Wie ist unser Fläming zu seinem Namen gekommen?

Es ist allgemein bekannt, daß der Höhenzug Fläming nach den niederländischen Ansiedlern benannt ist, die im zwölften Jahrhundert in das rechtselbische Gebiet gerufen wurden, um diesem bisher slawischen Lande deutsche Kulturn und Gesittung zu bringen. Nach der niederländischen Heimatprovinz Flamland bezeichnete man sie kurzweg als Flamländer oder Fläminger.
Geht man der Geschichte des Namens Fläming als Bezeichnung unseres heimischen Plateaus nach, so erkennt man wieder, daß einmal oft reine Zufälligkeiten die Benennung für geographische Dinge herbeiführen, und zum anderen, daß ein bloßer Name manche Vorurteile einwurzeln und damit die Tatsachen in ein schiefes Licht rücken kann.
Nach allgemeiner Ansicht ist die Stammesheimat der Flämingsbewohner in der niederländischen Provinz Flamland zu suchen. Körperbau, Charaktereigenschaften, Sitten und Gebräuche der Vorfahren will man auch heute noch bei den Bewohnern des Flämings feststellen.
Dabei vergißt man aber, daß der Volksstrom, der sich seit dem zwölften Jahrhundert aus den Niederlanden ergoß, ein schier unerschöpflicher gewesen sein müßte, wenn er die Kraft haben sollte, aus dem Höhenrücken ein eigenes Volkstum zu еrzeugen, das sich heute noch in den wesentlichsten Zügen auffällig von den umgebenden Gebieten abhebt.
Das Unhaltbare einer derartigen Behauptung leuchtet dem, der die Dinge vorurteilslos betrachtet und nicht durch die lokalpatriotisch gefärbte Brille ansieht, ohne weiteres ein, wenn er bedenkt, daß der Fläming bis ins 19. Jahrhundert hinein dazu verurteilt war, ein Grenzgebiet deutscher Kleinstaaterei zu bilden.
Nicht weniger als vier Staatengebilde wuchsen auf ihm einander entgegen:
– Kursachsen,
– Anhalt,
– Erzbistum Magdeburg und die
– Mark Brandenburg.
Wer die Geschichte kennt, weiß, was die feindlichen Gegensätze dieser Kleinstaaten, ihre Macht- und Ausdehnungsgelüste für ein Grenzland bedeuten, welches Kriegselend sie im Gefolge hatten.
Die zahlreichen „wüsten Marken“, von denen der Zauch-Belziger Kreis auf einem Raume von nur 14,13 Quadratmeilen allein 65 zerstörte Dorfstätten aufweist, führen eine überaus beredte Sprache.
Daß diese Vorgänge der Erhaltung eines besonderen Volkstums, soweit ein solches bestand, nicht günstig waren, liegt auf der Hand. Noch überzeugender aber müssen folgende Überlegungen sein:
Es ist als sicher nachgewiesen, daß neben den flämischen Ansiedlern auch solche aus Franken, Sachsen und dem Niederrhein auf dem Flämingsplateau tätig waren, und daß in immer steigendem Maße eine Vermischung mit diesen Volksstämmen stattgefunden hat, womit naturgemäß auch das Aufgeben der Stammeseigentümlichkeiten verbunden war. Ebenso kann die Vermischung mit den zurückgebliebenen Resten der slawischen Bevölkerung nicht bestritten werden.
Gewisse Einrichtungen in Haus und Hof, ebenso bestimmte Sitten
und Gebräuche der Bewohner weisen auf das zurückgedrängte Slawentum hin.
Soweit die Volkstracht des Flämings nicht dem gleichmachenden Einfluß der Stadt erlegen ist, zeigen ihre Überbleibsel viel Ähnlichkeit mit der wendischen, besonders jener im Spreewald.
In seiner ursprünglichen Anwendung umfaßt die Bezeichnung Fläming (auf älteren Karten und in Büchern findet sich das Wort auch als Fleming, Flemming, Vläming) mehr einen politischen Begriff, der von der geschichtlichen Entwicklung abhängig ist, aber durchaus nicht auf geographische Verhältnisse Rücksicht nahm.
Die Beschränkung des Wortes Fläming auf unseren Landrücken ist lediglich ein Erzeugnis geographischer Erwägungen, die eine Bezeichnung für dieses echt typische Gebilde des norddeutschen Tieflandes brauchten, und die erst dem Beginn des 19. Jahrhunderts angehören. Eine quellenmäßige Behandlung dieser Angelegenheit finden wir in dem überaus gründlichen Werke:
– A. von Meesebe, Ueber die niederländischen Kolonien (Hannover 1816).
In der Zeit, wo der slawische Osten germanisiert und kolonisiert wurde, entstanden zahlreiche Fläminge, nämlich überall da, wo sich Niederländer ansiedelten. Der Name blieb aber auf die einzelnen Siedlungen beschränkt und verschwand im Laufe der Zeit größtenteils wieder; nur alte Urkunden bezeugen ihr früheres Bestehen. Für unseren Höhenrücken ist die Ansiedlung von Flamländern quellenmäßig nur für zwei Stellen mit Sicherheit nachgewiesen.
Die eine flämische Kolonie befand sich in der Nähe von Jüterbog und wurde durch den Erzbischof Wichmann von Magdeburg um 1160 gegründet, was durch drei Quellen bezeugt wird:
– in einem Verzeichnis der Magdeburger Erzbischöfe von Georg Torquatus,
– in einer Urkunde vom Jahre 1174 und in der
– sächsischen Chronik des Pomarius.
Der zweite Fläming lag am rechten Elbufer Magdeburg gegenüber, in der Nähe von Krakau. Diese beiden Bezeichnungen, insbesonderes die erstere, bilden die Grundlage für die Bezeichnung unseres Landrückens. Hierbei stoßen wir auf einen bekannten Vorgang:
Wie auch sonst in der Geschichte, macht sich auch hier bei den älteren Chronisten und Historikern das Bestreben geltend, die flämischen Ansiedelungen ungebührlich zu vergrößern.
Waren sie genötigt, von diesen zu berichten, so suchten sie bei mangelnder Quellenkenntnis nach allerhand Spuren, die auch nur einigermaßen auf eine flämische Besiedlung hinweisen mochten und ließen sich dabei zu gewagten Schlüssen verleiten.
So wurde – um nur einiges anzuführen- aus der Ähnlichkeit von Ortsnamen mit holländischen die niederländische Ansiedlung gefolgert, wobei man sich nicht dadurch stören ließ, daß derartige Bezeichnungen auch sonst in Deutschland in großer Menge sich finden, wo an flämischen Ursprung gar nicht zu denken ist.
Den gleichen Trugschluß beging man hinsichtlich vermeintlicher Dialekteigentümlichkeiten, die sich keineswegs auf niederländischen Ursprung zurückführen lassen.
Das erste Zeugnis über den Jüterboger Fläming findet sich in der Chronica Carionis von Melanchthon, die von dessen Schwiegersohn Kaspar Peucer (deutsch 1573) fortgesetzt wurde.
Dort steht, daß „ein ganzer Strich bei Wittenberg von den Flandern oder Pleumosii seinen Namen habe“.
Diese Bezeichnung nimmt Petrus Albinus in seiner „Meißnischen Land und Berg Chronica“ (Dresden 1589) auf, wobei er an Stelle der Peucerschen Worte „bei Wittenberg“ setzt „auf der Höhe umb Wittenberg“- eine Bezeichnung, die offenbar die Ursache wurde, künftig von einem hohen Fläming zu reden.
Inzwischen scheinen die Vorstellungen über flämische Kolonien immer unsicherer geworden zu sein.
So weiß Joh. Chr. Beckmann in seiner „Historie des
Fürstenhums Anhalt“ (Zerbst 1710) nur folgende Fläminge aufzuzählen:
„Fläminge giebt es im
– Magdeburgischen,
– der Krakauer,
– im Anhaltischen,
– thatsächlich linkselbisch gelegen und einen
– hohen Fläming bei Jüterbog.“
Auf Grund dessen beschränkt er vier Fläminge auf unseren
Höhenrücken. Auf den Beckmannschen Angaben fußen fast alle späteren Schriftsteller, die sich dabei bemühen, die flämischen Gebiete noch zu vergrößern, wobei z. B. Joh. Gottfried Hoche in seinem Buche, „Historische Untersuchung über die niederländischen Kolonien in Niederdeutschland“ (Halle 1791) bereits auf fünf einzelne Fläminge auf unserem Höhenzug kommt.
Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten, wollten wir die weitere Entwicklung in allen ihren Einzelheiten verfolgen. Abschließend sei nur bemerkt, daß in der Folgezeit die Unterscheidung von einzelnen lokalen Flämingen auf unserem Landrücken mehr und mehr verschwand und der gemeinsame Name als geographische Bezeichnung auf das gesamte Gebiet überging, welches wir heute unter dem Namen Fläming verstehen.
Unterstützt wurde dieser Verschmelzungsprozeß durch die karthographische Festlegung des Gebiets, die sich von Anfang an konsequenter als die Auslassungen der Historiker erweist.
Wenn nun auch die vorstehenden Untersuchungen die
weitverbreitete Anschauung, daß der Fläming ausschließlich niederländisches Siedlungsgebiet sei, mit den darauf aufgebauten irrtümlichen Folgerungen, widerlegen mußten, so darf das der Genugtuung darüber keinen Abbruch tun, daß in seinem Namen in pietätvoller Weise das Andenken an die wackeren Flamländer geehrt wird, denen unsere Heimat so überaus viel verdankt.

Richard Erfurth

Quellen: Unser Heimatland vom 23.01.1932