Bei einem Gang durch die Bachstraße muß wohl jedem der große stattliche Bau des Kaiser-Friedrich-Siechenhauses auffallen; doch wie viele mögen wohl schon an diesem Hause vorüber gegangen sein, ohne sich einmal die Frage vorzulegen, welchen Zwecken dient das Haus, welcher Art ist die Tätigkeit, die in ihm ausgeübt wird?

aus: Archiv HV WB
Das Haus ist wie alle Einrichtungen der Inneren Mission, ein Werk der christlichen Liebe und Barmherzigkeit, und gerade in der bevorstehenden Winters- und der herannahender Weihnachtszeit möchten wir durch die nachstehenden Zeilen unsere Leser veranlassen, die Herzen und Hände auch einmal für die armen alten und kranken Insassen des Kaiser-Friedrich-Siechenhauses zu öffnen.
Denn dieses Haus erhält, von ganz wenigen und bescheidenen Beihilfen abgesehen, keinerlei Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln und muß sich daher selbst erhalten.
Hierzu dienen die Pflegegelder, Vermächtnisse und Liebesgaben, welche die Anstalt von privater Seite erhält.
Die Liebesgaben werden dazu verwandt, um solche bedürftige Pfleglinge, mit Ermäßigung des Pflegegeldes aufzunehmen, für welche die gesetzmäßige Pflege des Staates nicht in Anspruch genommen werden kann.
Gegründet wurde die Anstalt von dem damaligen Archidiakonus Schleusner, nachmaligem Superintendenten in Kochstedt bei Dessau, und am 18. Oktober 1894, dem Geburtstage Kaiser Friedrichs, eröffnet.
Es ist seitdem stets darauf bedacht genommen worden, das Haus aus einer den Anforderungen der Zeit entsprechenden Höhe zu erhalten.
So wurde, da der verfügbare Raum schon lange nicht mehr zureichte, im Jahre 1924 bis 1925 am nordwestlichen Giebel des Hauses anstelle der dort vorhandenen großen Veranda ein neuer Anbau geschaffen der im Kellergeschoß eine Leichenhalle und in den darüber liegenden oberen Geschossen noch mehrere Wohnzimmer enthält.
In den Jahren 1925 bis 1926 ist am südöstlichen Giebel an der Zimmermannstraße erneut angebaut worden, welcher Anbau, sobald dafür Mittel zur Verfügung stehen, bis an die Grenze des Nachbargrundstückes in der Zimmermannstraße erweitert werden soll.
Zurzeit ist man damit beschäftigt, auf dem Hofe ein Wirtschaftsgebäude zu errichten.
Hier wird eine Wäscherei-Einrichtung mit maschinellem Betrieb geschaffen werden.
Augenblicklich befindet sich die Waschküche im Kellergeschoss des Hauptgebäudes.
Durch ärztliche Anordnung muß diese von dort verlegt werden, da der beim Waschen hervorgerufene Brodem das ganze Haus durchdringt und die Luft dadurch verschlechtert wird; aber auch sonst hat das Gebäude durch den vielen Wasserdampf gelitten.
In einem anderen Wirtschaftsgebäude ist eine Schweinemästerei untergebracht; die in derselben aufgezogenen Tiere werden nur im Hause selbst verwertet.
Weiter sind noch einige Schuppen vorhanden, in welchem Holz zerkleinert wird.
Schon dadurch, daß man seinen Bedarf an zerkleinertem Brennholz hier bezieht, kann man dem Hause eine kleine Unterstützung zu Teil werden lassen.
Der ins Auge gefaßte spätere Erweiterungsbau wäre eigentlich schon jetzt dringend nötig, denn es gehen fast täglich Aufnahmegesuche ein, denen aber wegen Platzmangel nicht entsprochen werden kann.
Aufnahme Suchende müssen oft monatelang warten, ehe ein Platz für sie frei wird.
Das Kaiser Friedrich Siechenhaus ist dazu bestimmt, alleinstehende, altersschwache, sieche und der Pflege bedürftige Personen beiderlei Geschlechts aufzunehmen und zu pflegen.
Zurzeit befinden sich in der Anstalt 70 Pfleglinge, von denen zwölf über 80 Jahre alt sind. Der älteste Insasse ist der frühere Kaufmann Theodor Seelmann, der 91 Jahre alt ist, von den weiblichen Pfleglingen ist Frau Höhne, die aus dem Schweinitzer Kreise stammt, mit 88 Jahren die Älteste.
Der jüngste Insasse ist ein hülfloser 42 jähriger Mensch, der an Muskelschwund leidet und schon seit zwei Jahren nicht mehr laufen kann.
Die Pfleglinge entstammen den verschiedensten Kreisen der Provinz und sind teils auf Kosten der Gemeinden und Kreise, teils von der Landesversicherung hier untergebracht.
Es gehören an:
– dem Stadtkreis Wittenberg 36 Pfleglinge
– dem Landkreis Wittenberg 11 Pfleglinge
– dem Kreis Schweinitz 4 Pfleglinge
– dem Kreis Liebenwerda 1 Pflegling
– dem Kreis Torgau 4 Pfleglinge
– dem Kreis Merseburg 4 Pfleglinge
– dem Kreis Halle 2 Pfleglinge
– dem Kreis Halberstadt 1 Pflegling
– dem Kreis Gardelegen 2 Pfleglinge
– dem Mansfelder Seekreis 1 Pflegling
– dem Kreis Wanzleben 1 Pflegling
– dem Kreis Stendal 1 Pflegling
– dem Kreis Delitzsch 1 Pflegling
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zusammen 70 Pfleglinge
Die Pflegesätze betragen zurzeit für den Monat:
– in der ersten Klasse 150 RM.
– in der zweiten Klasse 90 RM.
– in der Dritten Klasse 75 RM.
Für diese Pflegesätze gewährt die Anstalt den Pfleglingen Beköstigung, Aufwartung und Pflege, Wohnung, Feuerung und Licht, sowie ärztliche Behandlung, aber nur für die Pfleglinge der dritten Klasse.
Meist bleiben die Pfleglinge bis zu Ihrem Tode in der Anstalt, und übernimmt diese auch die Beerdigungen gegen Bezahlung der Kosten hierfür.
Pfleglinge erster und zweiter zweiter Klasse sind aber nur wenige vorhanden, werden auch nur selten aufgenommen, da es sich hauptsächlich darum handelt, hilfsbedürftige, mittellose Personen, die aus öffentlichen Mitteln unterhalten werden müssen, unterzubringen.
Bel einem Gang durch das Haus, bei dem der allezeit freundliche und für seine Pfleglinge unermüdlich besorgte Hausvater D. Müller bereitwilligst die Führung übernommen hatte, zeigte dieser dem Schreiber dieses alle Einrichtungen vom Keller bis zum Dachboden.
Im Kellergeschoß sind die Wirtschaftsräume, Küche usw, untergebracht.
Letztere soll demnächst auch eine Verlegung erfahren, um vergrößert werden zu können.
Aber auch einige Pfleglinge mußten hier unten untergebracht werden und zwar solche Fußkranke, die nicht gut mit anderen Insassen zusammen wohnen können.
Im ersten Stockwerk sind die Männer untergebracht, während im zweiten Stockwerk die weiblichen Pfleglinge wohnen.
Die Belegung der einzelnen Zimmer ist so geregelt, daß in jedem Zimmer neben ständig bettlägerigen und hilfsbedürftigen Personen immer ein Gesunder wohnt, der den Kranken kleine Hilfsdienste leisten kann.
Jedes Zimmer ist durchschnittlich mit drei Personen belegt.
Beim Besuch in den einzelnen Zimmern konnte man den Insassen die Freude anmerken die sie darüber empfanden, daß einmal jemand zu ihnen kam, mit dem sie sich etwas unterhalten konnten.
Der Hausvater Müller und auch seine Gattin machen täglich einen Rundgang durch die Zimmer; ist dies einmal an einem Tage wegen anderer dringlicher Arbeiten nicht möglich, so heißt es am nächsten Tage sicher:
“Ja, bei uns Iassen Sie sich garnicht mehr sehen!“
So hängen die Pfleglinge an ihren Hauseltern, und Schreiber dieses kann aus eigener Erfahrung bestätigen, wie Hausvater Müller während der Kriegs- und Nachkriegszeit unermüdlich tätig war, für seine Schutzbefohlenen Nahrungsmittel usw, herbeizuschaffen, manchmal unter recht erschwerten Umständen.
Alles im Hause zeigt von einer zweckmäßigen Einrichtung und peinlichen Sauberkeit, die ja auch in solchem Hause herrschen muß. Es ist in manchen Fällen in der ersten Zeit schwer, die Ankommenden hiervon zu überzeugen.
An Pflegerpersonal sind eine Schwester und eine Pflegerin, sowie zwei Pfleger vorhanden, die alle schon längere Seit in der Anstalt tätig sind.
Als Anstaltsarzt waltet Sanitätsrat Dr. Krüger seines Amtes, der auch gleich falls dem Vorstand des Hauses angehört.
Das älteste Vorstandsmitglied ist
– Kaufmann A. Bickel, weitere Vorstandsmitglieder sind
– Oberbürgermeister i. R. Schirmer,
– Oberlehrer Fritzsche,
– Kaufmann Joh. Schäfer,
– Hausvater Müller, sowie seit einiger Zeit
– Pfarrer Sievers, der gleichfalls das Amt eines Hausgeistlichen versieht.
Gottesdienst findet alle 14 Tage in einem kleinen Saale der Anstalt statt, wo auch die sonstigen Feiern abgehalten werden.
Aber auch dieser Raum ist so klein, daß nicht alle Personen der Anstalt in ihm Platz finden können.
Die Anstalt besitzt die Rechte einer juristischen Person und steht unter behördlicher Aufsicht.
Sie ist in erster Linie für Kranke aus dem Kurkreise bestimmt, bei vorhandenem Platz werden auch Pfleglinge aus anderen Landesteilen Aufnahme finden.
Die Hausordnung beruht auf evangelisch-lutherischer Grundlage, jedoch werden auch Andersgläubige aufgenommen.
So wird die Anstalt allen Anforderungen gerecht, die man an ein solches Haus stellen kann, und wir wollen zum Schluß noch einmal alle Leser darauf hinweisen, daß Liebesgaben und Spenden für dasselbe vom Hausvater Müller jederzeit mit herzlichem Dank entgegen genommen werden.