Ein Grundzug des deutschen Wesens ist sein Gemütsreichtum, in dem sich Kraft, Stärke und Gefühlsinnigkeit vereinigen.
In ihm liegen die Wurzeln der edelsten Tugenden:
– Familiensinn,
– Heimatliebe,
– Freude an der Natur und das
– Festhalten an den Gebräuchen und Sitten der Väter.
Seinen sinnfälligen Ausdruck findet dieser Gemütsreichtum in der Vielgestaltigkeit der deutschen Mundarten.
Man begegnet wohl zuweilen hier und da immer noch der Meinung, die Mundarten seien nichts Selbständiges, sondern nur eine Entartung oder Verwahrlosung der Schriftsprache.
Eine solche Meinung ist durchaus irrig.
Die Mundart und nicht die Schriftsprache ist das Ursprüngliche. Jede Landschaft, ja, oft sogar das einzelne Dorf haben ihren eigenen Dialekt.
Aus diesen Dialekten bildete sich dann je länger je mehr im zunehmenden Verkehr die Schriftsprache und zwar meistens in Anlehnung an die Sprache eines Landesteiles oder einer Stadt, die sich durch besondere Bedeutung auf wirtschaftlichem, politischem oder kulturellem Gebiete vor anderen auszeichnete.
So erhob sich aus den mitteldeutschen Mundarten die Sprache der „sächsischen Kanzlei“, die nach Martin Luthers Ausspruch
„die gemeine deutsche Sprache ist, welche beide, Oberländer und Niederländer, verstehen“, und die der Reformator daher als Sprache seiner Bibelübersetzung wählte.
Dieses große Werk, das seinesgleichen nicht in der Literatur hat, einigte die verschiedenen deutschen Stämme zu einer gemeinsamen Sprache und erhob die Sprache der Reformation, alle Schranken durchbrechend, zur Sprache der modernen Welt.
Während aber diese Schriftsprache – das Hochdeutsche – allmählich überall, in Schule, Kirche, vor Gericht und bei den Behörden, Brauch und Norm wurde, fuhren die Leute aus dem Volke fort, die Mundart zu sprechen, die sie von Voreltern und Eltern her gewohnt waren. Den Dialekt der engeren Heimat und nicht das, was man in der Schule lernte und im Verkehr mit den Behörden sprechen mußte, blieb die Sprache des Herzens, der unmittelbare Ausdruck der Freude und des Leides.
Besonders dort, wo das Hochdeutsche stark von der heimischen Mundart abwich, befreundete sich der ungelehrte Teil des Volkes nur widerstrebend mit dieser erzwungenen Ausdrucksweise.
Und da diese Leute das, was ihr Herz bewegt und ihr Auge erschaut, nicht immer im Schriftdeutsch zu denken und auszudrücken vermögen, sondern vielfach nur in der bodenständigen Mundart ihrer Heimat, so erklärt es sich, daß die Dichtungen in diesen Mutterlauten einen lauten Widerhall in ihrer Seele finden und diese viel tiefer erfassen und bewegen, als es die hochdeutsche Sprache vermag.
Weil der Wortschatz der Mundarten nur das Greifbare, das sinnlich Wahrnehmbare umschließt, so klingt alles, was in ihnen ausgesprochen wird, auch für jene, die gewohnt sind in schriftdeutschen Begriffen zu denken, viel unmittelbarer, machtvoller und treffender als in der hochdeutschen Schriftsprache, in der so manches verbraucht erscheint, so mancher Ausdruck durch gedankenlosen Gebrauch farblos und blutleer geworden ist.
Auch Menschen von idealster Gesinnung können es überdrüssig werden, fortgesetzt auf den Höhen zu wandeln, auf denen in steter Gleichförmigkeit und ohne Wechsel Weisheit und Formenschönheit herrschen, auf denen die Nebel der Gedankenwelt so oft auf Irrwege leiten.
Es ist durchaus nicht der Trieb zum Niedrigen und Gemeinen, der sie auf diesen Höhen überkommt, sondern die Sehnsucht nach dem urkräftigen Erdgeruch, nach der nährenden Scholle, das Verlangen nach den einfachen unverdorbenen Menschen, die im täglichen Verkehr mit der Natur, mit Wiese, Wald und Feld und ihren Lebewesen sich ihre Eigenart bewahrten, die den Bewohnern der Städte zumeist verloren ging.
Diese bodenständige Eigenart aber findet ihren Ausdruck im Klang und Wesen der Mundart.
Der ungekünstelte Humor, der zumal in unserer ernsten Zeit so nottut, der mit dem einen Auge lacht und mit dem andern weint, die „freundliche Gespaßigkeit“, wie es Ernst Moritz Arndt nennt, kommt nirgends so wirksam zum Ausdruck wie in der Mundart.
So haben wir in den Mundarten und ihren Dichtungen nicht allein ein fesselndes Bild des vielgestaltigen deutschen Volkstums, sondern auch den Jungbrunnen, aus welchem dem abgearbeiteten, müden Leibe der Schriftsprache neue Anregung, neue Kraft und Frische quillt.
Wenn ich auf zahlreiche Wünsche hin eine Reihe der von mir verfaßten „Erzählungen in der Mundart der Elbaue“ in Buchform zusammenstelle, so bin ich mir der Schwierigkeit dieser Aufgabe sehr wohl bewußt.
Diese Schwierigkeit liegt zunächst in der Schreibweise dieses Dialekts.
Man möge aber bedenken, daß es eine völlig zutreffende oder einheitliche Rechtschreibung der Mundarten überhaupt nicht gibt, wenn man nicht zu der gelehrt phonetischen greifen will, was hier aber vom Übel wäre.
Es kommt übrigens auch gar nicht auf den Buchstaben an, denn recht gelesen kann eine Mundart doch nur von dem werden, der ihren Klang deutlich im Ohre hat, und ihm ist ihre Schreibung doch mehr oder weniger gleichgiltig.
Eine zweite Schwierigkeit liegt darin, daß die Mundart der Elbaue nicht so selbständig und festumgrenzt ist wie etwa das Plattdeutsch in Fritz Reuters köstlichen Dichtungen.
Vor allem machen sich in ihr – hier mehr, dort weniger – die Dialekte der Nachbarlandschaften von Anhalt und Sachsen bemerkbar. Endlich aber wird das kundige Ohr in ihr das sprachliche Erbteil der niederländischen – flamländischen – Voreltern vernehmen, die im 12. Jahrhundert in unser den Slawen (Sorben) abgerungenes Heimatgebiet einwanderten und ihm ihre Kultur, Sprache und Sitte brachten.
Dessenungeachtet bietet die Mundart der Elbaue so viel Selbständiges und Eigenartiges, daß sie als vollberechtigt neben anderen Dialekten ihren Platz beanspruchen darf.
Daß meine liebe Frau als Kind der Elbaue mir namentlich hinsichtlich der Ausdrucksformen wertvolle Mithilfe leistete, sei dankbar anerkannt.
So möge denn das Büchlein seinen Weg in die Häuser nehmen und überall, wo man Sinn für heimatliche Art und Sitte und für ungekünstelten, harmlosen Humor im Ernste des Lebens hat, viel Freude bereiten.
Lutherstadt Wittenberg, Ostern 1930
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