Am Mummelsee

1925.10.21. Wittenberger Tageblatt

aus: Archiv des HV WB
aus: Archiv des HV WB

Am Mummelsee

Östlich von unserm Nachbardorfe Reinsdorf, hart am Waldesrande
und an der Kleinbahn Kleinwittenberg – Straach, befindet sich
inmitten von hohen Laubbäumen ein kleiner See von etwa 700 Quadratmeter Größe. Der Volksmund hat ihm den Namen
„Mummelsee“ gegeben. Die Entstehung und Bedeutung dieses
Namens ist völlig unbekannt.
Im Schwarzwald in der Nähe der Hornisgrinde gibt es in 1026 m
Höhe einen ähnlichen See, der auch diesen Namen führt.
Es liegt die Vermutung nahe, dass irgend jemand, dem dieser märchenumwobene, 12 m tiefe See bekannt war, dem Reinsdorfer
See den gleichen Namen gegeben hat.
Der Reinsdorfer Mummelsee ist noch gar nicht so alt, wie
allgemein angenommen wird.
Anfang der fünfziger Jahre (1850er) wurde auch an dieser Stelle, wie an vielen anderen in der Dobiener Umgebung, nach Braunkohle gegraben. Da die Oberschicht nicht ergiebig war, und nur unreife, junge Kohlen lieferte, ging man tiefer und trieb Stollen in das Erdreich. Doch so tief man herunterkam, das Ergebnis wurde nicht besser. Es war nicht möglich, auch nur eine Fuhre brauchbare Hausbrandkohle zu fördern.
Beim Weitergraben bohrte man eines Tages eine der vielen Quellen in dem an Wasseradern reichem Gebiete der dortigen Gegend an. Die Quelle floß so stark, daß sie nicht wieder zu verstopfen war und – die ganze Grube ersoff für alle Zeiten. –
Diesem Umstande verdankt der Mummelsee seine Entstehung.
Alle Erzählungen darüber, daß dieser See ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit sei, sind demnach in das Reich der Fabel zu verweisen,
desgleichen diejenigen, die über warme Quellen in ihm berichten.
Der alte Stollenbau ist an dem noch erhaltenen, fest eingerammten Grubenhölzern deutlich zu erkennen. Man sieht sie bei klarem Wetter,
wenn man den See etwa 3 m vom Ufer in der Mitte des westlichen
Teiles absucht.
Da der See an manchen Stellen durch den Grubenbau sehr tief ist – unergründlich aber ist er nicht, wie der Volksmund behauptet – so ist es gefährlich, in ihm zu baden.
Er erwärmt sich infolge seiner großen Tiefe sehr schwer.
Schon manche Leichtsinnigen haben ihr Leben in Unkenntnis
der Verhältnisse in ihm lassen müssen.
Auch ihren Liebeskummer haben zwei Soldaten unserer früheren Garnison in ihm ertränkt.
Im Laufe der Jahre ist der Mummelsee durch das Schneeschmelzen und Regengüsse mitgeführte Erdreich, abgefallenes Laub usw. schon stark verschlammt. Fauliges Wasser besitzt er jedoch, trotzdem er keinen Zu- und Ablauf hat, nicht, weil die unterirdische Quelle für Erneuerung des Wassers zur Zeit noch sorgt.
Im Schatten der ihm umgebenden Eichen, Birken und Kiefern ruht es sich an seinen Ufern herrlich. Der Lärm der Straße dringt nicht bis hierher. Selten kommt eine Wanderschar vorbei. Und da niemand die
Singvögel stört und verscheucht, so bietet ein schöner Sommerabend in seiner Nähe gar köstliche Stunden der Erholung. Wenn später in vorgerückter Stunde die Schatten länger werden, ein Vogel nach dem anderen schlafen gegangen ist, die Nebel allmählich auch aus dem See emporsteigen und leise, ganz leise und vorsichtig die Rehe zur Tränke am Mummelsee erscheinen, dann fühlt man sich wie im Märchenland.
Deshalb nimmt es sich auch nicht wunder, wenn in früheren Jahren, als in Reinsdorf und Umgebung die jungen Mädchen und Burschen in den Spinnstuben an bestimmten Winterabenden zusammenkamen, über den Mummelsee bei Reinsdorf teils schauerliche Spuk- und Geistergeschichten, teils Märchen erzählt wurden, die heute noch im Volksmunde lebendig sind.
F.

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