Der Enkel des Türmers

Wilfried Otto – Enkel des Türmers
und seine Bücher

2009.05.27. Mitteldeutsche Zeitung

Leitungen kamen aus dem Osten
Technikgeschichte ist immer ein spannendes Kapitel der Historie. Umso mehr, wenn es technische Einrichtungen und Geräte in der heimischen Region betrifft.
Die Elektrifizierung kam von Osten, schildert der Autor die Anfänge der Elektrifizierung, die im Raum Finsterwalde, I.auchhammer und Liebenwerda begann. Ausgehend von einzelnen Betrieben, die Generatoren zur Stromerzeugung vor allem für die Beleuchtung installierten, entstanden um 1900 erste Elektrizitätswerke. 1909 lieferte beispielsweise die elektrische Überlandzentrale in Prettin den ersten Strom, mit dem Monate später auch Jessen versorgt wurde. Die wenige Jahre später errichtete Überlandzentrale in Liebenwerda dehnte ihren Bereich ab 1915 auch auf Prettin und Jessen aus, das Werk in Prettin stellte darauf den Betrieb ein.
Otto liefert interessante Details zur Industriegeschichte gleich mit. Für die energieintensive Karbidproduktion im Stickstoffwerk Piesteritz war das 1915 errichtete Kraftwerk Zschornewitz der Zulieferer. Die Lederfabrik Stürmer wurde an das 1926 fertiggestellte Umspannwerk Prühlitz (heute Teil von Mühlanger) angeschlossen. Hier geht die Technik in die Familiengeschichte des Autors über. Sein Vater Willy Otto begann 1919 beim Überlandwerk Liebenwerda seine Tätigkeit, er war baubegleitend beim Bau des Umspannwerkes in Prühlitz beteiligt, zwischenzeitlich arbeitete er auch in Falkenberg. Sein Wissen und seine Erinnerungen, kombiniert mit Fotos und Dokumenten, hat Wilfried Otto in seinem Buch verarbeitet
Die 231 Seiten sind nicht nur für Fachleute interessant zu lesen. Technische Kenntnisse sind nicht unbedingt notwendig, aber auch nicht von Nachteil zum Verständnis von Beschreibungen, Schaltplänen oder technischen Abbildungen. Es gibt keinen chronologischen Aufbau. Der rote Faden ist für Otto die Elektrifizierung von Osten her. Dadurch kommen Kapitel wie die erste Stromerzeugung in Schmiedeberg 1898 oder Wittenberger Insellösungen vor 1906 erst spät im Buch. Dies ist allerdings dank eines aussagekräftigen Inhaltsverzeichnisses zu verschmerzen.
Besonders der Wittenberg-Teil bringt Wissenswertes zur Stromerzeugung in Betrieben, wie der Papierfabrik Bickel, der seit 1902 bestehenden Schokoladenfabrik (heute Wikana) und Mühlenbau.
Alles in allem ist es ein interessantes und sehr spezielles Stück Heimatgeschichte, das in dieser Ausführlichkeit in anderen Werken nicht zum Tragen kommt. Zumal sich der Laie kaum vorstellen mag, dass man 110-kV-Freiluftanlagenteile unter Spannung reinigen kann. Der Test Mitte der 60er-Jahre in Wittenberg-West (die Feuerwehr verwendete destilliertes Wasser) verlief erfolgreich.
Anlass für das Buch sei die 60-jährige Tätigkeit seines Vaters bei der Energieversorgung gewesen, so Wilfried Otto. Dieser begann 1919 bei der Landelektrizität Liebenwerda und erlebte dabei die elektrische Erschließung des dortigen Territoriums bis in den Raum östlich von Wittenberg mit. 1928 wurden in Falkenberg und Prühlitz durch das Überlandwerk Liebenwerda moderne 110-kV-Umspannwerke errichtet. Von 1942 bis 1949 war Ottos Vater im technischen Bereich des Falkenberger Umspannwerkes tätig, wo auch seine Familie zum damaligen Zeitpunkt lebte.


2007.12.12. Mitteldeutsche Zeitung

Enkel des Türmers erinnert sich
Schon der Aufstieg über steile hölzerne Treppen ist ein kleines Abenteuer, ebenso der Weg über die Brücke von einem zum anderen Turmaufbau, bei gutem Wetter lässt sich weit sehen, bis Leipzig zuweilen – und nicht zuletzt lockt in lichter Höhe die Türmerwohnung, die der Heimatverein wieder herrichtet.
Wer mehr über Türmerwohnung und Türmerleben in Wittenberg erfahren möchte, der kann jetzt auf ein Buch zurück greifen, das gerade erschienen ist. Geschrieben hat es Wilfried Otto, der Enkel des letzten Türmers der Stadt. Hermann Otto hatte im Jahre 1896 seinen Dienst hoch droben angetreten und samt Familie – drei der sechs Kinder, darunter Wilfried Ottos Vater, erblickten auf dem Turm das Licht der Welt – die kleine Wohnung bezogen. Der Türmer starb 1921, seine Frau Anna Otto lebte aber bis 1945 auf „ihren geliebten Türmen“. Wilfried Otto möchte seinen Vorfahren, deren Pflichterfüllung, tadelsfreie Arbeit und Familiensinn er würdigt, nun ein Denkmal setzen – und zudem ein Stück Zeitgeschichte lebendig erhalten.
Gleichwohl handelt es sich bei dem Buch um eine Autobiographie. Der rote Faden ist die Lebensgeschichte des Wilfried Otto. Seine Erinnerungen, seine Sicht auf die Stadt und ihre Entwicklung über die Jahrzehnte spiegeln sich in den zahlreichen Kapiteln wider. In denen geht es um den Baumfrevel an der Luthereiche im Jahre 1904 und die Notlandung des Zeppelins zwischen Bülzig und Abtsdorf, die eine kleine Völkerwanderung auslöste ebenso wie um das Eisenwerk Joly oder um Mühlanger.
Denn dort ist der Autor aufgewachsen, sein Vater hatte einst Ende der 20er Jahre das Umspannwerk Prühlitz mit aufgebaut, zog später jedoch mit seiner Frau, deren Eltern ein Haus mit Geschäft in der Collegienstraße besaßen, nach Falkenberg. Erst Ende der 40er Jahre kehrte er zurück und wurde Dienststelleneiter des Umspannwerks. Wilfried Otto selbst erblickte zwei Tage nach Kriegsende im Waldkrankenhaus Bad Düben das Licht der Welt (wenige Tage darauf starb Anna Otto im Paul-Gerhardt-Stift). Er ging in Mühlanger, später in Friedrichstadt zur Schule, lernte in Zörnigall Bauschlosser, arbeitete nach einer Zeit auf Montage bei einer Schlosserei in Kleinwittenberg – bevor er in den 70er Jahren ins Stickstoffwerk wechselte, als Lehrausbilder. Später wurde er Leiter der Metall-Grundausbildung. Nach der Wende folgten für den Türmer-Enkel wie für so viele im Osten unstete Zeiten: Arbeitslosigkeit, Qualifizierung, Arbeit im Westen, Lehrausbilder in der Justizvollzugsanstalt, Früh-Rentner.
Zeit, zurück zu blicken. Und sich der Gespräche mit dem Vater zu erinnern, der berichtet hatte vom harten Leben auf den Türmen, zugleich aber sagte: „Ich möchte keine Stunde missen, die ich dort oben verbracht habe.“ Es war stets zugig und oft kalt auf den Türmen, lediglich einen Kachelofen gab es. Der Dienst war anstrengend, denn rund um die Uhr musste Ausschau gehalten werden, ob es irgendwo brennt. Damit die Stadt wusste, dass der Türmer auf dem Posten ist, galt es regelmäßig ins Horn zu blasen. Und den Job des Glöckners hatte der gelernte Dachdecker Hermann Otto, der manchen Schaden an den Türmen selbst behob, gleich mit übernommen. Die Familie half, die Arbeiten zu erledigen.
Im Buch schreibt Wilfried Otto von der guten Stube im Südturm, die die Familie nur selten nutzte. Gewohnt wurde im Nordturm. Die Kinder, die nicht immer 192 Stufen absteigen wollten, spielten zwischen den Türmen Haschen und Fußball. Einen Turmkater namens Peter gab es selbstverständlich auch – einmal wagte er sich bei der Jagd nach Vögeln zu weit aufs Dach, stürzte ab und überlebte wie durch ein Wunder. Weihnachten kamen immer die Bläser auf den Turm – und erhielten gegen die Kälte Glühwein von Oma Otto.
Nach dem Tod ihres Mannes mochte Anna Otto die Türme nicht verlassen, sie handelte einen Vertrag mit der Stadt aus und erhielt Wohnrecht gegen die Übernahme kleinerer Aufgaben. Die alte Frau wurde über die Jahre zu einer Berühmtheit, zu einer Attraktion der Stadt. Sie erhielt viel Besuch, Zeitungen schrieben über die Türmerin von Wittenberg, die natürlich nicht immer absteigen konnte, wenn Gäste da waren. Sie ließ einfach einen Schlüssel herunter – ebenso wie den Korb, in den die Post oder diverse Lebensmittel gelegt wurden. Und apropos Glocken. Ihre Schwingungen übertrugen sich derart auf den Turm, dass mitunter das Geschirr aus dem Schrank fiel und die Bilder an den Wänden schaukelten.

2006.11.14. Mitteldeutsche Zeitung

Wind und Wetter brachten den Tod
Am 14. November, also gestern, jährte sich der Todestag des letzten Türmers der Stadtkirche Wittenberg zum 85. Mal. Hermann Adolf Otto verstarb an diesem Tage um 9.40 Uhr nach langem, schwerem, mit größter Geduld ertragenem Leiden im vollendeten 58. Lebensjahr.
Er wurde am 12. September 1863 als Sohn des Arbeiters Gottlieb Otto in Wittenberg geboren und einige Wochen später getauft. Vom sechsten Lebensjahr an besuchte er die Bürgerschule und wurde mit dem 14. Lebensjahr aus dieser entlassen und konfirmiert. Nach der Schulentlassung erlernte er das Dachdeckerhandwerk und war in demselben bis ins Jahr 1897 tätig. Im militärdienstpflichtigen Alter wurde er zum Heeresdienst einberufen und diente zwei Jahre, im letzten Jahr als Gefreiter, im Infanterieregiment Nr. 27 in Magdeburg. Am 27. Februar 1888 schloss er mit Anna Otto, einer geborenen Kühne, die Ehe.
Aus derselben gingen sechs Kinder hervor, wovon zwei früh gestorben sind. Die anderen Kinder waren: Hermann Otto, geboren am 23. April 1887 in Wittenberg, Anna Otto, geboren am 26. Februar 1897 in Wittenberg, Willy Otto, geboren am 26. Juni 1899 in Wittenberg und Erich Otto, geboren am 29. April 1902 in Wittenberg.
Am Silvesterabend 1896 übernahm Hermann Otto den Türmerposten der Stadt Wittenberg und bezog mit seiner Ehefrau und den Kindern die Türme der Stadtkirche. Den Türmerposten füllte er bis zu seinem Tode mit selbstloser Aufopferung und Treue aus. Reichliche 24 Jahre hatte er diese Stelle als Hüter der Stadt inne.
Im Nebenamt war er noch erster Kirchendiener (Glöckner). Als solcher hat er zum Gottesdienst, zu Beerdigungen und zu den Siegen im 1. Weltkrieg 1914 bis 1918 die Glocken der Stadtkirche geläutet.
Vom Jahr 1921 an wurde dieselbe elektrisch betätigt. Als Türmer hatte Hermann Otto folgende Verrichtungen. Aller Viertelstunde zwei Mal in ein Signalhorn blasen, zum Zeichen, dass der Türmer auf dem Posten ist und nach Feuer während dem Rundgang um die Türme ausschaut. Beim Ausbruch eines Feuers an die Alarmglocke schlagen und in der Richtung des Feuers bei Tag eine rote Fahne und des Nachts eine Laterne anbringen. Bis zum Jahr 1917 die Stunden nachschlagen. Die Türme beaufsichtigen und sauber halten, sowie eine Anzahl anderer, kleiner Verrichtungen.
Durch den aufreibenden Dienst als Türmer stellten sich bei ihm alle „Türmerkrankheiten“ ein. Infolge der Nachtwachen Nervenleiden, infolge der ausgesetzten Witterung Erkältungen, Rheuma, Gicht, Nierenleiden und Herzkrankheit. Zuletzt erkrankte er noch an einer Lungenentzündung, an der er starb. Die Glocken, die er selbst über viele Jahre läutete, riefen ihn dann selbst zum ewigen Frieden.
Seine Ehefrau Anna Otto, als letzte Türmerin (die sie eigentlich gar nicht war) von Wittenberg bekannt, verblieb dann allein bis zu ihrem Tode am 28. Mai 1945 auf ihren Türmen. Seit dieser Zeit ist die Türmerwohnung auf der Stadtkirche Wittenberg nicht mehr bewohnt.
gleich mit übernommen. Die Familie half, die Arbeiten zu erledigen.
Im Buch schreibt Wilfried Otto von der guten Stube im Südturm, die die Familie nur selten nutzte. Gewohnt wurde im Nordturm. Die Kinder, die nicht immer 192 Stufen absteigen wollten, spielten zwischen den Türmen Haschen und Fußball. Einen Turmkater namens Peter gab es selbstverständlich auch – einmal wagte er sich bei der Jagd nach Vögeln zu weit aufs Dach, stürzte ab und überlebte wie durch ein Wunder. Weihnachten kamen immer die Bläser auf den Turm – und erhielten gegen die Kälte Glühwein von Oma Otto.
Nach dem Tod ihres Mannes mochte Anna Otto die Türme nicht verlassen, sie handelte einen Vertrag mit der Stadt aus und erhielt Wohnrecht gegen die Übernahme kleinerer Aufgaben. Die alte Frau wurde über die Jahre zu einer Berühmtheit, zu einer Attraktion der Stadt. Sie erhielt viel Besuch, Zeitungen schrieben über die Türmerin von Wittenberg, die natürlich nicht immer absteigen konnte, wenn Gäste da waren. Sie ließ einfach einen Schlüssel herunter – ebenso wie den Korb, in den die Post oder diverse Lebensmittel gelegt wurden. Und apropos Glocken. Ihre Schwingungen übertrugen sich derart auf den Turm, dass mitunter das Geschirr aus dem Schrank fiel und die Bilder an den Wänden schaukelten.

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