Wie unsere Heimat von den Slawen zurückgewonnen wurde

Heinrich I.

Jahrhunderte hindurch tobte der wilde Eroberungskrieg zwischen Deutschen und Slawen.
Auf deutscher Seite wurde er von dem Adel Thüringens, Sachsens und Frankens geführt.
Meist waren es die jüngeren, durch die Erbfolge vom Grundbesitz ausgeschlossenen Söhne, welche die Hoffnung auf Beute und Landerwerb in den Kampf gegen die Slawen lockte.
Aber auch Landmüde und Abenteurer, denen Krieg und Waffenlärm anziehender erschienen, als ein arbeitsvolles Leben auf der heimischen Scholle, ergriffen gern die Gelegenheit, mühelos Besitz zu erwerben.
Da aber diese Kämpfe bisher meist bloße Beutezüge waren und ohne einheitlichen Plan geschahen, so war der eigentliche Erfolg gegen die Wenden nur sehr mäßig.
Erst mit dem Eingreifen der deutschen Königsgewalt gewann der Slawenkrieg Plan, Ausdehnung und damit gesicherte Ergebnisse.

Karl der Große schuf zum Schutze der Reichsgrenzen Marken, über die er Markgrafen als Grenzwächter setzte.
Links der Saale und mittleren Elbe schützte die Sorbenmark (limes sorabicus) die Ostgrenze, die von dem tapferen weisen Markgraf Thakulf bewacht wurde.
Gleichzeitig deckte Karl bei Dornburg und bei Halle den Übergang über Elbe und Saale durch zwei Grenzfesten.
So gestützt und geschützt konnten die deutschen Waffen und die deutsche Kultur ins Sorbenland vordringen.

Unter Karls schwächlichen Nachfolgern machte freilich dies Vordringen keine Fortschritte, eher läßt sich eine rückläufige Bewegung erkennen.
Noch im Jahre 902 brechen Sorbenscharen plündernd in Sachsen ein, und es kostet Herzog Otto dem Erlauchten nicht geringe Anstrengung, die beutegierigen Eindringlinge zurückzuwerfen.
Ein zweiter Einfall im Jahre 908 bringt dem fränkisch-thüringischen Heere, das sich den Sorben entgegenstellt, eine völlige Niederlage und dem Anführer Markgraf Burchard den Heldentod.

Noch eine andere Gefahr erschütterte das Deutsche Reich in seinen Grundfesten:
In der Ebene der Donau und Theiß hatte sich das wilde Reitervolk der Ungarn niedergelassen und überflutete von hier aus raubend und mordend die deutschen Gaue.
Das böse Beispiel reizte die Slawenstämme zur Nachahmung, und bald sehen wir die Daleminzier in Gemeinschaft mit den Ungarn auf beutereichen Raubzügen.

Da hatten die Wächter an der Ostmark einen schweren Stand. Jedenfalls konnte König Konrad Deutschland keinen größeren Dienst leisten, als dadurch, daß er auf dem Sterbebette in selbstloser, hochherziger Weise den ihm feindlich gesinnten Herzog Heinrich von Sachsen als seinen Nachfolger empfahl, da dieser der einzige Mann sei, der Deutschland in so schlimmer Zeit zu regieren vermöge.

Heinrich war wohlerfahren im wechselvollen Grenzkriege.
Schon als Jüngling hatte er im Auftrage seines Vaters, Ottos des Erlauchten, die Daleminzier siegreich niedergeworfen.
Weithin war sein Ruf und sein Ruhm gedrungen, und mit Jubel begrüßte darum das deutsche Volk den starken, kühnen und weisen Helden als Herrn.
Seine Hauptaufgabe erblickte Heinrich in der Niederwerfung der Ungarn.
Freilich hatte er anfangs gegen sie kein Glück.
Nach einer verlorenen Schlacht an der Mulde war er, krank und schwach, gezwungen, sich 924 in seiner Burg Werla bei Goslar zu verschanzen und das Land schutzlos den wilden Horden preiszugeben.
Das Glück fügte es, daß ihm bald darauf einer von ihren vornehmsten Führern in die Hände fiel.
Heinrich schlug alle Schätze aus, mit denen die Ungarn den Fürsten zu lösen trachteten, und forderte statt dessen einen neunjährigen Waffenstillstand.
Ja, er verstand sich sogar noch dazu, einen Tribut in Gold und Silber zu zahlen, um nur das eine zu erhalten:
Frieden für sein armes, gequältes Volk.

Bis auf weiteres war also das Land von den räuberischen Fremdlingen befreit.
Heinrich benutzte weise die erlangte Frist, um sich auf den Entscheidungskampf mit ihnen vorzubereiten.
Zunächst knüpfte er das gelockerte Band zwischen den deutschen Stämmen und der Königsgewalt wieder fest, indem er die widerstrebenden, nach schrankenloser Selbständigkeit lüsternen Herzöge mit Güte oder auch mit Gewalt zum Gehorsam zwang.
Die größeren Wohnplätze schützte er durch Wälle und Gräben, durch Schanzen und feste Mauern.
Jeder durch das Los bestimmte neunte Mann vom Lande mußte als Besatzung in eine solche Burg ziehen.
Die übrigen acht hatten für ihn den Acker mit zu bestellen und den dritten Teil der Feldfrüchte als Vorrat für Kriegszeiten in die Festungen zu liefern.
Da die Ungarn als geschickte Reiter mit dem Fußvolke allein nicht erfolgreich bekämpft werden konnten, so bildete Heinrich sich eine wohlgerüstete Reiterei, die er eifrig und regelmäßig im Gebrauche der Waffen übte.
Nun wandte er sich wieder gegen die slawischen Völkerschaften, welche die Ostgrenze seines Reiches beunruhigten.
Wie einst Karl der Große nach den Geboten der Klugheit nicht die unzuverlässigen Sachsen zwischen seinem Reiche und dem Slawenlande duldete, so wollte und konnte auch Heinrich nicht zwischen sich und den Ungarn die eroberungslüsternen Slawenstämme als beständige Gefahr bestehen lassen.
Im Jahre 928 besiegte er die Heveller und zerstörte ihre von Havelseen und Sümpfen umgürtete Hauptfeste Brennabor.
Ebenso unterwarf er Wilzen und Redarier.
Den Obotriten, welche bereits die Stadt Walsleben zerstört und die Einwohner ermordet hatten, bereitete er bei Lenzen a. d. Elbe eine blutige Niederlage.
Dann richtete er sein Schwert gegen die Daleminzier zwischen Elbe, Mulde und Chemnitz und eroberte ihre Feste Gana (jetzt Zahna) zwischen Lommatzsch und Mügeln nach zwanzigtägigem blutigen Kampfe.
Durch den hartnäckigen Widerstand und die erlittenen Verluste erbittert, sättigten die Deutschen ihren alten Groll durch Slawenblut; die Männer wurden sämtlich getötet, Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geschleppt.
Um den völlig niedergeworfenen Daleminziern jede fernere Erhebung unmöglich zu machen, gründete Heinrich als Stützpunkt seiner Macht und als Bollwerk gegen die Sturmflut der Ungarn auf den steilen Elbbergen des Daleminziergaues das befestigte Misni (Meißen), das also trotz seines slawischen Namens eine rein deutsche Schöpfung ist.
Von dieser Zwingburg aus überwand er die Milziener und Liutizen in der Lausitz.
Gleichzeitig eroberte er die alte Wendenfeste Liubusua – wahrscheinlich das heutige Lebusa bei Schlieben.
Nach der Schilderung Thietmars von Merseburg war Liubusua eine starke Burg mit zwölf Toren, die für 1.000 Mann hinreichend Raum bot.
Die gewonnene Feste diente nunmehr den Deutschen als Stützpunft gegen die Böhmen.
Im Jahre 1012 aber eroberte sie der Böhmenkönig Boleslaw und nahm mit ihr die ganze Lausitz in Besitz.

Bei den Wendenkämpfen verwandte Heinrich ein sonderbares Heer, die sogenannte Merseburger Schar.
Sie bestand aus Räubern, Verbrechern und anderen Männern, die friedlos geworden und der Rache des Königs verfallen waren.
Vor den Mauern Merseburgs eröffnete er für sie eine Freistatt mit dem Auftrage, von hier aus fortgesetzt in die Slawenländer, namentlich in das Gebiet der Daleminzier, einzubrechen.
Die Räuberlegion kam ihrer Aufgabe nach, allerdings selten in einwandfreier Art.
Die ehrlichen deutschen Krieger verachteten jene abenteuerlichen Gesellen und lehnten jede Gemeinschaft mit ihnen ab.
Schließlich ereilte sie denn auch das verdiente Schicksal.
Unter Führung des tapferen Grafen Esiko hatten sie den Böhmenkönig Boleslaw in die Flucht geschlagen und streiften nach ihrer bösen Gewohnheit in losen Haufen plündernd umher.
Unvermutet aber kehrten die Böhmen zurück, griffen die Räuberschar von neuem an und vernichteten sie völlig.

Von den Sorben zwischen Elbe und Saale wird uns in dieser Zeit nichts berichtet.
Offenbar waren auch sie zur Anerkennung der deutschen Herrschaft und zur Leistung von Tribut gezwungen worden.
Doch ließ man ihnen zunächst noch ihre eigenen Einrichtungen; sie behielten ihre Häuptlinge und ordneten ihre Angelegenheiten nach ihrem Stammesrecht.
Auch das Christentum blieb ihnen noch fern.
Die alte Grenze des Reiches, die Saale, sicherte Heinrich durch eine Reihe von Burgen, wie
– Merseburg,
– Naumburg,
– Leuchtenburg,
– Dornburg,
– Rudolstadt und
– Saalfeld.
Mittlerweile war der neunjährige Waffenstillstand mit den Ungarn abgelaufen.
In zwei mächtigen Heersäulen brachen diese 933 wieder in Sachsen ein.
Heinrich aber schmetterte die lüsternen Eroberer in zwei blutigen Treffen zu Boden und verleidete ihnen die Wiederkehr.

Im allgemeinen begnügte sich Heinrich I. damit, die alten. Grenzen des Reiches durch Unterwerfung und Tributpflicht der slawischen Nachbarstämme zu sichern.
Er kann also nicht im eigentlichen Sinne als Mehrer des Reiches und als Kolonisator nach Osten hin gelten.
Aber auf sein Wirken, auf seine Errungenschaften stützt sich die weitere Entwicklung der deutschen Erfolge in den Slawenländern; er legte den Grund, auf dem sein großer Sohn und Nachfolger Otto I. weiterbauen konnte.

Otto I. und Markgraf Gero

Unter Otto I., diesem hervorragenden Fürsten, gewann das deutsche Königtum viel an Macht und Glanz.
Mit fester Hand zwang er die widerstrebenden Vasallen zum Gehorsam und verschaffte durch energisches, zielbewußtes Vorgehen der deutschen Herrschaft und der deutschen Kultur Eingang in den Slawenländern.
Aus den eroberten Gebieten schuf er die Marken, als festgefügte und mit dem Reiche innig verbundene Gebilde.
An ihre Spitze stellte er Markgrafen, die an Selbständigkeit, Macht und Ansehen mit den Stammesherzögen wetteiferten und mehrfach ein wertvolles Gegengewicht wider deren Anmaßungen bildeten. Die erste dieser Marken, welche an der Unterelbe gegen die Obotriten, Polaben usw. errichtet wurde, war die „Billunger Mark“ oder „Sachsengrenze“ (limes saxonicus).
Im Süden derselben entstand die Nordmark, an die sich eine Anzahl anderer Marken anschlossen, von denen namentlich Merseburg und Zeitz hervortreten.
Doch verloren letztere ihre Bedeutung, nachdem im Osten die Mark Meißen aufkam, der die Lausitzer Marken vorgelagert waren.

Gegen die Slawen der unteren Elbe, Havel und Spree sandte Otto den sächsischen Grafen Hermann Billung, nach dem die schon genannte Billunger Mark ihren Namen erhielt.
Zum Grenzwächter der Gebiete zwischen Oder, Mittelelbe und Saale ernannte er 937 den nordthüringischen Grafen Gero.
Kein anderer war besser für diese gefahrvolle, arbeits- und verantwortungsreiche Stellung befähigt, als dieser wilde, trotzige Held, der uns wie ein zweiter Hagen des Nibelungenliedes erscheint. Ausgerüstet mit einem starken, zähen Körper, vermochte er alle Anstrengungen des Krieges ohne Ermüdung zu ertragen.
Mit bewundernswerter Tatkraft und seltener Umsicht verband er die List und Verstellungskunst des Fuchses und war darin selbst den verschlagenen Slawen überlegen.
Dazu stand er in unwandelbarer Treue zu seinem Herrn in einer Zeit, wo selbst die leiblichen Brüder dem Könige die Treue brachen, fest und unerschüttert da, wie ein Felsen im brandenden Meere.
Gegen die Feinde seines Kaisers kannte er kein Erbarmen, gegen sie war er grausam oft zum Entsetzen.
Von seinem Sitze Magdeburg aus führte er ein Vierteljahrhundert Iang Schlag auf Schlag gegen das Wendentum.
Die Geschichte rühmt, daß jede seiner Schlachten ein Sieg gewesen sei.
In der Wahl seiner Mittel war er freilich wenig bedenklich, wenn es galt, die Ziele seiner gewalttätigen Polistik zu verfolgen.
Gleich im Beginn seiner Laufbahn ließ er sich durch wendische Heimtücke zu einer grausigen Tat verleiten, die sein Gewissen lebenslang beschwerte.

Die Wenden, welche in ihm ihren Meister gefunden hatten, wagten nicht, offen gegen den Gewaltigen vorzugehen.
Was Tapferkeit nicht vermochte, sollte darum Hinterlist ersetzen: der starke Markgraf sollte heimtückisch ermordet werden.
Dann wollte man über sein Heer herfallen, das man ohne den erprobten Führer leicht zu besiegen hoffte.
Slawische Geschwätzigkeit oder Untreue verriet aber den feingesponnenen Mordplan, und Gero war schnell entschlossen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Mit freundlicher Botschaft sandte er seine Reiter zu den Wendenfürsten und lie0ß sie sie zu einen Gastmahl einladen.
Wohl waren diese derartige Freundlichkeit ihres schlimmsten Feindes nicht gewohnt, da sie aber nicht einzeln, sondern in der stattlichen Zahl von dreißig geladen waren, so argwohnten sie nichts Schlimmes und erschienen frohgemut in Geros Burg. Freundlich hieß er die seltenen Gäste willkommen und führte sie zur reichbesetzten Tafel.
Mit munteren Worten feuerte er die Schmausenden an, dem von den Wenden so geliebten berauschenden Mete zuzusprechen.
Sie bemerkten nicht das boshafte Lächeln, das über ihres Wirtes Gesicht huschte, als ein Zecher nach dem andern trunken unter den Tisch sank.
Als die Nacht ihren dunklen Schleier auf die Burg senkte, da hielt sich kaum noch einer der Wendenfürsten aufrecht auf seinem Sitze. Plötzlich dröhnte wie die Posaune des Gerichts die Stimme des Markgrafen den Wenden an das Ohr:
„Das Schwert heraus!“
Die Türen des Saales sprangen auf, und herein stürzten, wie eine hungrige Meute, Geros Krieger.
Nur wenige der Überfallenen waren noch fähig, das Schwert zu entblößen; sie erlagen des Rächers gewaltigen Streichen.
Nach kurzem, blutigen Ringen war die grausige Arbeit beendet.
Mit fahlem Lichte beschien der Mond den blutigen Schauplatz des schnöde gebrochenen Gastrechts und die Leichen der gemordeten Wendenfürsten.

Geros Blutsaat trug blutige Früchte.
Durch die entsetzliche Tat des Markgrafen zur höchsten Wut entflammt und so zu allem fähig, erhob sich das ganze Wendenvolk wie ein Mann gegen den Mörder seiner Fürsten.
Und vielleicht wäre es Gero auch mit Aufbietung aller Macht nicht gelungen, die wütenden Scharen zu besiegen, wenn nicht wieder slawische Treulosigkeit ihm zu Hilfe gekommen wäre.

Gero hielt einen Edlen aus dem Stamme der Heveller namens Tugumir gefangen.
Gegen Wiedergabe der Freiheit und reiche Geldspenden ließ dieser sich bewegen, sein Volk an die Deutschen zu verraten.
Mit Jubel nahmen die Stammesgenossen den angeblich aus der Gefangenschaft entronnenen Fürstensproß auf und kürten ihn, da die übrigen Fürsten durch Gero gemordet waren, zum Führer.
Der elende Verräter aber tötete meuchlings den letzten jungen Sproß der Fürstenfamilie und lieferte 940 Brandenburg, welches wieder an die Wenden verloren gegangen war, in Geros Hand. Diesem war es nunmehr ein leichtes, auch den Widerstand der übrigen Wenden niederzuwerfen.

Mittlerweile war Kaiser Otto in arge Bedrängnis geraten:
Der eigene ungeratene Sohn und der Schwiegersohn standen in offener Empörung gegen den königlichen Vater.
Der getreue Markgraf säumte nicht, auf seines Herrn Ruf zur Hilfe herbei zu eilen.
Vor den Toren Regensburgs schmetterte er mit scharfen Streichen die Empörung für immer zu Boden.

Aber bereits drohte eine neue Gefahr:
Die Ungarn waren abermals in Deutschland eingebrochen.
Wieder focht Gero treu und standhaft an seines Königs Seite und half die wilden Horden 955 auf dem Lechfelde niederwerfen, so daß ihnen die Rückkehr für immer verleidet wurde.

Die Wenden hatten sich durch den Einfall der Ungarn zu neuem Aufstande hinreißen lassen.
Jetzt zog ihnen das ganze königliche Heer unter Ottos eigener Führung entgegen.
Durch einen klugen, kühnen Angriff in den Rücken des Feindes errang Gero auch hier den Sieg.
Dem gefangenen Wendenfürsten Stoinef wurde der Kopf abgeschlagen, auf einen Pfahl gesteckt und vor ihm die gefangenen Wenden enthauptet.

Am längsten und heftigsten hatten die Liutizen die wendische Freiheit verteidigt, aber auch ihnen zwang jetzt das siegreiche Schwert des großen Markgrafen die Ketten der Knechtschaft auf, und mit ihnen beugten sich auch die Polen, durch Geros Erfolge erschreckt, der deutschen Macht.

Der Ruhmgekrönte mußte freilich diesen seinen letzten Sieg teuer bezahlen:
Sein heißgeliebter Neffe Siegfried, der Trost und die Freude seines einsamen Alters, erlag den Wendenpfeilen, nachdem kurz vorher auch sein einziger Sohn Gero kinderlos ins Grab gesunken war.

Der letzte Widerstand der Wenden zwischen Oder und Elbe war nunmehr gebrochen.
Völlig unterworfen wurden sie freilich erst gegen die Mitte des zwölften Jahrhunderts.
Bis dahin hatten die Markgrafen noch manchen harten Strauß mit ihnen zu bestehen.
Im Jahre 982, während Kaiser Otto II. im Kriege mit Apulien und Kalabrien verwickelt war, erhoben sich mehrere Wendenstämme unter dem Obotriten Mistiogus und fielen in die Stifter Brandenburg und Halberstadt ein; sie töteten beide Bischöfe und verwüsteten die ganze Gegend in fürchterlicher Weise.
Auf Befehl des Kaisers verband sich Erzbischof Giseler von Magdeburg mit den benachbarten Bischöfen und Grafen.
In einer gewaltigen Schlacht, der dreitausend Wenden zum Opfer fielen, besiegte er die Feinde, eroberte Brandenburg zurück und demütigte die Wendenstämme derart, daß sie auf lange Zeit keine neue Erhebung wagten.

Im Jahre 1115 aber, während die Reichsgewalt in nutzlosen Fehden mit den sächsischen und thüringischen Fürsten festgelegt war, drangen die Wenden wieder in die Länder Ottos des Reichen, zwischen unterer Mulde und Saale ein.
Graf Otto von Ballenstedt rückte mit siebzig Rittern und deren Reisigen gegen die Eindringlinge und errang bei Köthen über sie einen glänzenden Sieg.
Wenige Tage später lieferten die empörten sächsischen und thüringischen Großen dem Könige Heinrich V. am Welfesholze bei Sandersleben eine Schlacht, die dem kaiserlichen Feldherrn Graf Hoher von Mansfeld Sieg und Leben kostete.

Es finden sich keine Nachrichten darüber, daß Gero seine Amtsgewalt auch auf das eigentliche Sorbenland zwischen Saale und Elbe ausdehnte.
Von diesem Gebiete hören wir erst wieder im Jahre 968, wo uns die drei Marken Merseburg, Zeitz und Meißen genannt werden.
Diese Tatsache findet jedenfalls darin ihre Erklärung, daß die Sorben wieder in tschechische Abhängigkeit geraten waren.
Solange Otto I. durch dringendere Aufgaben festgehalten war, stand er hier von einem Eingreifen ab, wenn auch die von den Grenzgrafen geführten Kämpfe ihren Fortgang nahmen.
Als aber im Jahre 950 die Böhmen der deutschen Herrschaft unterworfen wurden, da war auch das Schicksal der Sorben zwischen Elbe und Saale dauernd entschieden.

Gero, „der große Markgraf von Gottes Gnaden“, konnte daher unbesorgt seine Romfahrt antreten, um die Gnade des zürnenden Gottes wiederzugewinnen.
Am Grabmal des Hl. Petrus legte er Harnisch, Helm und Schwert nieder und gelobte ein friedfertiges, gottgefälliges Leben.
Als ein weltsatter, wunschloser Mann kehrt er zurück und begibt sich in die von ihm 960 gestiftete Abtei Gernrode, wo er 965, acht Jahre vor dem Tode seines großen Königs, einsam stirbt – reich an Wunden und an Erfolgen, reich aber auch an Verfehlungen.
Sein Grabmal ist noch heute in der von ihm im romanischen Baustil errichteten Klosterkirche zu sehen.
In Lied und Sage aber lebt der mächtige Held fort; auch das Nibelungenlied gedenkt seiner als des großen „marcrâve gere“.

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