Aus der Zeit vor 110 Jahren…
Es wird auch diese Zeit ihre Sonnenwende finden.
– Das Menschenherz verstäubt, aber nie sein Ziel.
Wie nach den Naturkündigern ein ganzes Pflanzen- und Tierreich niederschlagen mußte als Blumenerde und Unterlage für das Menschenreich, so ist die Asche der schlimmern Zeiten das Düngesalz der bessern.
Jeder verbessere und revolutioniere nur vor allen Dingen statt der Zeit nur sein Ich!
Dann gibt sich alles, weil die Zeit aus Ichs besteht.
Er arbeite und grabe still mit seiner Lampe an der Stirn in seinem dunkeln Bezirke und Schachte fort, unbekümmert um das Auf- und Abrutschen der Wasserwerke; und falls die Flamme, worin die Grubenlichter die Bergschwaden setzen, ihn ergriffen:
so wäre doch für die künftigen Knappen die Luft gesäubert.
Jean Paul
***
Einhundertundzehn Jahre sind ins Land gegangen! – Vier Menschengenerationen! – Und was ist es, wenn man zurückdenkt? – Eine kurze Spanne Zeit, die vom Werden und Vergehen angefüllt war. – Kommen, Kämpfen, Hasten und Gehen! – O, es ist nicht einmal Zeit zum Umschauen vorhanden! –
Ich selbst blicke um dreißig Jahre zurück.
Noch höre ich meinen Urgroßvater sprechen; noch sehe ich ihn auf seiner Ofenbank sitzen.
Mit dem Rücken an den Ofen gelehnt, um die wohlige Wärme durch den alten Körper zu leiten, – beide Beine auf der Ofenbank lang ausgestreckt. –
Mein Urgroßvater, ein Zeuge jener Tage von 1806-1813, den nun längst der grüne Rasen deckt.
Er wohnte am östlichen Rande der Dübener Heide, der Elbe zu. Noch höre ich seine volle, schöne Stimme, wenn er aus seinen jungen Tagen sprach; noch sehe ich das Blitzen in seinen damals schon getrübten Augen, wenn er von großen und schweren Zeiten erzählte.
So entsinne ich mich der Geschichte, die er im Herbste 1813 erlebte. Mein Urgroßvater wurde in der Mitternachtsstunde aus dem Bette geholt.
Ein französischer Offizier verlangte von ihm, daß er ein bei Wartenburg geschlagenes Regiment durch die Dübener Heide führen solle.
Doch, lasse ich ihn selber sprechen:

16.12.1742 – 19.09.1819
3. Berliner Ehrenbürger – 31.01.1816
Foto privat
„Mitternacht mochte in der nahen Stadt vom Wächter schon gerufen sein, als es mehrere Male an meinem Fensterladen donnerte.
Man legte sich zu dieser Zeit jeden Abend angekleidet auf sein Lager nieder; denn nie war man vor Störungen, ja vor unangenehmen Dingen sicher.
He! Aufgestanden!,
höre ich rufen.
Noch schlaftrunken erhebt ich mich und öffne die obere Hälfte der Haustür.
Französische Soldaten stehen draußen, gespenstisch sehe ich ihre Messinghelme im unbestimmten Mondlicht funkeln.
„Bauer, Ihr müßt uns durch die Heide wenigstens bis Leipzig führen; heute Nacht noch!“
„Ich verstand nicht recht; denn fremdländisch klang die Betonung ihrer Worte. — Leipzig! — Leipzig! – Heute Nacht noch? — Die sind wohl nicht recht bei Troste! – das dachte ich.
Dann kam mir ein Einfall.
Sicher meinten sie Leipnitz, Haus Leipnitz in der Heide! – Das ist eine andere Sache. Dahin konnte ich sie bringen!“
So ging ich denn mit den Soldaten in das Feldlager, welches in der Nähe des Golmer Berges aufgeschlagen war.
Kaum dort angekommen, war schon alles alarmbereit.
Unter kauderwelschem Fluchen und Schimpfen brachen die Soldaten die Zelte ab und packten ihre Sachen zusammen.
Und dann ging es los.
Nach Schmiedeberg hinunter und über Großkorgau – Dahlenberg in die Heide hinein!
Ich mit dem französischen Offizier an der Spitze eines Reiterregiments.“
Eine nebelige, feuchte, kalte Oktobernacht!
Im herabgefallenen Buchenlaub raschelten die Hufe der Pferde; Eulen jammerten und heulten im Forst.
Kein Wort von den Lippen der schlaftrunkenen, abgehetzten Soldaten.
Nur ab und zu das Wiehern eines Gaules.
Mir war es, als reite ich mit einer Schar toter Menschen in den dunklen Wald hinein.
„Gegen Morgen ist Haus Leipnitz erreicht.
Ich sage es dem Offizier. Der dankt und freut sich, daß er nun mit seinen Reitern endlich zur Ruhe gehen kann.“
„Da, Bauer, – nehmt Euch die zwei Pferde als Lohn mit nach Hause! – Hier habt Ihr einen Schein, daß sie Euch gehören, damit niemand annimmt, Ihr hättet sie gestohlen! – Der französische Gauner grinste höhnend dabei; denn wo hatte der die Pferde anders her, als sie den Bauern weggenommen?“ –
„Nicht sonderlich froh über diesen Lohn, ritt ich – doch zufrieden, daß ich meinen Auftrag erledigt – nach Hause, denselben Weg benutzend, den ich gekommen.
Die zwei Gäule waren ein paar junge, junge, kräftige Tiere, aalglatt und flink auf den Beinen.
So rechnete ich denn schon aus, daß ich in einer guten Stunde wieder daheim sein konnte.
Wo aber um alle Welt sollte ich mit meinen Pferden hin?
Mein Stall war zu klein, um dieselben noch aufnehmen zu können; er beherbergte zwei Ziegen – und damit war er voll!
Und dann: das Futter? – Nun, jetzt war noch etwas Grummet auf den Grabenwiesen; – dahin konnte ich die zwei Gäule vorläufig bringen! Also, nur Mut! Die weitere Zeit würde schon selbst Vorsorge treffen. – Und, die weitere Zelt sorgte wirklich dafür, daß mit alle bangenden Gedanken um die Pferde abgenommen wurden.“
Auf meinem Heimwege begegnete ich weiteren Truppenmassen: Infanterie, Reiterei, Artillerie, – Lauter verschlafene, abgespannte, fremde Gesichter.
Die ganze Zugkolonne mochte eine geschlagene halbe Stunde lang sein, als endlich der Weg einmal frei wurde.
Weit konnte ich die freie Straße jedoch nicht benutzen.
Eine viertel Meile weiter, und ich stieß aus einen Trupp grüner Infanterie.
Italiener!
Sie versperrten mir den Weg und riefen mich mit vorgehaltenem Gewehr an. Ich hielt meine Pferde an und stieg ab, abwartend, was diese Soldaten von mir wollten.
Schmunzelnd und auch laut lachend, war ich von einigen Leuten bald umringt und diese nahmen mir, weiter schmunzelnd, die Zügelleinen aus den Händen.
Mein Gegenreden half nichts; auch mit meinem in französischer Sprache geschriebenen Zettel konnte ich nichts beweisen!
Die grünen Spitzbuben nahmen mir einfach meine zwei eben erstandenen Pferde weg! – So ganz ohne weiteres wollte ich denen die Tiere auch nicht lassen.
Ich ging zu einem Offizier und bat diesen um Beistand.
Der kauderwelschte auf mich ein, suchte mich anscheinend zu beschwichtigen; ja, er klopfte mir leutselig auf die Schulter.
Dann rief er einen Mann herbei, dem er einige Befehle gab.
Der Mann nahm mich mit bis zu den Bagagen, – und hier erhielt ich zwei abgearbeitete, wundgelaufene, abgeklapperte Mähren.
Auch darüber wurde mir eine Bescheinigung ausgestellt.“
„O, diese Spitzbuben, diese Bösewichte! – Was wollte ich nun dagegen tun?
Gute Miene hatte ich zum schlechten Spiel zu machen.
Und so hinkte ich denn mit meinen beiden Invaliden in nicht sonderlicher Stimmung meinem Heim zu.
Wenn auch nicht guter Laune, so mußte ich doch über meine Ungeschicklichkeit lachen. – Ich hätte ja nur einen anderen Weg zu benutzen brauchen, und kein Mensch wäre mir begegnet, hätte mich angehalten!“
„Daheim war natürlich großes Erstaunen, als ich mit zwei Pferden ankam, dem bald ein Schelten und Auslachen folgte, als ich mein Erlebnis erzählte.
Die Pferde brachte ich noch am selben Vormittag auf die Weide der Grabenwiesen, die damals noch recht sumpfig waren.
Ohne mich weiter um die Tiere zu kümmern, entfernte ich mich, einen Wagen Holz zu holen, denn der Winter stand ja vor der Tür.“
„Als ich am Abend meine Tiere einfangen wollte, war nichts von ihnen zu sehen.
Sie waren in irgend ein Sumpfloch geraten und darin elend ersoffen. Die armen Tiere hatten nicht mehr soviel Kraft besessen, daß sie sich selber herausarbeiten konnten.
– Mein Lohn war nun dahin! —
„Die weitere Zeit hatte mich wieder sorgenlos gemacht!“
Soweit mein Urgroßvater.
Oft hat er diese kleine Begebenheit erzählt und gar bitter ernst dabei ausgesehen.
Sie erinnerte ihn so deutlich an die schweren Tage seiner Jugend.
Ich faßte diese Geschichte heiterer auf, so etwa wie das Märchen vom Hans im Glück.
Heute aber, da mein Urgroßvater längst gestorben und eine andere, ganz andere Zeit herausgekommen ist, sehe ich mehr Ernst in diesen Begebenheiten, die sich in den Tagen blutiger Entstehung zutrugen.
Die Schule des Lebens ließ auch uns in eine Zeit hineingehen, die wir noch nicht verstehen.
Eine Zeit, die du, Urgroßvater, uns vielleicht erklären konntest.
Du erlebtest die Tage der Schmach, weintest mit deinem deutschen Herzen. Doch aber, du halfst auch wieder aufbauen, was das Rad der Zeit zermalmte.
Das bunte Wechselspiel des Lebens brachte mich just zwanzig Jahre später in die Gegend von Wartenburg und Elster zurück, in jene beiden Orte, die in den Tagen der Freiheitskriege viel Jammer und Elend sehen sollten, die aber berufen waren, dem Wechsel des Schicksals Zweck zu sein. –
Hier will ich nun versuchen, die befreienden Taten eines nach Freiheit lechzenden Volkes festzuhalten; hier, an historischer Stätte, will ich diese Zeit meinem Geist vergegenwärtigen.
Jene Taten, die sich würdig einreihen in die Kette herrlichsten Ausbaues einstiger deutscher Größe.
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Wieder geht ein Tag zu Ende.
Ich durcheile die wenigen Straßen des Dorfes Elster und stehe bald am Ufer der Elbe.
In den Dorfgärten liegt ein schwerer Duft reifen und reifenden Obstes; fest und schwer liegt er, denn kein Lüftchen regt sich.
Von einem großen Apfelbaum fallen reife Früchte zu Boden.
Das dumpfe Fallen klingt weihevoll; es ist ein Erstehen in diesem Fallen, – ein neues Werden.
Das stimmt mich andächtig!
Oben in der Dorfstraße singen Burschen und Mädel; es zieht wie vom Scheiden und Meiden durch das Purpurgold des Herbstabends. Und nun am Ufer der Elbe.
Hier steigt es kühl und herb herauf.
Die Wassernebel sind schon feucht zur beginnenden Herbsteszeit,
– und, kann man sagen, ob der Wind weht ober nicht?
Immer ist ein herbes, frisches Wehen um diesen Strom. –
Es ist die Kraft, die Urstärke des Wassers, die hoch will, hoch zu den Wolken, die gen Norden eilen! –
So stehe ich denn eine geraume Weile und sinne in den heraufdämmernden Abend hinein.
Dort drüben über dem Fluß dunkelt es schon.
In den Weiden- und Erlensträuchern hängt der Abend tiefer, wie im Dorfe selber.
Sie nicken und flüstern lautlos.
Noch einmal rasselt es in den Ketten der Fähre, der Fährmann unternimmt für heute seine letzte Fahrt.
Auch er sehnt sich nach seiner Ruhe, denn schwer, bitter schwer lastet auch die neue Zeit auf ihn. Wieder ist es still. –
Es erfaßt mich ein heißes, pochendes Sehnen.
Gestalten, urwüchsig, kraftvoll, steigen vor meinem Geiste auf.
Sie scheinen drüben im Weidengestrüpp zu hängen; alle streben da hinüber.
Helden der Freiheitskämpfe sind es!
Ist es ein Wunder?
Sehnen sich diese lichten Seelen nicht auch einmal zu den Stätten hin, die sie im Siegessturm durcheilt, nur eines im Sinn:
die Liebe zum Vaterland, die Treue bis zum Tod?
Wollen sie noch einmal, durchgeistet, die Tage von Wartenburg erleben? Oder wollen sie nur mahnen und erinnern?
Wohl ist es not, daß uns jene Helden durch den Sinn eilen, denn wahrlich, wir benötigen Ausrichtung, ja wir brauchen Vorbilder.
Tief ist der Schmutz, in dem wir stecken, und traurig und schwer die Zeit, die zu erfüllen uns gegeben.
Noch in diesen Gedanken versunken, besteige ich einen Nachen und durchrudere den Strom.
Der rauscht und ist doch so still.
Wundersame Abendstimmung!
Ich durchschreite das hängende, ewig flüsternde Weidengestrüpp und schaue noch einmal auf den Strom zurück.
Der wälzt sich träge weiter, der glänzt so wundertief herauf, wie der Nordwesten, dem er entgegeneilt.
Dann erreiche ich die Straße, die nach Wartenburg führt.
Nur eine kurze Strecke benutze ich dieselbe, dann biege ich rechts ab und trete in fruchtschwere Pflaumenalleen.
Weit und breit abgeernteter Rasen.
Wildenten kreischen aus einer Sumpfwiese empor;
Krähen, die schon zur Nachtruhe gegangen, streichen krächzend vor mir her.
Auf einer quadratischen Bodenerhebung, die ebenfalls begrast und mit Pflaumenbäumen bestanden ist, verweile ich.
Es ist die einzige, kaum noch erkennbare Schanze, die in großer Anzahl in den Tagen des Kampfes auf diesen Elsterschen Wiesen erhöht und teilweise erbaut wurden.
Alle anderen ihresgleichen sind mit der Zeit verschwunden; mit Karre und Spaten hat man sie alle, bis auf diese einzige, abgetragen.
Man betrachte es als einen Zufall, daß diese letzte Schanze erhalten blieb, und zwar als einen guten;
denn sie ist nicht nur Stützpunkt und Verteidigung in den Freiheitskämpfen gewesen.
Wohl ein Jahrtausend und noch früher vor diesen Tagen haben hier wendische Stämme ihrem Bielebog und Czernebog Gaben und Opfer dargebracht, haben auf dieser Erhöhung, deren vier Seiten genau die Himmelsrichtungen anzeigen, Frühlings, und Sommerfeste gefeiert.
Es ist ein alt-heidnischer Opferplatz.
Hier auf diesem genau quadratisch erhöhten Platz will auch ich eine Feierstunde halten, von hier aus will ich hinüberträumen in jene Tage vor hundertundzehn Jahren, wo Pulverdampf und Pferdegewieher, Granatenhagel und Kugelpfeifen die Herbsttage auspeitschte,
Fluchen und Stöhnen, Weinen und Beben die ganze Gegend erfüllte.
Sind noch Zeugen jener Tage hier?
Noch immer grünen die Wiesen, die einstens vom Blut getränkt, noch immer schauen sie ihr buntes Blumenbild in den Himmel hinein.
Sie ahnen nicht mehr, daß sie einst Roß und Reiter, Wagen und Kanonen in sich aufgenommen!
Und drüben die Pappeln, Erlen und Rüstern des „Hohenholzes“, auch sie haben sicher vergessen, daß sie in jungen, jungen Tagen Augenzeugen eines wilden Ringens gewesen sind.
Wie leicht vergißt man doch!
Und dennoch waren jene Lage vor hundertundzehn Jahren so sehr wichtig; ja, sie waren schön in ihrem blutigen Ernst;
– sie waren ja Tage des Erstehens.
Drüben, hinter den Dämmen, rechts vom, „Hohenholze“, liegt noch immer Dorf Wartenburg; genau so, wie damals.
Und wahrlich, es ist ein Wunder, daß der Ort nicht schwerer in Mitleidenschaft gezogen wurde, daß er nicht vollständig ein Raub der Flammen wurde.
Furchtbar hatte sich die Kriegsfurie auf die ganze Gegend gelegt.
Einen weiten Bogen nach Osten-Norden-Westen zieht die Elbe jetzt um Wartenburg.
Früher war das nicht so.
Noch vor etlichen hundert Jahren mag sie das Dorf dichter gestreift haben.
Die alten Wasserläufe:
– Streng,
– Klinker,
– Alteelbe, sie zeugen davon.
Auch die Schwarze Elster, die hier in die Elbe mündet, sie hat
– nachgewiesen durch Risse, die die Wiesen in westlicher Richtung durchfurchten, und die erst durch Hochwasser der Jahre 1864 und 1866 versandeten – einen Lauf gehabt, der das jetzige Elbebett direkt durchschneidet, weiter nach Westen geht und schließlich dort erst (vielleicht in der Nähe des jetzigen Klinkers) in die Elbe gemündet ist.
Durch die allgemeine Richtung des Wasserlaufes der Elbe, die die nordöstliche schon von Pretzsch her ist, mag sie gezwungen worden sein, weiter und weiter vom Dorfe Wartenburg abzuschwenken, und dadurch Löcher und Lachen, ein weites Sumpfgelände zu hinterlassen, das reich und üppig von Sträuchern bestanden war.
Ein recht natürliches, schwer begehbares Kampfgelände ist da entstanden, welches nicht ohne Berechnung von dem korsischen Eroberer Napoleon zur Verteidigungsstellung gewählt worden sein mag.
Um das Jahr 1800 war Wartenburg ein schmuckes, ja wohlhabendes Dorf.
Der gute Boden – ein Teil der „güldenen Aue“ -, der nährte seine Besitzer und Bewohner sehr gut.
Ist es daher zu verwundern, wenn man sagt, daß sie ohne leibliche Sorgen gelebt haben mögen? – Wer hätte wohl 13 Jahre vorher geahnt, daß in wenigen Tagen schweren Erlebens der Fleiß vieler Jahre, die Wohlhabenheit gar bald schwinden würde?
Keiner hat daran gedacht, daß es nur weniger Schritte des Geschickes bedarf, um vom Wohlstand zur Armut zu gelangen!
So war es geschehen, daß sich Mitte September 1813, nachdem vorher im August der mit dem französischen Heere abgeschlossene Waffenstillstand abgelaufen war, im Dorf Wartenburg preußische Soldaten sehen ließen.
Vorauszuschicken ist, daß Wartenburg als feindlicher Ort da – linkselbisch – zu betrachten war, denn es gehörte damals noch zum Königreich Sachsen, und Sachsen war mit Napoleon verbündet.
Die preußischen Landwehrmänner verstanden in Orten, die ihnen als „feindlich“ galten, wenig Spaß.
Sie benahmen sich so, daß den Wartenburger Einwohnern recht, recht wenig Hoffnung auf Nachsicht verblieb.
In diesen Septembertagen wurden bereits etwa 200 Pferde – natürlich die kriegsfähigsten – über die Elbe nach Elster getrieben. Da half kein Flehen und Betteln der beunruhigten Besitzer.
Dieses Pferdeholen war der Auftakt nachfolgender Sorgentage, die dann ausklangen in dem mehrmaligen gewaltigen Ringen um den Ort.
Wenige Tage nach der Pferdebeschlagnahme ließ sich das preußische Freikorps der Hellwig-Husaren und angeschlossen etliche freiwillige Jäger in Elster üter die Elbe setzen.
Diese waren es, die durch kühne Plänkeleien, unaufhörliches Herumstreifen und durch die Gefangennahme fast aller Patrouillen der Franzosen und der verbündeten Italiener, die auch hier sich aufhielten, den Anlaß gaben, daß noch am selben Tage wohl an 10.000 Franzosen Wartenburg besetzten oder zum Teil rings um den Ort auf den Feldern biwakierten.
Die frugen nicht lange, wo sie etwas zu essen hernehmen sollten. Gewaltsam nahmen sie, was ihnen in die Finger kam, ohne Erlaubnis holten sie, was sie brauchten.
Den ganzen Ort brachten sie in die Gefahr des Abbrennens, denn ganz unbesonnen und ohne jede Vorsicht legten sie ihre Wachtfeuer an, mächtig schürten und nährten sie die Flammen, die gierig nach den noch reichlich vorhandenen Strohdächern leckten und die den Himmel blutig rot färbten.
Zwei Tage später gab es einen Angriff, den nur schwache preußische Truppen auf Wartenburg ausführten und der damit endete, daß die 10.000 Franzosen und Italiener fluchtartig das Dorf räumten und sich bis nach Globig und Trebitz zurückzogen.
Auf den Feldern zwischen Wartenburg und den letztgenannten Orten wurde noch verschiedene Tage lang geschossen und Krieg im Kleinen geführt.
Die Franzosen kannten jedenfalls die Stärke des Angreifers nicht, sie hätten sich doch sicher zum Gegenschlag erhoben.
Dieser Angriff brachte für die folgende Zeit wieder große Menschenmassen nach Wartenburg, dieses Mal Preußen unter der Führung des Prinzen von Hessen-Homburg und des Majors v. Helwig, und damit neue Ängste!
In den letzten Tagen des Monats September erfolgten zwei Gegenangriffe der Franzosen.
Sie marschierten von Trebitz aus auf Wartenburg zu und drangen bis zum „Streng“ vor.
Hier entspannen sich kleine Kämpfe, die fast einen ganzen Tag anhielten.
Er hatte Erfolg für die Franzosen, sie warfen die preußischen Jäger unter etlichen Verlusten zurück und besetzten schließlich den Schloßhof wieder.
Hier schien es ihnen jedoch nicht mehr geheuer, und so zogen sie denn am selben Tage ab.
Es ging über Trebitz bis nach Oesteritz und in die Schmiedeberger Heide zurück.
Kaum waren die Welschen gewichen, zogen die Preußen wieder ins Dorf ein.
Mehr als 12.000 Mann bezogen dieses Mal ein Biwak über dem „Streng“.
Hierzu mußte das schon stark heimgesuchte Dorf einen großen Posten Stroh und Holz für das Lager und außerdem Rindvieh und Schafe, Bier und Branntwein für die rauhen Soldatenkehlen Iiefern. Wo es nicht freiwillig hergegeben wurde, fand sich preußische Landwehr, die gründlich requirierte.
Gänse, Hühner und anderes Federvieh war dabei ein gern begehrter Artikel.
Noch schlimmer sollte es Dorf und Einwohnern einen weiteren Tag später ergehen.
Schon am Morgen war der Prinz von Hessen Homburg mit Gefolge wieder in Wartenburg eingetroffen und hatte im Schlosse Quartier bezogen.
Es wurde etwas vermutet.
Und richtig!
Am Nachmittag rückte ein ganzes feindliches Korps heran unter Führung des Fürsten von Moskwa – Marschall Ney.
Das Dorf war nur schwach von Jägern und Landwehr besetzt.
Die Jäger brachen aus und nahmen hinter dem halben Landdamm, der nach Bleddin führt, Stellung;
sie bezogen außerdem die herrschaftliche Schäferei und die Kossätengärten nach Globig zu.
Die Landwehr besetzte den Weinberg.
Hier empfing man den Feind und ließ ihn bis auf Schußweite heran. Als derselbe bis dicht am Rötkolk war, entfalteten die Preußen – zum Teil im Rücken des Feindes, zum Teil in der Flanke – ein so lebhaftes Feuer, daß ganze Kompagnien die Waffen wegwarfen und, am Boden liegend, Deckung suchten.
Hier ist es geschehen, daß in gar kurzer Zeit ein ganzes italienisches Regiment aufgerieben wurde.
Die allgemeine Verwirrung unter dem Feinde war so groß, daß westfälische Retterei, die ebenfalls mit den Franzosen im Bunde stand, eingreifen mußte, ja, sie mußte sogar mit dem Säbel einhauen, um in die weichenden Italiener wieder Halt zu bringen.
Einem italienischen General soll an diesem Tage auf den Mühlenbreiten das Pferd unter dem Leibe erschossen worden sein.
Wohl an 700 Offiziere und Mannschaften sind verwundet worden; an 100 Feinde sind den Heldentod für ihren Kaiser gestorben.
Zwölf von ihnen liegen noch heute auf den Ackerstücken am Rötkolk und auf der Hellerbreite begraben.
Die meisten Toten sind von den Franzosen mitgenommen worden. Die Preußen hatten nicht viele Verwundete und wohl nur zwei Tote an diesem Tage.
Und der Lauf dieses Gefechtes?
Es war vorauszusehen, daß die nur schwache Besatzung des Dorfes die Verteidigungsstellung auf die Dauer nicht halten konnte.
Als nämlich das französische Korps angerückt war, hatten sich die 12.000 Preußen, welche am Streng biwakierten, wohl aus taktischen Gründen bis über die Elbe zurückgezogen, nur ganz schwache Kräfte, meistens Freiwillige, im Dorfe zurücklassend.
So war es denn gekommen, daß sich die verteidigenden Preußen fechtend bis Elster zurückzogen, die zeitig eintretende Dunkelheit dabei ausnutzend.
Der Franzose hatte sich gar angeschickt, Wartenburg mit Granaten zu belegen. Als er aber merkte, daß das Dorf von den Preußen geräumt war, unterließ er das und nahm in den Abendstunden wieder vollen Besitz von Wartenburg.
Dieses Mal hausten die Welschen wie die Wilden in den Gehöften der Bauern.
Man denke:
fast 30.000 Soldaten wurden im Dorfe untergebracht, wohl an 100 hohe Offiziere verlangten ein einigermaßen gutes Quartier.
Da war kein Häuschen mehr, in welchem wenigstens nicht einer untergebracht war.
Die bedeutendsten unter ihnen waren der Fürst von Moskwa, der Kommandierende Bertrand und der General Morand.
Diese drei bekamen mit ihrem Stabe aus dem Schlosse Wohnung.
Und nun brach ein neues Elend über den Ort herein.
Es wurde gestohlen, geplündert und Gewalt verübt im ganzen Dorfe. Untätig nahmen die hohen Offiziere von allem Geschehen Notiz;
ja, oft genug waren sie Augenzeuge der Untaten ihrer Soldaten. Nicht die geringste Hilfe wurde den armen Einwohnern durch sie zuteil.
So viel Großvieh wurde geschlachtet, daß mancher Bauer nicht mehr ein Stück im Stalle behielt;
von den Gänsen, Hühnern, Enten ganz zu schweigen.
Alles, was an den Gehöften nicht niet- und nagelfest war, wurde heraus- oder heruntergerissen, fortgeschleppt und in den vielen, vielen feindlichen Lagerfeuern verbrannt.
Da verschwanden Torwege, Scheunentore, Haustüren, alle hölzernen Ackergeräte, sämtliche Holzvorräte.
Die Welschen scheuten sich nicht, die erst kürzlich teuer gekaufte Dorffeuerspritze zu zerschlagen und zu verbrennen.
Ohne Überlegung, ja, es schien, im Übermut handelten die fremden Soldaten in einem Orte ihres sächsischen Verbündeten.
Wohl an drei Tage dauerte diese grenzenlose Verwüstung, und die Not ging so weit, daß nicht ein Pfund Mehl, nicht eine einzige Kartoffel mehr im Dorfe aufzutreiben war.
Kein Bissen Brot war mehr für die zu Tode geängstigten Einwohner da, keine Suppe konnte gekocht werden.
Es ist vorgekommen, daß man essenden Einwohnern in den Mund sah, um zu erforschen, ob sie noch Brot oder Kartoffeln verzehrten.
Böse Tage waren das!
Froh war man, als endlich die Hauptmacht wieder – wahrscheinlich auf Oesteritz und in die Heidedörfer der Dübener Heide zu – abrückte und nur noch etwa 10.000 Mann im Dorfe verblieben. Auch das waren noch zuviel für den vollständig ausgesogenen Ort. Diese 10.000 Mann – eine Division – mußten an den darauffolgenden Tagen arbeiten.
Sie zogen zum Dorfe hinaus auf Bleddin zu, zu, und hier fällten sie die besten, ja fast sämtliche Bäume.
Weshalb?
Das Herz blutete einem bei solch frevelhaftem Tun.
So hat es sich zugetragen, daß das wohlhabende Dorf Wartenburg in nur wenigen Tagen fast gänzlich verarmte.
Jedoch der Leidenskelch, den die Einwohner zu leeren hatten, war noch nicht zu Ende.
Die eigentliche Schlacht bei Wartenburg war ja noch nicht geschlagen.
Das eben Geschilderte war nur eine gewisse kleinere Plänkelei, die erst die gewaltigen Truppenmassen, die zur entscheidenden Schlacht eingesetzt wurden, heranlocken sollte.
Auch war es noch nicht entschieden, wo die Hauptkräfte sich schlagen sollten.
Napoleon saß noch immer fest in Dresden und wartete, daß man ihn dort angreife.
Marschall Blücher aber rechnete anders.
Der war des langweiligen Manöverierens in Schlesien müde geworden, und er entwarf den Plan, durch einen schnellen Übergang über die Elbe Napoleon zu zwingen, daß er sich bis in die Gegend von Leipzig zurückziehen müsse.
Dort schien ihm der rechte Ort, wo er vernichtend getroffen werden konnte.
Durch den Elbübergang sollte gleichzeitig der Heerführer Schwarzenberg mit der böhmischen Armee für Preußens Sache gewonnen und veranlaßt werden, In den Kampf mit einzugreifen.
Der „Marschall Vorwärts“ setzte seinen Plan durch, kein Hindernis konnte ihn abschrecken.
Am 26. September 1813 brach das schlesische Heer zum Marsche nach der Elbe auf.
Das Dors Elster wurde von Blücher selbst als Übergangspunkt bestimmt.
General York erhielt den Befehl, den Übergang zu erzwingen.
Ihm war ein Korps von 24.000 Mann dazu gegeben worden.
Auf der Elsterschen Elbseite waren in jenen Tagen alle Wege und Stege vollgepfropft von Wagen, Geschützen, Reiterei und Fußvolk. Ein gewaltiger Heerwurm wälzte sich auf das Dörfchen zu, das an der Elbemündung der Schwarzen Elster liegt.
An 30.000 Soldaten mögen in diesen Tagen in und um Elster gelegen haben.
Das Stabsquartier war auf dem Elsterschen Marktplatz, im heutigen Hornschen Hause.
Hierher kamen und von hier aus gingen viele hohe Offiziere und ihre Ordonnanzen.
Für die Einwohner von Elster, überhaupt für das Dorf selbst, war es keine Kleinigkeit, die Lasten einer so hohen Einquartierung tragen zu müssen.
Jeder nur vorhandene Raum war überfüllt mit Menschen; ja, jedes trockene, überdachte Plätzchen war für die Bedürfnisse des Heeres beschlagnahmt.
Trotzdem die Wartung und Verpflegung der Armee unter der so leutseligen Führung eines Blücher und York eine befriedigende gewesen sein man, unzufriedene und hungrige Seelen hat es unter der Masse doch gegeben; verschiedene Diebstahle an Vieh kamen vor.
Diese nahmen bedeutend zu, als einen Tag später noch russische Heeresmassen in Elster eintrafen.
Nahrungsmittelräubereien waren von nun an an der Tagesordnung Auch des damaligen Pastors einzige Kuh mußte den Weg des Unbestimmbaren gehen.
Gar fremdartige Gestalten belebten die Elsterschen Straßen; unter den Russen befanden sich Kosaken, Kalmücken, Kirgisen mit Köcher und Bogen.
Rings um Elster herum, bis auf Iserbegka, Dietrichsdorf, Raßdorf, Gielsdorf, Zemnik, Meltendors, Gentha, Listerfehrda zu waren die Truppenmassen verteilt.
Zum Teil hatten sie auf freiem Felde ihre Zelte aufgeschlagen. Prächtig leuchteten da die entzündeten Lagerfeuer in die Herbstabende hinein.
Der Oktober war angebrochen.
Bernadotte, der in preußischen Diensten stehende Schwede, hatte den Befehl erhalten, im Anhaltischen über die Elbe zu gehen und die Franzosen anzugreifen, „wo er sie gerade treffe“.
Dieser Heerführer, der in Bezug aus Treue zu den Preußen recht zweifelhaft erschien, vollführte aber dort einen recht ungeschickten Brückenbau, welcher derart mit Radau und offensichtlichen Umständen verknüpft war, daß die Franzosen Verdacht schöpften und eine starke Truppenmacht an dieser Stelle zusammenzogen. Kurz entschlossen lies York am Abend des 1. Oktober 1813 das zu diesem Brückenbau benutzte Material wieder abbrechen und auf vielen Wagen nach Elster transportieren.
Nun stelle man nicht etwa vor, daß dieses Brückenbaumaterial den heutigen Verhältnissen angepaßt gewesen ist, – bewahre! – viel zu wenig Bohlen, Balken und Bretter waren vorhanden.
Doch wußte man sich zu helfen. Die gerade in der Elbe liegenden Kähne wurden herangeschleppt, sie waren gut zu gebrauchen.
Das sonst noch fehlende Material fand in Elster selbst. Scheunentore, Türen, alle einigermaßen festen Zäune wurden ihrem bisherigen friedlichen Zwecke entnommen, alles das mußte ein Loch zufüllen.
Sämtliche vorhandenen Ketten und Stricke wurden zusammengeholt. Selbst die Glockenstränge im Kirchturm wurden nicht geschont, einfach abgeschnitten wurden sie.
Hätte der Pfarrer nicht gerade die Turmuhr ausgezogen gehabt, auch die Triebleinen des Uhrwerks hätten tätig in den Krieg eingreifen müssen.
Am Vormittag des 2. Oktober mußten die Elsterschen Einwohner noch ein Opfer bringen, das so manchen von ihnen mit Bitterkeit erfüllt haben mag.
Sämtliches Bettzeug, alle Wäsche wurde weggeholt.
Es hieß, daß in den nächsten Tagen viel Verbandszeug gebraucht würde.
Manchem armen Manne mit großer Familie war das ein sehr empfindlicher Verlust.
Aber es mußte sein, und gegen das ausdrückliche Bitten eines Generals York war nichts machen.
Als man von dem alten Vater Wegener, dem Schweinehirten des Dorfes, auch etwas holen wollte, meinte er ganz treuherzig, er habe nichts!
Auch schlafe er lieber unter freiem Himmel, als in einem leinenen Bette!
Und es war ja auch an dem; der alte, alleinstehende Mann hatte nicht das geringste mehr, dennoch aber wollte er seinem Vaterlande noch einen Dienst erweisen, ehe er sterben würde:
er wollte der Führer durch das Sumpfgelände des Wartenburger „Sauangers“ sein.
Er als alter Hirt wußte ja dort drüben nicht nur jeden Weg und Steg, er kannte jeden einzelnen Baum, jeden Strauch.
Dieser alte Mann wurde dem Generalmajor von Mecklenburg vorgeführt, und der bat ihn dann, ja ganz gewissenhaft seine Soldaten zu führen.
„Da könnt Ihr Euch darauf verlassen!“
war die bekräftigende Antwort des alten Wegener.
Noch am selben Tage in aller Frühe war bereits mit dem Bau der Brücke begonnen worden.
Eine Brücke wurde errichtet für die Reiterei, Wagen und Geschütze, eine zweite, etwas leichtere, sollte die Infanterie über die Fluten der Elbe tragen.
Die erstere schlug man etwa 50 Meter oberhalb der Stelle, wo sich heute die fliegende Fähre befindet – etwa in Verlängerung der Gielsdorfer Straße – über den Strom, die zweite, leichtere, etwas weiter oberhalb etwa dort, wo sich der scharfe ost-nördliche Bogen der Elbe abflacht und der Fluß einen geraderen Lauf annimmt; es mag kurz vor der heutigen „Renne“ gewesen sein.
Nicht viel länger als reichlich 30 Stunden baute man an den beiden Brücken!
Ob sie ein ganzes Korps über die Elbe tragen konnten?
Es mag mancher daran gezweifelt haben.
Und nun begann die Schlacht bei Wartenburg.
Ein prächtiger Herbstmorgen, der 3. Oktober 1813!
So herrlich ging die Gottessonne aus, so früh schon stiegen Lerchen in den taufrischen Äther!
In aller Stille begann es sich da unter den preußischen Truppen zu regen.
Jeder Mann, jede Kompagnie wußte, wohin sie gehörte.
Früh um 4 Uhr rückte der Prinz von Mecklenburg mit zwei Brigaden aus das linke Elbufer hinüber, geführt vom alten Vater Wegener aus Elster.
War das ein schlechter Weg!
Nur wenige Schritte nach rechts oder nach links, und man stak bis an die Knie im Sumpfe.
„Mann“, sagte der Prinz zum alten Wegener,
„Ihr führt uns aber einen Sauweg“
„Ja, Herr General, das ist er; aber es ist ja auch der „Sauanger“, wo wir hindurch müssen!“
Das war die Antwort des alten Hirten.
Als der Weg etwas fester wurde, fuhren die Geschütze in Stellung; es begann eine Kanonade auf Wartenburg, die die armen Bewohner aus übernächtigem Schlaf schreckte.
Sie mußten aus den Häusern ins freie Feld flüchten!
Welcher Jammer für die Alten, für die Frauen und Kinder!
In größter Eile waren die Franzosen alarmbereit.
Dieweil der Prinz von Mecklenburg in breiter Front auf Wartenburg losmarschierte, sammelte sich in Wartenburg selbst ein ganzes feindliches Armeekorps, das von Bertrand, Morand und Franquimont befehligt wurde.
Die Franzosen stießen zur Verteidigung vor.
Sie entwickelten sich mitten im Dorfe und auch hinter den Höfen und gingen dann in der Richtung auf die Hengsthainichte vor.
Das ganze Korps wurde hinter sämtliche Wasserschutzdämme verteilt bis an Dorf Bleddin heran.
Die Verteidigung der Franzosen war eine gute.
Ein Wesentliches trugen sechzig Kanonen bei, die unausgesetzt ihr Feuer unterhielten.
Der Prinz von Mecklenburg war gezwungen, bei dem mörderisch einsetzenden Feuer des Feindes Halt zu machen und York um Verstärkung zu bitten.
Aber auch die weiteren von York geschickten zwei Brigaden konnten den Ausschlag nicht geben.
Der Angriff mußte wiederum eingestellt werden.
Er scheiterte infolge der schlechten Bodenverhältnisse für den Angreifer und nicht zuletzt auch an der Zähigkeit des Feindes, der gut in Deckung lag.
In aller Eile wurde von York ein weiterer Gefechtsentwurf hergestellt, welcher genau durchgeführt wurde.
Das, was in den Augenblicken höchster Anspannung verlangt wurde, gelang, wenn auch unter den schwierigsten Verhältnissen.
Der 1. Brigade, befehligt vom Oberst v. Steinmetz, fiel die schwerste Aufgabe zu.
Die schlechten Bodenverhältnisse spielten auch hier wieder die größte Rolle.
Der „Marschall Vorwärts“ war selber bei dieser Truppe.
Er hielt, umgeben von nur wenigen Offizieren, auf seinem Schimmel in der Nähe des heutigen Fährdammes und beobachtete den Gang der Schlacht.
„Kinder!“ rief er seinen Soldaten zu, „heut‘ müßt ihr wieder drauf!
Es kann alles nichts helfen!
Wer da nicht seine Schuldigkeit tut, der muß in der Elbe ersaufen, denn alle können wir nicht mit einem Mal wieder drüber.
Und dann lasse ich auch die Brücke sofort abbrennen!“
Verstimmte Antworten hörte der Marschall aus den Reihen der Leute:
„Haben wir bisher nicht immer unsere Schuldigkeit getan? Auch dann, wenn es einmal nicht ging ?“
„Na, Bengels, wenn ich da auch einmal etwas Dummes sage, ihr müßt’s nicht gleich übelnehmen!
Ihr wißt ja, wie ich es stets mit euch meinte!
Also nur immer ran an die Welschen!“ und
„Hurra, unser Vater Blücher!“ schreit es aus tausend vorwärtsstürmenden Soldatenkehlen.
Die Kanonen der Preußen verrichteten ganze Arbeit.
Noch heute ist es ein Wunder, daß Wartenburg nicht in Brand geschossen wurde.
Erschreckend viele Granaten wurden ins Dorf geschleudert. Kanonenkugeln sausten zu verschiedenen Malen durch das Schloß; ja, drei Stück Sechspfünder durchschlugen das Dach der Kirche und blieben auf dem Dachboden liegen, ohne zu krepieren.
Ein wunderbarer Zufall!
Die Franzosen und Italiener hatten erhebliche Verluste.
Aber auch mancher Preuße sank ins Gras.
In achtstündigem Kampfe waren dieselben von vormittags 7 Uhr bis nachmittags 4 Uhr den feindlichen Kugeln ausgesetzt.
Allein die Brigade v. Steinmetz verlor den dritten Teil ihrer Leute, an 1.000 Mann.
Der Prinz von Mecklenburg war links abgeschwenkt, um Wartenburg von der rechten Flanke zu nehmen.
Wieder war es der sumpfige und mit Wasserlachen übersäte Boden, der das Vordringen außerordentlich erschwerte.
Sogar ein Teil der Geschütze mußte zurückgebracht werden.
Auf dem „Anger“ geriet die Truppe in ein wohlangelegtes feindliches Kreuzfeuer.
Sie mußte weichen.
Nach erhaltener Verstärkung – Kavallerie der 1. und 2. Brigade und auch die ganze 7. Brigade unter General Horn – stieß der Prinz von Mecklenburg über den „kleinen Streng“ auf einem mühsam verbreiterten Pfade an der Elbe vor.
Mittag war bereits vorbei, als die Truppe den Morast und das Gestrüpp durcharbeitet und das freie Feld erreicht hatte.
Auf dem Schützberge ließ der Prinz die Kanonen auffahren, und von hier aus beschoß er die bei Bleddin stehenden Batterien.
Ein kühner Angriff warf die bei Bleddin stehenden Württemberger zurück bis nach Globig.
Ein weiterer Vorstoß der Schwarzen Husaren vertrieb den Feind auch von dort und jagte ihn in vollständiger Auflösung bis in die Heide bei Schmiedeberg und Düben hinein.
General Horn mit seiner 7. Brigade focht auf dem Obstanger.
Er hatte hier einen äußerst schweren Stand.
Der Feind hatte sich hinter dem „Rötkolk“, „Kalte Keite“ und hinter den „Pfählen“ gut eingeschanzt.
Bis an die Knöchel sanken die vorstürmenden Soldaten in dem Sumpf ein.
Außerdem war es nicht zu umgehen, daß die „Kalte Keite“ durchwatet werden mußte.
Als das endlich gelang, mußte der Feind zurück, und damit war endlich der erste Zugang zum Dorfe frei geworden.
Die Italiener, die hier kämpften, versuchten noch einmal, sich hinter dem westlichen Elbdamm festzusetzen.
Aber auch daraus wurden sie vertrieben bis ins freie Feld hinein.
Das wurde so manchem zum bösen Verhängnis, denn die Preußen schossen nicht schlecht!
General Horn überschritt den Elbdamm und nahm eine allgemeine Richtung aus die „Sandberge“ ein.
Auch die 8. Brigade, die die anfängliche Stellung der 7. besetzte, hatte ebenfalls im Angriff gute Fortschritte gemacht.
Es begann nun ein kräftiger Vorstoß in breiter Front aus das Dorf selbst, das schon von ½ 2 Uhr nachmittags ab von dem Feinde verlassen wurde.
Um 4 Uhr drang die schlesische Landwehr in Wartenburg ein, an ihrer Spitze der General Horn.
Im Sturmlauf wurde alles besetzt.
Die schwarzen Husaren hielten von Bleddin her den Feind in Schach, fürchterlich hieben sie mit Lanze und Säbel dazwischen.
Sie waren es, die 16 Kanonen eroberten und sogar die Franzosen zwangen, auf ihre eigenen Leute zu schießen.
Zwei Pulverwagen wurden in der Nähe der sogenannten „Versenkten Lache“ in die Luft gesprengt.
Beim Sturm auf Wartenburg machten die Preußen 1.000 Gefangene und nahmen außerdem noch 80 bespannte Bagage und Munitionswagen als Beute.
Kurz vor 3 Uhr hatte die den Feind verfolgende Brigade des Prinzen von Mecklenburg, die schon dicht vor Globig stand, den Befehl erhalten, ebenfalls auf Wartenburg mit vorzubringen.
Auf dem Marsche dorthin stieß sie auf den bereits weichenden Feind, der aber dennoch hartnäckigen Widerstand leistete.
Die vordringende Macht der Preußen schlug ihn zurück und verfolgte ihn gar über Melzwig, Dabrun, bis fast nach Pratau hin, wo er, gehegt und zermürbt, endlich Schutz unter den Kanonen der Festung Wittenberg fand.
Das Ziel des Tages: den Feind vernichtend zu schlagen und den Stützpunkt Wartenburg zu nehmen, damit zu erreichen, daß der Feind immer mehr auf Leipzig zu gedrückt wurde, war voll und ganz erreicht.
Das gesteckte Ziel war um Teil weit überschritten.
Alles Land links der Elbe fast zur Mulde hin war nun in den Händen der Verbündeten.
Ein Tag grausigster Kriegsschrecken, ein blutiger Tag für das Heer und auch für die Wartenburger und Elsterschen Einwohner war vorübergegangen.
Teuer war der Sieg erkauft worden.
Mancher Tapfere lag tot oder verletzt auf den Elbwiesen.
Es war nicht zu verwundern, daß an einem Tage, an welchem etwa 300.000 Patronen von dem französischen Armeekorps verschossen worden sind, 2.000 und mehr Preußen geblutet hatten.
Die meisten der Verwundeten wurden nach Elster gebracht, damit man ihnen hier feste Verbände anlegte.
Trotzdem aber so mancher Leinenballen, fast alles Bettzeug und alle Wäsche der Einwohner für diese Zwecke zurückgestellt worden war, jetzt, da es gebraucht werden sollte, war nichts mehr da.
Fast alles hatten die Russen gestohlen!
Das war ein böser Umstand, aber auch hier wußte man sich zu helfen:
die Bibliothek des Elsterschen Pastors wurde arg geschändet und um viele Bände leichter gemacht.
Man bedenke: das damalige grobe, rauhe Papier wurde zum Verbinden schlimmer Wunden verwandt!
Die Elsterschen Bürger waren ihre schöne Wäsche los und die armen Verwundeten mußten obendrein mit Papierverbänden versehen werden!
Das waren sonderbare Zustände!
Elster und Wartenburg bekamen in den Tagen vom 3. bis 10. Oktober 1813 noch gewaltige Truppenmassen zu sehen. Verschiedene Armeekorps zog man hier zusammen und quartierte sie um Wartenburg herum in Feldquartieren ein.
Sämtliche Äcker hinter den Höfen, auf den Sandbergen, den Weinbergen, alles, was nur eine trockene Unterlage bot, war mit Feldlagern übersät.
Viele bedeutende Heerführer hatten in den beiden Dörfern ihren Stab versammelt.
Da waren der
– Feldmarschall von Blücher,
– General von York,
– General Horn,
– die Prinzen Friedrich und Wilhelm von Preußen,
– Prinz Karl von Mecklenburg,
– General Gneisenau,
– die russischen Generale Langeron, Korff, Sacken, St. Briest und verschiedene andere hohe Offiziere, die sich in den Freiheitskriegen besonders hervorgetan hatten.
Im ganzen rechnete man mit 80.000 Mann, die bei Wartenburg zusammengezogen waren.
Tag und Nacht sah man da ein kriegerisches Leben.
Abteilungen zogen tagsüber aus, um zu schanzen und Bäume zu schlagen.
Nachts erhellten tausende von Wachtfeuern die ganze Gegend schaurig-schön.
Lieder aus rauhen Soldatenkehlen stiegen mit der Glut des Feuers in den Nachthimmel hinein.
Mit diesen vielen Soldaten erreichte auch die Verwüstung ihren Höhepunkt.
Alles, alles diente dem Feuer zur Nahrung.
Die Russen beschädigten sogar die Windmühlen.
Das schöne Fichtenwäldchen am Weinberge wurde kleiner und kleiner, alles wanderte in die gierigen Lagerfeuerflammen.
Der viele, viele Jammer!
Beim Anblick der ungeheueren verbündeten Heeresmacht hätte niemand geglaubt, daß die Franzosen jemals wieder nach Wartenburg kommen sollten, und doch sollte das Letztere noch einmal geschehen.
Währenddem Napoleon mit seiner Hauptmacht in der Zeit vom 9. bis 18. Oktober in der Gegend von Düben auf den Angriff der Preußen wartete, befolgte Marschall Blücher die Warnung Gneisenaus, den Korsen dort nicht anzugreifen;
denn würden die Verbündeten geschlagen und zurückgedrängt, dann ging es entweder hinein in die Elbe oder in die Wartenburger Sümpfe.
So täuschte denn der „Marschall Vorwärts“ den Feind, indem er die Hauptmacht wieder von Wartenburg wegzog und am 10. Oktober das Dorf selbst aufgab.
Noch eine bittere Erinnerung ließen die Russen an die Besatzung zurück.
Kurz bevor sie abrückten, plünderte ein russisches Freikorps das Dorf aus.
Abscheuliche Mißhandlungen wehrloser Einwohner bildeten den ehrlosen Abschluß dieser Leidenstage.
So hatte Wartenburg vom 10. Oktober ab wieder mehrere Tage lang die Franzosen und Württemberger zu beherbergen.
Und währenddem es sich diese hier gut sein ließen, marschierte Vater Blücher mit seinem Heere die Elbe hinab bis zur Saalemündung, um dann auf Halle loszugehen.
Der wartende Napoleon, der noch immer nach Nordosten nach dem Feinde ausschaute, war überlistet.
Er wurde vom Westen her – von Halle aus – vom, „Marschall Vorwärts“ erfaßt!
Immer weiter reiste die Entscheidungsschlacht von Leipzig heran.
Übersehen wir zum Schlusse noch einmal die Opfer, welche die Tage von Wartenburg gefordert.
Das Yorksche Korps verlor
– 70 Offiziere,
– 172 Unteroffiziere,
– 18 Spielleute und
– 1.830 Gemeine, teils als Tote, teils als Verwundete.
Das französische Korps hatte infolge seiner vorzüglich gedeckten Stellung hinter den Dämmen dagegen nur einige hundert Tote;
der Verlust von etwa 1.000 Gefangenen erhöht diese Ziffer jedoch um etwas.
Dazu kamen die 16 Geschütze,
– 17 Munitionswagen und
– 600 Pferde, die von den Preußen an Beute gemacht worden sind.
Elster und Wartenburg waren fast gänzlich verarmt durch die gewaltig hohe Zahl von Menschen, die verpflegt werden mußten. Und auch das, was gewaltsam vernichtet wurde, machte einen beträchtlichen Teil des Vermögens der Bewohner aus.
Allein aus Wartenburg waren
– 190 Pferde,
– über 200 Stück Rindvieh,
– 865 große und kleine Schweine,
– gegen 400 Schafe und sämtliches Federvieh verschwunden;
es hatte teils geliefert werden müssen, teils war es unrechtmäßig genommen worden.
Nichts zu essen im Hause, kein Körnchen Roggen oder Weizen mehr mehr in der Scheune, und dazu der Winter vor der Tür!
Das waren bittere, harte Zeiten!
Und dennoch waren sie über alles erhaben, brachten sie doch dem deutschen Vaterlande die so heiß, so tiefinnigst ersehnte Freiheit wieder.
Die Opfer von Wartenburg und Elster waren ein leuchtendes Glied in der goldenen Kette deutschen Opfersinnes.
General York erhielt für den glänzenden Sieg, den er erfochten, vom König Friedrich Wilhelm III. das Großkreuz zum Eisernen Kreuz und wurde am 3. Juni 1814 in den Grafenstand erhoben mit dem Ehrennamen York v. Wartenburg.
Drei Sonntage hintereinander hatte der Pfarrer von Wartenburg keinen Gottesdienst abhalten können.
Und als es dann wieder geschah, daß die Glocken die Gemeinde zusammenriefen, da kamen die meisten Einwohner weinend zum Gotteshause.
Sie alle kamen ärmlich daher, viele gar nur barfuß; denn alles war ihnen genommen worden! – Alles!
Eines aber hatte man ihnen nicht nehmen können:
ihre deutschen Herzen, sie schlugen noch frei und gläubig zu ihrem Gott empor.
Die bitterschweren Tage waren dahingegangen!
Sie sollten Saat- und Segenstage für uns alle sein!
So habe ich lange sinnend auf der alten Schanze und dem noch älteren heidnischen Opferplatz inmitten der Elsterschen Elbwiesen gesessen und habe den Geist um mich wehen lassen, der schon einmal vor reichlich 100 Jahren hier herniederschwebte.
Und wie ergeht es uns heute?
– Versucht nicht wieder einmal ein freies, aber morsches Welschtum uns zu unterdrücken, uns zu unterjochen?
– Spielt man nicht in der ganzen Welt mit Lüge und Falschheit gegen uns auf?
– O, lasse man unser Vaterland gesunden, lasse man es wiedererstehen von der Betäubung, in die es kaltrechnende Herrscher und Diplomaten gedrückt haben!
– Lasse man es werden ohne fremdes Zutun!
– O, erspare man ihm ein gewaltsames Erwachen!
-Ich fürchte, es wird schrecklich sein!
erzählt von Ernst Röhrig
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