Die ältesten Bewohner

Die historischen Funde können kein lückenloses Bild der ältesten Kultur unserer Heimat geben.
Noch viel weniger ist dies hinsichtlich ihrer ältesten Bevölkerung möglich.
Die Geschichte vermag nicht zu sagen, welcher Volksstamm hier zuerst feste Wohnplätze einnahm.
Nur soviel steht fest, daß unser Heimatboden nacheinander Bewohner der verschiedensten Abkunft trug.

Vielleicht siedelten sich in vorchristlicher Zeit hier die den Indogermanen zugehörigen Kelten an.
Sicher ist wenigstens, daß die keltischen Stämme, welche Cäsar am linken Rheinufer antraf, von germanischen Völkerschaften aus Mitteleuropa verdrängt waren.
Sprachkundige vermuten in dem Namen des Höhenzuges Finne das keltische Wort penna = Höhe, und schließen aus der Bezeichnung Halle (keltisch Salzort), daß keltische Bewohner hier zuerst die Tätigkeit des Salzsiedens ausgeübt haben.
Andere freilich widersprechen mit gewichtigen Gründen dieser Ansicht.

Zur Zeit der Geburt Christi gehörte unsere Gegend zum Herrschaftsgebiete der Altthüringer, der Hermunduren, während am rechten Ufer der Elbe, um schwarze Elster, Spree und Havel, der zur Suevengruppe gehörige Volksstamm der Semnonen saß.
Die Bezeichnung Senland für die Gegend um den Aland, die Namen Seehausen (Senhausen), Zahna (Sene), Senst (Sensatin) führen Sprachforscher auf semnonische Ansiedelungen zurück.
Jedenfalls stand die Kultur der Semnonen nicht viel höher, als etwa die der Eingeborenen auf den Inseln des Bismarckarchipels.
Die Ansetzung der Hermunduren hatte in unserer Heimat wohl schon seit der Zeit Alexanders d. Großen begonnen.
Ortsnamen mit der Endung „leben“ (von leiba, d. i. das Ver-bleibende, das Erbgut), welche ausschließlich altthüringischen Ansiedelungen eigen ist, lassen uns noch heute den Umfang des Hermundurengebietes erkennen, das im 1. Jahrhundert n. Chr. von der Elbe bis an die Donau sich erstreckte.
Aus den Hermunduren entstanden durch Verschmelzung mit anderen Völkerschaften (Angeln und Warnen) die Thüringer.
Um das Jahr 500 herrschte über das Thüringerreich der König Bisino, der in Bisiniburg, dem heutigen Bösenburg im Mansfelder Seekreise, seinen Wohnsitz hatte.
Nach seinem Tode teilten sich die drei Söhne in das Reich:
– Balderich erhielt den südlichen Teil bis zum Thüringerwalde,
– Berthar das Mittelstück bis zur Unstrut,
– während dem ältesten Sohne, Irminfried (Germanfried), der nördliche Teil zufiel.
An der Scheide seines Gebietes baute dieser sich eine Burg: Schidingeburg oder Burgscheidungen.

Von politischen Rücksichten geleitet, vermählte er sich mit der vandalischen Königstochter Amalaberga, einer Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich d. Große.
Diese Heirat aber wurde Irminfrieds Unglück und Thüringens Verderben.
Amalaberga war ein stolzes, herrschsüchtiges Weib, und Irminfried war leider nicht der Mann, der ihre Herrschsucht meistern konnte. In unbedachtsamer Weise nährte der große Theoderich den unbeugsamen Stolz der an seinem Hofe erzogenen Nichte.
„Amalaberga“ – so schrieb er an Irminfried – „ist nicht nur durch ihre Abkunft eine Zierde, sondern auch durch ihre Würde.
Darum wird dein Thüringen nicht weniger hervorleuchten durch ihre edlen Sitten, als durch seine Triumphe.
Wir können dir daher nichts Größeres bieten, als wenn wir dich mit einer so bevorzugten Frau verbinden.“

Thüringen mit seinen herben, dunklen Wäldern vermochte nicht, der verwöhnten Prinzessin den lichten, warmen Süden zu ersehen. Das bescheidene Hoflager zu Scheidingen ließ ihrer Genußsucht das glänzende Leben am Königshofe zu Ravenna schmerzlich vermissen. Auch verstanden die derben, geraden Thüringer nicht, ihr zu schmeicheln wie die glatten Höflinge der Heimat.
Mit um so größerem Eifer ging sie daher an die Ausführung ihrer ehrgeizigen Pläne.

Der geringe Anteil am Thüringerreiche genügte AmaIabergas Herrschsucht nicht; sie wollte über ganz Thüringen gebieten.
Den anfänglichen Widerstand Irminfrieds besiegte sie durch Bitten, durch Schmeicheleien und zuletzt durch eine List.
Es wird erzählt, daß sie dem Gemahle eines Tages nur den halben Tisch gedeckt habe, und als er verwundert nach dem Grunde fragte, sei ihm die hohnvolle Antwort geworden:
„Dem halben Könige der halbe Tisch, dem ganzen Könige der ganze.“

Das wirkte. Unerwartet überfiel Irminfried seinen Bruder Berthar, der im Kampfe Besitz und Leben verlor.
Hierauf wandte er sich gegen den zweiten Bruder.
Aber Balderich verteidigte sich heldenmütig.
Zu seiner Unterwerfung verband sich Irminfried mit dem Feinde des Thüringereichs, dem Frankenkönige Theuderich, dem ältesten Sohne Chlodwigs, welchem er die Hälfte des zu erobernden Landes versprach.
Und in Voraussicht der sicheren Beute säumte der Franke nicht, zu der häßlichen Bruderfehde sein Schwert zu leihen.
Der vereinten Macht konnte Balderich nicht widerstehen.
In einer blutigen Schlacht verlor er Reich und Leben.
Amalaberga hatte ihren Zweck erreicht:
Ganz Thüringen huldigte ihr als Königin.

Jrminfried war wohl geneigt, den Franken den versprochenen Lohn zu geben, aber wieder war es Amalaberga, die dies zu hintertreiben wußte.
Dem drängenden Frankenkönige ließ sie zuletzt eine beleidigende Antwort überbringen, die diesen aufs äußerste empörte.
Nur die Furcht vor dem mächtigen Ostgotenherrscher Theoderich hielt ihn ab, sogleich an dem wortbrüchigen Irminfried blutige Rache zu üben.
Als der Gefürchtete aber im Jahre 526 starb, da sammelte der Erzürnte die Frankenstämme zum Rachezuge und brach mit ihnen 531 in Thüringen ein.
An der Grenze seines Reiches, bei Ohrum an der Oker, erwartete Irminfried mit einem starken Heere den Gegner.
In einem blutigen Treffen wurde der Thüringerfürst geschlagen und floh.
Die Reste seines Heeres stellte er hinter Verschanzungen auf den Ronnebergen an der Unstrut auf.
Drei Tage währte hier das schreckliche Morden.
Endlich mußten aber die Thüringer den Franken weichen.
Eine große Anzahl fand ihren Tod in den Wellen der Unstrut.
Alte Chroniken berichten, daß der Fluß voll von den Haufen der Leichname gewesen sei.
Irminfried rettete sich mit seinen letzten Mannen in seine Feste Burgscheidungen, vor der sich nun der Schlußakt des blutigen Völkerdramas abspielte.
Wiederholt versuchten die Franken, die Burg zu stürmen, doch der feste Bau trotzte ihren Anstrengungen.
Theoderich, in den Feldschlachten stets siegreich, schwächte seine Macht erfolglos an den Mauern von Scheidingen.
Man riet dem Könige, die Belagerung vorläufig abzubrechen und mit verstärktem Heere wiederzukommen.
Allein Theoderich fürchtete mit Recht, daß Irminfried in seiner Abwesenheit sich mächtiger als vorher rüsten und ihm dann einen noch größeren Widerstand leisten, ja, den Sieg ganz in Zweifel stellen werde.
Auf den Rat eines alten Ritters schickte er deshalb Gesandte an die Sachsen, um sie unter großen Versprechungen zum Kampfe gegen die Thüringer zu gewinnen.
Die Sachsen willigten in das Bündnis ein und sandten ihre Hilfstruppen unter Führung des Fürsten Bernwald.
Mit Mut und Erbitterung wurde auf beiden Seiten gestritten; erst die hereinbrechende Nacht beendete das blutige Ringen.
Irminfried erkannte, daß er sich nicht länger zu halten vermochte. Da war es wieder die ränkevolle Amalaberga, die durch List Thüringens Geschick zu wenden suchte.
Durch reiche Geschenke ließ sie die Franken bestechen und überreden, gemeinsam mit den Thüringern über die Sachsen herzufallen und sie zu vernichten.
Und Theoderich, der gekommen war, an den Thüringern Treubruch zu rächen, ging auf den Vorschlag ein, und brach jetzt selbst um schnöden Vorteils willen den Sachsen die Treue.

Die Nachricht von dem schändlichen Verrate wurde aber den Sachsen noch rechtzeitig hinterbracht, und diese beschlossen, den treulosen Franken zuvorzukommen.
Um die Mitternacht vom 30. September bis 1. Oktober 531 erstürmten die Sachsen die Burg und richteten unter den  sich gesichert wähnenden, nun aufs äußerste bestürzten Thüringern ein furchtbares Blutbad an.
Nur wenige entkamen, unter ihnen Irminfried mit den Seinen.

Ruhelos irrte der letzte König von Thüringen noch jahrelang mit Weib und Kindern umher.
Aber Theoderich fürchtete auch den armen, unglücklichen Flüchtling noch.
Mit gleißnerischen Worten lockte er Irminfried nach Zülpich und tötete ihn dort heimtückisch durch einen Stoß von der Stadtmauer im Jahre 534.
Die stolze Amalaberga, deren maßlose Herrschsucht Irminfrieds Unglück und Thüringens Untergang verschuldet hatte, rettete sich mit ihren Kindern zu ihren Verwandten im Süden.

In Lied und Sage aber lebt der letzte Thüringerkönig fort; er tritt auch im Nibelungenliede auf, wo er Volkers Schwerte erliegt.
Thüringen wurde eine Beute der Franken und Sachsen.
Die Franken nahmen den südlichen Teil in Besitz, während sie Nordthüringen d. i. alles Land nördlich von der Unstrut bis zur Bode den Sachsen überlassen mußten.

Die Einwanderung der Sachsen dauerte sicher auch nach dem Jahre 531 noch fort und erstreckte sich über die Bode hinaus bis an die Elbe.
Bezeugt doch die Stadt Salzwedel (ursprünglich Soltwedel) in ihrem Namen schon den sächsischen Ursprung (wedel – bedeutet nieder-sächsisch Furt).
Auch reden die nordwestlichen Gebietsteile der Provinz Sachsen heute noch vorwiegend das niedersächsische Platt.
Den Namen Sachsen soll jener Volksstamm nach seiner Lieblingswaffe tragen – einem kurzen, messerartigen Schwerte,
sahs genannt.
Von ihnen ging der Name auf die eingenommenen Gebiete über.

Die Sachsen werden als ein schön gebauter, kräftiger Menschenschlag geschildert.
Langes, blondes Haar wallte von ihrem Haupte frei auf die Schultern nieder.
Ihre Sitten waren schlicht und einfach.
Die Freiheit galt ihnen als kostbarstes Gut.
Mit großer Zähigkeit hingen sie an den überkommenen Sitten und Gebräuchen.
Daraus erklärt sich auch der erbitterte Widerstand, den sie Karl dem Großen und seinen Bekehrungsversuchen entgegensetzten. Von der charakteristischen Form ihres Wohnhauses wurde bereits früher berichtet.

Die Franken hatten sich in den eroberten thüringischen Gebietsteilen, welche sie den Sachsen notgedrungen überlassen mußten, die Oberhoheit vorbehalten.
Die Sachsen waren indessen gewohnt, frei und unbeschränkt im Lande zu leben.
Um dem fränkischen Drucke zu entgehen, schlossen sich daher 25.000 nordthüringische Sachsen aus dem Vorlande des Harzes dem König Alboin an, als dieser im Jahre 569 seine Langobarden nach Italien führte.

In die verlassenen Gebiete zwischen Harzwipper, Bode und Saale rückten nun mit Erlaubnis des Frankenkönigs Friesen und Hessen ein, besonders aber Sueven, „Nordschwaben“ von unbekannter Herkunft.
Sie verliehen jenem Gebiete, der Wiege des heutigen Herzogtums Anhalt, den Namen „Schwabengau„.

Die ausgewanderten Sachsen hatten in der Ferne die erträumte Freiheit nicht gefunden.
Daher kehrten sie in die verlassene Heimat zurück, und suchten die eingewanderten Fremdlinge mit dem Schwerte zu vertreiben.
Sie unterlagen jedoch und mußten sich begnügen, in der Heimat neben den Schwaben unbehelligt wohnen zu dürfen.

Jene Nordschwaben gereichten den von ihnen bewohnten Gebieten zu großem Segen.
Mit erfolgreichem Fleiße rodeten sie die dichten Wälder und gründeten – im Gegensatz zu den Sachsen, die auf abgesonderten Wohnstätten lebten – zahlreiche Dörfer.
Die Stammeseigentümlichkeiten der tätigen Fremdlinge gingen bald in der Kultur der neuen Heimat auf.
Nur die Endung der Ortsnamen auf „schwende“ oder „schwande“ (d. h. zum Schwinden gebrachter Wald) erinnert noch an diese ehemaligen Bewohner.

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