Zu den landschaftlich anziehendsten Punkten in der Nähe der Stadt Wittenberg gehört das Dorf Nudersdorf mit seiner Umgebung.
Wie ein dunkelgrüner Rahmen umgibt von allen Seiten der Wald die freundlichen Häuser des Ortes, an die sich fast ausnahmslos blumenhegende Gärten mit fruchttragenden Obstbäumen anschließen.
Grüne Wiesen und wohlbestellte Felder vervollständigen das anziehende Bild und rechtfertigen auch hier den Ausspruch des Geographen Ratzel über das Flämingsgebiet:
„Der Fläming ist heute in allen seinen Teilen trotz der Spärlichkeit seiner Naturbedingungen eine Kulturlandschaft“.
Und zwar ist es eine Kulturlandschaft mit eigenartiger, leider noch
immer nicht genügend gewürdigter Schönheit.
Allerdings kann diese nicht in Wetthewerb treten mit der Majestät des Hochgebirges, auch nicht mit der Mannigfaltigkeit der deutschen Mittelgebirge, aber sie besteht unbestritten und hat ihre eigenen Reize.
Freilich offenbart sie diese nur dem, der sie zu suchen und zu verstehen weiß, und das ist leider noch immer eine nur kleine Schar.
Recht treffend kennzeichnet der vorgenannte Ratzel dies in seiner Schrift „Die deutsche Landschaft“ mit folgenden Worten:
„Die Schönheiten zu suchen, zu denen man herabsteigen muß, dazu glaubt der Mensch der Gegenwart keine Zeit mehr übrig zu haben. Sein Urgroßvater war besser daran, den zwar nicht die Alpen oder das Riesengebirge lockten, die er ohnehin nicht leicht erreichte, der aber in diesen wohlangebauten Flächen mit ihren Wäldern und in alten Bäumen begrabenen Dörfern sein Ideal landschaftlicher Schönheit sah.
Er war zufriedener mit seiner Heimat und würde seinen Urenkel bedauert haben, der so wenig daraus zu machen weiß.“
Der Name Nudersdorf ist hergeleitet von „Niedersdorf“,
dh. niedrig gelegenes Dorf.
Im Volksmunde führte und führt wohl auch heute noch der Ort manchmal die Bezeichnung „Birkenbusch“.
Mit der Birke, die sich dort allerdings in größeren Beständen findet, hat nun freilich dieser Name nichts zu tun, sondern hat seinen Ursprung in folgendem:
Der den Ort umgebende Wald gehörte zu Luthers Zeit dem kursächssischen Kanzler Brück (Pontanus, eigentlich Heintze, 1483 bis 1557) und wurde deshalb als „Brückes Busch“ bezeichnet, woraus dann später das Wort Birkenbusch entstand, wie ja auch das benachbarte Bollensdorf (Boldensdorp) die Verwandlung in das allerdings vornehmer klingende Apollensdorf erfuhr.
Nudersdorf zählte vor 30 Jahren nur rund 250 Einwohner.
Das Anwachsen der Industrie (vor allem Stickstoffwerke, Sprengstoffwerke und Gummiwerke, hat die Einwohnerzahl heute vervielfacht.
Eine große Anzahl neuer Siedelungen ist entstanden, und wenn erst die im Südwesten unter weitreichender Förderung des Landkreises Wittenberg im Bau begriffene Siedelung vollendet sein wird, dann wird Nudersdorf unter die größeren Orte des Kreises einrücken. Der einstige Traum von einem „Bad Nudersdorf“ dürfte ja wohl endgültig begraben sein, wenn auch alljährlich eine kleine Zahl von „Sommerfrischlern“ hier einkehrt, die in den ausgedehnten Waldungen Erholung suchen und finden.
Durch die Kleinbahn Wittenberg-Straach hat das vordem so abgeschiedene Dorf Anschluß an das große Verkehrsnetz erhalten, und seitdem der Freiwillige Arbeitsdienst in dem Gutshaus des ehemaligen Ritterguts, dem „Schloß Nudersdorf“, Einzug gehalten hat und den Ort mit neuem frischen Leben erfüllt, ist dieser in weiteren Kreisen bekannt geworden.
Von dem wechselnden Geschick dieses Nudersdorfer Schlosses soll im Nachfolgenden einiges berichtet werde
Zur Zeit der Reformation waren die Herren von Leipzig Besitzer des Ritterguts Nudersdorf, und zwar die Linie des Geschlechts, welche in Bärwalde in der Mark saß.
Gottschalk von Leipzig hatte Nudersdorf für 4.000 Goldgulden gekauft.
Leider ist nicht festzustellen, wer der Vorbesitzer war, noch wer das alte Schloß erbaut hat.
Dieses bestand ehemals aus zwei im rechten Winkel aneinanderstoßenden Flügeln, die von alten, hohen Bäumen beschattet wurden.
Es besaß nicht die vollen Rechte eines ritterlichen Besitzers.
Zwar waren die Bauern, die sich um das Schloß angebaut hatten, diesem zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet, aber weiter als bis auf diese dehnten sich seine Gerechtsame nicht aus.
Die umliegenden Dörfer waren entweder der Stiftskirche Allerheiligen (Schloßkirche) in Wittenberg oder der St. Marienkirche (Stadtpfarrkirche) dort; oder dem Rittergute Ließnitz (dem späteren Kropstädt) zins- und dienstpflichtig.
Längere Zeit hindurch war Nudersdorf ein Lehen der Herren von Löser auf Kropstädt.
Vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges finden wir einen Abraham von Leipzig auf Bärwalde als Besitzer von Nudersdorf.
Jahrelang lebte dieser erbschaftshalber in Streit mit seinem Vetter Friedrich von Leipzig.
Im Jahre 1606 kam zwischen beiden eine Einigung dahin zustande, daß Friedrich, der bereits Mitbelehnter von Nudersdorf war, dieses als Ganzlehnen erhielt.
Der Kurfürst Johann Georg von Brandenburg erteilte dem abgeschlossenen Vertrage seine Genehmigung.
Aber bereits am 2. Januar 1622 verkaufte Friedrichs Sohn, Hans Kaspar von Leipzig, Nudersdorf an den Ritter Wilhelm Löser.
Der Kaufvertrag wurde von einem Ritter Friedrich von Schlieben als Zeuge unterschrieben.
Dieser Wilhelm Löser war der Neffe des im Jahre 1614 in Schloß Pretzsch verstorbenen kurürstlichen Rates und Assessors am Hofgericht Wittenberg Hans Löser V., der durch seine Teilnahme am Torgauer Landtag von 1592 und an dem Prozeß gegen den sächsischen Kanzler Krell bekannt geworden ist, dem wegen seiner Hinneigung zur Lehre Calvins der Prozeß gemacht wurde.
Wilhelm Löser vererbte Nudersdorf auf seine Nachkommen.
Als diese werden genannt 1630 Magnus Löser und 1641 Georg Heinrich Löser, der sich „Erbsatz auf Kropstädt und Nudersdorf“ nennt.
Aus dem Jahre 1658 liegt ein Bericht des Amtsschössers (kurfürstlichen Amtmanns) in Wittenberg, Benedikt Strauß, vor, in dem mitgeteilt wird, daß Nudersdorf im Jahre 1640 „wegen der Kriegs-Troublen gänzlich ruiniert worden“.
Gleichzeitig wird berichtet, daß Georg Heinrich Löser mit seinem Schwager Günther von Bünau auf Pulsnitz wegen Erbgeldern einen Streit führte, daß Nudersdorf im Jahre 1643 versteugert wurde.
Die Auseinandersetzung führten erst 1649 zu einem Vergleich zwischen
schen den Nachkommen Lösers und Bünaus, Heinrich Löser
und Heinrich von Bünau.
-Im September 1658 trat Heinrich Löser die im Jahre
1622 von Veit Winßheimb erworbene„ Papiermühle vor Nudersdorf“ sowie das„Schulzengericht Schmögelsdorf“ an
seine Schwägerin, die Frau seines Bruders Magnus, LudO=
milla geb. Baalin, ab. Der vorgenannte Wittenberger Amts: schösser Benedikt Strauß bemertt hierzu, daß Heinrich Löser
kein Recht an das Schulzengericht in Schmögelsdorf habe.
da dieses niemals zu Nudersdorf gehört habe. Etwa
40 Jahre hören wir nichts mehr von Nudersdorf Da aber
aus dem Jahre 1705 berichtet wird, daß ein Milhelm HeinrichLöser auf Nudersdorf saß, so dars man anneh
men, daß das Rittergut während dieser Zeit ununterbrocher
im Besiz der Löser gewesen ist. Mit dem vorgenannten Wilhelm Heinrich Löser waren seine beiden Brüder Eusta:
chius und Wolf Adam Mitlehensträger. Eustachius
Löser wurde im März 1715 alleiniger Besizer von Nuders: dorf. Er ließ bis zu seinem im Jahre 1733 erfolgten Tod
das Gut durch umfangreiche Wirtschaftsgebäude erweitern Auch errichtete er nach der Mode jener 3Zeit im Part des
Schlosses ein„Badehaus“ und ein„Salonhaus“. Von Eustachius Löser erbten seine beiden Söhne Jost
Heinrich und Eustachius Friedrich den Nudersdorfer Besig
Beide dienten als Offiziere in der sächsischen Armee, der
erstere als Kapitän, der andere als Premier-Leutnant. Da sich keiner von ihnen entschließen konnte, den Eoldatenrod
mit dem des Landwirts zu dertauschen, so verkausten sie Nudersdorf an die Herren von Lcnser. Ob diese mit der Wittenberger Professorenfamilie Leyser verwandt sind
kann nicht gesagt werden, ist aber sehr wahrscheinlich.
Im Jahre 1795 bestand das Rittergut Nudersdorf, zu dem die wüste Mark Gallun und Teile der Nieberschen Mar!
gehörten, aus folgenden Gebäuden: das Schloß, dem Hof meisterhause, Stallungen für Pferde, Kühe, Schafe, Schweine
und Geflügel, Geschirrkammer, Wagenschuppen, Scheunen, Geräteschuppen, Brauhaus, Brennerei mit Wohnung für
den Brenner und Bakhaus. Im Park stand das bereits erwähnte„Badehaus“ und „Salonhaus“, beide im Rokoko= stil gehalten. Außerhalb des Rittergutshofes lag noch eine Töpserei und eine Ziegelei mit Brennosen. Außerdem ge- hörten zum Rittergut zwei Massermühlen. Auf dem Borwerk Gallun stand ein Mohnhaus für den Verwalter und mehrere Wirtschaftsgebäude.
Der lezte Besizer aus dem Geschlecht derer von Leyser
war der ächsische Generalmajor August Wilhe 1m Friedrich von Lenser. Dieser trennte im Jahre 1795
beide Mühlengrundstüke vom Rittergute und gab sie im Erbpacht-Vertrag dem Müller Johann Christop Dreßler.
Im Jahre 1816 wurde die „große Mühle“ durch den Müller
Leberecht Koch käuflich erworben. Schlieklich verkauste dieser leßte Lepser das gesamte Rittergut 1815 an den preußischen Oberforstmeister Alexander Friedrich von Erd= mannsdorf. Bon nun an trat ein fortgesezter Wechsel der Besißer von Nudersdorf ein. Oberforstmeister von Erdmannsdorf veräußerte das
Rittergut 1840 an Kar1 Friedrich Gottlobv. Waz- dorf, Besizer und Kammerherr auf Wiesenburg, Dit:
mannsdorf und Leeka. Nach dessen Tode 1848 ging der Nudersdorfer Besiz auf ſeine Witwe Ernestine geb. v. Hügel
und ihre beiden Kinder Kurt Friedrich Ernst und Elisabeth Luise Liselotte über. Aber bereits ein Jahr darauf, im April 1849, verkausten die Erben das Rittergut an den
Amtmann Iohann Triedrich Pfau. Dieser sah bald ein, daß aus diesem nicht viel herauszuholen war, und des: halb veräußerte er schon im September des gleichen Jahres
den Besiz wieder, und zwar an die Brüder Gustaа Luther und Karl Wilhelm Luther, beides Dof:
toren der Medizin aus Dublin (Irland). Beide waren
Nachkommen D. Martin Luthers, und das veranlakte sfie wohl, in der Nähe der Stadt, wo ihr großer Ahn lebte
und wirkte, einen Besitz zu erwerben. Der ältere der Brüder Dr. Gustav Luther stardh im Juli 1856, worauf Dr. Karl Wilhelm Luther alleiniger Eigentümer von Nudersdorf wurde. Er hat auch eine Schrist über „Die Vorfahren D. Martin Luthers“ herausgegeben, in welchem er manche
wertvollen Ausklärungen über diese, namentlich über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern des Reformators
Luther verringerten das Rittergut dadurch, daf sie ver= chiedene zu diesem gehörige Gebäude, insbesondere Gesindehäuser, an Nudersdorfer Einwohner verkauften.
Im März 1872 ermarb der belgische Konsul Hans
Emil von Oppenfeld aus Berlin das Rittergut. Er
var ein unternehmender Kopf, und da er in Nudersdorf
tohle und schwefelhaltige Quellen entdeđte, so faßte er den
Blan, beides nuzbringend zu verwerten. Er gründete eine Braunkohlenbergbau-Aktiengesellschaft auf Rittergut und
Bad Nudersdors“ und traf Anstalten, aus NudersJorf einen Badeort zu machen. Zu diesem Zweke erneuerte
er das Badehaus und das Salonhaus im Barke und sügte
viesen noch ein„Logierhaus“ hinzu. Aber eins blieb aus,
sas Wichtigste – die Badegäste. Als daher dieser schöne
Blan scheiterte, wars sich Konsul von Oppenfeld als unter- nehmender Kausmann auf das industrielle Gebiet. An
Stelle der schlichten Ziegelei erbaute er eine moderne Dampf- ziegelei mit Ringosen, Maschinen-, Kessel- und Preßhaus,
jamt Schmiede, Zechenhaus und Lokomotivschuppen. In die- sem Zustande übergab er den Besiz im Mai 1875 seinem Sohne, dem Bizekonsul und Bankier Emil von Oppen=
feld in Berlin. In dessen Händen verblieb er 10 Jahre,
dann verkauste er ihn 1884 an den Kaufmann Arnold
Herzfeld in Berlin. Hatte bisher Nudersdorf schon recht
oft den Besizer gewechselt, so geschah das in der Folge noch
viel häufiger. Zunächst kauste es der Rentier Iulius
Schleißner aus Berlin, der das Gut an den Ritterguts- besizer Benno Roebbelen aus Dubran bei Priebus veräußerte, es aber im Jahre 1895 von diesem wieder übernahm. Im Jahre 1905 vererbte er das Rittergut an seine
eiden Kinder Konrad Schleißner und Martha
Schleißner. Von diesen erwarb es im September 1911
Graf Menno von Limburg-Stirum aus Berlin,.
der es im März 1917 an den Bankier Wa Idemar
von Böttinger auf Rittergut Ahrensdorf verkaufte. Vom Oftober 1920 ab war Rittergutsbesizer Šche ibler
Eigentümer von Nudersdorf, aus dessen Händen es bereits
Anfang 1921 in den Besih der Firma Quott und Kohler in Neuß überging, die es im März 1922 an die Ge- brüder Colsman n verkauste, die es 1932 an ein
Schweizer Bankhaus veräußerten, von welchem das eigentliche Schloßgebäude nebst Park von der Verwaltung
des Freimilligen Arbeitsdienst es ibernommen
wurde, während der größere Teil des Feld- und Waldbesizes
in Privathände kam.
Von den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden und was
sonst zum Rittergut Nudersdorf gehörte, sind nur noch spär
liche Reste vorhanden. Sie rufen dem Beschauer in eins
dringlicher Sprache zu:„Bas sind Pläne, was sind Ent- würfe?“
Noch rauschen im Schloßpark die hohen, mächtigen alten Bäume. Wenn sie reden könnten, sie würden gar viel er
zählen können von all den Vielen, die in ihrem Schatten
wandelten, von den zahlreichen stetig wechselnden Eigen tümern des schönen Besikes, die sie kommen und gehen sahen,
und von dem Wandel der Zeiten.
Ueber die Treppen und Flure des Schlosses, über die einst seidene Kleider rauschten und anmutige Gestalten leichtfüßig huschten, stapsen jekt die schweren Arbeitsstiefel
der Arbeitsdienstwilligen. Auf dem Schloßdache aber rauscht
im Winde die Fahne der nationalen Erhebung Deutsch lands, und vorn auf dem der Eingangshalle vorgelagerten
Säulenbau grüßt von hellem Untergrunde die Losung des Arbeitsdienstes „Wir dienen“, während in der Eingangshalle selbst, von kunstheflissenen Arbeitssoldaten gefertigt,
von der Mand neben dem Sinnbild des Arbeitsdienstes (Spaten und Aehre) ernst und mahnend das Bild des
großen Führers Adolf Hitler schaut, indessen der dem Part zugekehrte Deckenbogen das Symbol des Dritten Reiches, das schwarze Hakenkreuz, trägt.
So reichen sich in Schloß Nudersdorf Vergangenheit und Gegenwart die Hand, und sie reden laut und vernehm lich zu uns:
,„Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“