Die Sprache Leetzas

Die Sprache, die in Leetza (im Vorfläming) gesprochen wird, gehört dem ostsächsischen Dialekt an; es ist noch Niederdeutsch oder Plattdeutsch. Das Niederdeutsche reicht im Süden bis an die Elbe und die schwarze Elster.
Südlich dieser Grenze spricht man hochdeutsch oder oberdeutsch. Der Unterschied besteht darin, daß südlich der Elbe und der schwarzen Elster die zweite deutsche Lautverschiebung eingetreten ist, die k in ch, t in s und p in f verwandelt.
Im Vorlande sagt man also ik, wat und dat, Plug und pligen,
westlich der Elbe dagegen ich, was und das, Pflug (Flug) und
pflügen (fligen).
Der Wechsel ist im Vorlande nicht besonders genau und gesetzmäßig, sondern unregelmäßig.
Man sagt dort Pferd und Plug, Schaf und Affe, während man im Fläming gleichmäßig Perd und Plug, Schap und Ape sagt.
Das a hat jenen eigentümlichen Laut, der zwischen a und o liegt, wie im Englischen in water, shawl und anderen Wörtern.
Wir haben im Deutschen keinen Buchstaben, der diesen eigenartigen a-Laut bezeichnet, man nimmt wohl den Doppellaut oa dafür und schreibt Voater, Schoaf und Oape, aber der Doppellaut gibt nicht den richtigen Klang wieder.
(Das Schimpfwort Oape, das auch im Vorlande gebraucht wird, ist in seiner Bedeutung und Herkunft den Leuten gar nicht mehr klar.
Ich hörte folgenden Satz: „dat is en richtiger Oape, der ale Affe“.
Also zweimal dasselbe Wort einmal plattdeutsch, dann hochdeutsch für dieselbe Sache, ein Beweis, daß Oape nicht mehr als Affe empfunden wird.)
Außer dem eigentümlichen a-Laut gibt es noch andere Eigenheiten lautlicher Art, so kann man kein e vor r sprechen.
Die Jungen heißen Arnst, Harmann, Harbart und die Mädchen Barta und Arna, während sie anderswo Ernst, Hermann, Herbert, Berta und Erna gerufen werden.
Auch i vor r macht Schwierigkeiten.
Man ißt Kurschen und Burnen oder Barnen statt Kirschen und Birnen; man freut sich, wenn abends die Starne schön scheinen, und das die Apfelsine so wenig Karne haben.
Ganz charakteristisch ist die Aussprache des inlautenden d, z.B. in Bruder oder wieder.
Es klingt fast wie ein polnischer oder tschechischer Laut und ist sicherlich ein Überrest der sorbischen Sprache.
Daß man anlautendes g wie j spricht (jroßer Jott, wir loben dich),
die Endungen verschluckt, jeworrn statt geworden sagt, daß man zahlreiche Sproßformen bildet u.a., sind Eigenheiten, die man mit allen Niederdeutschen gemeinsam hat.
Kennzeichnender sind Eigentümlichkeiten des Wortschatzes.
Da sind zunächst außer den in Kapitel 9 erwähnten Wörtern viele, die aus dem Sorbischen stammen, und zweitens eine ganze Gruppe niederdeutscher Wörter die im Hochdeutschen nicht vorkommen. Für Teich sagt man Puhl, für Quelle – Fliet, für Tal – Grund,
ein Rain ist ein Scheedt oder eine Scheedtfahre.
Man kennt keinen Pfahl, sondern nur einen Steil,
das Stammende eines Baumes ist das Boltende,
ein großer Ast ist ein Schacht,
ein Zweig eine Zacke,
die Sichel heißt Kneif,
der Flügel ist der Fleddig.
Der niedrige, sumpfige Boden ist das Lehe,
hohl ist boll,
eine Furche ist eine Fahre.
Verwandtschaft gibt es nicht, statt dessen braucht man das Wort Freundschaft.
Ein Hof oder ein Bauerngut ist eine Wirtschaft.
Es wäre denkbar, daß es sich bei diesen Wörtern um Reste der alten niedersächsischen Sprache handelt.
In der Tat ist der Wortschatz im allgemeinen – bis auf einige der
genannten Wörter – dem der Ascherslebener und Anhaltiner Gegend, dem Stamm – und Herkunftslande der ersten Landesfürsten, sehr ähnlich, Landesfürsten, sehr ähnlich, und die Wörter finden sich alle in Lübens, Mittel- NiederdeutschesWörterbuch.
Man könnte die Sache damit bewenden lassen und sagen, daß das Vorland aus der Gegend von Aschersleben, Quedlinburg und Halberstadt besiedelt worden ist.
Allerdings kann man auch die Vermutung äußern, daß noch andere Volksbestandteile als Sorben und Niedersachsen der Ascherslebener Gegend bei der Bildung der Sprache mitgewirkt haben, und zwar sind das nach allgemeiner Annahme die Flamen gewesen. Außer dem Namen Fläming haben wir allerdings kaum Zeugen für diese Annahme.
Nur Helmold, Chronik der Slaven, berichtet darüber.
Er schreibt:
„Um diese Zeit – 1160 – war das östliche Slavenland im Besitz von Markgraf Albrecht, beigenannt der Vär, der ließ
Holländer, Seeländer, Fläminger, die an der See wohnten
und durch Überschwemmungen gequält wurden, herüberkommen und gab ihnen in den slavischen Städten und Niederlassungen einen Wohnsitz.“
Auf diese Notiz gehen alle späteren Nachrichten und Folgerungen zurück.
Wir müssen diese Nachricht als einen wichtigen Fingerzeig ansehen, ebenso den einmal vorhandenen Namen Fläming.
Nur wird man sich nicht an die geographischen Verhältnisse der Jetztzeit halten dürfen.
Dämme, Deiche und Uferbefestigungen standen keineswegs auf der heutigen Höhe.
Bei Düsseldorf begann das Überschwemmungsgebiet; die jetzt preußischen Grafschaften Kleve und Jülich gehörten noch zu Holland, das ja erst im Jahre 1648 selbständig wurde.
Zwischen Flandern und Holland wurde erst 1830 die Grenze gezogen. So konnte der Begriff Holland und Flandern für Gegenden in Betracht kommen, die heute ein Teil Deutschlands sind.
Als Stammland der Fläminger kommt nach meinem Dafürhalten das ganze Mündungsgebiet des Rheines, insbesondere der heutige Regierungsbezirk Düsseldorf, in Frage. Das stimmt auch mit dem überein, was wir vorher über bäuerlichen Brauch gesagt haben.
Im heutigen Flandern, Ost- und Westflandern, sagt man jük und hök
zu den Pferden, ebensowenig kann es das nördliche Holland sein, denn dort sagt man wode und eke; aber von der Ruhrmündung ab, etwa von Essen, Duisburg, dem Rhein folgend, braucht man die Bezeichnung und hott wie bei uns.
Auf dem rechten Ufer des Rheins wohnten noch Sachsen.
Die Sprache des Bezirkes war also überwiegend niedersächsisch, wenn auch die Schreibweise schon an das Holländische gemahnt, wie Duisburg für Düsburg,
Broich für Bruch,
Orsoy für Orsau,
Hoensbroich für Hunsbruch usw.
Ich habe meine Ferien wiederholt bei Verwandten in Kettwig an der Ruhr verlebt, und immer, wenn ich das Platt dieser Gegend hörte, war es mir, als hörte ich Fläminger sprechen.
Ganz anders ist das Flämisch, das ich in Brüssel gesprochen habe. Die vielen Schmeichelformen des flandrischen Flämisch auf che und ken kennt man im Fläming nicht.
Dazu kommen die vielen lautlichen Verschiedenheiten der anscheinend so verwandten Sprache.
Ein flämisches v ist ganz etwas anderes als ein deutsches f, und die Schwierigkeiten bei der Hervorbringung des sch kann nur ein Mensch unterschätzen, der kein Gehör hat.
Es besteht also die größte Wahrscheinlichkeit, daß die Mehrzahl der Fläminger aus dem Rheintal stammt; es mögen auch einzelne Familien wirklich aus dem heutigen Flandern und aus Brabant gekommen sein, aber die Mehrzahl der flämischen Siedler können sie nicht gestellt haben. Sonst müßten in der Sprache noch viel mehr Reste des alten Flämischen vorhanden sein, namentlich würden die Hauptkennzeichen des Flämischen, des Niederfränkischen, nicht fehlen: die Mittelwörter gan und stan für gehen und stehen und die vielen Schmeichelformen auf che und je.
Als Probe der flamischen Sprache und ihrer Eigenarten lasse ich hier ein altes Volkslied folgen.
Ich schreibe es aus dem Gedächtnis nieder, wie ich es vor 40 Jahren von meinem Brüsseler Hauswirt gehört habe.
Ich brauche nicht die flamische Rechtschreibung.

  1. Des winters as het reghent
    Dar sein de paatjes¹ diep
    dan komt dat jonge vis-schertje²
    dar vis-schen in dat riet.
    Refr.
  2. Dat loose molenarmeisje⁵
    Ghinc in haar deurtjen staan
    Omdat dat ardich vis-schertje
    Voorbi hier henen soll gaan.
    Refr.
  3. Wat heb ic ü misdreven6
    Wat heb ic ü misdaan
    Omdat ic niet met vreden
    Voorbi juw deurtje mac gaan.
    Refr.: Met mienem riyfstock…
  4. Ghi hebt mi niets misdreven
    Ghi hebt mi niets misdaan
    Shi moet mi driemaal suunen
    Eer ghi van hier meugt gaan.
    Refr.: Met moen riyfstock…
    ————————————–
    ¹ paatjes              = Pfade, Wege.
    ² visschertje      = Fischer.
    ³ riyfstoc             = Angelstod (in = spr. wie ei).
    ⁴ Ungefähr: mit seinem ganzen Angelzeug von eineт zum
    andern Platz
    ⁵ molenarmeisje = Müllermädchen.
    6 misdreven          = in den Weg legen.
    7 suunen                 = küssen.

Im folgenden gebe ich ein Verzeichnis der eigentümlichen Wörter der Leetzaer Mundart:
Ab-eschern, sich eschern  = hasten, sicdh abjagen
Ache                                              = Granne (von der Ähre)
Åpe                                                 = Affe, alberner Mensch
Å – wird gesprochen wie ao oder a in engl. water, shawl usw.
allehoof                                        = allesamt, alle
an der heede, drheede        = hinauf
arwer                                             = zierlidh, niedlich (von ehrbar?) 
auspålen, pålen                        = von den Hülsen befreien
äwwerlee                                     = übrig (überlei)
Baba                                                = Bett
babbern, babbeln                    = schwatzen, schwätzen
die Bache                                      = der Bach
båken   = die holzigen Teile des Flachses durch Schlagen mit dem Bäkbötel von dem Bast entfernen
Baier                                                = Eber
barmen                                           = jammern, klagen
barwest                                          = barfuß
beene machen             = ein Faß dicht, wasserdicht machen, von bi-ene
Beilåde                                            = Seitenfach in der Lade (Truhe)
Been                                                  = Fuß (ick hawwe immer kale Beene)
Biwwer                                            = erkaltete Brühe des Bratens
Blåse                                                 = Wasserbehälter im Kachelofen
bliejen                                               = blühen
blummen                                         = sich schaukeln
bluwwern                                        = schwatzen, unordentlich sprechen
Bluwwersack                      = einer, der drauflosredet, ein Schwatzmichel
bocken      = kriechen, auf allen Vieren gehen (ein Kind, ein Käfer bockt)
boll                                                        = hohl
Boltende                                            = Stammende
Borstwisch                                        = Handfeger
brampieren      = hartnäckig und lärmend auf seinem Willen bestehen
Brienschke                                         = schwarze Johannisbeere
Bullerjahn                                           = ein aufbrausender, grober Mensch
bullrich                                                  = grob
Bumskeile                                            = Rohrkolben
buren                                                      = herumwirtschaften
Dacht                                                      = Docht
dermank                                                = dazwischen, darunter
dräjen                                                      = drehen
dicktrewisch, trewisch                  = trotzig
Draasch                                                  = Eile, Aufregung
dunker                                                     = dunkel
duwwrich                                               = schwül
eisch                                                          = abscheulich (veraltetes Wort)
Ekuz                                                           = Eichhörnchen
Fåhre                                                         = Furche
facken                                                       = fangen
fechten                                                     = lebhaft reden
Felm                                                           = Fohlen
fibsen                                                         = mit dünner Fistelstimme sprechen
Flaatsch                                                    = Fetzen Zeug, Fetzen Haut
Fläts                                                            = Flegel, Grobian
Fleddig                                                       = Flügel
Fliet                                                              = Quelle
Flunsch                                                       = hängende Unterlippe, Grimasse
Freundschaft                                           = Verwandtschaft
galmi              = ranzig, verdorben, von altem Speck und Geräuchertem
Gescheeche                                              = Gespenst
Gieper, Jieper                                          = unwiderstehliches Verlangen
es giepert mich            = ich habe unwiderstehlichen Appetit auf etwas
gnietschig, knietschig                         = geizig
Grund                                                           = Tal
hallwege                                                      = halbwegs, ziemlich, mäßig
Hanschken                                                 = Handschuhe
Haksch                                                          = männliches Schwein
heesch                                                           = heiser
Hilegans                                                       = Gans
Hitsche                                                         = Fußbank
Hiewelamm                                        = ängstlicher, verschüchterter Mensch
Huckufdemåhd                                        = spanischer Flieder
hudderig                                                       = unordentlich, auch huddelig
hurkelich                                                      = uneben
Husche                                                          = Regenschauer
jåpern                                                             = gähnen (mich japert)
jelgen                                                              = jählings, plötzlich
kabbeln                                                          = sich zanken, sich herumstreiten
Kaff                                                                   = die Spreu des Getreides
kakelig                                                             = bunt, geschmacklos
Kant                                                                  = Randstück vom Brot, Knust
kätern                           = mit einer Stange Früchte vom Baum abschlagen
katholsch                                                       = mi launig, verkehrt, verdreht
Karwe                                                              = Kümmel
Katschke                                                        = Bettelweib
Kaule                                                                = Kugel
Keite                   = Grube (Miete zum Aufbewahren von Kartoffeln , Rüben)
kisäte                                                               =  wählerisch im Essen
kleitern            = Sachen aus Holz anfertigen, ohne es gelernt zu haben
knatschen                                                     = schmatzen beim Essen
Knatz                                                               = kleiner Kerl, Wicht
knatzig                                                            = klein, heimtückisch
Knatzkopp                                                = kleiner Kerl, (im verächtlichen Sinn)
knauen                                                            = weinerlich sein
Knaust                                                             = Kerngehäuse des Obstes
knichen                                                            = stöhnen, klagend jammern
Kneif                                                                 = Sichel
Knurz                                                                = kleiner Mensch, (verächtlich)
kräwisch                                                          = gewandt, kräftig
Kuhle                                                                 = runde Vertiefung im Boden
Kuhnsch                                                           = männl. Schwein, (kastriert),
Kuhnschzacke                                              = Kiefernzweig
kulei machen                                                 = schlafen
Kumm                                                                = Futtertrog
Koppähle                                                         = Kopfkissen, Kopfpfühl
Kowlik                                                               = Heinzelmännchen
Kracke                                                              =  schlecht, abgetriebenes Pferd
kretschen                                                        = steifbeinig laufen
kurbendig                                                       = munter, dreist
Kuscheln                                                         = junge Kiefern, Kiefernschonung
Kurmagen                                                      = Magenwurst
Lawwe                                                              = Maul
lee                                 = niedrig, tief gelegen (von Acker und Wiesen gesagt)
leppern                                                            = lecken
liemig                                                                = wolkig
Liese                                                                  = Wurst in Fetthaut
Lodderbast                                                    = ein nichtsnutziger Schlingel
Loddig                        = Bursche, Bengel; aber auch: ein mächtiger Loddig
Lork                                                = eigentlich Lurch, Tadelwort = Nichtsnutz
Lulatsch                                         = ein großer, träger und schlaffer Mensch
malsch                                                              = üppig
mang                                                      = dazwischen, darunter, vergl.: drmang
Mannsen                                                         = Mannsperson
Mart                                                                   = Marder
mauig                                                                 = weinerlich
Moch                                                                  = Moos
Moll                                                                     = Maulwurf
moschen                           = unordentlich arbeiten, verwüsten, vergeuden
murkelich                                                         = langsam, trödelig
murkeln                                                             = langsam arbeiten
Nischel                                                               = Schädel
nusseln                                                               = undeutlich sprechen
nustelich                                                            = unordentlich, zottelig
otterig                                                                 = aufgeregt, empfindlich, hastig
Padde                                                                   = Frosch
Päden                                                                   = Quecke, Unkraut
Pаmme                                                                = Butterbrot
Parten                                                                  = Parteien; seine Part – sein Teil
pechern                                                               = antreiben, jemand zusetzen
peppern                                                               = schwätzen
Pezze                                                                     = der weibliche Hund
pietschen                                                            = trinken
piezen                                                                   = saugen
Plauze                                                                   = Lunge
Plimme                                                                  = Messerklinge
politsch                                                                 = ungezogen
Polk                                             = junges, etwa 2 bis 3 Monate altes Schwein
Polkaschlächter                 = ein Schlachter, der krankes Vieh schlachtet
polsch                                                                    = polnisch, verdreht, übellaunig
popen                                                                     = in den Årmel fahren
preisch                                          = übellaunig, fuchtig, (eigentlich: preußisch)
Primpe machen                                                 = die Unterlippe hängen lassen
Puie                                                                           = Wiege
purren                                                                      = mit Geräusch fliegen
quackelig                                                                 = unbeholfen
Quacker                                                                   = unbeholfener Mensch
Qualster                                                                   = zäher Schleim
Quarre                                                                       = weinerliches Kind
Råm                                                                             = Ruß
råmen                                                                         = sich schwarz machen
rauen                                                                     = mausern, die Federn verlieren
Schacht                                                                      = Ast
scheechen                                                                = suchen, herumgeistern
Scheet                                                                         = Grenze, Rain
die Schledde                                                            = Schlitten
Schmudderig                                                           = Schmuser, Schwätzer
Schotentoffel                                                           = Vogelscheuche, auch ein Mensch, der wie eine Vogelscheuche aussieht
Schöpsenfleisch                                                      = Hammelfleisdh
schråpen                                                                      = schaben, kratzen
schringen                                                                 = schrinnen, brennen, jucken
schuckern                                                                = schütteln, stoßen, stauchen
schulen                                                                = schielen, mißtrauisch ansehen
schuwwen                                                               = sich reiben, scheuern
schweppern                                                            = schwappen
Sehr                                                                             = Zeiger, Wanduhr
Sparrlawwe                               = ein Kind. das mit offenem Mund dasteht, auch ein naseweiser Mensch
Speiler               = Hölzchen zum Verschließen der Wurst, Wurstspeiler
spellern                                                                   = spalten, splittern
schlawwern, schluwwern    = schwatzen, ungewaschenes Zeug reden
Schmehl                                                                   = Schmiele, Unkraut
schnuwwen                                                            = schlafen
schnuwwig                                                              = schläfrig
Ståke                              = Stange, Schimpfwort für ein ungeschicktes Tier,
auch wohl für einen Menschen
stäkig                                                            = lang wie eine Stange, ungeschickt
Steil                                                                                 = Pfahl
Stepsel                                                                           = kleiner Junge
Stietz                                                                  = Bürzel, hinterer Teil des Vogels, besonders der Gans und Ente
streechen                                                                      = aufschneiden, prahlen
Teke                                                                                  = Schafzecke, Ungeziefer
Tewist                                                                              = Lärm, Radau (von toben)
Tiene                                                                                = großes Waschfaß
Tiffe                                                       = weibl. Hund, dasselbe ist Tele, Tewe
totig                                                                                   = tot
trewellieren                                                   = jemand beständig antreiben, bis man ihn in Zorn gebracht hat
trewisch                                                                           = verbissen, trotzig
underkötig                                                                      = mit Eiter untersetzt
ungebachert                                                                  = ungezogen, unartig
Untädeken            = Stäubchen, Fehler (da ist auch kein Untädeken dran)
vollbarteln                                                                      = sich vollschmieren
Vurtel                                                                                = Vorteil
Wanschke                                                                       = Wanzе
Wargel                                                                              = unartiges Kind
Weibesen                                                                        = Frauensleute
wittsch                            = ungeschickt, falsch (vom Geld gesagt – wendisch)
Zulp                                                                                     = Gummilutsch
zunter                                                                                 = jetzund, jetzt

Die Mehrzahl der Wörter ist sorbischen Ursprungs, ein großer Teil enthält altes niedersächsisches Sprachgut; von besonders typischen flämischen Ausdrücken finde ich dagegen so gut wie keine Spur, man müßte denn Wörter wie dunker oder Kant als solche ansprechen, die man aber auch als alte niedersächsische Stämme bezeichnen kann. Danach muß das Urteil, ähnlich wie beim Brauch lauten:
es ist kein Anzeichen für flämischen n Ursprung bei den Веwohnern des Vorlandes zu finden.
Der Wortschatz des Wittenberger Fläming dürfte ganz ähnlich sein. Der Jüterbogker und Treuenbrietzener Fläming wie der Hohe Fläming sind mir nicht bekannt, ihre Sprache wird vielleicht einzelne flämische Wörter enthalten.
Als Ergebnis der Betrachtung über die Sprachenfrage kann man zusammenfassend so sagen:
Die Sprache des Vorlandes – und des Wittenberger Flämings – ist ein
stark vom Sorbisch-Wendischen beeinflußtes Niedersächsisch, das vermutlich aus dem Sächsischen um Aschersleben und aus dem Platt des Niederrheins entstanden ist.

Hermann Kappert

Quellen: Aus dem Vorfläming von Hermann Kappert
(Geschichte eines Dorfes (Leetza) und eines Geschlechtes)

zurück – Mundart-Geschichten