II. Geschichtliches

Die Stadt Wittenberg reicht mit ihren Anfängen bis in die Zeit der Hohenstaufen.
Vermutlich ist sie bereits im Jahre 1174 gegründet; urkundlich wird ihr Name zuerst 1180 genannt.
Der Ort entstand neben einem Burgwart, das ist ein befestigter Platz, den man zum Schutze des Landes gegen die umwohnenden Slawen (Wenden) angelegt hatte.

In langen und harten Kämpfen hatte Markgraf Albrecht der Bär aus dem Hause Anhalt oder Askanien auch die Gegend um Wittenberg den Wenden abgerungen.

Wittenberger Lutherhaus

In das entvölkerte Land rief er Ansiedler aus den Niederlanden, insbesondere aus der Provinz Flamland.
An den Ufern des Elbstroms entfalteten die rührigen und geschickten Fläminger bald eine segensreiche Tätigkeit:
sie trockneten Sümpfe aus, dämmten die Flüsse ein, rodeten Wälder und gründeten zahlreiche Niederlassungen.
So schufen sie auch neben dem bereits erwähnten Burgwart einen Ort, dem sie den Namen Wittenberg gaben,
d. h. Weißenberg (witt bedeutet im Niederdeutschen weiß).
Diese Bezeichnung wählten sie vielleicht nach den weißen Sandhügeln am Elbufer.
Aus dem Namen geht deutlich hervor, daß nur deutsche, und zwar niederdeutsche Ansiedler die Stadt gegründet haben können, denn während der bei weitem größere Teil der umliegenden Ortschaften Namen trägt, die nur aus der wendischen Sprache abzuleiten sind, weist der Name Wittenberg unzweideutig auf niederdeutschen Ursprung hin.
Alle Versuche, den Namen anders zu deuten, gehören in das Reich der Phantasie.

Wittenberg – Die Lutherstube

Das Andenken der niederländischen Gründer der Stadt wird noch heute in dem Höhenzug Fläming festgehalten.
Nach dem Tode Albrechts des Bären teilten sich dessen Söhne in seine Länder.

Bernhard erhielt die anhaltischen Stammlande nebst dem späteren Kurkreis mit Wittenberg.Im Jahre 1179 verlieh ihm Kaiser Friedrich Barbarossa hierzu noch den östlichen Teil des Herzogtums Sachsen, das dem treulosen Herzog Heinrich genommen wurde.
Bernhard wohnte bereits zeitweilig in Wittenberg, wo er sich ein Schloß bauen ließ.
Da er sich von seinen Brüdern durch ein besonderes Wappen unterscheiden wollte, so vermehrte ihm der Kaiser auf seine Bitte das alte Wappen der Askanier, das aus fünf schwarzen Balken im goldenen Felde bestand, um den sogenannten sächsischen Rautenkranz, der nichts anderes bedeutet, als die Herzogskrone. Von dem schwarz-goldenen Wappen der Askanier leiten sich die Wittenberger Stadtfarben schwarz-gelb (gold) ab.
Auf Bernhard folgte sein Sohn Albrecht I. (1212 bis 1260), der sich zuerst Herzog von Sachsen, Engern und Westfalen nannte.
Seine Gemahlin Helene erbaute an der Stelle der heutigen alten Artilleriekaserne am Arsenalplatz das Franziskanerkloster.
Albrecht II. (1268 bis 1298), der bis zum Jahre 1282 gemeinschaftlich mit seinem Bruder Johann regierte, erhob Wittenberg im Jahre 1293 zur Stadt und schlug dauernd seinen Wohnsitz darin auf.
Die über die Verleihung der städtischen Gerechtsame ausgefertigte Urkunde befindet sich als ältestes Dokument im städtischen Archiv. Unter Albrechts Sohne Rudolf I. (1298 bis 1356) wurde Sachsen – Wittenberg durch die „bulle aurea Saxon“ des Kaisers Karl IV. zum Kurfürstentum erhoben (1355) und seinem Balkenwappen die roten Kurschwerter beigefügt.

Wittenberg – Augusteum

Mit Albrecht III. (1419 bis 1422) starb das Geschlecht der Askanier im Kurkreise aus.
Fast 300 Jahre hatte es über Wittenberg geherrscht, das ihm einen wesentlichen Teil seiner Wohlfahrt verdankt.

Nach dem Aussterben der Askanier kam das Kurland als erledigtes Reichslehen an Friedrich den Streitbaren aus dem Hause Wettin (1423 bis 1428), der dieses mit seinen übrigen Ländern vereinigte.
Auf ihn folgte sein Sohn Friedrich der Sanftmütige (1428 bis 1464). Seine beiden Söhne Ernst und Albrecht wurden durch den Ritter Kunz von Kauffungen aus Rache aus dem Schlosse zu Altenburg geraubt.
Ihm folgte in der Regierung sein Sohn Ernst (1464 bis 1486),
der 20 Jahre lang mit seinem Bruder Albrecht gemeinsam regierte. Im Jahre 1485 kam eine Teilung der Länder zustande, bei welcher Ernst Thüringen mit der Residenz Weimar und den Kurkreis erhielt.

Die ersten Kurfürsten aus dem Hause Wettin wohnten nicht in Wittenberg. Erst der berühmte Friedrich der Weise (1486 bis 1525) nahm hier zeitweise Wohnung.
Diesem edlen, milden und weisen Fürsten hat die Stadt Wittenberg viel zu verdanken.
Er erbaute sich hier ein neues Schloß und neben diesem die Schloßkirche.
Er ließ auch die erste feste Brücke über die Elbe schlagen.
Im Jahre 1502 gründete er die Universität Wittenberg, die namentlich durch Luther und Melanchthon so berühmt wurde,
daß (nach allerdings unkontrollierbaren Nachrichten) die Zahl ihrer Studierenden zeitweise über 2000 betrug.

Wittenberg – Schloßkirche mit Kaiser Friedrich-Denkmal

Unter dem mächtigen Schutze Friedrichs des Weisen konnte Martin Luther sein kühnes, gewaltiges Reformationswerk beginnen und vollenden.
Auch Friedrichs Nachfolger, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige, traten offen für die Reformation ein.
Der letztere wurde in der Schlacht auf der Lochauer Heide (24. April 1547) von Kaiser Karl V. besiegt und gefangen genommen.

Der Der Kaiser nahm ihm das Kurfürstentum und gab es seinem Vetter Moritz von Sachsen.
So kam Wittenberg von der Ernestinischen an die Albertinische Linie.
Bei dieser verblieb es bis zum Jahre 1814, wo es unter preußische Verwaltung kam.
Am 21. Mai 1815 wurde Wittenberg endgültig Preußen einverleibt.
Die Stadt war schon um das Jahr 1400 mit Wall und Mauern umgeben.

Wittenberg – Inneres der Schloßkirche

Friedrich der Weise ließ die Stadt noch stärker befestigen, und zur Zeit Johann Friedrichs galt Wittenberg als eine der stärksten Festungen.
Diese seine Wehrhaftigkeit brachte Wittenberg viele Belagerungen, unter denen die Stadt und ihre Bewohner schwer zu leiden hatten. Im Hussitenkriege belagerten (1429) die Hussiten den Ort und steckten die Vorstädte in Brand.

Nach der Schlacht auf der Lochauer Heide schloß Kaiser Karl V. die Stadt ein.
Um ihrem gefangenen Gemahle Kurfürst Johann Friedrich das Leben zu retten, übergab die Kurfürstin am 23. Mai 1547 dem Kaiser die Stadt.
Schwer hatte Wittenberg und die Umgegend auch im Dreißigjährigen Kriege zu leiden.
Die Vorstädte wurden niedergebrannt und viele Dörfer bis auf

den Grund zerstört.
Auch der Schwedenkönig Gustav Adolf nahm 1632 seinen Weg über Wittenberg.
Neues Unglück brachte der nordische Krieg, den Kurfürst Friedrich August 1. (August der Starke) mit veranlaßt hatte.
Während desselben kam (am 21. Februar 1707) der Schwedenkönig Karl XII, nach Wittenberg.
Einige Jahre später am – 14. Oktober 1712 – stattete sei Gegner,  Peter der Große von Rußland, dieser einen Besuch ab.
Noch größeres Unheil brachte der Siebenjährige Krieg über Wittenberg.

Wittenberg – Luthers Grab in der Schloßkirche

Nach wiederholten Einschließungen wurde die Stadt am 13. Oktober 1760 heftig beschossen.
In der inneren Stadt allein wurden 132 Häuser völlig zerstört und 181 schwer beschädigt; in den Vorstädten sanken 200 Häuser in Schutt.
Besonders hart mitgenommen wurden Schloß und Schloßkirche, von denen fast nichts als nur die Umfassungsmauern stehenblieben.

Die historische Tür, an welche Luther am 31. Oktober 1517
die 95 Thesen schlug, wurde samt der inneren Einrichtung ein Raub der Flammen.
In den Jahren 1813 und 1814 wurde die schwergeprüfte Stadt von neuem Unglück heimgesucht.
Kurfürst Friedrich August von Sachsen trat nach der unglücklichen Schlacht von Jena und Auerstädt auf die Seite Frankreichs.

Für diese Willfährigkeit erhob ihn Napoleon I. zum König.
Die Stadt Wittenberg aber mußte bitter dafür büßen.
Napoleon I. erschien selbst in Wittenberg und ließ es stärker befestigen.
Ein Versuch des Majors Schill, mit seinem Korps in Wittenberg 1809 einzudringen, wurde von der Bürgerwehr im Verein mit der damals nur schwachen Besatzung zurückgewiesen.

 

Vom Januar 1813 ab wurde Wittenberg immer stärker mit französischen Truppen belegt, unter denen die Bewohner schwer zu leiden hatten.
Bereits im April wurde die Stadt von den Preußen eingeschlossen und bombardiert.
Zeitweise hoben diese die Belagerung auf, aber im September schlossen sie die Stadt wiederum ein und beschossen sie sechs Tage lang (23. bis 28. September) aufs heftigste.
Hierbei wurde auch u. a. der Turm der Schloßkirche samt seinen schönen Glocken ein Raub der Flammen.

Vorübergehend mußten die Preußen wieder abziehen, doch belagerten sie die Stadt nach der Völkerschlacht bei Leipzig unter  dem General von Dobschütz und dem Oberkommando des Generals Graf von Tauentzien ununterbrochen.
Da der französische Gouverneur Lapoype sich beharrlich weigerte, die Festung zu übergeben, so wurde diese nach heftiger Beschießung in der Nacht vom 12. zum 13. Januar 1814 von den Preußen erstürmt. Durch diese letzte Belagerung waren 285 Wohnhäuser zerstört worden 32 in der inneren Stadt und 253 in den Vorstädten.
Unter der Willkür der französischen Besatzung hatte namentlich auch die Universität leiden müssen, deren Gebäude man rücksichtslos für militärische Zwecke in Beschlag nahm.
Professoren und Studenten hatten Wittenberg verlassen und sich nach anderen Orten gewandt.
Im Jahre 1815 wurde die Universität Wittenberg völlig aufgehoben und 1817 mit der Universität Halle vereinigt.
Als Ersatz hierfür stiftete König Friedrich Wilhelm III. von Preußen am 1. November 1817 das Wittenberger Predigerseminar.

Wittenberg – Marktplatz

Bei Ausbruch des Deutsch-Österreichischen Krieges (1866) wurden die Wittenberger Festungswerke vorübergehend verstärkt.
Im Jahre 1870 bis 1871 waren in Wittenberg rund 8000 französische Gefangene interniert.
Kaiser Wilhelm I. befahl am 30. Mai 1873, Wittenberg zu entfestigen.
Dadurch wurde es der Stadt möglich, sich weiter zu entwickeln.
Die Festungsgräben wurden größtenteils ausgefüllt und samt den Wällen in prächtige Anlagen umgewandelt.
Nach außen hin entstand eine ganze Anzahl neuer Stadtteile. Handel und Industrie nahmen einen lebhaften Aufschwung.

Am 15. Oktober 1875 geschah die Eröffnung der neuen Eisenbahnlinie Wittenberg- Falkenberg.
Am 15. Juli 1890 kam die Linie Wittenberg- Torgau hinzu.
Am 13. November 1877 wurde das neuerbaute Bahnhofsgebäude dem Verkehr übergeben und im Juli 1888 mit der Stadt durch eine Pferdebahn verbunden.
Im Westen der Stadt wurde Ende des Jahres 1879 der Winterschutzhafen für die Elbschiffahrt vollendet und im Jahre 1883 zu einem Handelshafen erweitert.

Wittenberger Luther-Denkmal

Luthers 400 jähriger Geburtstag wurde im Jahre 1883 durch größere Feiern festlich begangen.
Bei dieser Gelegenheit erfolgte die Einweihung des Reformationsmuseums im Lutherhause durch Kronprinz Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich.

 

 

Den Glanzpunkt in der neueren Geschichte Wittenbergs bildet die Einweihung der restaurierten Schloßkirche am 31. Oktober 1892 in Gegenwart Kaiser Wilhelms II. und der evangelischen Fürsten Deutschlands.