Die Wollhandkrappenplage

Um nähere Einzelheiten über die Lebensgewohnheiten, auch zur sinn­vollen Bekämpfung, zu erforschen, wurden 1.000 Wollhandkrabben mit Patentfarbe gekennzeichnet.
In zwölf Tagen hatten sie eine Strecke von rund 50 km, am Flussgrund ge­hend, zurückgelegt.
Elbaufwärts schafften sie etwa 3 km pro Tag.
Plötzlich schien sich jedoch die große Wende in der Wollhand – krabbenplage anzubahnen. Allerorts at­mete man auf.
Die Jahre 1930 bis 1935 ergaben sehr niedrige Wasser­stände, wovon 1934 und 1935 ex­treme Niedrigwasserjahre waren. Millionen toter Krabben lagen an den Ufern der Elbe, Mulde, Havel und Saale. In der Presse erschien die erlösende Nachricht von der Beendigung der Plage. Aber weit ge­fehlt.
Die Krabben schlüpften aus den zu eng gewordenen Panzern, um einen größeren anzulegen. Bei der Häutung selbst schützten sich die Krabben unter Steinen, Schilf, Holz oder anderen günstigen Tarn – gelegenheiten in den Flüssen, denn sie galten während dieser Zeit als guter Köder für Fische, Fischreiher usw.
Und wieder richteten sie indi­rekt großen Schaden an, denn die Angler nahmen keine Rücksicht auf die Steine der Buhnen, Deckwerke und sonstige künstliche Schutzbau­ten, um an die Köderkrabben her­anzukommen.
1937 lief dann eine große Aktion, wo die Wollhandkrabben als Nahrungsmittel, ja sogar als Delikatesse, angepriesen wurden.
In einer Magdeburger Zeitung (19. Au­gust 1937) erschien eine Publikation unter der Schlagzeile
„Wollhandkrabben auf den Tisch!
Sie schmecken wie Krebse, sind spottbillig.
Wer versucht es?“.

Vier Tage später wurde die Empfehlung nochmals un­tersetzt: „Wollhandkrabben auf dem Rückmarsch!
Jetzt sind sie fett und schmackhaft“.
Auch fehlten Hinweise für eine lukullische Zu­bereitung nicht.
Hinter diesem Re­klamerummel steckte die Magdeburger Fischerinnung, der aber keinen Erfolg brachte.
Man hatte zu viel mit diesen unheimlichen, polypenartigen Tieren, mit ihrem widerwärti­gen Aussehen, den seitlichen Be­wegungen, mit den haarbesetzten Scheren und Beinen, mit dem eigen­artigen Geruch und dem gelblichen Panzerinhalt erlebt.

Karl Jüngel

Quellen: Freiheit vom 01.09.1986

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