Aus der Zeit vor 110 Jahren, erzählt von Ernst Röhrig
Es wird auch diese Zeit ihre Sonnenwende finden.
– Das Menschenherz verstäubt, aber nie sein Ziel.
Wie nach den Naturkündigern ein ganzes Pflanzen- und Tierreich niederschlagen mußte als Blumenerde und Unterlage für das Menschenreich, so ist die Asche der schlimmern Zeiten das Düngesalz der bessern.
Jeder verbessere und revolutioniere nur vor allen Dingen statt der Zeit nur sein Ich!
Dann gibt sich alles, weil die Zeit aus Ichs besteht.
Er arbeite und grabe still mit seiner Lampe an der Stirn in seinem dunkeln Bezirke und Schachte fort, unbekümmert um das Auf- und Abrutschen der Wasserwerke; und falls die Flamme, worin die Grubenlichter die Bergschwaden setzen, ihn ergriffen:
so wäre doch für die künftigen Knappen die Luft gesäubert.
Jean Paul
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Einhundertundzehn Jahre sind ins Land gegangen! – Vier Menschengenerationen! – Und was ist es, wenn man zurückdenkt? – Eine kurze Spanne Zeit, die vom Werden und Vergehen angefüllt war. – Kommen, Kämpfen, Hasten und Gehen! – O, es ist nicht einmal Zeit zum Umschauen vorhanden! –
Ich selbst blicke um dreißig Jahre zurück.
Noch höre ich meinen Urgroßvater sprechen; noch sehe ich ihn auf seiner Ofenbank sitzen.
Mit dem Rücken an den Ofen gelehnt, um die wohlige Wärme durch den alten Körper zu leiten, – beide Beine auf der Ofenbank lang ausgestreckt. –
Mein Urgroßvater, ein Zeuge jener Tage von 1806-1813, den nun längst der grüne Rasen deckt.
Er wohnte am östlichen Rande der Dübener Heide, der Elbe zu. Noch höre ich seine volle, schöne Stimme, wenn er aus seinen jungen Tagen sprach; noch sehe ich das Blitzen in seinen damals schon getrübten Augen, wenn er von großen und schweren Zeiten erzählte.
So entsinne ich mich der Geschichte, die er im Herbste 1813 erlebte. Mein Urgroßvater wurde in der Mitternachtsstunde aus dem Bette geholt.
Ein französischer Offizier verlangte von ihm, daß er ein bei Wartenburg geschlagenes Regiment durch die Dübener Heide führen solle.
Doch, lasse ich ihn selber sprechen:
„Mitternacht mochte in der nahen Stadt vom Wächter schon gerufen sein, als es mehrere Male an meinem Fensterladen donnerte.
Man legte sich zu dieser Zeit jeden Abend angekleidet auf sein Lager nieder; denn nie war man vor Störungen, ja vor unangenehmen Dingen sicher.
He! Aufgestanden!, höre ich rufen.
Noch schlaftrunken erhebt ich mich und öffne die obere Hälfte der Haustür.
Französische Soldaten stehen draußen, gespenstisch sehe ich ihre Messinghelme im unbestimmten Mondlicht funkeln.
„Bauer, Ihr müßt uns durch die Heide wenigstens bis Leipzig führen; heute Nacht noch!“
„Ich verstand nicht recht; denn fremdländisch klang die Betonung ihrer Worte. — Leipzig! — Leipzig! – Heute Nacht noch? — Die sind wohl nicht recht bei Troste! – das dachte ich.
Dann kam mir ein Einfall.
Sicher meinten sie Leipnitz, Haus Leipnitz in der Heide! – Das ist eine andere Sache. Dahin konnte ich sie bringen!“
So ging ich denn mit den Soldaten in das Feldlager, welches in der Nähe des Golmer Berges aufgeschlagen war.
Kaum dort angekommen, war schon alles alarmbereit.
Unter kauderwelschem Fluchen und Schimpfen brachen die Soldaten die Zelte ab und packten ihre Sachen zusammen.
Und dann ging es los.
Nach Schmiedeberg hinunter und über Großkorgau – Dahlenberg in die Heide hinein!
Ich mit dem französischen Offizier an der Spitze eines Reiterregiments.“
Eine nebelige, feuchte, kalte Oktobernacht!
Im herabgefallenen Buchenlaub raschelten die Hufe der Pferde; Eulen jammerten und heulten im Forst.
Kein Wort von den Lippen der schlaftrunkenen, abgehetzten Soldaten.
Nur ab und zu das Wiehern eines Gaules.
Mir war es, als reite ich mit einer Schar toter Menschen in den dunklen Wald hinein.
„Gegen Morgen ist Haus Leipnitz erreicht.
Ich sage es dem Offizier. Der dankt und freut sich, daß er nun mit seinen Reitern endlich zur Ruhe gehen kann.“
„Da, Bauer, – nehmt Euch die zwei Pferde als Lohn mit nach Hause! – Hier habt Ihr einen Schein, daß sie Euch gehören, damit niemand annimmt, Ihr hättet sie gestohlen! – Der französische Gauner grinste höhnend dabei; denn wo hatte der die Pferde anders her, als sie den Bauern weggenommen?“ –
„Nicht sonderlich froh über diesen Lohn, ritt ich – doch zufrieden, daß ich meinen Auftrag erledigt – nach Hause, denselben Weg benutzend, den ich gekommen. – Die zwei Gäule waren ein paar junge, junge, kräftige Tiere, aalglatt und flink auf den Beinen.
So rechnete ich denn schon aus, daß ich in einer guten Stunde wieder daheim sein konnte. –
Wo aber um alle Welt sollte ich mit meinen Pferden hin?
Mein Stall war zu klein, um dieselben noch aufnehmen zu können; er beherbergte zwei Ziegen – und damit war er voll!
– Und dann: das Futter? – Nun, jetzt war noch etwas Grummet auf den Grabenwiesen; – dahin konnte ich die zwei Gäule vorläufig bringen! Also, nur Mut! Die weitere Zeit würde schon selbst Vorsorge treffen. – Und, die weitere Zelt sorgte wirklich dafür, daß mit alle bangenden Gedanken um die Pferde abgenommen wurden.“
„Auf meinem Heimwege begegnete ich weiteren Truppenmassen: Infanterie, Reiterei, Artillerie, – Lauter verschlafene, abgespannte, fremde Gesichter.
Die ganze Zugkolonne mochte eine geschlagene halbe Stunde lang sein, als endlich der Weg einmal frei wurde.
Weit konnte ich die freie Straße jedoch nicht benutzen.
Eine viertel Meile weiter, und ich stieß aus einen Trupp grüner Infanterie.
Itallener!
– Sie versperrten mit den Weg und riefen mich mit vorgehaltenem Gewehr an. Ich hielt meine Pferde an und stieg ab, abwartend, was diese Soldaten von mir wollten.
Schmunzelnd und auch laut lachend, war ich von einigen Leuten bald umringt und diese nahmen mir, weiter schmunzelnd, die Zügelleinen aus den Händen.
Mein Gegenreden half nichts; auch mit meinem in französischer Sprache geschriebenen Zettel konnte ich nichts beweisen!
Die grünen Spitzbuben nahmen mir einfach meine zwei eben erstandenen Pferde weg! – So ganz ohne weiteres wollte ich denen die Tiere auch nicht lassen.
Ich ging zu einem Offizier und bat diesen um Beistand.
Der kauderwelschte auf mich ein, suchte mich anscheinend zu beschwichtigen; ja, er klopfte mir leutselig auf die Schulter.
Dann rief er einen Mann herbei, dem er einige Befehle gab.
Der Mann nahm mich mit bis zu den Bagagen, – und hier erhielt ich zwei abgearbeitete, wundgelaufene, abgeklapperte Mähren.
Auch darüber wurde mir eine Bescheinigung ausgestellt.“
„O, diese Spitzbuben, diese Bösewichte! – Was wollte ich nun dagegen tun?
Gute Miene hatte ich zum schlechten Spiel zu machen.
Und so hinkte ich denn mit meinen beiden Invaliden in nicht sonderlicher Stimmung meinem Heim zu.
Wenn auch nicht guter Laune, so mußte ich doch über meine Ungeschicklichkeit lachen. – Ich hätte ja nur einen anderen Weg zu benutzen brauchen, und kein Mensch wäre mir begegnet, hätte mich angehalten!“
(Fortsetzung folgt.)