Neun Jahre sind nun seit dem Ausbruch des Weltkrieges verflossen, der für uns einen so unheilvollen Ausgang nehmen sollte.
Noch klingen die Ereignisse lebhaft in uns nach, noch erinnern wir uns der gewaltigen, großen Erhebung des deutschen Volkes gegen seine Feinde, die ihm den Untergang geschworen hatten, noch stehen die Begebenheiten während der schweren Kämpfe vor unserm geistigen Auge ebenso wie die erschütternden Tatsachen beim Ende des Krieges.
Aber auch sie werden erblassen, wenn einst – der festen Überzeugung dürfen wir trotz allem uns hingeben – wieder bessere Verhältnisse für uns kommen werden.
Sie festzuhalten, sie unvergessen zu machen, das soll der Zweck dieser Zeilen sein.
Der Verfasser
Es war Ende Juni 1914.
Ruhig und friedlich floß das Leben in Stadt und Land dahin – kein Wölkchen stand am politischen Himmel.
Wittenberg erfreute sich wie so viele andere Städte mittleren Umfangs einer zwar langsamen, aber sicheren Fortentwickelung, die, später zwar oft angefeindet und verspottet, doch den Vorzug einer gewissen Stetigkeit hatte, jedenfalls aber den, daß sich selten jemand um das, was kommen konnte, „graue Haare wachsen Iieß“.
Bei Kaffee und Kuchen, bei Pökelknochen und Sauerkohl den Leib und Magengerichten der Altwittenberger (die Portion 30, 35 oder wenn es hoch 45 Pfennige; „nicht zu fett!“) flossen die Tage ohne sonderliche Aufregung dahin.
Daß die Gaststätten trozdem dabei auf ihre Rechnung kamen, geht aus den zahlreichen Empfehlungen sowohl der bürgerlichen Lokale hervor, wie aus den vielen Ankündigungen von Konzert und Ball, Vereinskränzchen und sonftigen Vergnügungen, die in den hiesigen Lokalblättern von damals ganze Seiten füllten.
Und wie billig waren auch die übrigen Artikel des täglichen Bedarfs! Wittenberger Geschäfte boten damals u. a.:
– Straacher Molkereibutter Stück 65 Pfg,
– Sommer Malta Kartoffeln 2 Pfund 32 Pfg.,
– neue Vollheringe 2 Stück 15 Pfg.,
– frische Eier Mandel 110 Pfg., Schock 430 Pfg.,
– neue saure Gurken (große Ware) Stück von 8 Pfg. an; weiter
– Herrenräder 32.50 M,
– Damenräder 45 M.,
– ein zweitüriger Kleiderschrank kostete 50 M.,
– eine Kommode 25 M. usw.
Preise, die uns heute märchenhast erscheinen.
– Ein Glas gutes Bier war um die fabelhafte Summe von 15 Pfg. zu haben!
Die Liste ließ sich noch erheblich verlängern, aber warum soll denn den Lesern der Mund „wässerig gemacht“ werden nach Sachen, die uns heute unerschwinglich dünken!
So kam der 28. Juni heran, ein schöner warmer Sommersonntag, an dem alles, jung und alt, arm und reich hinauszog, um in den zahlreichen Gärten in und um Wittenberg sich einige Stunden sonntäglicher Erholung hinzugeben.
Wie damals stets bei gutem Wetter, so waren auch an diesem Sonntage die Gartenlokale in der Umgebung zahlreich besucht;
von den Gartenlokalen nenne ich an Hand der Zeitung vom 28. Juni 1914 folgende:
– Balzers Konzert- und Festsäle,
– Muths Konzert und und Festsäle,
– Gartenlokal Hotel Kaiserhof,
– Konzerthaus Kaisergarten,
– Konzert- Etablissement Bürgergarten,
– Konzerthaus Schweizergarten,
– Thells Garten,
– Gartenlokal „zum Weinberge“,
– „Goldener Stern“,
– „Sichlers Garten“,
– Schützenhaus,
– Gartenlokal „zum grünen Tal“
neben den zahlreichen Ausflugsorten nahe der Stadt.
Von einem derselben am Spätnachmittage heimkehrend, kam mir eilig ein Depeschenbote des hiesigen Postamts entgegen, ein Telegramm mir überreichend mit der Nachricht von der gemeinen Mordtat serbischer Schergen an dem österreichischen Thronfolgerpaare:
„Serajewo, 28. Juni. Erzherzog Franz Ferdinand Oesterreich Ungarns Thronfolger, wurde Sonntag früh bei einer Fahrt durch die Straßen Serajewos nebst seiner Gemahlin Herzogin von Hohenthal von einem serbischen Studenten durch Revolverschüsse ermordet.“
Die ungeheure politische Tragweite dieser Nachricht wohl ermessend, stellte ich sofort in der damals im Hinterhause des Grundstücks Bürgermeisterstraße 14 befindlichen Buchdruckerei der „Allgemeinen Zeitung“ ein „Extrablatt“ her, einst etwas ganz ungewohntes, zumal an einem Sonntage, zog ein reichliches Dutzend derselben aus der Handpresse ab und verteilte sie auf dem Wege nach dem Markte zu in den besuchteren Lokalen der Stadt, deren es ja damals erheblich mehr gab als heute, und kam mit den letzten Blättern bis zum Pschorrbräu in der Schloßstraße (heute Zigarren und Weinhandlung von Gustav Runze Nachfolger), einem vor allem von den zahlreichen Offizieren der hiesigen Garnison (Infanterie Regiment Graj Tauentzienen von Wittenberg (3. Brandenburgisches) Nr. 20 und Reitende Abteilung Torgauer Feldartillerie Regiments Nr. 74) gern besuchten Lokale.
Es waren nur wenige Offiziere anwesend; diese jedoch erfaßten die Bedeutung der Ermordung des Österreichisch ungarischen Thronsolgers sofort, und einer der Herren, der heute schon längst, „vom Blei erfaßt im blutig wilden Streite“, in Frankreichs Erde ruht, rief alsbald:
„Das ist der Krieg, das ist der Weltkrieg!“
Leider sollten ihm die Ereignisse der nachfolgenden Wochen nur zu sehr recht geben.
Noch lange blieb der Kreis, der sich nach und nach erheblich erweiterte in lebhafter Erörterung des folgenschweren Ereignisses noch beisammen, bis einer der Offiziere, der bald nach dem Beginn der Kämpfe seine Vaterlandstreue mit dem Tode bezahlen mußte, zum Abschiede sagte:
„Meine Herren, wir stehen vor sehr ernsten Ereignissen, ja schließlich vor einem Weltkriege!
Gebe ein gütiges Geschick, daß wir ihn siegreich überstehen.
An uns allen soll es nicht fehlen.“
Doch folgen wir den Tatsachen, die vor allem uns in Wittenberg interessieren:
Die wirtschaftlichen Verhältnisse unserer alten Lutherstadt waren damals recht günstige; die industriellen Werke in und um Wittenberg erfreuten sich einer recht lebhaften Beschäftigung, und daß dieser befriedigende Geschäftsgang sich auch auf den einheimischen Handel erstreckte, dafür erbrachte die Ausgabe der „Wittenberger Allgemeine Zeitung“ vom 1. Juli 1914 beredtes Zeugnis ab: nicht weniger als sieben volle Seiten Anzeigen
(die 5 gespaltene Kleinzeile kostete damals 15 Pfg., der Monatsbezug 50 Pfg.), vor allem Ankündigungen von „Inventur-Räumungs-Verkäufen“, welche an diesen Tagen ihren Anfang nahmen.
Derartig umfangreiche Ausgaben – 12 Seiten – sind seitdem nicht erreicht worden.
(Fortsetzung folgt.)