausspeit, gepflastert ist.
Alter historischer Boden, getränkt mit Blut und Schweiß vieler Jahrhunderte!
Uns interessiert aber noch die „Krähe“. So nannte sich bis zum Herbst
1955 ein kleines landwirtschaftliches Anwesen, das nahe der Grüntalmühle an dieser alten Straße lag. Man nahm an, daß sie ein letzter Rest einer ehemaligen Wüstung war. Ob sie nun aus der Zeit des Hussitenkrieges (1429) oder aus der des 30jährigen Krieges (1618 – 1648) stammt, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber seit jenen Herbsttagen des Jahres 1955 ist sie eine der „jüngsten Wüstungen“ unseres Kreisgebietes. Durch Verkauf war sie an einen Schmilkendorfer Einwohner gelangt, der sie abreißen ließ. Jetzt schon wuchert Gras und üppiges Unkraut über den letzten Mauerresten und Generationen nach uns wird man nur noch von der einstigen „Krähe“ berichten, deren Ureinwohner es vielleicht waren, die unserem kleinen Bach seinen Namen gaben.
Nach dieser kleinen geschichtlichen Rückschau streben wir weiter unserem Ziel entgegen.
Aus der Ferne klingt der Pfeifton einer Grubenlok an unser Ohr. Wir sind jetzt ganz nahe an den großen Tongruben, aus denen die Dobiener Ziegelwerke ihr Rohmaterial in ihren Fabrikationsbetrieb anfahren. Deutlich vernehmen wir das Gerattere der Loren. In diese Symphonie der Arbeit klingt über uns das Hämmern eines Buntspechtes. Mit kräftigen Schnabelhieben bearbeitet er eine alte Birke am Wegesrand
und läßt auch nicht von seiner Arbeit ab, obwohl wir ihm ganz nahe von
unten her zuschauen. Im Gegenteil, er wird noch emsiger in seinem Tun
und wirft uns seine Hackspäne aufs Haupt. Wir können uns gar nicht satt sehen, wie er sich mit seinen Schwanzfedern gegen die Rinde des Baumes stemmt und bereits ein tiefes Loch, in das er ab und zu seinen Kopf steckt, gehauen hat. Die Uhr hat inzwischen die neunte Vormittagsstunde erreicht, als wir das erste Grundstück von Dobien ansteuern. Den Fahrweg nach Schmilkendorf hatten wir passiert und uns
an dem Zusammenfluß des Schmilkendorfer Baches, der ebenfalls in den
Krähebach mündet, noch aufgehalten. Auch vor diesem ziemlich umfangreichen Gebäudekomplex liegt ein größerer Stauteich. Nach unseren Erkundigungen erfahren wir, daß dieses Grundstück – es trägt die Bezeichnung „Dorfstraße Nr. 100“ – bereits vor 1870 Walkmühle der Wittenberger Tuchmacherinnung war. Später entstand daraus eine Pappenfabrik, die ein ähnliches Fabrikationsprogramm hatte, wie es von den Mühlen des Rischebaches bei Braunsdorf bereits bekannt ist. 1933 schlachtete man den Maschinenpark aus, und jetzt bieten diese Gebäude, von denen das älteste seit 1760 steht, mehreren Familien Obdach.
Über der Straße, vom Hofe aus gesehen, steigt eine Anhöhe steil auf. Wald wie überall bekrönt auch sie. Wir fahren nun in Dobien ein; rechts begleitet uns das Wiesental, das zu Recht den Namen „Grünes Tal“ trägt. Das große Grundstück, das uns auf der gegenüberliegenden Talseite auffällt, war auch einst eine Mahlmühle – getrieben von dem kleinen Krähebach – die Dobiener Mühle.
Doch vor uns zieht die Dobiener Kirche, die auf einer Anhöhe
liegt, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Gleich daneben liegt der mit Eichen bestandene Dobiener Wallberg, jener geschichtlich wichtige Burgwart, dem der Ort seine frühe urkundliche Erwähnung verdankt. Seit 1179 sind Urkunden vorhanden, die über das Geschlecht der Burgherren von Dobien aussagen. Künstlich errichtete man diesen Burgwall, der die alte Handelsstraße nach Norddeutschland zu schützen hatte.
Dobien kam lange vor 1500 als Schenkung in Wittenberger Besitz, und seid dieser Zeit steht die Dobiener Kirche auch unter Patronatsrecht von Wittenberg. Die ganze Anlage ist noch recht gut erhalten, und es ist zu wünschen, daß die Gemeinde diesen ältesten Zeugen ihrer Geschichte weiterhin pflegt und erhält.
Welch schönen Eindruck hinterläßt doch diese saubere Dorfstraße! Wir haben die Wittenberg – Straacher Chaussee erreicht und sind gleichzeitig über den Krähebach bei „Stadt Brandenburg“ hinweggerollt, um nun die Straße hinter dem Gasthaus weiter nach Reinsdorf zu benutzen. Rechts an ihr liegt das Reinsdorfer Bad, das schon lebhaften
Betrieb aufweist.
Hoch darüber schaut die neue Reinsdorfer Schule mit breiter Fensterfront ins Tal. Herrlich ist dieser großzügige Bau gelegen.
Nachdem nun der Bach die Straacher Bahnstrecke unterführt hat und die Reinsdorfer Ortsgemarkung im großen Bogen durchzieht, vereinigt er sich kurz unterhalb des Stadtberges nahe der Neumühle mit seinem größeren Bruder, dem Rischebach, der seine Wasser mit zur EIbe führt.
Auf seinem kurzen Lauf hat er doch immerhin schon die Kraft erzeugt,
um ehemals drei größere Mühlen zu treiben.
Wer an seinen Ufern entlanggewandert ist und die geschichtlichen Zusammenhänge der Landschaft kennengelernt hat, wird auch ihm ein kleines Lob zollen und bekennen:
„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nahe.“

Johs. Spremberg

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