Bei der während des Krieges 1914/18 und nach demselben mehr und mehr erfolgten Ausdehnung der Industrie in Piesteritz, die ein ungeheures Anschwellen der Einwohnerzahl mit sich brachte, mag es uns heute doppelt interessant erscheinen, Piesteritz‘ Größe und Einwohner vor reichlich 100 Jahren – im Jahre 1820 — kennen zu lernen.
Piesteritz, im ehemaligen Kurkreis Wittenberg, gehörte vor 1815 zum Königreich bzw. Kurfürstentum Sachsen.
Durch Abkommen zwischen den Königen von Sachsen und Preußen
im Wiener Kongreß am 18. Mai 1815 wurde auch das Dorf Piesteritz zum ehemaligen Königreich Preußen geschlagen. Piesteritz gehörte zu den Wittenberger Universitätsdörfern, das bedeutet, daß die Universität in Wittenberg weltlich und kirchlich Patron über dieses Dorf war, und daß die Piesteritzer Einwohner verbunden waren, ihre Ortsabgaben und Gefälle an die Universität Wittenberg abzuführen.
Bis 1820 besaß Piesteritz weder eine eigene Schule noch eine eigene Kirche. Die Kinder, die keine höhere Schule in Wittenberg besuchten, mußten nach Apollensdorf zum Schulmeister Krahm in die Schule gehen. Hierbei mag erwähnt sein, daß Kleinwittenberg im Jahre 1820 noch nicht ganz wieder aufgebaut worden war und auch dieses Nachbardorf nicht gleich eine Schule hatte.
Piesteritz bestand im Tahre 1820 aus fünfzehn bewohnbaren Häusern nehst Wirtschaftsgebäuden (Scheune und Ställen), zwei Mühlen – eine Mahl- und eine Papiermühle – und einer Spinnfabrik. Nach dem Brandkataster der Feuer-Sozietät aus diesem Jahre waren diese 15 bewohnbaren Häuser:
– 1 Richtergut,
– 8 Hufengüter,
– 3 Kossäthengüter,
– 1 Mühlengut,
– 1 Kuhhirtenhaus
– 1 Pferdehirten
Kuhhirtenhaus und Pferdehirtenhaus gehörten der Gemeinde Piesteritz. Besitzer des Richtergutes war seit dem 18. Oktober 1818 der Ortsrichter Gottlob Schwerdt.
Die acht Hufengutsbesitzer hießen:
– Hüfner Andreas Wolter (seit 12. Dezember 1810 auf seinem Gut),
– Hüfner Martin Wildgrube,
– Hüfner Johann Gottlob Olle (seit 16. Juni 1806),
– Hüfner Johann Christian Wildgrube (seit 14. September 1809),
– Hüfner Johann Andreas Hönicke (seit 31. Januar 1800),
– Hüfner Johann Christian Flemig (seit 29. April 1820),
– Hüfner Johann Christian Seyffert (seit 25. Juli 1792)
– Hüfner Johann Gottlieb Schüßler (seit 7. Mai 1818 auf seinem Gut). Die drei Besitzer der Kossäthenwirtschaften waren:
– Kossäthen Johann Gottlieb Knape (seit 21. Juni 1808),
– Johann Gottlieb Hühnichen (seit 4. Mai 1816)
– Johann Andreas Faust (seit 29. August 1808).
– Müllermeister Karl Dorn war Besitzer des Mühlengutes,
zu welchem die Mahlmühle gehörte.
– Die Tuchmacher Heinrich Liepe und Andreas Busse, beide aus Luckenwalde gebürtig, sind Besitzer der Papiermühle und der Spinnfabrik in Piesteritz im Jahre 1820.
Einen Vergleich mit heute aufstellen zu wollen, wäre eine bare Unmöglichkeit. Hier können nur trockene Zahlen sprechen.
Betrug die Einwohnerzahl von Piesteritz im Jahre 1820 etma 70 Seelen, so sagt uns die letzte Zählung von 1931, daß Piesteritz 5.789 Einwohner hat.
Einen derartigen Einwohnerzuwachs mit allen seinen Neben – erscheinungen hätte die kühnste Phantasie unserer alten Piesteritzer Einwohner von 1820 nicht hervorbringen können.
Nicht still steht die Zeit!
Wer weiß, wie es in abermals einhundert Jahren sein mag?
Robert Ernst

Quellen: Unser Heimatland vom 31.03.1933