Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß man die jährlichen Waffenübungen der Schützen, bei denen nach einer Scheibe oder nach einem hölzernen Vogel geschossen wurde, dadurch anziehender und abwechselungsreicher zu gestalten suchte, daß man mit ihnen allerhand Lustbarkeiten verband, aus denen das Schützenfest, die „Wittenberger Vogelwiese“, sich entwickelt hat.
Einen Einblick in den Charakter jener Veranstaltungen geben uns die alten Schützenregister.
Wir entnehmen ihnen folgende Angaben:
1.473 Einnahme:
Item 1 Schog (Schock) entfangen vom Herrn den Land-Voite (Landvogte) als man den Vogel schoß.
Item 2 Schog vom Holze entfangen von der Schützen-Veste Vortelers (Vorteile).
Item 1 güldenen Ring gab der Land-Voit zur Taffeln (Scheibe) als man den Vogel schoß.
Ausgabe:
Item 4 Groschen Meister Hanse vor den Fagil (Vogel), den man abschüßt.
Item 1 Groschen eynen gegeben, der den Fagil auf eyner Stangen außen trug.
Item 2 Groschen vor Krentze (Kränze) den neuen Meistern, den Spielleuten und dem Trommelschläger.
1475 Ausgabe:
Item 7 Middelgroschen vor Wyn (Wein), der den Schoßer geschenkt ist, damit er todringen (zutrinken) solte.
(Schosser-Hauptmann des Kurfürsten – später Kreishauptmann genannt-, der zugleich die Steuern und Zölle zu verwalten hatte)
Item 1 Ring dem, der den Vogel schoß.
1477 Ausgabe:
Item 7 Groschen vor Eyerteich und Butter-Fladen und Iserkuchen (Eiserkuchen) zur Ererbietung dem Magistrate, dem Schoßer und den Fruwen (Frauen).
1478 Ausgabe:
Item 4 Middelgroschen vor der Grube zu graben, da die Fogel-Stange insteyht.
Item 7 Middelgroschen vor Werke, dho man den Schuzwal macht.
1479 Ausgabe:
Item dedi (desgleichen) 5 Middelgroschen und 3 Groschen vor Balken und vor eyn Holtz zu dem Hause auf dem Schutzwal.
Item dedi vor eynen güldenen Ring an den Fagel 20 Silbergroschen.
Item 5 Middelgroschen vor die Mayen zu holen, da man den Vogel schoß.
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Aus dem Angeführten ergibt sich folgendes Bild:
Wenn das Schützenfest nahte, entwickelte sich auf dem Festplatze ein geschäftiges Leben und Treiben.
Der „Schießgraben“, d. h. der durch Ausgraben vertiefte Platz zum Schießen nach der Scheibe, wurde neu hergerichtet und der Schutzwall ausgebessert.
Ebenso wurde das hölzerne Schießhaus und die Vogelstange einer genauen Prüfung unterzogen.
Dessenungeachtet kam es vor, daß die Vogelstange mitten im Schießen zerbrach, wie aus folgender Bemerkung hervorgeht:
„Am 15. Juni 1605 ist das Königschießen mit ziemlichem Verdruß gehalten worden, weyl die Vogel-Stangen gebrochen, da sie alt auch böses Wetter gewesen“.
Ein gleiches Mißgeschick widerfuhr dieser im Jahre 1614.
Mehrere Fuder Maien wurden angefahren, mit denen man den Festplatz ausschmückte und Buden baute.
Nach einem alten Herkommen war der Rat der Stadt zur Lieferung dieser Maien verpflichtet.
Das Schützenregister bemerkt darüber im Jahre 1545:
„Es habenn die Schüzen zwey fuder meyhen aus der Specke zum fogell Schießen und ein fuder zum abschießen.
Sollich meyhen ist der Raht verpflicht zu geben.“
Die Zahl der auf dem Schießplatze errichteten Laub- und Bretterbuden war ursprünglich nur sehr gering.
Zuerst wird eine Zinnbude und ein Bierausschank erwähnt; später trat noch eine Glasbude, eine Zitronenbude und eine Pfefferkuchenbude hinzu.
Dazu kamen die von den Schützen für ihre Zwecke errichteten Buden.
Im Jahre 1732 waren es:
a) die Schießbude,
b) zwei Schützenbuden und
c) eine zwischen diesen zweien stehende Bude
„vor Cavaliers und andere Honoratiorum“.
Die Schützengesellschaft behielt sich insbesondere das Privilegium des Bier- und Weinschankes vor und verpachtete diesen alljährlich an den Meistbietenden.
Im Jahre 1728 bietet Elias Heinrich Ziegenbein für „das Privilegium des Bier- und Wein Schankes, auch Speisens und Tractements“
die Summe von 14 Talern und 12 Groschen.
Bei der Verpachtung im Jahre 1731 wird die Zinnbude an Christian Ziescher für 10 Taler verpachtet.
„Da Korn vor die Glaß Bude will nicht mehr als 2 Thaler geben, bleibt sie vor dießmahl unverlöset.“
Die Pfefferkuchenbude wird Schönberg für die Pachtsumme von 7 Talern und 12 Groschen überlassen.
„Wegen der Beutler Bude hat sich niemand gemeldt, desgleichen wegen der Citronen Bude.“
In dieser einfachen Gestalt hat sich unser Schützenfest lange erhalten.
Ein Anlauf, weitergehenden Ansprüchen zu genügen, wurde im Jahre 1835 unternommen.
Welcher Art dieser Versuch war, geht aus einer Bekanntmachung des „Wittenberger Kreisblattes“ vom 1. August des genannten Jahres hervor.
Sie lautet:
„Mit hoher landräthlicher Genehmigung werden Unterzeichnete, wie dies früher bei Gelegenheit des großen Vogelschießens hier stattgefunden, von heute an ein Weinschiff auf der Elbe etablieren und darin mit vorzüglich gutem Kirsch- und inländischem Wein nebst kaltem Imbiß aufwarten.
Wir laden unsere verehrten Gönner dahin ergebenst ein, bitten um zahlreichen Besuch und versprechen billige Preise und gute Bedienung.“
Lilia und Schulze
Die Sache scheint indessen keinen Anklang gefunden zu haben, denn fünf Jahre später ist von dem Weinschiff keine Rede mehr, und die Schankstätten waren wieder auf drei
– im Schießzelt,
– im Grenadierzelt und
– im Weinzelt beschränkt.
An sonstigen Buden waren in jener Zeit vorhanden eine Spielbude, eine Bude mit langen und kurzen Pfeifen, eine solche mit Glas- und Porzellansachen, eine Schirmbude und endlich die Ludwigsche Zinnbude und die Kuchenbude von „Kreuzbergs Hannchen“.
Das war aber auch alles.
Wollte man weiteres Vergnügen genießen, so mußte man selbst dafür sorgen, und das haben die Schützen und noch mehr die Grenadiere denn auch nach besten Kräften getan.
Bei dem Schießen scheint eine größere Abwechslung geherrscht zu haben.
Unter anderem war am Abend des ersten Schießsonntags das Nachtsternschießen sehr beliebt, bei dem die Flattern durch brennende Lämpchen ersetzt wurden.
Dieses hat sich noch bis Ende der fünfziger Jahre erhalten.
Den noch unvollkommenen Gewehren entsprechend wurde damals nur auf kurze Distanzen geschossen.
Die Vogelstange war also nicht so beschaffen wie jetzt.
Für den nötigen Festlärm sorgten die Grenadiere, die das Fest nach dem ersten Auszuge mit drei Salven anschossen, dann aber während der Festwoche eine Art Feldlager in ihrem Zelte imitierten.
Sie sandten Requisitionskommandos aus, die aus den umliegenden Dörfern Nahrungsmittel herbeischafften.
Brachte das Kommando ein Schwein mit, dann war großer Jubel im Lager; es wurde geschlachtet, Wurst gemacht und verzehrt.
Anfang der fünfziger Jahre strebten zuerst Major Liepe und Sekretär Michaelis und dann der Schützenoberst Strensch mit Erfolg eine Erweiterung der „Vogelwiese“ an.
Die Beschränkung, daß nur Einheimische dort Waren feilhalten durften, wurde aufgehoben und auswärtige Unternehmer und „Künstler“ zu dieser herangezogen.
In diese Zeit fallen auch die Versuche Mittmanns mit dem Tanzsalon, der sich aber nicht lange halten konnte, bis er in der neueren Zeit durch Christen und Balzer mit mehr Erfolg wieder eingerichtet wurde.
Die Genußfreudigkeit unserer Tage, die verbesserten Erwerbs- und Lebensverhältnisse haben eine rasche Weiterentwicklung des Schützenfestes geschaffen, auf dem jetzt neben dem Dampfe auch die Elektrizität zum Vergnügen der Massen mitwirken muß.
Wer aber heute die langen Reihen der dichtgedrängten Zelte sieht, aus denen abends das elektrische Licht in verschwenderischer Fülle strahlt, der kann sich nur schwer einen Begriff von der bescheidenen Gestalt des früheren Festplatzes machen, auf dem unsere Vorfahren sich in ihrer Weise ergötzten.
Geschossen wurde – wie schon bemerkt – nach der Scheibe, nach dem hölzernen Vogel und zuweilen auch nach einem hölzernen Sterne; in den fünfziger Jahren war das vorerwähnte Nachtsternschießen beliebt.
Die Scheiben waren mit den verschiedensten Figuren bemalt, die oft von humoristischer Art waren und derbkomische Verse als Unterschrift trugen.
Lange Zeit hindurch zeigten die Scheiben die Gestalt eines Türken, als des Hauptfeindes der Christenheit.
Als späterhin die Fürsten zur größeren Sicherheit ein Fähnlein Landsknechte in die Stadt legten, hielten die Schützen ihre Ehre dadurch verletzt und suchten ihrer Verachtung damit Ausdruck zu geben, daß sie nach einer Scheibe schossen, auf die ein Landsknecht gemalt war.