Ein ungewöhnlicher Urlaub

Es war von den Schiffern kaum zu fassen, dass ich auf einem Motorgüterschiff auf der Elbe Urlaub machen wollte und sich sogar die ganze Fa­milie anschloss.
Ich wollte einmal selbst einschät­zen, ob noch ein Hauch der vielgepriesenen Romantik bei der Elbschifffahrt zu finden ist.
Durch meine Publikationen über die Historie der Elbschifffahrt gab dann auch die Lei­tung des Kombinates Binnenschifffahrt die Zustimmung und nach er­folgter Arbeitsschutzbelehrung konn­ten wir zu dritt aufpacken.
Am 25. Mai schon um 4.00 Uhr legte das Motorgüterschiff in Klein-Wittenberg ab, Zielort war, Usti nad Labem in der CSSR.
Obwohl das Schiff 840 t Ladung aufnehmen kann, gestattete der niedrige Wasserstand nur die Beladung mit 425 t Rohsalz aus dem Staßfurter Raum, was einem Tiefgang von 1,30 m gleichkam.
In unserem Gepäck befand sich neben der Fotoausrüstung auch die Arbeits­kleidung.
Erstes Tagesziel war Riesa, aber durch Morgennebel am Probsteiwald musste schon nach 4 km die Fahrt für 30 Minuten. unterbrochen werden.
Nach abwechslungsreicher Fahrt, vor­bei am Schloss Hartenfels in Torgau, dem Chemiewerk /Nünchritz waren die Schlote der Industriestadt Riesa weithin sichtbar.
20 Uhr machten wir das Schiff im Hafen Gröba bei Riesa fest.
Der zweite Tag brachte uns bis Pirna, dem Tor zur Sächsischen Schweiz. Schon unterhalb der Albrechtsburg (Meißen) begegnete uns eines der letzten sieben Personen­dampfschiffe der „Weißen Flotte“ Dresdens.
Die ersten Weinberge säumten unsere Fahrstraße im schönen Seußlitz-Tal und begleiteten uns bis hinter Meißen.
Das Passieren der Dresdener Brücken erfordert vom Schiffsführer, der viele Jahre selbst ein Dampfschiff geführt hat, viel Erfahrung, denn je­der Wasserstand verändert die Fahr­bedingungen.
Das Terrassenufer mit dem italienischen Dörfchen, der im Neubau befindlichen Semper-Oper bleibt hinter uns.
Alle Personen­dampfer sind auf Fahrt, einige da­von im Auftrag des Deutschen Reise­büros, ebenfalls für zwei Tage bis Usti nad Labem. Unmittelbar unter­halb des Kurortes „Weißer Hirsch“ durchfahren wir das technische Denk­mal, das „Blaue Wunder“ von Dres­den.
Eine Brücke, die fast hundert Jahre alt ist und eine reichhaltige Geschichte hinter sich hat.
Unzählige Sportboote auf der Elbe bestätigen, dass Dresden auch eine Hochburg im Wassersport ist.
Vorbei am Schloss Pillnitz erreichen wir Heidenau und Pirna, wo reichlich Industrie am Ufer angesiedelt ist.
Mit Pirna ist auch unser zweites Tagesziel erreicht und im Dampfschiffhotel können wir vor­erst zum letzten Mal in heimatlicher Speisekarte wählen.
Das Stampfen der Maschine weckt uns schon um 4.30 Uhr, denn am Abend wollen wir unseren Zielhafen Usti erreicht haben. Nebelverhangen liegt die Sächsische Schweiz vor uns, die Bergkuppen sind nicht auszuma­chen; die Sonne durchbricht erst gegen 7.00 Uhr den Morgennebel.
Zu dieser Zeit sind wir schon in König­stein.
Zug auf Zug rollt parallel zur Elbe in Richtung Grenzbahnhof Bad Schandau oder kommt vom Nachbar­land.
Bald liegt das Wehlstädtchen (Stadt Wehlen) vor uns und etwas unauffällig steht die letzte Dampf­fähre Europas an der Anlegestelle. Seit diesem Jahr ist sie zum techni­schen Denkmal erklärt und mit etwas Glück können die Urlauber diese in Aktion sehen.
Das Grenzörtchen Schmilka ist ge­gen 11.00 Uhr erreicht.
Wir haben Glück, ein Schiff der CSPLO wurde gerade abgefertigt, wir sind schon die Nächsten.
Mit einer Barkasse kommen die Genossen der Pass- und Zollkontrolle längsseits. Die über­durchschnittliche Personenzahl auf der Passagierliste fällt sofort auf.
Man erkundigt sich freundlich über den Grund und Zweck der Reise und nach einem fachlichen Gespräch wünscht man uns gute Fahrt und vor allem gutes Wetter.
Der erste Ort auf dem Gebiet der CSSR ist Dolni Zleb.
Hier stehen alle Häuser am Berghang, Straßen, wie normal üblich, gibt es hier nicht (der einzige Ort in der CSSR).
Nach 12 km ist Decin erreicht, der dritt­größte Hafen der CSSR und gleich­zeitig größter Umschlagplatz an der Elbe unseres Nachbarlandes. Rund um die Uhr wird hier Ladung ge­löscht oder werden Schiffe befrachtet.
Nach 4 Stunden angestrengter Fahrt ist das Chemiewerk von Nestomice erreicht. Eine moderne Krananlage wird am nächsten Tag unseren Schiffsrumpf vom weißen Gold be­freien.
Nach drei Tagen Wartezeit, die bei bestem Wetter zu Ausflügen zur Burg Strekov oder zur größten Elbschleuse genutzt wurden, mussten wir mit 120 t Steinkohle die Tal­fahrt antreten, der Wasserstand ließ eine weitere Beladung nicht zu.
Noch 2 ½  Tage benötigten wir bei wechsel­haftem Wetter, bis der Industrieha­fen Magdeburg erreicht war.

Karl Jüngel

Quellen: Freiheit vom 05.09.1981

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