Erster Elbhöhenmesser vor 200 Jahren errichtet

Am 30. Juli 1787 wurde nach dreijähriger Bauzeit die dritte Wittenberger Elbbrücke eingeweiht.
Mit diesem Ereignis ging natürlich eine entsprechend würdigende Festlichkeit einher. Gleichzeitig endete mit dieser Übergabe eine 150 Jahre andauernde brückenlose Zeit für Wittenberg.
Eine Elbüberquerung war in diesem eineinhalb Jahrhundert nur mittels einer Fähre möglich.
Sofort nach Fertigstellung dieser Elbbrücke wurde dem Major Paul Günther (er war der maßgebliche Projektant dieser neuen Brücke) „höchsten Orts der Befehl ertheilet, daß auch eine Zollsäule, an einem schicklichen Orte der Brückenpfeiler, sollte angebracht werden, um die jedesmaligen Veränderungen in der Wasserhöhe des Elbstromes richtig bemerken, und verständlich angeben zu können“.
Dies sollte nach dem Vorbild der bereits vorhandenen beiden Elbhöhenmesser in Dresden und Barby (unterhalb der Saaleeinmündung in die Elbe) erfolgen.
Die großen Überschwemmungen der Elbe in den Jahren 1784 und 1785 mit riesigen Überschwemmungen des Kreisgebietes Wittenberg und Notlagen der Bevölkerung mögen auch dazu beigetragen haben, dass dieser Auftrag mit der gebotenen Bangigkeit zu bearbeiten war.
Bis zur Fertigstellung dieser geforderten Messeinrichtung konnte der eingetretene Wasserstand nur beschrieben werden.
Absolute Vergleichsmöglichkeiten bestanden nicht zu dieser Zeit. Zunächst wollte man den Nullpunkt dieser Messeinrichtung festlegen, denn aus Gründen der Vergleichbarkeit und Vereinheitlichung wollte man mit den bereits vorhandenen Einrichtungen in Barby und Dresden Übereinstimmung erreichen.
Diesem Vorhaben kam eine länger währende Niedrigwasserperiode im Oktober 1787 entgegen, wo sich der Wasserspiegel der Elbe während mehrerer Tage nur unwesentlich änderte.
Der Churfürstliche Hofcondukteur Glasewald nutzte einen dienstlichen Ritt nach Barby, um den Wasserstand an der dortigen Messeinrichtung morgens abzulesen und diesen nach seiner Wittenberg an einen der Wittenberger Brückenpfeiler zu markieren. Damit hatte man zunächst mit ausreichender Genauigkeit den angenommenen Nullpunkt von Barby nach Wittenberg übertragen.
Zunächst geschah diese Markierung nur durch Nägel, die in die Brückenpfeiler an der gezeichneten Stelle geschlagen wurden.
„Ein gehöriger Zollpfahl“ wurde jedoch auch in Auftrag gegeben und am 6. Brückenpfeiler, vom Brückhaus gerechnet (rechtes Elbufer), angebracht. Ein weiterer Höhenmesser wurde nach dem Dresdner Vorbild unmittelbar daneben angebracht. Auf ihm konnten auch noch viertel Ellen abgelesen werden.
Vergleiche mit Dresdner Wasserhöhen haben damals die Erkenntnis gebracht, dass der Nullpunkt von Dresden 44 Zoll am neuen Wittenberger Höhenmesser entsprach.
Wasserstände, die unter dem Nullpunkt lagen, wurden fortan mit einer Null vor dem absoluten Wert angegeben, z. B. 010 Zoll.
Die maximale Höhe der Zollsäule lag indes mit 14 Zoll über dem jemals erreichten Höchststand der Elbe.
Mit Errichtung dieser Höhenmarkierung war man nun in der Lage, die Entwicklung des Elbwasserstandes im Voraus zu bestimmen, sofern der Dresdner Wasserstand bekannt war.
Diese Übermittlung war sicher das schwierigste Unterfangen der Wasserprognose, denn mit der Postkutsche oder nur mit einem Pferd war man unwesentlich schneller, als das Wasser selbst.
Nach dem Wittenberger Vorbild wurde auch die Errichtung weiterer Elbhöhenmesser in Pretzsch, Torgau und Dessau gefordert. Sehr viel Aufwand wurde zwar bei der Angleichung der Nullpunkte zwischen dem Barbyer und Wittenberger Messsystem geleistet, aber in der Praxis war dieses Ergebnis für die Anwohner der Elbe in und um Wittenberg bedeutungslos, denn Mulde und Saale beeinflussten die Barbyer Höhenwerte maßgeblich.
Die Vorhersage war weitaus wichtiger, um gegebenenfalls Schutzmaßnahmen gegen Wasserfluten einleiten zu können.
Bald zeigte sich jedoch, dass „die Zoll- und Elleneintheilung an dieser langen Säule ’nicht nur zu undeutlich ausgefallen, um die Maaße von weitern gut zu unterscheiden, sondern auch die Zahlen hatten weder gehörige Schönheit, noch regelmäßige Stellung gegen die Zollstriche, welches bey gemeinen Arbeiten der Zimmerleute nicht zu verlangen ist. Außerdem war zuletzt die Eintheilung in kurzer Zeit schon unscheinbar geworden.“
Eine neue Messeinrichtung wurde angefertigt, wobei abwechselnd jeder Zoll durch schwarze oder weiße Felder kenntlich gemacht wurde, „daß es nunmehr dem Beobachter leicht wird, jeglichen Wasserstand genau an demselben zu schätzen. Dazu tragen die ziemlich großen, künstlich und kalligraphisch eingeschnittenen und richtig gestellten Zahlen der Zolle vieles bey.“
Bei der Anbringung dieser neuen Messlatte wurde zur Sicherheit wieder ein Ritt nach Barby unternommen, um den Nullpunkt nochmals „scharf“ einzumessen.
Die verbesserte Lesbarkeit des Wasserstandes kam in erster Linie dem Churfürstlichen Brückschreiber Petzold zugute, zu dessen Aufgaben u. a. die Feststellung des täglichen Wasserstandes der Elbe mittags 12 Uhr gehörte.
Seit dieser Zeit wurden im „Wittenberger Wochenblatt“ die täglichen Wasserstände rückwirkend als Bestandteil der allgemeinen „Morgen-, Mittags- und Abendbemerkungen der Luft“ veröffentlicht. Verdienste, bei der Errichtung dieses ersten Wittenberger Elbhöhenmessers vor 200 Jahren kommen dem bereits erwähnten Projektanten, Major Paul Günther, dem Professor Titius, dem Zimmermeister Köhler, dem Tischlermeister Willer und dem Fischermeister Häntschel zu.
Letzterer lieferte einen Handkahn und stellte durch einen Fischergesellen die navigatorische Hilfe.
Da unsere Elbbrücke weder bei der Belagerung 1813 noch bei der Erstürmung der Festung am 13. Januar 1814 Schaden nahm, konnten die Wasserstände weiter regelmäßig abgelesen werden. Auch die Zerstörung des 5. Brückenpfeilers durch Eisgang 1830, verbunden mit dem Einbruch von zwei Jochen, hatte keinen Einflußss auf die täglichen Wasserstandsbeobachtungen.
Als dann am 13. Dezember 1846 die 4. Brücke, erstmals auf steinernen Pfeilern ruhend, fertiggestellt und dem Verkehr übergeben wurde, war natürlich auch ein neuer Wasserstandsmesser anzubringen.
Diese 134 mm breite Messeinrichtung war jetzt aus Gusseisen und bündig in die Sandsteinpfeiler eingelassen.
Bei der Umstellung unseres Maßsystems von Zoll auf Meter 1871 wurden aus Sicherheitsgründen noch bis 1884 die Zoll- und Meterwerte abgelesen und bekanntgegeben.
Erst 1885 verzichtete man dann gänzlich auf die Zollwerte, man hatte sich an das neue System allgemein gewöhnt.
Beide Messeinrichtungen sind noch heute am 5. Pfeiler (vom rechten Elbufer gerechnet) zu sehen.
Mit der Rekonstruktion dieser 4. Brücke 1887/1888, durch Wegnahme von je zwei Strompfeilern erweiterte sich die Schifffahrtsöffnung von 20 Meter auf 43,25 Meter, wurde auch der Pegelnullpunkt neu festgelegt.
Ab 1887 betrug er 63,437 m über Normal-Null (bis dahin 63,265 m).
Das erste Pegelhaus Wittenbergs wurde bereits 1893 errichtet: Es war eine Holzkonstruktion und schon mit einer selbstschreibenden Messeinrichtung versehen.
Der Standort war etwa 10 m östlicher, als das noch vorhanden und in Funktion befindliche Pegelhaus.
Dieses wurde 1909 als Ersatz für das bereits baufällig gewordene Objekt nach einem Typenprojekt gänzlich aus Stein und achteckig errichtet.
Das Messprinzip wurde beibehalten, und nach einer Grundinstand – setzung wurde die technische Ausrüstung vom ersten Pegelhaus übernommen.
Der Schwimmer mit Lotvorrichtung steht dabei nach dem Prinzip der verbundenen Röhren immer mit dem Elbwasserspiegel in direkter Verbindung.
Eine Schreibeinrichtung zeichnet den Wasserstand kontinuierlich auf. Die so erhaltenen Belege werden wöchentlich gewechselt und sind nach entsprechender Auswertung wichtiges Archivgut für hydrologische Betrachtungen.
Der jetzt täglich um 6 Uhr abgelesene Wasserstand wurde auch bis Mitte der 70er Jahre auf einer Tafel neben dem Pegelhaus kenntlich gemacht.
Durch modernere Verfahren (Rundfunk, Magnetband) alle Pegel mit hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung konnte auf diesen aufwendigen Kundendienst, der viele Jahre notwendig war, verzichtet werden. Dabei war der Wasserstand von Wittenberg immer ein sehr wichtiger Wert, denn unsere Elbbrücke ist mit ihrer lichten Höhe von 9,63m über dem Nullpunkt des Pegels eine der am tiefsten angelegten Brücken an der Elbe.
Dieser Umstand war mit entscheidend, dass der Pegelstand von Wittenberg als ein Wasserstandsmesser der I. Ordnung eingestuft wurde. In diese Kategorie gehören alle Pegelstände mit hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung.
In unserem näheren Elbbereich 1861 in Mauken, oberhalb der Fährverbindung nach Pretzsch ein 3teiliger Skalenpegel II. Ordnung, während die Wasserstandsmesseinrichtung erst 1904 errichtet wurde und in der dritten Kategorie eingestuft ist.
Diese hatte nur örtliche Bedeutung.
Die Pegel der II. und III. Ordnung werden nicht so häufig bzw. nur bei extremen Wasserständen abgelesen.
Unterhalb von Wittenberg befinden sich die nächsten Pegelstationen in Coswig (unmittelbar an der Fähre nach Wörlitz), in Roßlau (am ersten Pfeiler der Eisenbahnbrücke) und im Leopoldshafen von Dessau.
Der nächste Pegel I. Ordnung ist analog der Wittenberger Station an der Akener Fähre zu finden.
Wenn täglich 7:57 und 11:55 Uhr durch Radio DDR die amtlichen Wasserstände und Tauchtiefen der Elbe bekanntgegeben werden, dann wird dem interessierten Zuhörer der um 6 Uhr am Wittenberger Schrägpegel oder am Schreibpegel im Pegelhaus der aktuelle Wert übermittelt.
Für Pegel I. Ordnung sind zwei voneinander unabhängig arbeitende Messeinrichtungen vorgeschrieben.
Deshalb befindet sich am linker Strompfeiler (Pratauer Seite) zwar noch ein Lattenpegel, aber mit Errichtung des 4teiligen Schrägpegels 1949 neben dem Pegelhaus ist dieser bedeutungslos geworden.
Peter Heidepriehm, ein Mitarbeiter des WBU Magdeburg, Meisterbereich Wittenberg, zählt zu den Frühaufstehern unserer Stadt, denn unabhängig von der Jahreszeit, den Witterungsbedingungen oder vom Wochentag obliegt ihm die Pegelablesung, Registratur und die Weitermeldung zur Dienststelle nach Magdeburg.
Wenn auch 1987 durch die extrem abgeführten Wassermassen der Elbe nicht zeitgemäß, so muss aber darauf hingewiesen werden, dass der Pegelnullpunkt in Wittenberg ab 1. November 1935 um einen Meter auf 62,437 Meter tiefer gelegt werden musste.
Dazu zwangen die absoluten Niedrigwasserstände der Elbe der Jahre 1934 und 1935, als 0 bzw. 2 cm auf der Skala angezeigt wurden. Beweggrund dieser Maßnahme war die Vermeidung negativer Wasserstandswerte.
Am 20. August 1952 hätte es ohne diese Maßnahme tatsächlich einen Wasserstand von minus 8 cm gegeben.
Wichtig ist, dass der tägliche Pegelstand nicht gleichbedeutend mit der absoluten Wassertiefe des Flusses ist.
Wie vor 200 Jahren bei Errichtung des ersten Elbwassermessers, ist der Pegelnullpunkt ein angenommener Wert, der nicht mit der Flusssohle identisch ist.

Karl Jüngel

Quellen: Freiheit vom 30.07.1987

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