Die Einführung des Christentums

Die letzten Frankenkönige aus dem Geschlechte Chlodwigs waren Schwächlinge, und der letzte der Merowinger beschloß im Kloster sein tatenloses Leben.
An ihre Stelle traten die willensstarken, tatkräftigen Karolinger, die in Karl dem Großen ihren bedeutendsten Vertreter haben.

Nordschwaben und thüringische Sachsen hatten unter den schwachen Merowingerkönigen das Frankenjoch abgestreift.
Karl unterwarf sie von neuem und war mit großem Eifer bemüht, sie zum Christentume zu bekehren.
Zwar hatte der Christenglaube zu jener Zeit schon hier und da in Thüringen und im Schwabengau Fuß gefaßt.
Amalaberga, die Gemahlin des letzten Königs von Thüringen, war Christin – wohl die erste in unserer Heimat.
Später verkündete der Missionar Kilian mit Eifer aber wenig Erfolg die christliche Lehre.
Nach ihm tragen die Kirchen zu Heiligenstadt, Mühlhausen, Gispersleben u. a. ihren Namen.
Der eigentliche Bekehrer unserer Heimat aber ist Winfried, mit kirchlichem Namen Βοnίfαzius genannt.
Seine Person und sein gesegnetes Wirken ist mit vielen Sagen ausgeschmückt, die ihn mit zahlreichen Orten in Verbindung bringen. So zerstörte er, der Sage nach, bei Lohra das Bild einer heidnischen Göttin, erbaute bei Hecklingen eine Kapelle und stiftete bei Leipzig, am Zusammenfluß von Pleiße und Elster, ein Kloster. Bonifazius-Kirchen gibt es in Thüringen und Sachsen nicht wenige; doch verdanken diese jedenfalls nicht dem frommen Missionare, sondern späteren Geschlechtern ihr Entstehen, die ihnen in dankbarer Verehrung den Namen des großen Glaubensboten beilegten.
Wohl aber ist die Marienkirche zu Erfurt und vielleicht auch die alte Peter Pauls-Kirche in Kölleda von Bonifazius gegründet worden. Wie weit er nach Norden vorgedrungen ist, läßt sich nicht feststellen.
Ohne Zweifel aber haben seine Schüler auch unsere Heimat durchzogen.
So wirkte neben Bonifazius sein Gehilfe Wigbert in Nordthüringen in großem Segen.
Auch sein Gedächtnis wird durch zahlreiche Kirchen mit seinem Namen geehrt, u. a. durch die Kirchen in Allstedt, Riestedt und Osterhausen, die zugleich zu den ältesten Gotteshäusern unserer Heimat gehören.
In der Gegend von Zeitz hatte Boso, ein Mönch aus dem Kloster St. Emmeran bei Regensburg, „ein unzählig Volk“ gewonnen.
An ihn erinnert dort das ehemalige Kloster Bosa.

Aber noch hatte das Christentum nicht festen Boden gewonnen. Obgleich die nordthüringischen Sachsen und Schwaben den Franken untertan waren, so teilten sie doch Glauben und Sitten mit dem Hauptstamme der Sachsen, der von der unteren Elbe bis zum Unterlaufe des Rheins wohnte.
In einem dreißigjährigen blutigen Kampfe, von 772 bis 803, beugte Karl die unter ihrem kühnen Herzog Wittekind erbittert streitenden Sachsen unter seine Hand und unter die Macht des Christentums. Als die Bewohner des Schwabengaues den stammverwandten Sachsen bei dem Aufstande im Jahre 783 Hilfe leisteten, da mußten auch sie die Hand des gewaltigen Frankenherrschers fühlen.

Von nun an gewann das Christentum in unserer Heimat dauernd Eingang.
Beckmanns Historie von Anhalt berichtet, daß im Jahre 785, unmittelbar nach der Taufe Wittekinds, auch zwei anhaltische Fürsten, Aribo Beringer und sein Sohn, das Christentum annahmen. Karl d. Gr. soll sogar den jüngeren Beringer selbst aus der Taufe gehoben haben, welche der Bischof von Halberstadt vollzog.

Zur Ausbreitung und Befestigung der christlichen Lehre trug wesentlich auch die durch Errichtung von Bistümern geschaffene straffe kirchliche Organisation bei, die unsere Heimat dem Bistum Halberstadt und damit dem von Bonifazius gegründeten Erzbistum Mainz unterstellte.
Von diesen geistlichen Hochburgen aus zogen die frommen Sendboten zahlreich durch das Land und eroberten es durch Predigt und Taufe, durch Gründung von Kirchen und Klöstern dem Christentume.

Um dem neuen Glauben leichter und sicherer Eingang zu verschaffen, knüpften die Bekehrer in weiser Vorsicht an den alten Götterglauben, die Götterfeste, sowie an die alten Sitten und Gebräuche der Bewohner an, denen sie christliche Namen und christliche Deutung gaben.
So wurde das heidnische Fest der Sommer-Sonnenwende zum christlichen Johannisfeste, zur Ehre Johannis des Täufers.
Das Rad, welches man drehte, um das Heilige Feuer zu entzünden, wurde und wird noch heute in manchen Gegenden als Funkenreifen in die Luft geschleudert und den Berg hinabgerollt, oder auch als Blumenkranz an die Hauswand gehängt.

An die Stelle des Winter – Sonnenwendfestes, bei dem man Wodan zur Ehre den Juleber opferte, und während der „Zwölfnächte“ in rauschender Lustbarkeit lebte, setzte die christliche Lehre das Geburtsfest des Heilandes.

Das christliche Ostern löste das Fest zur Ehre der Frühlingsgöttin Ostara ab, von der es den Namen behielt.
Ostara brachte das neue Frühlingslicht;
schon der Name deutet dies an.
Es ist das aus dem Osten kommende Licht.
Das Wort ist gleichbedeutend mit dem alt indischen Worte usra,
d. h. Morgenröte.
Es konnte den christlichen Sendboten nicht schwer fallen, mit diesem jungen Lichte aus dem Osten eine ganz neue, auf Christi Auferstehung hinweisende Bedeutung zu verbinden.
Ostara wurde gleichzeitig aber auch als Göttin der Fruchtbarkeit verehrt.
In einem alten sächsischen Bardenliede heißt es dementsprechend: „Ostara, Ostara, der Erde Mutter, lasse diesen Acker wachsen und grünen, ihn blühen, Früchte tragen, Frieden ihm!
Daß seine Erde sei gefriedet, und sie sei geborgen.“
Zur Ehre der Frühlingsgöttin fanden an heiligen Orten Opferschmäuse statt, bei denen Milch und Honig nicht fehlen durften; es wurden Opferfeuer angezündet, in welche man Frühlingsblumen warf.
Noch heute erinnern die volkstümlichen Osterfeuer und Ortsnamen, wie Osterburg, Osterfeld, Osterberg, Osterwiese, an diesen Ostara-Kultus, und sicherlich sind auch Osterhase und Osterei, als Symbole der Fruchtbarkeit, diesem entsprungen.
Am Feste der Ostara spielte wahrscheinlich auch der Donnergott Donar eine Rolle.
Er hat es sich dann freilich gefallen lassen müssen, daß er seines roten Bartes und Haupthaares wegen in den Verräter Judas verwandelt wurde.
Nach ihm trägt auch der Donnerstag seinen Namen.
Wodans Gemahlin Freya = Frigg, deren Andenken in dem Namen Freitag, sowie im Worte „freien“ festgehalten ist, wurde in der christlichen Lehre zur Mutter Maria, und Loki, der falsche, treulose Feuerriese, erschien künftig als der Urheber alles Bösen, als Teufel. Das Totenreich Niflheim (Nebelheim) verwandelte sich, anknüpfend an den Namen der Todesgöttin Hela, in die Hölle, während Walhalla zum Orte der Seligen, zum Himmel wurde.

Diejenigen Götter, die man in der christlichen Glaubenslehre nicht unterbringen konnte, brandmarkte man als Unholde und böse Zauberer, während man die Zeiten und Orte ihrer Verehrung mit allerhand bösem Spuke umgab.
So wurde der Göttervater Wodan (Odin) zum wilden Jäger der Sage, der in dunklen Sturmmächten über Berge und Täler braust, und sein Gefolge, das Wodansheer, die Walküren, wandelte sich in das unheilkündende „wilde Heer“.
Auch die Schreckgestalt der Kinder, der „Knecht Ruprecht“, ist nichts anderes, als ein Abbild dieses Gottes.
Das geht schon aus dem Namen hervor, der von einem Beinamen Vodans, „hruodperat,“ d. h. der „Ruhmglänzende“, abgeleitet ist.
Mit noch größerer Deutlichkeit weist der „Schimmelreiter“, der in manchen Gegenden die Stelle des Ruprecht vertritt, oder als Spukgestalt ohne Kopf Abergläubische erschreckt, auf den Göttergewaltigen hin.
Die Erdmutter Herta wurde zur Zauberin Venus, zur Frau Holle und zur Roggenmuhme.
Die Götternacht des 1. Mai aber verwandelte sich zur spukerfüllten Walpurgisnacht, und die Walküren auf den Wolkenrossen wurden zu besenreitenden bösen Hexen, die Menschen und Vieh an Gesundheit und Leben bedrohen.
Die Götterbehausung auf dem Brocken geriet als Teufelsreich in Verruf.

Überaus zahlreich sind die Sagen und Ortsnamen, welche im Heidentum ihren Ursprung haben.
Der schlafende Barbarossa im Kyffhäuserberge ist in letzter Linie niemand anders, als der Götterkönig Wodan, dessen Wohnung die geheiligten Raben als Götterboten umflattern.
Der Judenberg bei Dessau, sowie das Dorf gleichen Namens bei Gräfenhainichen, haben nichts mit dem Volke Israel zu schaffen; es sind vielmehr ehemalige Verehrungsstätten des „Gude“, d. i. des Gottes Wodan.

Ein Überrest des Wadan- Kultus ist auch der in manchen Gegenden herrschende Brauch, bei der Ernte den Ietzten Büschel Halme ungemäht stehen zu lassen – für Wodan und sein Roß.
Früher wurde dabei vielfach folgende Zeremonie beachtet: Nachdem die Schnitter das letzte Feld gemäht, sammelten sie sich um die letzten stehen gebliebenen Halme, und schlugen dreimal an die Klingen der aufrecht stehenden Sensen.
Hierauf gossen sie einen Teil von ihrem Erntetranke auf den Halmbüschel und einen Teil auf das gemähte Feld, während sie den Rest selbst tranken.
Die Frauen aber schütteten alle Brotkrumen aus ihren Körben auf den Acker.
Unzweifelhaft ist dieser Brauch ein Überrest des beim germanischen Erntedankfeste üblichen Wodansopfers.

An vielen Orten unserer Heimat gibt es sogenannte Teufelssteine –  erratische Blöcke, die ursprünglich dem Donnergotte geweiht waren.
Der „Lügenstein“ vor dem Dome zu Halberstadt ist nichts anderes, denn ein ehemaliger Opferstein, auf dem die heidnischen Sachsen ihrer Gottheit blutige Opfer brachten.
Die christlichen Missionare aber verwandelten den Block in einen Lügenstein oder Teufelsstein, und knüpften daran die Sage, der Teufel habe ihn beim Baue des Domes herabgeworfen.
Ähnlichen Ursprung mag wohl auch der Name der Teufelsmauer bei Blankenburg im Harze haben.
Die „Teufelsmühlen“, zwei gewaltige Haufen Steinblöcke in der Nähe der Viktorshöhe, erinnern an den Riesen, der dem Götterobersten in einem Winter eine stattliche Burg baute.
Auf den Rat des tückischen Loki aber betrog Wodan den Riesen um den versprochenen Lohn, und bereitete durch diesen Treubruch den Untergang der Götter, die „Götterdämmerung“, vor.
Das Christentum veränderte die Sage so, daß an die Stelle des listigen Loki der pfiffige Müller von Gernrode, und an die Stelle des Riesen der Teufel gesetzt wurde.
Auch in dem Namen der Burg Giebichenstein vermutet man die Bezeichnung für einen heidnischen Halbgott „Gibich“, dessen Wohnsitz in Steinen und Felsen sich befand.
Ebenso scheint der Questenberg bei dem gleichnamigen Orte im Südharze eine altheidnische Opferstätte gewesen zu sein, wie denn auch das sogenannte Questenfest selbst und die dabei beobachteten Gebräuche, entgegen der landläufigen Sage von dem wiedergefundenen Ritterfräulein, mehr auf ein Opferfest zur Ehre des Sonnengottes Baldur hinweisen.

An das Riesengeschlecht erinnern auch die Sagen vom Mägdesprung, der Roßtrappe, sowie von dem zum Bismarckdenkmal gewordenen Riesensteine bei Aschersleben und die vielfachen Riesenberge.
Mit unvermindertem Interesse lauschen noch heute unsere Kleinen den zahlreichen Märchen von Zwergen, Nixen und Kobolden, die als Erd- und Wassergeister viele Orte der Heimat mit geheimnisvollem Leben erfüllen.

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