Der sächsische Eulenspiegel

Geschichte des berühmt gewordenen Bauersmann Berthold

Vorbemerkung: 
Die „Blätter für Heimatgeschichte“ haben schon öfter mal Beiträge gebracht, die sich von vornherein als ausgeschmückte Geschichten zu erkennen gaben und (wie es bei allen geschichtlichen Romanen üblich ist) keinen Anspruch auf vollständige geschichtliche Treue machten; aber die folgende fesselnde Arbeit des Berliner Schriftstellers Fritz Ebers läßt dies nicht vermuten, erweckt vielmehr den Eindruck, als wenn sie völlig auf geschichtlichem Boden stände, und doch ist sie nur ein geschichtliches Produkt aus einem Drittel Wahrheit und zwei Drittel Dichtung.
Ein altes Volksbuch vom klugen Bauer Berthold hat der Verfasser mit einigen Zügen aus dem Taubmannschen Legendenkreise angereichert, hat die ganze Erzählung in das 15. Jahrhundert hineinversetzt an den Hof der Wettiner und hat mit dichterischer Einfühlungsgabe allerlei ortsgeschichtliche Angaben hiermit verbunden, die den tatsächlichen Verhältnissen wohl entsprechen könnten, wenn – ja wenn die Wettiner damals in Wittenberg residiert hätten, wenn es einen Schalknarren Berthold in Pratau oder in Wittenberg gegeben hätte, und wenn die ganze Geschichte nicht eben eine Eulenspiegelei wäre – lögenhaft tau vertöllen!

Unter welcher Regierung Berthold lebte, seine Herkunft, seine Familie, seine äußere possierliche Gestalt, sowie seine innere Beschaffenheit
Im 15. Jahrhundert herrschte im alten Kurfürstentum Sachsen Albrecht III., mit dessen Tode im Jahre 1422 die wittenbergische Linie des askanisch-sächsischen Hauses erlosch.
Der Kurfürst hatte seinen Hofstaat in der Burg zu Wittenberg.
Er war ein guter, sanftmütiger und gerechter Fürst, ob er gleich siegreiche Kriege geführt hatte.
Zu gleicher Zeit lebte in einem kursächsischen Dorfe, Pratau geheißen, allwo der Teufel den Doktor Faust geholt, ein Bauer, namens Berthold.
Dieser war von einer höchst lächerlichen Gestalt:
einen dicken ballrunden Kopf hatte er, mit roten, borstigen Haaren – dazu Triefaugen mit geröteten Rändern, eine eine dicke Nase, gleichfalls gerötet, wie rote Rüben im Herbst.
Dieses Riechorgan hatte Nasenlöcher, so weit, daß ein Elbkahn hineinfahren konnte.
Das Maul, aus dem zwei krumme Zähne, gleich den Hauern eines Wildschweines, hervorragten, ging hin bis an die Ohren.
Um das Kinn hing ein dichter, schmutziger Bart.
Sein Wuchs stimmte mit diesem abstoßenden Gesicht überein: Hände und Füße waren plump und groß, ja, die grobe lederne Haut war mit langen Haaren besetzt.
So mißgestalten und schmutzig aber auch Berthold’s Äußere war, so sauber und fein war sein Verstand.
In seiner Heimat Pratau galt er als eine lustige Person, für welche man, zu der damaligen Zeit, auch die Gelehrten hielt.
Seine Nachbarn hörten lieber ihn von Moral schwatzen, denn ihren Herrn Pfarrer, und Streitigkeiten schlichtete er besser, als der Schultheiß oder die städtischen Richter.
Ja, zum Lachen reizte er alle leichter und herzlicher, wie es die Marktschreier und Affen konnten, die ab und zu durch das Dorf zogen.
Dieser kuriose Mann war der jüngste von zehn Brüdern, und hatte kaum für sich, seine Frau Margarethe und seinen kleinen Jungen Albertus das Notwendigste zum Unterhalt.
Da er mit seinem Ehegesponst aber so viel erarbeitete. als sie nur konnten, ließen sie die Mitmenschen, so die gleichfalls hilfsbereiten Leute liebten, keine Not leiden.

Berthold leiht sich Geld von einem geizigen Ritter
Berthold’s kleines Häuschen befand sich in einem sehr schlechten Zustande. Die Elbe hatte bei ihrem oftmaligen Hochwasser im Frühjahr die flachen Grundmauern unterwaschen, das Dach war zersplittert und ließ den Regen hindurch, kurz, Berthold mußte sich mit dem Gedanken befreunden, sein Haus auszubessern.
Aber dazu brauchte er Geld, um Holz und Steine heranschaffen zu können. Da wir hörten, wie schlecht es ihm ging, war er in größter Verzweiflung. Nun trug es sich zu, daß er für seinen Pfarrer des öfteren Botengänge über Land zu tun hatte.
Auf einem solchen kam er auch durch einen befestigten Ort, Pretzsch geheißen.
In diesem wohnte der hochehrsame und GerechtenHeinrich von Rehfeld-Löser, der Erbmarschall seines Kurfürsten Albrecht III.
Der hatte einen Schloßhauptmann welcher sich Philipp von Hallerstein nannte.
Diesem hatte Berthold schon des öfteren durch Bestellungen an irgend welche Adlige in der Umgebung Gefälligkeiten erwiesen. Drum faßte der arme Bauer sich ein Herz, denselben um ein Darlehn anzugehen. Er werde regelmäßig an dem und dem Tage den verlangten Zins zurückzahlen.
De Schloßhauptmann händigte auch dem erfreuten Berthold das gewünschte Geld aus, allerdings mit der Bedingung daß es sein Recht sei, dem Bauer Haus und Acker fortzunehmen, falls dieser drei Tage über den gesetzten Termin mit der Zahlung der Rate im Rückstande bliebe.
Berthold in seiner Not, gesteht die harte Bedingung zu und zieht mit seinen 20 Silbertalern heim.
Ein Jahr hindurch gelingt es ihm auch, den monatlichen Zins abzustoßen, aber plötzlich sieht er sich vor der Tatsache stehen die Zahlung diesesmal nicht leisten zu können.
Er ist völlig verzweifelt. In dem schon an und für sich armen Dorfe kann ihm niemand helfen.
Er weiß, daß der Pretzscher Schloßhauptmann unbedingt auf seinem Recht fußen wird – er hat es ihm auch wiederholt sagen lassen – da faßt er den Entschluß, nach Wittenberg hineinzuwandern, um der Kurfürsten um Hilfe zu bitten.
Über Hin- und Herreden ist schon der dritte Tag über den fälligen Terminus der Abzahlung verstrichen.
Berthold sitzt gerade beim Scherer, um sich seinen wilden Bart für seine Reise etwas zurechtstutzen zu lassen, da langt ein gerichtlicher Bote des Herrn von Hallerstein aus Pretzsch an.
Voll Ungestüm fährt ihn der Gesandte an und verlangt das Geld von ihm. Er hätte Auftrag von seinem Herrn, falls Berthold nicht bezahle, sein Hab und Gut zu nehmen und obendrein den Schuldner noch in den Turm zu schließen.
So sagt der hartherzige Bote.
Hierauf Berthold: „Tu gemach, ich will dich zahlen.“
Der Bote: „Ich habe Befehl, euch nicht von der Hand zu lassen, sondern von Stund an das Geld von euch zu empfangen.“
Berthold: „Magst du warten, bis ich den Bart habe vollends abscheren lassen.“
Bote: „Das will ich tun.“
Hierauf sagt der Bauer zu dem Scherer: „Hör auf zu scheren“
und ließ sich also den Bart stehen.
Da sprach der Bote: „Bauer, wollt Ihr nicht den Bart vollends abscheren?“
„Nein,“
antwortete Berthold darob, „du hast mir zugesagt, zu warten, bis ich völlig geschoren bin. Drum wart so lang du willst.
Ich müßte dich ja bezahlen, wenn ich mit den Bart abnehmen ließe.
Und kann dich doch nicht zahlen.“
Da sah der Bote, daß er betrogen war und zog wütend heim.

Berthold kommt nach Wittenberg, und was ihm bei den Augustinern dort begegnet ist
Eiligst beschloß nun Berthold, sich sofort nach Wittenberg aufzumachen, um zu versuchen, seine Verpflichtung schleunigst aus der Welt zu schaffen.
Denn er folgerte richtig, daß der habgierige Geldgeber in kurzer Zeit zur Eintreibung nach Pratau kommen würde.
Als er zur Stunde der Dämmerung in die Stadt kam wurde ihm bedeutet, daß der Kurfürst noch auf der Jagd sei und erst spät von derselben zurückkehre.
Was sollte er nun tun? Heute nach Pratau zurück über die sumpfigen Wiesen und in der Dunkelheit?
Auch hatte er nicht einmal einen halben Groschen für den Elbfährmann. Darum natürlich aber ebensowenig Geld für ein Nachtlager. Doch da er nicht um guten Rat verlegen ging er kurzentschlossen zu dem Kloster der Augustiner klopfet an und begehret Herberg. Diese konnte ihm dort nicht versaget werden.
Aber der dortige Abt und Gastmeister waren karg und führte ihn der Letztere in die Hundestube.
Darin stank es sehr übel.
Dann brachte man ihm eine dünne Suppe ein Stück groben Brots und einen Essigwein.
Nicht einmal ein Licht bekam er, und mußte obendrein noch auf einer harten Bank liegen, bis daß es Tag wurde.
Wie er sich nun am Morgen zum Fortgehen rüstete, dachte er bei sich: Wie zahlst du dem geizigen Gastmeister das heim und dankst für die gute Herberge?
Als er aus dem Kloster trat, fand er den Abt auf einer Bank sitzen. Schnell kniete Berthold vor ihm nieder und sprach also:
„Groß Lob und Ehr will ich von Euch erzählen,
Ein Jeder wird dies Haus zur Herberg sich erwählen.
Groß und klein Fisch hab ich gegessen,
Den Wein getrunken, ungemessen.
Der Gastmeister hat mir bereitet
Ein weißes Bett, und mich hineingeleitet.
Darin schlief ich ruhig die ganze Nacht.
Am Morgen, da bin ich aufgewacht.
Ein schön blank Messer war mein Geschenk,
In gutem ich sein ewig gedenk,
Und nur in Urlaub ich von dannen schwenk!“
Hierbei sprang Berthold auf, küßte dem Abt die Hand und war schon zum Tor hinaus.
Der Abt aber war auf den Gastmeister sehr zornig, urd als beim Essen alles im Kapitel zusammenkam, hielt er ihm vor, wie er denn dazu gekommen sei, den Bauer also gut zu bewirten.
Der Gastmeister stellte dieses natürlich in Abrede, aber der Abt glaubte ihm nicht, ließ ihm als Lehre verschiedene mit der Rute aufzählen und entsetzte ihn seines Amtes.

Was ihm tags darauf bei dem Kurfürsten widerfährt
Währenddem war Berthold schnurstracks auf die Burg losmarschiert, die sich am Ende der langen Straße befand.
Nachdem er auf dem großen Platze vor der Feste angelangt war, beschäftigte er sich damit, den kurfürstlichen Palast genau zu betrachten.
Da fielen ihm zwei Weiber auf, die sich mit großer Erbitterung schlugen. Ob sie gleich dabei ein großes Geschrei von sich gaben, so konnte Berthold doch verstehen, daß sie sich um einen Spiegel stritten.
Eine dieser Frauen behauptete, ihr Mann hätte ihr den Spiegel gestohlen, um ihn der anderen zu schenken. Man kann sich denken, daß der Schimpfworte in diesem Streite keine feinen waren.
Ihre Erbitterung war schon aufs höchste gestiegen, als ein kurfürstlicher Bedienter ihnen meldete, der Kurfürst wolle ihren Zank untersuchen.
Dies brachte die beiden Kampfhühner zur Besinnung, und sie sagten, sie wollten nur vorher nach Hause gehen, um ihren Anzug und Kopfputz in Ordnung zu bringen, damit sie vor seiner kurfürstlichen Gnaden würdig erscheinen könnten.
Berthold schloß hieraus, Albrecht III. müsse ein gütiger Fürst sein, der jedermann anhörte und sich bemühte, selbst die geringsten Streitigkeiten seiner Untertanen rechtlich beizulegen.
Da er auch die Brücke niedergelassen und das Tor offen fand, ging er schurstracks hinein und gelangte auch ungehindert bis in einen Festsaal, allwo der Kurfürst auf einem erhöhten Stuhl saß.
Es standen auch noch niedrigere Schemel da, wahrscheinlich für die Vornehmsten seines Hofes und seines Landes bestimmt.
Berthold sezte sich ohne Umstände auf einen der vielen Sitze, obgleich der Kurfürst von Offizieren und Edelleuten umgeben war, die alle ehrfurchtsvoll standen.
Von diesen fiel einem die Freimütigkeit und die abenteuerliche Gestalt des Bauern auf.
Und er bedeutete ihm, es sei ungehörig. sich in Gegenwart des Kurfürsten zu setzen.
„Warum das?“ antwortete Berthold hierauf, „setz ich mich doch auch in der Kirche unseres Kirchspiels, allwo der liebe Gott ist!“
„Aber weißt du denn nicht,“
sagte ein anderer Hofherr,
„daß der Kurfürst eine über jedermann erhabene Person ist?“
Hierauf Berthold: „Mein Herr, noch nicht so erhaben, als der Hahn auf der Spitze des Turmes unserer Pfarrkirche, der uns sogar lehrt, was für Wetter es werden wird!“
Diese Antwort, von Berthold in seiner derben Weise, etwas laut gesprochen, war zu des Fürsten Ohren gedrungen und, neugierig gemacht, winkte er ihn zu sich heran.
Es entspann sich fogendes Gespräch:
Kurfürst: „Wer bist du?“
Berthold: „Ein Mensch.“
Kurfürst: „Wann bist du auf die Welt gekommen?“
Berthold: „Als es dem lieben Gott gefiel, mich in sie zu schicken, und meinen Eltern, mich zu zeugen. Denn ich selbst habe mich darum nicht gekümmert!“
Kurfürst: „Dein Vaterland?“
Berthold: „Die Welt. Denn es ist mir höchst gleichgültig, wer ihr Herr ist. Läßt man mich nur von dem leben, was sie hervorbringt, so mag sie beherrschen, wer da will. Ich frage nicht einmal danach, wie der Herr heißt. – Jetzt wohne ich in einem Dorfe, das Ihr von diesen Fenstern aus sehen könnt. Dort drüben die hohen Rüster und die Kirche dahinter. Pratau heißt es. Man hat mir gesagt, daß auch meine Eltern schon lange da gewohnt haben.“
Kurfürst: „Du hast also Familie, Frau, Kinder, Bruder?“
Berthold: „Ja, das hatte ich alles noch, da ich gestern aus meinem Dorfe ging. Sind sie aber noch in demselben Zustand, in dem ich sie verließ, so müssen alle tot sein.“
Kurfürst: „Warum denn?“
Berthold: Weil sie schon alle im Schlafe lagen, als ich meinen Weg nach hierher antrat.
Des Kurfürsten Neugier wurde immer mehr gereizt, und er war gespannt, noch andere kluge und witzige Bemerkungen aus des Bauern Munde zu hören.
So begann er ihn er, ihn also weiter zu befragen:
„Welches Ding unter allen in der Welt, hat den geschwindesten Gang?“
Berthold: „Die Gedanken.“
Kurfürst: „Welches ist der beste Wein?“
Berthold: „Derjenige, den man trinkt, wenn man wo zu Gaste ist, denn er kostet nichts.“
Kurfürst: „Von wem haben wir die meisten Schmeicheleien zu erwarten?“
Berthold: „Von dem, der uns betrügen will. Oder uns gar schon betrogen hat und zu neuen Unredlichkeiten ausholt.“
Der hohe Herr ergötzte sich an diesen Antworten, weswegen der Bauer alsbald den Mut fand, dem Fürsten seine Geldverlegenheit vorzutragen. Dieser, in guter Laune nun einmal, befahl seinem Kämmerer, dem Berthold die erbetene Summe als Geschenk auszuzahlen.
Jetzt wurde der Beglückte übermütig, und da ihm nicht nur einige bissige Seitenhiebe gegen die Hofleute, sondern auch gegen die Regierung entfuhren, gebot ihm Albrecht III., sich augenblicklich zu entfernen.
Vergebens sagte Berthold, er wäre wie die Fliegen, je mehr man ihn verscheuche, je öfter käme er wieder. Es half ihm nichts.
Zum Schluß sagte der Fürst:
„Gut! Bei Lebensstrafe unterstehe dich nicht, anders als auf dem Fuhrwerk der Fliegen wieder hierherzukommen!“.
Wie Berthold diese Forderung erfüllt, werden wir gar bald hören.

Was Bertholden auf dem Heimwege begegnet
Als sich aus der Elbe leichter Nebel hob, machte sich Berthold von Wittenberg auf den Weg in sein Dorf.
Er hatte schon beinahe Pratau erreicht, da begegnete ihn ein Wagen, schwer mit Wein beladen.
Der Fuhrmann aber war nie zu Wittenberg gewesen und wußte nicht, wie nahe oder ferne es war.
Darum fragte er Bertholden:
„Lieber Freund, mag ich noch heut gegen Wittenberg kommen?“
Denn es war ja gegen Abend.
Berthold sah sich den Wagen bedächtig an, schüttelte beim Anschauen der schwachen Achsen den Kopf und sagte:
„So du gemach fährst, bist du in einer halben Stunde da, eilst du aber, so kommst du bis zur Nacht nicht hin!“
Der Fuhrmann wurde ob dieser Rede wütend, hieb auf die Pferde ein und rief:
„Ich meine, der Narr ist betrunken. Ich soll nicht schneller hinkommen, so ich tüchtig drauf losfahre, wie wenn ich langsam kutschiere?“
Und wie er so schnell dahin fuhr, brach ihm das Rad, sodaß er nach Pratau zurück mußte, um ein neues Rad zu holen und erst am nächsten Morgen in die Stadt kam.
Erst jetzt sah er den Sinn von Berthold’s Rede ein.

Berthold spielt einem dummen Bauern einen Streich
In Lichtenburg an der Elbe, etwas weiter stromaufwärts auf Torgau zu, war ein Kloster.
Bettelmönche bewohnten es, die ausflogen, wie die Bienen von Bauerngehöft zu Gehöft, um Schinken und Speckseiten für ihre Speisekammern zu ergattern.
Sie brauchten nicht zu arbeiten, sondern bettelten nur, und wurden dick und fett dabei.
Sie nannten diese Tätigkeit aber nicht vielleicht betteln, sondern terminieren, das ist lateinisch und klingt besser.
Zwei Bettelmönche hatten aber eines Tages doch ein schlechtes Geschäft gemacht und waren müde und hungrig in das Städtlein Trebitz gekommen. Auch hier war ihre Ausbeute sehr gering gewesen. Und sie beschlossen, da sich die Sonne schon zum untergehen neigte, recht bald nach Lichtenburg zurückzukehren.
Vor der Stadt trafen sie den Bauer Berthold, der von Pretzsch her kam und dort seine Schuld beglichen hatte.
Ihm klagten die Beiden ihre Not, da lachte Berthold über das ganze Gesicht und gebot ihnen, ihm zu folgen.
Nach wenigen Minuten bogen sie um eine Waldecke, die einen saftigen Kleeacker zur Straße hin abschloß.
Hier ließ der Bauer die Mönche halten und deutete auf eine Anhöhe, auf der unter einer mächtigen Linde der reichste und Dümmste Bauer der Gegend, Kleemann, wie eine Klostersägemühle, schnarchte.
Die Sonne schien ihm in das offene Maul hinein, als wollte sie neugierig sehen, wie es im Innern Kleemann’s aussähe.
Neben ihm aber stand im Pfluge ein schöner fetter Ochse, der sich den saftigen Klee gut schmecken ließ.
Nachdem sich die frommen Männer an dem Idyll gelabt hatten, aber noch nicht klar darüber waren, wie es mit ihrer Armut zusammenhinge, sagte Berthold leise:
„Einer von euch gibt mir seine braune Kutte. Ich ziehe sie an, spanne den fetten Ochsen aus, und mich dafür in den Pflug, und ihr geht mit dem Tier auf und davon. Hinter der nächsten Wegbiegung wartet ihr auf mich, bis ich euch das geliehene Gewand zurückbringe.“
Gesagt, getan!
Berthold zog die Kutte an, spannte den Ochsen aus, mit dem die Beiden fröhlich loszogen, schlüpfte in das Geschirr und warf sich das Kummet über den Nacken.
Eine Welle war vergangen, und der Bauer Kleemann schnarchte immer noch.
Dem Berthold wurde es zu langweilig, und er begann, mit dem Ochsengeschirr zu rascheln. Aber Kleemann rührte sich nicht.
Da schickte Berthold ein Dreimaliges, lautes „Muh“ der sinkenden Sonne entgegen. Hierdurch schrak der also Gefoppte auf.
Er richtete sich empor und starrte das leibhaftige Wunder da vor sich an. Vor Erstaunen vergaß er, das Maul zuzumachen.
Peter Berthold aber betete nun laut und dankte der Madonna für das große Wunder, das sie an ihm getan.
Er sei – so log er – arger Sünden wegen in einen Ochsen verwandelt gewesen und nur dadurch, daß er ihm, Kleemann, als einem so frommen und gläubigen Manne gedient habe, durch die Gnade der Heiligen wieder in seine ursprüngliche Menschengestalt zurückverwandelt worden.
Der geprellte Bauer kratzte sich bedenklich den Kopf, denn ein solcher Lohn für seine Frömmigkeit kam ihm doch etwas sonderbar vor; aber weil er ein gläubiger Mann war – und der angebliche Pater stand ja leibhaftig vor ihm – war es ihm offenbar, der fromme Pater ist ein Ochse gewesen.
Er neigte sein Haupt, ließ sich von seinem ehemaligen Ochsen segnen und trug seufzend das leere Geschirr nach Hause.
Nach vier Wochen ging der dumme Kleemann nach Pretzsch, um sich auf dem dortigen Viehmarkt einen neuen Ochsen zu kaufen.
Er wollte dieses Mal vorsichtig sein, um nicht wieder von einem Verzauberten angeschmiert zu werden.
Da – er traut seinen Augen kaum – da steht leibhaftig sein alter Ochse. Er ist es ohne Zweifel. Er erkennt ihn an dem weißen Fleck auf der Stirn und dem rechten zerbrochenen Horn.
Er bekreuzigt sich, schleicht ängstlich an ihn heran, bückt sich zum Ohr des Ochsen und sagt leise hinein:
„Aber, Hochwürden! Sie müssen wieder arg gesündigt haben!“

Berthold macht, daß unter den Weibern ein Aufruhr ausbricht und sie die Burg belagern
Einige Tage nach diesem kam Berthold auf einem erbärmlich aussehenden Esel wieder in Wittenberg an.
Er ging hinauf zum Kurfürsten und sagte:
„Herr, ich bin auf dem Fuhrwerk der Fliegen gekommen, unten steht’s am Tore!“
In der Tat war der arme Esel, der am ganzen Leibe mit Wunden besät war, über und über mit Filegen bedeckt.
Die Bedingung war also hiermit erfüllt, und der Kurfürst mußte ihn wieder in Gnaden aufnehmen.
Es war aber gerade die Stunde, in der die Entscheidung über die jüngst allzu streitbaren Frauen auf dem Burgplatz fallen sollte.
Jede der beiden Parteien hatte eine Menge von Nachbarinnen als Zeuge aufgeboten. Dabei verteidigten sie sich mit ebenso vieler Hitze, mit der sie sich an dem bewußten Tage gestritten hatten.
Nachdem sie der Kurfürst eine Weile angehört hatte, ließ er ihnen Stillschweigen gebieten und entschied also:
„Ich will, daß der umkämpfte Spiegel in zwei Teile zerbrochen, also unter Beide geteilt werde“.
Die eine ließ sich den Spruch gefallen, aber die andere schrie förmlich: sie würde außer sich sein, wenn so ein schönes Stück verdorben werden sollte.
Nun sprach dieser der Fürst, recht salomonisch, den ganzen Spiegel zu. Über diese seine Entscheidung wunderte sich der ganze Hofstaat.
Aber dem Bauer Berthold gefiel sie nicht so, und er sagte:
„Herr, würde es nicht ungnädig aufgenommen, so wollt ich dir beweisen, daß dein Rechtsspruch falsch ist. Ich sehe wohl, du kennst die Weiber nicht. Teufel sind’s; in ihrem Kopf und Herzen kann sich niemand zurecht finden. Eines ist immer im Widerstreit mit dem Anderen.
Unser Pfarrer hat uns auch einmal die Geschichte von dem Ausspruch Salomonis erzählt. Aber, ich meine, zwischen einem Spiegel und einem Kinde ist ein großer Unterschied. Denn, da ich davon überzeugt bin, daß die Frau in ihrem Kinde nur sich selbst liebt, so ist es klar, daß der Spiegel ein toter Gegenstand ihrer Eigenliebe, ein Kind aber das lebendige Spiegelbild dieser Selbstzuneigung ist.“
Berthold fuhr noch des weiteren fort, die Frauen in den Augen des Kurfürsten herabzusehen und schloß mit den Worten:
„Morgen wirst du mir eingestehen, daß dieses Geschlecht unerträglich ist!“
„Wenn du es dahin bringst“,
war Albrechts Antwort, „so versprech ich dir, dich hierfür reichlich zu belohnen. Geh nun und iß zu Abend.“
Berthold empfahl sich und ging. Aber er aß nur mäßig.
An ein Wohlleben nicht gewöhnt, verabscheute er irgendwelche Feinheiten einer Tafel.
Es war ihm auch ein gutes Bett angeboten, aber er zog ein Bund Stroh im Stalle vor.
Am andern Morgen war es sein Erstes, sich nach der Wohnung derjenigen Frau zu erkundigen, die den Prozeß verloren hatte.
Als er sie wußte, ging er zu ihr.
„Ich komme, um mein Beileid auszusprechen!“, begann er, „wenn zuvor meine Meinung etwas gegolten hätte, hättet ihr den Streit nicht verloren. Überhaupt, wozu wir Räte alles unser Ja und Amen geben müssen, – denkt euch nur, heute verlangt – nein, ihr könntet es weiter er zählen!“
„Ich bin die Verschwiegenste unseres Geschlechtes“ beteuerte hierauf die Frau.
„Nun gut“, sagte Berthold geheimnisvoll, „der Kurfürst meinte, da der letzte Krieg sein Reich so sehr entvölkert habe, und es gegenwärtig mehr Weibsleute denn Mannspersonen gäbe, wollte er noch heute ein Edikt ergehen lassen, daß jeder Mann sich 7 Frauen nehmen solle.“
Auf diese Mitteilung hin geriet die Frau außer sich und erging sich in Verwünschungen des Kurfürsten.
„Aber, daß ihr nichts davon ausplaudert!“
damit ging Berthold, in sich hineinlachend, zur Türe hinaus
Kaum war der Bauer fort, so eilte die gute Frau, ohne einen Augenblick zu verlieren, zu einer Nachbarin, um ihr das wichtige Geheimnis von dem Mann mit den 7 Frauen anzuvertrauen.
Diese teilte es wieder unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit einer dritten mit, und so weiter, bis es endlich sämtliche Frauen Wittenbergs wußten.
Berthold war kaum eine Stunde wieder in der Burg, da konnte er schon von ihren Fenstern aus das Resultat seiner Machenschaft bewundern:
Auf dem Platz stand eine Menge Weiber, die drohend die Hände zum Schlosse erhoben, und ein Fürchterliches durcheinander schrien, aus dem anfangs nicht klar werden konnte.
Inzwischen hatte der Kurfürst den Lärm vernommen und trat auf den Balkon.
„Was gibt es, ihr guten Weiber?“ fragte er, „was wolltet Ihr von mir?“ –
Weiter kam er mit seinen Fragen nicht, denn die Frauen überschrien ihn keifend. Noch war ihm Wut und Sinn des rebellischen weiblichen Geschlechts Wittenbergs nicht ersichtlich, bis endlich ein altes altes schmutziges Weib als Sprecherin auftrat und also, sich oft überschreiend und überhaspelnd, folgendes wetterte:
„Ein sauberer Befehl, daß unser Sieben nur einen Mann haben sollen! Wollt Ihr, Herr, ein Dutzend Weiber haben, was geht’s uns an! Aber wir, wir haben eine Jede nicht zuviel an einem Manne, Ich sage Euch, Herr, derjenige von unseren Männern, der’s wagt, sich noch eine Frau zu nehmen, dem gnade Gott! Gar einer, der sich eine dritte nähme! Nicht einer würde es auf 7 bringen! Nur ein Siebenteil Mann zu haben, meiner Seel, lieber. schlüg ich ihn tot!“
Aus dieser schönen Rede entnahm der Kurfürst, was sie wollten. Aber ausreden konnte er ihnen den Schwindel nicht, denn sie ließen ihn garnicht mehr zu Worte kommen.
Schon verlor das Oberhaupt des Staates die Geduld, da rückte der Hauptmann der Palastwache heran und befahl dem aufgeregten Weibsvolk, den Platz zu räumen.
Wie sich nun die Frauen von den Soldaten umringt sahen, überkam sie eine Furcht. Sie fielen plötzlich auf die Kniee und baten um Verzeihung.
Jetzt hielt ihnen der Fürst eine fürchterliche Strafpredigt und machte darin dem gesamten weiblichen Geschlecht ernsthafte Vorwürfe. Dann befahl er den Soldaten, die Schreierinnen nach Hause zu zu schicken.
Unter höhnischen Zurufen der allzu rauhen Wehrleute rückten die Frauen geduckt und gedrückt in ihre Quartiere ab.
Nun mußte der Kurfürst dem Bauern zugeben, daß das weibliche Geschlecht allerdings unerträglich sei.
Auch, da sich Berthold als Urheber des falschen Gerüchtes bekannte, entzog er ihm seine Freundschaft nicht, sondern trug ihm sogar verschiedene Gnadenbezeugungen an, die Berthold zwar alle ausschlug.

Die Kurfürstin Cecilie nimmt sich des weiblichen Geschlechtes an. Sie hat dem Berthold eine Züchtigung zugedacht, und wie er derselben zu entgehen weiß
Des Kurfürsten hohe Gemahlin, eine stolze Prinzessin, war sehr darüber aufgebracht, daß dieser Pratauer Bauer Ihr Geschlecht zum Gegenstand seines Spottes erwählt hatte.
Sie bat den Kurfürsten in einem Schreiben, er möge sofort den Bauer in ihre Kemenate schicken.
AIs Albrecht lIl. das Billet erhielt, befand sich Berthold gerade bei ihm. Der Kurfürst wurde schweigsam, nachdem er das Blatt gelesen hatte. Aber Berthold erriet seine Gedanken, und der Fürst gestand, daß er sie getroffen hatte.
„Immerhin, Herr!, lassen Sie mich zu ihrer Gemahlin gehen. Wahrscheinlich will sie mich recht tüchtig durchprügeln lassen.
Aber ich hoffe doch, mich bei ihr ebenso gut wie bei anderen aus der
Schlinge zu ziehen.“
„Ich bin zufrieden“, sagte der Kurfürst.
Berthold ging und meldete sich bei der Kurfürstin mit eben der Dreistigkeit, davon er sich auch bei ihrem hohen Gemahl befleißigte.
Die Kurfürstin, welche ihre Rache schon ausgesonnen hatte, nahm ihn zum Schein gnädig auf.
„Du bist ohne Zweifel, Berthold. Ich erkenne dich an deiner kuriosen Figur“.
„Wahrhaftig, ich stelle mir vor“,
war des Bauern Antwort,
„man wird Euch meine Figur eben nicht sehr empfohlen haben, und sie werden sie auch nicht sehr angenehm finden; aber ich habe sie nun einmal so, wie sie ist, von der Natur, und sie gehört mir ganz allein“.
Mit einem Blicke auf den Putztisch fuhr er fort:
„Ich bedarf keines Schmuckes, und ich tünche auf meine Haut weder weiß noch rot, wie manch andere Person, für die ich selbstverständlich eine tiefe Ehrfurcht habe“.
Dabei machte er vor der gehänselten Kurfürstin einen tiefen Katzbuckel.
„Ha, seht doch“, sagte die Verspottete, „du hast Verstand, Berthold, bist auch spaßhaft, wie ich höre. Gut, du sollst bei mir eben die Ehren, wie beim Kurfürsten genießen. Du hast dich in seiner Gegenwart gesetzt, ich erlaube Dir, es auch in meiner zu tun.“
Bei diesen Worten ward ihm eine Bank angeboten, die in einem Winkel des Saales stand, und mit einem Teppich behangen war.
Aber unter diesem ward ein Waschfaß verborgen, und Berthold wäre, hätte er sich gesetzt, ins Wasser gefallen.
Die Sitzgelegenheit aber kam ihm verdächtig vor, denn er sagte:
„Ich verstehe so etwas von Hexerei. Ich sehe unter diesen Teppich, und da meint es mir nicht ganz richtig, darum halten Sie mir zu Gnaden, ich setze mich nicht darauf.
Oh, ich weiß noch mehr, denn, sehe ich recht, so hat jede Ihrer Hofdamen eine Rute in der Hand, das ist kein Putz, oder wenn es ein Putz ist, soll er auf meinen Puckel.
Ich weiß auch, welche von ihnen mir den ersten Hieb geben wird: von den Verheirateten diejenige, der die Ehre ihres Mannes am wenigstens am Herzen liegt, von den Ledigen die, welche die ihrige am meisten vernachlässigt“.
Die Damen sahen sich einander an.
Einige erröteten, andere lächelten, keine aber wagte es, zum ersten Schlage auszuholen. Selbst die Kurfürstin hielt an sich.
„Wir wollen den Narren gehen lassen, denn er ist so schmuzig.
Aber weit soll er nicht laufen. Die Wache soll ihn bezahlen“.
„Ich sehe wohl“,
sagte Berthold, „daß Euer Gnaden mir eine schreckliche Strafe bestimmt haben. Ich unterwerfe mich derselben, nur um eine Linderung bitte ich, daß man mir nicht auf den Kopf schlage“.
„Ich bin ’s zufrieden“,
sagte die Kurfürstin.
„Totschlagen möchte ich Dich bei alledem nicht lassen“.
„Kommt“,
sagte Berthold zu den Hofbamen, die ihn in den Saal, in dem die Wache war, führen sollten, „meldet es ja der Wache, daß die Kurfürstin das Haupt verschont wissen will.
Mehr verlange ich nicht von Euch!“
Berthold ging, Pagen, Bediente, Hofdamen, alles folgte ihm, um seine Bestrafung mit anzusehen. Die Hofdame der Kurfürstin machte deren Befehl bekannt.
Die Wache aber verstand ihn so:
Am Haupt sich nicht vergreifen, hieße so viel, als den Vordersten des Haufens schonen, hingegen die Nachfolgenden tüchtig durchzuprügeln. Die Wache fiel allso über die ganze neugierige Gesellschaft her, und ehe sie ihren Irrtum begriff, war Berthold schon auf und davon, ohne einen einzigen Schlag bekommen zu haben.

Ein Hofnarr fordert Berthold zum Kampf heraus, zieht aber den Kürzeren
Der Kurfürst lachte nicht wenig über die Art, wie sich Berthold herausgewickelt hatte. Er bot ihm ein gutes Abendessen, aber der Bauer nahm nichts als ein Stück geröstetes Brot mit Knoblauch bestrichen, legte sich auf sein Bund Stroh schlafen, und erschien am anderen Morgen wieder bei Hofe.
Er war dort von allen sehr gern gesehen.
Nur störte ein anderes Original, welches schon des längeren in des Kurfürsten Burg war, seine kleinen Erfolge.
Der Mann hieß Fagotti, und war des Kurfürsten Hofnarr.
Dieser war auf Berthold am Hofe sehr eifersüchtig und hatte einst die Kühnheit, sich mit ihm zu messen, glaubte er doch, ihn ebenso leicht im Spaßmachen übertreffen zu können, als durch seine lächerliche Gestalt.
In der Tat war Fagottis Gesichtsbildung abenteuerlich, obgleich bei weitem nicht so geistreich wie die Berthold’s.
„Wie würdest du es anfangen,“ fragte der Narr Bertholden eines Tages, „um Wasser in einem Sieb zu tragen?“ –
„Ich würde warten, bis es gefroren wäre.“
„Wie dächtest du wohl einen Hasen zu fangen, ohne zu laufen?“ –
„Ich würde warten, bis er am Spieße steckte.“ –
„Wie würdest du dich kleiden, um weder nackt, noch angezogen zu sein?“ –
„Ich würde mich in ein Fischnetz wickeln.“ –
„Was ist das für eine Pflanze, die auch die Blinden kennen?“
„Die Brennessel, denn sie brennt ihnen an den Füße, wenn sie darauf treten, und an den Händen, wenn sie sie anrühren.“
Immer antwortete der Berthold so glücklich, und da der arme Hofnarr nicht mehr wußte, wie er es anfangen sollte, ihn in Verlegenheit zu bringen, versuchte er es mit persönlichen Vorwürfen. Er zog Bertholden mit seinen zerlöcherten Strümpfen und seinen zerissenen Hosen auf. Da kam er aber bei dem Bauer schlecht an.
„Ist doch meiner Treu“, versetzte dieser darauf, „dein Gesicht zerfetzter noch als meine Hosen und meine Strümpf.“
In der Hitze des Gefechtes wollte Berthold ausspucken, da er aber schon etwas Lebensart am Hofe gelernt hatte, bat er vorerst den Kurfürsten um Erlaubnis.
„Meinetwegen“ antwortete dieser, „aber auf einem Ort meines Schlosses, an dem wenigsten zu verderben ist“.
Berthold bedachte sich nicht lange und spuckte Fagotti gerade ins Gesicht. Dieser kam ganz außer sich, dachte nicht mehr an Witz und Spaß, sondern stürzte sich wütend auf den Bauer.
Aber Berthold’s Fäuste waren ebenso fertig als sein Witz und trommelten so artig auf Fagotti’n herum, daß dieser davonlief und nie wieder wagte, an den Wittenberger Hof zu kommen.

Die Weiber wollen zu Staatsdiensten zugelassen werden.
Berthold beweiset dem Kurfürsten, dass sie hierfür untauglich sind
Kaum wiegte sich Berthold in dem Glauben, alle seine Feinde überwunden zu haben, als sich ein neuer Sturm gegen ihn erhob.
Die Frauen wollten der üblen Meinung wegen, die Berthold nicht nur am Hofe, sondern über das ganze Reich verbreitet hatte, schadlos gehalten werden.
Sie baten den Kurfürsten in einer Bittschrift, sie in den Geheimen Rat mit aufzunehmen, damit auch sie Anteil an Staatsangelegenheiten haben möchten.
Diese Bitte machte ben Herrscher desto verlegener, da sie von seiner hohen Gemahlin lebhaft unterstützt wurde. In dieser Verlegenheit zog er Bertholden zu Rate, und der wies ihm bald einen Ausweg.
Der Kurfürst ließ eine Schachtel machen, die war fest geschlossen, aber doch eingerichtet, daß ein Tier, welches man hineingesteckt hatte, Atem holen konnte.
Albrecht selbst gab dieses Kästchen der Frau seines ersten Ministers in die Hände und empfahl ihr, sorgfältig dasselbe 24 Stunden in einem Garten, zu dem sie allein den Schlüssel hatte, aufzuheben. Danach sollte sie die Schachtel zur Kurfürstin bringen, allwo sie noch einige andere Damen finden würde, in deren Gegenwart und der des Kurfürsten sollte dieses Kästchen geöffnet werden und über dasjenige, was es enthielt, in einer geheimen Sitzung beratschlagt werden.
Die Frist von 24 Stunden war zwar nicht lang, denn noch aber konnte die Dame Minister der Neugier nicht widerstehen.
Das anvertraute Geheimnis drückte sie derart, daß sie die ganze Nacht über nicht schlafen konnte, und wie der neue Tag heraufkam, eilte sie schon in den Garten, um die Schachtel aufzumachen.
Sie hatte den Deckel kaum etwas gehoben, da flog schnell wie der Blitz ein Vogel heraus, und in die Luft, auf und davon.
Sie konnte nicht einmal erkennen, von was für Art und Farbe Tier war. Es war ihr nun auch unmöglich, ihre Unvorsichtigkeit zu verbergen, und ihr Mann selbst wußte kein anderes Mittel, als den hohen Herrschaften alles zu gestehen.
Die Neugierige erhielt wohl sofort Verzeihung für ihr Vergehen, aber dadurch war gleichzeitig der Beweis erbracht, daß die Frauen unfähig seien, Geheimnisse des Staates zu bewahren.
Ihr Gesuch wurde also ohne weiteres abgelehnt.
Aber gegen Bertholden behielten die Frauen einen häßlichen Groll, dessen Folgen sich bald zeigte.
Man hörte nicht auf, ihn zu necken, und versuche allerorten, ihm zu schaden. So versuchten sie, ihm eines Tages in dieser Absicht zu der Kurfürstin zu locken, welche die empfindlichsten Streiche gegen ihn ausgedacht hatte.

Die Kurfürstin beschließt, an dem Berthold Rache zu nehmen. Und wie dieser in den Nachtkleidern der hohen Frau aus seinem Gefängnis entkommt
Eines Tages unterhielt sich der Kurfürst mit Berthold, und der letztere sagte:
„Herr, ich fürchte mich nicht vor Dir. Warum sollte auch ein Mensch einen anderen fürchten? Sind wir nicht aus der nämlichen Masse gemacht, beide Gefäße von Erde und Ton, in den Händen der Vorsehung? Aus Dir haben sie ein glänzendes bemaltes und vergoldetes Gefäß gemacht, aus mir einen elenden Nachttopf, – aber bei all dem besteht der Unterschied nur in der Form und im Gebrauch“.
Der Bauer hatte gerade diesen Satz beendet, als die Kurfürstin ihren Gemahl sagen ließ, sie hätte Kopfschmerzen und wünsche den Bauer um sich zu sehen. Er folle sie durch seine Erzählungen zerstreuen.
Der Kurfürst wurde hierauf nachdenklich und sagte endlich:
„Berthold, nimm dich in acht, es könnte dir wieder etwas bei meiner Frau begegnen, willst du es noch einmal darauf ankommen lassen?“
– „O ja,“ war dessen Antwort, „ich hoffe, mir auch wieder wie das erste Mal herauszuhelfen; nur, daß ich erst einen Gang in die Küche tun darf“. Der Kurfürst gestand ihm den Weg zu, und Berthold ging.
Nachdem er, wie gewöhnlich, dort unten ein mäßiges Frühstück

 

 

eingenommen hatte, brachte ein kurfürstlicher Jäger zwei lebende Hasen. Diese ließ sich Berthold geben, Steckte sie in einen Sack und ging durch den kleinen Hof, der zu den Zimmern der Kurfürstin führte. Zwet unge heure Hunde lagen in diesem Hose an der Kette und wurden gewöhnlich nur des Nachts losgelassen. Die hohe Frau aber hatte sie schon jeßt befreien lassen, weil sie wußte, daß der Bauer dort vorbeigehen, und sie hoffte, daß die Hunde ihn zerreißen würden. Aber der weise Berthold hatte recht vermutet, und deswegen die Hasen an sich genommen. Sowie sich die Hunde ihm knurrende näherten, ließ er den einen Hasen laufen, dann den andern, die Hunde seßten hinterdrein, und Berthold kam so ohne Schaden ins Zimuner der Kurfürsten, allwo man sidh fehr wunderte, ihn unver leht zu sehen.

Er fand da oben eine Menge von Frauenzimmern, die mit heftigen Reden über ihn herfielen. Das Ende vom Liede war, daß sie ihn vier starten Burschen übergaben, welche den lleberfallenen in eine Garderobe (chleppten, und ihn durch eine Menge von Rippenstößen und Herum fuchteln mit den Degen zwangen, in den Sack zu kriechen, den er selbst mit heraufgebracht hatte. Der Sack wurde oben zugebunden, und Berthold darin belassen. Wahrschein lich sollte er am anderen Morgen in die Elbe geworfen werden. Einer dieser Subjekte mußte ihn bewachen. Bert hold war in der größten Berlegenheit und bot seinen ganzen Wiz auf, um sich aus dieser kritischen Lage zu befreien. Er machte der Bache weiß, man habe ihn aus besonderen Gründen in den Sack gesteckt, und er wollte ihr Diejen auch nennen, wenn man den Sack aufbinden und ihm erlauben wollte, ihm das Geheimnis ins Ohr zu sagen. Der Knecht war dumm genug, es zu glauben, und er laubte Bertholden, seinen Kopf aus dem Sack zu stecken amb mit ihm zu reden.

Berthold band ihm nun folgende Geschichte auf:

Er wäre sehr reidh, und man wolle ihm zwingen, ein Schönes und bemitteltes Mädchen zu heiraten, dessen Lugend aber sehr verdächtig wäre. Er wolle baher lieber fich er fäufen laffen, als in diefe Heirat eluzuwltigen. Denn am Morgen würde man wiederkommen, um zu hören, ob er feinen Entschluß geändert habe.

Der einfältige Knecht nannte ihn deswegen einen Lummen Leufel, erbot fid) fogar, des Bauern Stelle im Ead einzunehmen und bas Mabchen zu heiraten, follte sie felbft Meerkagen zur Welt bringen.

Boller Freude hüpfte ber Bauer aus dem Sack, steckte Der Schafstous binein ellte aus der Murg und lied our

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von Fritz Ebers