Vor nunmehr 60 Jahren, Mitte Nov. 1926, wurde mit der Entfernung der Schleppkette aus dem Flussbett der Elbe ein wichtiges und immer wieder interessantes Kapitel der Elbschifffahrtsgeschichte beendet. Über 55 Jahre zogen sich an dieser Kette die Kettendampfer in unserem Kreisgebiet Elbauf und Elbab, immer eine Anzahl von Frachtschiffen im Anhang. Sie waren dabei nicht zu überhören, denn das Klicken der Kette auf den Kettentrommeln verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm.
Das erste Kettenschiff wurde zwar bereits 1865 auf der schwierigen Elbstrecke am Domfelsen in Magdeburg in Fahrt gebracht, aber es dauerte bis 1871, bevor die Elbstrecke Roßlau — Torgau ebenfalls mit der notwendigen Kette bestückt wurde.
Die Idee zu diesem Projekt hatten Industrielle, die dieses System von Frankreich übernahmen. Dort kannte man diese Antriebsart schon seit einigen Jahren auf den größten Flüssen.
Ausgangspunkt der Kettenschifffahrt war Magdeburg.
In Etappen verlegte man die Kette sowohl elbaufwärts als auch -abwärts. Ab 1885 lag sie durchgehend von Melnik bis Hamburg.
Das war eine Strecke von 720 km Länge.
Die Kette selbst war aus hochfestem Stahl gefertigt und wurde aus Frankreich oder England importiert.
Der Durchmesser der Kettenglieder war unterschiedlich.
Normal betrug er 22 mm, an besonderen Stromstrecken, wie Stromschnellen oder Brücken, sogar 25 mm.
Ein Meter Kette wog etwa 11 kg, so dass je nach Abnutzungsgrad ein Gesamtgewicht– von 7 bis 8 Tonnen zusammenkam.
Durch die Geschiebeprobleme am Flussgrund nutzte sich die Kette sehr schnell ab, denn der sandige Flussgrund wirkte wie Sandpapier auf den Stahl der Kette.
In der Form und Wirkungsweise waren die Kettenschleppschiffe grundsätzlich nicht mit den üblichen Dampfschiffen jener Zeit vergleichbar. Am Bug und Heck hatten sie jeweils einen beweglichen Ausleger, der die Kette aufnahm oder in den Flussgrund zurückgab. Ebenfalls am Bug, und Heck hatten sie ein Ruder, diese waren notwendig, um bei Flusskrümmungen das Fahrzeug nicht gegen das Ufer zu ziehen. Weiterhin musste die Schleppkette ja wieder in das Fahrwasser des Flusses abgelegt werden. In der Mitte des Schiffes befanden sich 2 Kettentrommeln, die durch Dampf in Drehung gesetzt wurden, und um diese war die Kette dreifach geschlungen. So zogen sich die Schiffe äußerst rentabel vorwärts, denn gegenüber vergleichbaren Dampfschiffen bisheriger Bauart betrug der Kohleverbrauch nur etwa ein Drittel.
Die Fahrgeschwindigkeit hing natürlich auch von der angehängten Last ab, sie betrug aber gewöhnlich bei der Bergfahrt 5 bis 6 km/h.
Einem Protokoll des Sächsisch-Anhaltinischen Bezirksvereins vom 1. Dezember 1872, in Roßlau angefertigt, ist zu entnehmen, dass im ersten Nutzungsjahr der Kettenschleppschifffahrt in den Monaten Januar bis November 135 Kettenschleppzüge auf der Fahrt von Magdeburg bis Torgau unseren Heimatbereich der Elbe passierten. Die geschleppte Last eines solchen Kettendampfers wird mit 25.000 Zentner (Gewicht der Kähne und deren Ladung) angegeben.
Als der Wirkungsgrad der Radschleppschiffe voll ausgereift war und die Nachteile der Kettenschifffahrt immer offenkundiger wurden, wurde streckenweise die Kette aus dem Flussbett entfernt.

Als sich der letzte Kettendampfer am 14. November 1926 bergwärts zog, hatte er keinen Schleppzug mehr im Anhang, sondern eine Schute, die die Kette aufnahm.
Quellen: Freiheit vom 15.11.1986
