Die Umsiedelung der Slawen

Nachdem die germanischen Völkerschaften des nördlichen Deutschlands im Zuge der großen Völkerwanderung ihre Wohnsitze verlassen hatten, um dem Drange nach Süden zu folgen, ließen sich slawische Stämme, von den Deutschen Winden später Wenden genannt, in den verlassenen Gebieten nieder.
Ohne Kampf und Kriegsgeschrei, von der Geschichtsschreibung jener Zeit entweder gaz nicht oder nur flüchtig vermerkt, waren sie gekommen und hatten von jenen entvölkerten Ländern Besitz ergriffen.

Der Geograph Ptolemäus setzt die Stammsitze der Slawen zwischen das keraunische Gebirge und den Fluß Rha oder Wolga.
Plinius berichtet, daß sie bereits bis an die märkische See fortgerückt seien.
Aus ihren Wohnsitzen am Dnjepr und dem Waldaigebirge wurden sie offenbar durch die Hunnen verdrängt.
Über Ungarn und Serbien (letzteres soll von den slawischen Sorben seinen Namen erhalten haben), durch Dalmatien, Mähren und Böhmen rückten die seltsamen Fremdlinge in DeutschIand ein.

Im 3. Jahrhundert besetzten sie bereits das Odergebiet.
Gegen Ende des 5. Jahrhunderts gehörten ihnen die Gebiete zwischen mittlerer Donau und Elbe.
Auch ein Teil der Ostalpen wurde von ihnen besetzt und erhielt den Namen Kärnten – wendisch – goroten, d. h. Bergland.

Ob mit der im Jahre 531 erfolgten Zerstörung des alten Thüringerreiches bereits slawische Stämme in die offenen Grenzen unserer Heimat einrückten, ist zwar durch keine geschichtliche Quelle beglaubigt, aber sehr wahrscheinlich.
Sicher ist jedenfalls, daß in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts Wenden sich zwischen Elbe und Saale niederließen.

Die Slawen bildeten bis dahin noch keinen selbständigen Staat, sondern gehorchten nacheinander verschiedenen Völkern, vor allem den Awaren, denen sie als Krieger und Ackerbauer dienstbar waren. Durch schmachvolle Behandlung reizten jene die Wenden zum Aufstande.
Samo – ein fränkischer Krämer, der unter ihnen Handelsgeschäfte trieb, stellte sich an ihre Spitze und brach das awarische Joch.
Zum Danke dafür erhoben ihn die Befreiten zu ihrem Herzog.

Von nun an schieben die Slawen ihre Vorposten immer weiter vor. Im Jahre 631 sehen wir sie im Kampfe mit dem Frankenreiche. Alpenslawen besiegen Langobarden und Alemannen in der Schlacht bei Wogastisburg.
Die Balkanhalbinsel wird von ihnen eingenommen und erhält durch sie ihre heutige Bevölkerung.
Ja, selbst bis zur meerumrauschten Südspitze des alten Hellas ergießen sich die slawischen Scharen, wo sie in der stärkeren hellenischen Kultur aufgehen.
Westlich von Elbe und Saale treten die Wenden in geschlossener Masse vom 7. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts auf.
Der hl. Bonifazius fragt 751 bei dem Papste Zacharias an, ob man von den im Lande der Christen (Sachsen und Franken) wohnenden Slawen Zins nehmen solle, was dieser bejaht.
Unter Kaiser Karl d. Gr. gilt zwar die Saale politisch noch als Grenze zwischen Franken und Slawen, in Wirklichkeit war sie aber schon viel weiter vorgeschoben und noch zur Zeit der Ottonen trug der Fluß den slawischen Namen Salawa.

Die Wenden unserer Heimat gehörten zu dem den böhmischen Tschechen verwandten Stamme der Sorben.
Ihnen benachbart waren die nordwärts der Elbe wohnen den Redavier, sowie die Wilzen im Brandenburgischen und die Heveller an der Havel, während im heutigen Mecklenburg die Obotriten, und an der Mittelelbe, in der Gegend von Meißen, die Daleminzier sich niedergelassen hatten.
Die Stammesverwandtschaft hinderte jedoch nicht, daß die einzelnen Zweige der großen Wendenfamilien gelegentlich erbitterte Kämpfe gegeneinander führten, und sich sogar zu diesem Zwecke mit dem gemeinsamen Feinde verbanden.
So ziehen Sorben und Obotriten im Bunde mit den Franken im Jahre 789 gegen die Wilzen und besiegen diese.
Allerdings waren diese unnatürlichen Waffenbrüderschaften meist nur von kurzer Dauer, und machten nicht selten der heftigsten Feindschaft Platz.
Im Jahre 806 drangen die Sorben gewaltsam in das Reich der Franken ein.
Karl d. Gr., der durch kriegerische Unternehmungen auf einem anderen Schauplatze festgehalten wurde, sandte seinen Sohn Karl gegen sie.
Dieser drang bis in die Gegend von Bernburg a. d. Saale vor und lieferte ihnen eine blutige Schlacht, die dem Sorbenkönige Miloduch Sieg und Leben kostete.
Um den Sorben fernere kriegerische Unternehmungen gegen das Frankenland zu erschweren, zerstörte Karl die sorbischen Grenzburgen und gründete zur Sicherung der Flußübergänge eine Burg bei Magdeburg (vielleicht in der Nähe des heutigen Dornburg a. d. Elbe), sowie bei Halle a. d. Saale.
Dieses vielumstrittene Grenzgebiet ist unter dem Namen Sorbenmark viel genannt.

Jahrhunderte hindurch währten die wilden Grenzkriege zwischen den Wenden einerseits, und den Sachsen und Franken andererseits, bis sie im 10. bis 12. Jahrhundert mit der Unterwerfung und Kolonisierung des Wendenlandes ihr spätes Ende erreichten.

Für unsere Heimat kommen, wie schon bemerkt, vorwiegend die sorbischen Wenden in Betracht.
Das von ihnen bewohnte Gebiet hatte, je nach dem Ausgange der kriegerischen Unternehmungen, verschiedene Ausdehnung.
Im allgemeinen lassen sich folgende Grenzen festsetzen:
– im Norden Spree und Havel,
– im Süden Lausitzer Gebirge und Erzgebirge,
– im Osten der Bober und
– im Westen die Saale.

Die sorbischen Gründungen sind noch heute aus der Endung der zahlreichen Stadt- und Dorfnamen auf
– ig,
– igk,
– wig,
– itz,
– witz,
– itzsch,
– o,
– ow,
– au,
– ene,
– ehna usw.
zu erkennen.
Nicht selten knüpfen die Ortsnamen an charakteristische Eigenschaften des Bodens an.
So lassen sich ableiten
– Ließnitz,
– Lößnitz von les = Wald;
– Dahlen, Dahlenberg von dolu = Tal;
– Kulm, Colm von chulmu = Hügel;
– Bahren von bara = Sumpfwiese;
– Laucha, Lauchhammer von lugk = Sumpf;
– Zschernitz, Zscherndorf, Zörnigall von zerno = schwarz;
– Biela, Bielen, Böhla, Belzig von – belu = weiß.
Auch nach ihrer Lage sind viele Ortschaften benannt:
– Lukau, Lukenau von lucau = Fruchtebene;
– Jeßnitz von jesion = Eschenbach;
– Raguhn von rag = Lustgarten;
– Wörlitz von worlice = Adlerhorst;
– Düben von dub – Eiche;
– Thießen von dysse = gleich Atem-holen (Ort der Erquickung);
– Pratau von brode = Überfahrt (über die Elbe);
– Glebitzsch-Glewitz = Brotdorf von chleb = Brot
– Barby von barboy = Furt;
– Tiefensee =Jezerisca von jezero =  See;
– Kemnitz von Kemzenberg = Felsenberg.
Nicht wenige Ansiedelungen haben ihre Bezeichnung nach wendischen Gottheiten erhalten; so z. B.
– Jüterbog von Jutrebog,
– Radegast und Rida von dem Kriegsgotte Radegast,
– Pronenberg von Prono,
– Seeben von Seba.
Ihre gemeinsamen Wohnpläße errichteten die Sorben in den Niederungen, an den Flüssen, da ihr hölzerner Hakenpflug nicht zur Bearbeitung des festeren Höhenbodens geeignet war.
Dem entsprechen auch die Stammesbezeichnungen:
– Lucauer = Bewohner der Fruchtebene,
– Recanen = Flußanwohner,
– Nizanen = Bewohner der Niederung,
– Luzicanen = Bewohner der Sumpfebene.
Die Sorbengründungen lassen zwei Formen erkennen: Straßendörfer, bei denen die Häuser in zwei Reihen an der Straße stehen, und die charakteristischen Rundlinge.
Bei letzteren liegen die Gehöfte fächerartig um einen hufeisenförmigen Platz, der nur einen Zugang besitzt und deshalb leicht abgesperrt werden konnte.
In der Mitte des Platzes befand sich der Teich, an diesem die Dorfschmiede und der Tempel, seitwärts davon die Schenke, der Kretscham.
An die Gehöfte schlossen sich unmittelbar die Gärten an, welche sich keilförmig verbreiterten und von Hecken nebst Gräben begrenzt wurden.
Diese Anlage ermöglichte eine schnelle und leichte Verteidigung des Ortes, was in jenen unruhigen, kriegerischen Zeiten ein notwendiges Erfordernis war.
Die Häuser bestanden aus einfachem Holzbau.
Die Wohnungen der Vornehmen und die Tempel wurden mit bunten Farben bemalt.
Zum Schutze des Landes errichteten die Sorben zahlreiche größere und kleinere Befestigungen.
Mit Vorliebe wählte man hierzu Bergvorsprünge an den Ufern der Flüsse, oder solche Stellen, welche Gewässer und Sümpfe umgaben, die also schtwer zugänglich waren und leicht verteidigt werden konnten.
Jede Burg war von mehr oder minder starken Verschanzungen umschlossen, die teils aus Ringmauern, Erd- und Steindämmen, teils aus Pfahlzäunen, Holzmauern und Verhauen bestanden.
Rings um den Ort zog sich die Feldflur.
Sie war nicht in parallele Streifen geordnet, sondern wurde in unregelmäßige Blöcke eingeteilt, welche im Gemenge Iagen. (Gewannsystem.)
Die Bearbeitung des Ackers geschah mittels des dürftigen hölzernen Hakenpflugs, der von Kühen gezogen wurde.
Dieses mangelhafte Gerät vermochte allerdings nicht, den Boden tief zu furchen und zu wenden, es konnte ihn nur aufreißen und lockern.
Daher umging der wendische Ackerbauer auch festeren, steinigen Boden, ebenso Wald- und Sumpfland.
Weite Gebiete blieben aus diesem Grunde unangebaut und fanden allenfalls als Viehweide Verwendung.
Trotz der dürftigen Bewirtschaftung lieferte jedoch der noch jungfräuliche Boden für die bescheidenen Bedürfnisse seiner Bewohner völlig ausreichende Erträge.

Die Sorben waren nicht ohne Betriebsamkeit und Kunstsinn. Ackerbau und Viehzucht bildeten die Hauptnahrungszweige.
An die von ihnen eifrig betriebene Fischerei erinnert noch das „Fischerdörfchen“ in Torgau.
Außerdem trieben sie in ausgedehntem Maße Gewerbe und Handel. Insbesondere stand die Weberei in hoher Blüte.
Gewebte leinene Tücher vertraten im Tauschverkehr die Stelle des Geldes, mit gewebten Kleidungsstücken zahlten die unterworfenen Sorben den Deutschen Zins und Zehnte.
Große Geschicklichkeit entwickelten die Sorben auch bei Anfertigung von Ledersätteln, Zäumen und Schilden und in der Töpferei.
Ihre Tongefäße sind oft schon mit der Drehscheibe hergestellt und zeigen eigenartige Verzierungen.
Die Kunst, Eisen zu schmelzen, lernten die Sorben von ihren böhmischen Nachbarn.
Körner berichtet in seiner Abhandlung vom Alter des böhmischen Bergbaues, dass die Böhmen (Tschechen) schon im Jahre 677 die ersten Eisenminen angelegt und 725 bereits das erste Geld geschlagen hätten.
Bei den Sorben fanden die Münzen vor der Zeit Karls d. Gr. jedenfalls keinen Eingang.
Die Erzeugnisse der Weberei, desgleichen Pelze, Pferde, Salz, Honig und Wachs bildeten die Hauptartikel im Tauschverkehr und Handel. Die Bienenzucht in Waldbeuten wurde in großem Umfange betrieben.
Honigzins und Wachszins blieben durch Jahrhunderte beliebte Gefälle an Kirchen und Klöster; aus Honig bereitete man den beliebten Honigwein (Met).
Auch auf dem Wasser machten sich die Sorben bereits heimisch.
In dürftigen Fahrzeugen, welche sie aus Baumstämmen herrichteten (sog. Einbäume) und mit Rinder und Ziegenfellen ausschlugen, befuhren sie Flüsse und Seen, um Fische zu fangen, oder Handel und Verkehr zu vermitteln.
Sie waren vorzügliche Schwimmer und Taucher; durch ein langes Rohr atmend konnten sie längere Zeit auf dem Grunde des Wassers zubringen.

Anfangs war die Kultur der Sorben noch unentwickelter, als die der alten Germanen.
In den ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte ist Eisen das einzige bekannte Metall.
Die meisten Geräte und Waffen sind aus Knochen verfertigt.
Mit dem 9. Jahrhundert erst ist der Beginn einer höheren Kultur zu bemerken.
Sie wurde verursacht durch die Ausbreitung des Handels, welcher die orientalischen Kaufleute in diese Gegenden führte.
Durch jene Händler kam Gold, vereinzelt auch Bronze, besonders aber viel Silber in das Wendenland.
Dünne, geschnittene Silberblättchen (Wendenpfennige, Brakteaten), die nach Gewicht in den Handel gebracht wurden, galten als Scheidemünze.
Daneben waren geprägte Münzen arabischen und byzantinischen Ursprungs im Gebrauche. Auch knöcherne Kämme mit langen Zinken, silberne Schläfenringe, Silberschmuck und eigenartig verzierte Gefäße sind kennzeichnend für die sorbische Kultur.

Auf die gewerbliche Tätigkeit der Sorben weisen auch verschiedene Ortsbezeichnungen hin.
So ist her geleitet:
– Krossen von krosno = Webstuhl;
– Kossern von kosa = Sichel;
– Keuern von kiya = Schmiede;
– Borna, Barneck von bornu = Lehm;
– Gossa, Koswig von chyzu – Fischerhütte.
Das Äußere der sorbischen Bevölkerung trägt die allgemeinen Merkmale des slawischen Typus:
kurze, gedrungene Gestalt, dunklere Hautfarbe, breites Gesicht mit grauen oder auch dunkelbraunen Augen, platter Nase und breitem Munde.
Das Haupt bedeckte schwarzes Haar, welches lang auf die Schulter niederhing, bei den zum Christentume bekehrten Wenden aber, als äußeres Zeichen der Bekehrung, kurz geschoren wurde.

Der slawische Charakter zeigt ein seltsames Gemisch von männlicher Tatkraft und weichlichen, weibischen Zügen.
Damit paart sich abstoßende Roheit, die sich in wilder Grausamkeit und teuflischer Lust an den Qualen der Feinde äußert.
Unsauberkeit, Hinterlist, Treulosigkeit und Wortbruch bilden düstere Züge ihres Wesens.
Rachgier und Händelsucht verleiteten zu Zank, Streit und erbitterten Stammesfehden, bei denen nicht selten Unbotmäßigkeit gegen den Führer die Niederlage herbeiführte.
Auch war der Sklavenhandel unter ihnen im Schwange und erstreckte sich sogar auf die Volksgenossen, ja, selbst auf die eigenen Familienglieder.
Schwächliche Kinder wurden im Walde dem Verhungern ausgesetzt. Lebensmüde Eltern ließen sich nicht selten von den leiblichen Kindern töten.
Neben diesen abstoßenden Eigenschaften zeigt der slawische Charakter aber auch viele freundliche, gutherzige Züge.
Fremden gegenüber übte der Wende unbegrenzte, aufopfernde Gastfreundschaft, die sich selbst bis zur Verschwendung steigern konnte.
Ohne zu fragen woher und wohin? wurde der Fremdling aufgenommen und mit dem Besten bewirtet, was das Haus barg. Verletzung der Gastfreundschaft wurde als Schmach des ganzen Ortes empfunden, und wer sich dieses Vergehens schuldig machte, verfiel der Rache seiner Nachbarn.
Zur Heidenzeit war Vielweiberei unter den Wenden allgemein verbreitet.
Die Heiraten geschahen aber nicht in gewinnsüchtiger Absicht, denn die Frauen erhielten keine Mitgift; der Bewerber mußte vielmehr dem Vater der Braut einen Ehezins zahlen.
Daher machte der Besitz vieler Töchter die Eltern reich, während das Umgekehrte bei den mit Söhnen bedachten Vätern der Fall war..

Die Sorben besaßen die allen slawischen Völkern eigene Vorliebe für Musik und Gesang.
Andächtig lauschte jung und alt den Spielleuten, wenn sie ihren den Zithern ähnlichen, mit acht Saiten bespannten flachen Instrumenten schwermütige Melodien entlockten.
Die gleiche düstere Färbung trägt auch die slawische Dichtung und Sage.
Die Religion der Wenden war Naturkultus, welcher gute, schöpferische und böse, zerstörende Mächte unterschied.
Sie verehrten in Jutrebog oder Belbog (bel =weiß, gut; bog = Gott) den Schöpfer von Himmel, Erde und Licht und den Geber alles Guten.
Von ihm hat die Stadt Jüterbog ihren Namen erhalten.
Zernebog (zerno = schwarz, böse) galt ihnen als Urheber des Bösen, dem sie opferten, um vor seinem Zorne sicher zu sein.
An ihn erinnern die Ortsnamen
– Zscherndorf im Bitterfelder Kreise,
– Zschernitz im Kreise Delitzsch und
– Zörnigall im Kreise Wittenberg.
Neben diesen Hauptgottheiten verehrten die Wenden noch zahlreiche andere Götter von untergeordneter Bedeutung.
Fast jeder Gau besaß seine besondere Gottheit:
Der Radegast oder Ridegast trug auf seiner Brust einen Schild, dessen Mitte einen Ochsenkopf zeigte; auf dem Haupte saß ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln, und in der rechten Hand hielt das Götzenbild einen Spieß.
Der Radegast gilt als Kriegsgott der Wenden, dem man gefangene Feinde opferte.
Er wurde u. a. in dem heutigen Landstädtchen Radegast in Anhalt verehrt; auch die Dörfer Rida im Kreise Bitterfeld und Ritteburg a. d. Unstrut (Rideburg) scheinen nach ihm benannt zu sein. Wahrscheinlich war Radegast ursprünglich ein Fürst und Held der Obotriten, der nach seinem Tode göttliche Verehrung genoß.
Wenigstens beschreibt Schedius das Leben dieses Helden und seine mit den Römern geführten Kriege.
Eine abschreckende Gestalt zeigte der Swantewith oder Swiatowit. Auf seiner Schulter saßen vier Köpfe; die Rechte hielt einen Becher in Gestalt eines Hornes, während er in der linken Hand einen Flitzbogen trug.
Er stellte wohl das heilige Feuer oder die wohltätige Macht der Sonne dar.
Ein Steinbild dieses Götzen befindet sich noch in dem Gotteshause von Altenkirchen auf Rügen.
Der Prove oder Prono stand auf einer Säule; in der einen Hand trug er eine Pflugschar, das Prove oder Probe-Eisen genannt, während die andere Hand einen Spieß trug, an dem ein Fähnchen befestigt war. Seine Beine waren mit Stiefeln bekleidet, und sein Haupt zierte eine hohe Krone.
Vielleicht verehrte man in ihm den Beschützer des Ackerbaues und gab nach ihm Pronenberg im sächsischen Erzgebirge seinen Namen. Seltsam war auch die Gestalt des Triglav, dessen buntverzierter Holztempel bei Brandenburg im Jahre 928 durch Kaiser Heinrich I. zerstört wurde.
Die nackte Gestalt dieses Götzen trug drei Köpfe; in den Händen hielt er einen halben Mond.
Außer in der Gegend von Brandenburg wurde Triglav auch bei Halle verehrt, und zwar soll sein Tempel auf dem Sandberge in Halle gestanden haben und mit Beginn der christlichen Zeit durch den Grafen Wipertus in eine Kapelle zur Ehre des heiligen Jakobus umgewandelt worden sein.
Auffallenderweise zeigt das Wappen der Stadt Halle einen Halbmond mit zwei Sternen.
In der Lausitz sowohl als auch bei Leipzig, am Zusammenfluß von Pleiße und Parthe, und bei dem Städtchen Zörbig im Kreise Bitterfeld verehrte man den Todesgötzen Flins.
Er hatte die Gestalt eines Totengerippes, das in einen langen Mantel gehüllt war.
In der Hand trug er einen Stab mit einer daraufsitzenden Blase oder Fackel.
In den Fuhnewiesen zwischen Zörbig und Radegast ist noch heute ein sogenannter „Flinsstein“ zu sehen.
Es ist eine große Steinplatte mit dem verwischten Bilde des Gottes, dem man jedenfalls an dieser Stelle Opfer brachte.
Leider droht der Stein in dem weichen Wiesengrunde zu versinken und dürfte bald ganz verschwunden sein, wenn man ihn nicht rechtzeitig dem Untergange entreißt.
Bei Niemegk im Kreise Bitterfeld opferten die Wenden auch dem Rachegotte Bitus oder Wet, und auf dem Gelände zwischen Niemegk und der Goitzsche-Waldung soll das Bild des fünfköpfigen Götzen Porewith oder Porywacz gestanden haben.
Eine ähnliche Bedeutung wie der römischen Venus kommt wohl der wendischen Seba oder Siba zu.
Sie wurde nackend und mit langen, fliegenden Haaren dargestellt. Auf dem Haupte trug sie einen Kranz, während die rechte Hand einen Apfel und die Linke eine Weintraube hielt.
An sie erinnert der Name des Dorfes Seeben.
Außerdem verehrten die Wenden noch mancherlei Feuer, Wasser-, Feld-, Wald- und Hausgötter, denen sie in Hainen, an Flüssen, an Brunnen, namentlich an Salzquellen, Opfer brachten.
Eine solche geheiligte, zukunftkündende Quelle befand sich u. a. im heiligen Haine Zutibure, dem heutigen Schkeitbar bei Lützen.

Tief wurzelte in den slawischen Stämmen der Glaube an das Fortleben der Verstorbenen im Jenseits.
In der Annahme, daß der Abgeschiedene auch dort dieselbe Stellung bekleide, wie hier auf der Erde, gab man ihm seine Waffen, sein Arbeitsgerät und allerlei Gebrauchsgegenstände mit in das Grab. Neben der Feuerbestattung kommen auch Skelettgräber vor. Jedenfalls war die erstere Bestattungsart bis zur Einführung des Christentums allgemein im Gebrauche.

Die Wenden wohnten – wie schon bemerkt – in  geschlossenen Ortschaften Haus an Haus zusammen und unterschieden sich auch darin von den Deutschen.
An der Spitze jeder Dorfgemeinde stand ein Vorsteher, Zupan oder Supan genannt.
Zu diesem Amte wurde fast immer der älteste der Hausväter berufen.
Der älteste Zupan war zugleich auch der Häuptling des Gaues, Pan genannt.
Der älteste Pan wieder wurde zum Oberhaupte des ganzen Stammes, zum Woiwoden oder Knees erwählt.
Neben ihrer wirtschaftlichen und politischen Tätigkeit übten die ältesten gleichzeitig auch das Amt des Richters und Priesters aus. Einen besonderen Priesterstand gab es nicht.
Wichtige Angelegenheiten wurden von den Zupanen, Panen und Woiwoden nach Rücksprache mit den Dorf- und Stammesgenossen geordnet.
Wer sich den Beschlüssen nicht fügte, verlor seinen Besitz oder mußte eine Strafe an Vieh oder Geld erlegen, deren Höhe je nach Stellung und Reichtum bemessen wurde.
Die Beratungen fanden in bestimmten Gerichtsorten innerhalb der Ringmauern statt.
Im Gau Ploni (auf dem Fläming) werden z. B. als Gerichtsorte oder Supanien genannt:
– Redizke (später Amt Rabenstein),
– Wiesenburg, Beltitz (Belzig),
– Niemecke (Niemegk),
– Jüterbog, Bricen (Treuenbrieken),
– Zahna,
– Beeliz,
– Trebbin;
in der Elbgegend:
– Koswig,
– Alstermünde (Elster),
– Sermunt, Jezzant (Jessen).
Der Name Supanie hat sich noch in der christlichen Zeit lange erhalten.
Das Kreisamt Meißen zerfiel noch im Jahre 1553 in 16 Supanien. Jeder dieser Orte hatte eine gemeinsame Opfer- und Gerichtsstätte, die als Ringwall angelegt war und entweder als Trebni (im Holze gelegen), Lubni (Laube), oder Cosel (Erhöhung) bezeichnet wurde.

Als das Christentum den heidnischen Opfern ein Ende bereitete, verlegte man die mit dem Opferfeste verbundenen üblichen Eß- und Trinkgelage in die Wohnungen der Supane.
Auf diese Weise entstanden die sogenannten Kretzschmare oder Erbkrüge.
Auf der Opferstätte wurde wahrscheinlich auch jedes Ehebündnis mit Opfer und nach folgendem Tanze geweiht.
Wenigstens weiß der Verfasser der Chronik von Jüterbog zu berichten, daß dort vor nicht gar langer Zeit noch bei jeder auf dem Neumarkte gefeierten größeren Hochzeit die Teilnehmer auf den ehemaligen Opferhügel zogen, um dort den Brauttanz abzuhalten, bei dem die Braut mit jedem männlichen, der Bräutigam mit jedem weiblichen Hochzeitsgaste einmal tanzen mußte.

Wollte der Dorfälteste die Eingesessenen zur Versammlung entbieten, so ließ er seinen Stab mit dem Eisenringe umgehen.
Wem fiele hierbei nicht die Ähnlichkeit mit manchen noch heute bestehenden Einrichtungen unserer Landgemeinden auf!
Der wendische Zupan ist zum Ortsschulzen geworden, und der Stab, welcher zur Gemeindeversammlung ruft, findet sich als „Gemeindehammer“ wieder, der mit der aufgehefteten Bekanntmachung des Dorfoberhauptes von Haus zu Haus geht.

Die Anführer in den zahlreichen Kriegen und Stammesfehden wurden besonders gewählt.
Entscheidend für die Wahl war neben bewiesener Kriegstüchtigkeit Besitz, ausgedehnte Verwandtschaft und die Abstammung von hervorragenden Stammeshelden.
Auf diese Weise bildete sich im Laufe der Zeit in einzelnen bevorzugten Familien ein gewisses erbliches Anrecht auf die Häuptlingsgewalt heraus.

Die Hauptmasse des Volkes setzte sich zusammen aus den freien Männern und den Unfreien (Smurden).
Als solche galten Kriegsgefangene, Sklaven und ehrlos gewordene Volksgenossen, denen die Todesstrafe in Knechtschaft umgewandelt worden war.

Von mehreren Geschichtsschreibern wird den Wenden Mangel an Freiheitsliebe zum Vorwurf gemacht.
Dem widerspricht aber die Zähigkeit, mit welcher sie dem Vordringen der Deutschen Widerstand leisteten, und der Eifer, mit dem sie immer wieder die blutigsten Aufstände gegen ihre Besieger entfachten.
In bezug auf Kriegstüchtigkeit waren die Wenden den Deutschen freilich nicht ebenbürtig, auch waren politische Klugheit und Gemeinsinn nicht ihre starke Seite.
Das Streben nach Kriegsruhm, wie es den germanischen Stämmen eigen war, blieb ihnen fremd.
Ihre Eroberungen verdankten sie vor allem der Schwäche der Nachbarn und hinterlistigen, raschen Raubzügen in feindliche Gebiete.
Der offenen Feldschlacht suchten sie auszuweichen.
Dagegen wußten die Hinterlistigen den Feind durch kluge Benutzung des Geländes, durch geschickt gelegten Hinterhalt und durch vorbereitetes scheinbares Zurückweichen in ihre Sümpfe, Wälder und Verschanzungen zu locken und hier zu besiegen. Grundlose Wege, Unkenntnis der Gegend, Mangel an Lebensmitteln, dazu fortgesetzte hinterlistige Überfälle schwächten die deutschen Gegner und lieferten sie desto sicherer dem grausamen Feinde aus.

Die Wenden kämpften nicht in geschlossenen Reihen, sondern in ungeordneten Haufen und zwar meist zu Fuß.
Ihre Hauptwaffen bildeten Wurfspieße, Streitäxte, hölzerne Bogen und Pfeile, deren Spitze sie mit einem tödlichen Gifte versahen. Hinter selbstverfertigten hölzernen Schilden suchten sie Deckung vor feindlichen Hieben.
In späterer Zeit trugen die Wendenkrieger mit Vorliebe eiserne Rüstungen, und wiederholt sahen sich die deutschen Kaiser veranlaßt, deren Ausfuhr ins Slawenland zu verbieten.

So war der Feind beschaffen, mit dem die deutschen Völker bei der Rückgermanisation unserer Heimat gar manchen schweren Strauß zu bestehen hatten.
Durch das erfolgreiche Zurückfluten des Deutschtums wurden die Slawen indessen nicht vertilgt, sondern mit deutschem Blute vermischt und durch umfassende Kolonisation für deutsche Sprache und Gesittung gewonnen.

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