Die älteste Zeit

Die deutsche Kultur kann sich bezüglich des Alters weder mit der Kultur der Völker des klassischen Altertums, noch mit jener des Morgenlandes messen.
Nach diesen aber genießt sie den Vorzug, die älteste Kultur Europas zu sein.
Die zahlreichen und mannigfaltigen historischen Funde aus den verschiedensten Gegenden unserer Heimat beweisen, daß diese an allen Perioden der deutschen Kultur hervorragend beteiligt ist.
Als noch unwirtliches Eis weite Strecken unserer Heimat bedeckte
(Durch genaue Untersuchungen der Erdschichten und der darin aufgefundenen Tier- und Pflanzenreste ist festgestellt, daß unsere Heimatgebiete zweimal vom Inlandeise überzogen wurden, und daß diese beiden Eiszeiten (Glazialperioden) von einer Periode mit wärmerem Klima, der sogenannten Interglazialzeit, unterbrochen wurden.)
– also vor etwa 35000 Jahren – da belebte schon ein dünngesäter Menschenschlag das eintönige Landschaftsbild.
Rauh und wild wie der Heimatboden, der ihn trug, befriedigte er seine geringen Bedürfnisse durch Erlegen des Wildes, welches das Land in der Gestalt von Nashorn, Moschusochse, Elch, Lemming, Höhlenbär und anderen Siedlern des Nordens hinreichend bot.
Der fortgesetzte und endgültige Rückgang des Eises gewährte dem Menschen günstigere Lebensbedingungen und weitere Ausbreitung. Seine Nahrung bildeten noch ausschließlich wildwachsende Früchte und das Fleisch der erlegten Tiere, welche ihm durch ihr Fell zugleich die notwendige Bekleidung lieferten.

Die Waffen und Geräte jener Zeit, der älteren Steinzeit oder paläolithischen Zeit, zeigen, die denkbar einfachste Gestalt.
Sie sind im wesentlichen aus Steinen – besonders aus Feuersteinen – gefertigt, denen man durch Absplitterung die gewünschte Form und die scharfe Schneide zu geben wußte.
Steinbeile und Steinhämmer dienten dem Menschen der vorgeschichtlichen Zeit beim Zurichten der dürftigen Wohnung, Pfeile und Speere mit steinernen Spitzen gebrauchte er als Waffen gegen seine Feinde und zur Erlegung des Wildes, mit Steinmessern schabte und schnitt er das Fell der erbeuteten Tiere zur Kleidung, welche er mit Dornen zusammensteckte.
Die Wohltat des Feuers kannte man bereits und benutzte sie sowohl zum Schutze gegen den Frost, als auch beim Zubereiten der einförmigen Nahrung.
Zwischen dieser Urzeit und der folgenden Periode liegt ein Zeitraum, für welchen die ziffernmäßige Benennung fehlt.

Diese nächste Periode die jüngere Steinzeit oder neolithische Zeit reicht etwa von 5.000 bis 2.000 v. Chr.
Der jüngere Teil dieser Periode liefert reichhaltiges Material zur Beurteilung dieser Kulturstufe.
Die Gletscher sind verschwunden, und auf dem eisbefreiten Boden hat sich unter dem milder gewordenen Klima eine reichere Vegetation entwickelt.
Die der Eiszeit eigentümlichen Tiere, Mammut und Höhlenbär, sind ausgestorben; in Höhlen und Klüften bleichen ihre Gebeine.
Das Renntier, welches dem Menschen der Eiszeit unentbehrlich war, folgte seiner Nahrung, den Moosen, nach Norden.

Der Mensch der jüngeren Steinzeit steht auf einer höheren Stufe der Kultur als jener der früheren Perioden.
Zwar charakterisiert er sich immer noch als Jäger, der dem Auerochsen, Hirsch, Reh, Wildschwein, Bär und Wolf nachstellt, doch weiß er bereits Tiere, wie Schaf, Ziege, Rind, Schwein und Pferd, zu zähmen und auch gelegentlich etwas Getreide zu bauen. Die den Toten beigegebenen Spinnwirtel bezeugen, daß die Frauen schon die Kunst des Spinnens übten.
Handmühlen und Getreidequetschen, welche man nicht selten in den Grabstätten aus jener Zeit findet, wissen von der Verwendung der Feldfrüchte zu berichten.
Die Waffen, Geräte und Werkzeuge sind vervollkommnet.
Sie bestehen aus Feuerstein, Diorit (Grünstein), Grauwacke und Kieselschiefer.
Auch Holz, Horn, Knochen und gebrannter Ton finden Verwendung; Tierzähne sind mit geschickter Hand zu Schmucksachen verarbeitet. Steinhämmer, Steinbeile und Steinmesser werden nicht mehr ausschließlich durch Abspalten gewonnen, sondern durch Schleifen und Polieren in gefälligere Formen gebracht.
Gleichzeitig werden auch größere Werkzeuge verfertigt, welche von dem Gefühl für Anmut und Zierlichkeit Zeugnis ablegen.
Ihre Anfertigung nahm gewiß oft Monate in Anspruch, wie wir dies z. B. von den ähnlichen Steinarbeiten der Bewohner Neuseelands aus unseren Tagen wissen.
Zum ersten Male treten uns jetzt auch die Erzeugnisse der Töpferei entgegen.
Zunächst ohne Drehscheibe und wenig kunstvoll verfertigt, nehmen diese Becher, Krüge, Urnen und Töpfe stetig an Reichtum und Schönheit der Formen zu.
Als Fundort für die bezeichneten Waffen, Werkzeuge und Gefäße kommen außer den Niederlassungen ganz besonders die noch zahlreich vorhandenen Grabstätten in Betracht.
Und zwar lassen sich in unserer Heimat vorzugsweise zwei Arten der Totenbestattung erkennen:
– die Dolmen oder Steintische und
– die Hünengräber.
Die Dolmen (von dem bretonischen Worte dol = Stein und men = Tafel) bestehen aus rohen, senkrecht stehen den Steinen, über die andere als Decke gelegt sind.
In diesen Räumen wurden die Toten in hockender Stellung mit Waffen, Werkzeugen und Geräten beigesetzt.
Häufiger als die Dolmen finden sich die Hünengräber, auch Steinhäuser genannt.
Es sind steinerne Grabkammern (Steinkisten), über denen ein Hügel aufgeworfen wurde, welcher oft eine größere Anzahl von Skeletten oder auch Urnen mit Leichenbrand birgt.
In Gegenden, denen die Steine fehlen, finden sich auch andere Bestattungsarten.
Die Mitgabe von Waffen, Werkzeugen und zahlreichen Gebrauchsgegenständen läßt wohl den Schluß zu, daß auch in der Bevölkerung jener Tage der Glaube an ein Fortleben nach dem Tode schlummerte.
Auch mehr oder weniger deutliche Spuren menschlicher Wohnstätten hat uns die Steinzeit hinterlassen.
In sumpfigen, der Überschwemmung ausgesetzten Gegenden waren dies die bekannten Pfahlbauten, deren Überreste man u. a. in der Elsterniederung bei Leipzig fand.
Anderwärts bestanden sie aus trichterförmigen Gruben, über denen nur ein Dach aus Baumzweigen errichtet wurde.
Doch trifft man auch schon Häuser aus Pfosten mit lehmbekleideten Stakwerk und Schilfdächern.
Ein jäher Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit hat nicht stattgefunden.
Die ersten Metalle, welche den Bewohnern unserer Heimat bekannt wurden, waren Kupfer und Bronze – eine Mischung aus Kupfer und Zinn. Nach letzterem Metalle führt daher die nun folgende Periode den Namen Bronzezeit.

Die ältere oder nordische Bronzezeit reicht von 2000 bis 1200 v. Chr.
Zunächst blieben auch in dieser Periode noch vorwiegend Waffen und Werkzeuge aus Stein im Gebrauch, ebenso Geräte von Knochen, Horn, Holz und gebranntem Tone.
Mehr und mehr gelangten aber die Metalle zur Herrschaft.
Zeigten sie sich doch durch größere Verwendbarkeit und bestechenden Glanz den Steinen und anderen bisher gebrauchten Stoffen weit überlegen.
Die Funde aus der Bronzezeit nehmen daher nicht allein an Zahl, sondern auch an Mannigfaltigkeit der Formen zu.
In Betracht kommen vorzugsweise Äxte, Beile, Dolche, Meißel, Schwertstäbe, Gewandspangen (Fibeln), Arm- und Halsringe, teils aus Kupfer, aber mehr noch aus Bronze.
Als Ursprungsland der Bronze ist wohl Mesopotamien anzusehen. Von da aus verbreitete sich das begehrte Metall über Phönizien nach den Mittelmeerländern, dem nördlichen Europa und also auch über unser Gebiet.
Während der Bronzeperiode fand auch die Sitte der Leichenverbrennung immer mehr Eingang.
Der Leichenbrand wurde in tönernen Urnen gesammelt und in Hügeln entweder mit Steinpackung oder ohne diese beigesetzt.
Die einzelne Grabkammer ist oft nicht viel größer, als das umschlossene Tongefäß.
Da aber viele Grabstätten beieinander liegen, so haben die Urnenfelder nicht selten eine ansehnliche Ausdehnung, wie z. B. das große Gräberfeld bei Halle.
Offenbar liegt dieser Bestattungsart der fortgeschrittenere Glaube an das Fortleben der Seele nach dem Tode und an die reinigende und läuternde Kraft des Feuers zugrunde.
Die Menschen dieser Periode waren vorzugsweise Viehzüchter.
Wo der Boden sich mit den noch dürftigen Werkzeugen willig und erfolgreich bearbeiten ließ, besonders in den Niederungen, ging man mehr und mehr zum Ackerbau und damit zur größeren Seßhaftigkeit über.

Gegen Ende dieses Zeitraumes tritt das Eisen auf, zunächst vereinzelt, dann immer zahlreicher.
Am frühesten findet es sich im Süden.
Die bedeutendsten Funde geschahen bei Hallstatt in Österreich (Salzkammergut).

Die jüngere Bronzezeit reicht bei uns von 1200 bis 800 v. Chr.
Die Verwendung der Bronze zu Waffen, Schmuck, Geräten und Werkzeugen nimmt in dieser Zeit fortgesetzt zu.
Jetzt werden jene Erzeugnisse nicht lediglich von Süden her durch griechische und etruskische Händler eingeführt, sondern in unserer Heimat selbst verfertigt, wie aus den verschiedentlich aufgefundenen Gußformen zu erkennen ist.
Dabei überraschen diese Bronzen durch vorzügliche Bearbeitung, freie Beherrschung der Technik sowie durch Reichtum und Schönheit der Formen.
Ebenso zeichnen sich die Tongefäße dieser Zeit durch saubere Arbeit und reichere Ornamentierung aus.

Es folgt die frühe Eisenzeit 800 bis 400 v. Chr.
Die zahlreicher auftretenden Spuren menschlicher Siedelung sowie die wachsende Ausdehnung der Urnenfelder lassen darauf schließen, daß die Bevölkerung dichter und dauernd seßhaft geworden ist.
Der Grund hierfür liegt offenbar darin, daß der Ackerbau mehr und mehr Hauptnahrungszweig wurde.
An angebauten Früchten finden sich Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Linsen und Bohnen.

Die nächste Kulturperiode ist die Latènezeit oder die entwickelte Eisenzeit, die von 400 bis 100 v. Chr. reicht.
Den Namen Latène (die Untiefe) trägt sie nach dem diese Periode am besten charakterisierenden reichen Funde in einem Pfahlbau am Neuchâteler See.
Den Ausgangsort dieser Kultur zeigen die aufgefundenen römischen und mazedonischen Münzen an.
Bronze und Eisen werden gleichmäßig verarbeitet; doch findet das erstere Metall vorwiegend zu Schmucksachen Verwendung, während das letztere vor allem das Material für Waffen und Geräte der mannigfachsten Art liefert.
Daneben finden sich vereinzelt auch schon Schmucksachen aus Glas vor.
Die einheimische Metalltechnik hat sich immer mehr entwickelt; daneben wird aber noch vieles von etruskischen Händlern aus Italien sowie späterhin von keltischen Kaufleuten aus der Schweiz und aus Frankreich eingeführt.

Die Erzeugnisse der Töpferei verlieren in dieser Zeit an Schönheit der Formen und des Stils.
Besonders interessant sind die Gesichts- und Hausurnen, die sich auch bereits in der frühen Eisenzeit finden.
Die einen sind tönerne Nachbildungen menschlicher Gesichter, während die anderen altgermanische Häuser abbilden – die Tür mit dem Riegel verwahrt und das Dach mit den symbolischen Pferdeköpfen geschmückt.
Beide bergen Leichenbrand mit Beigaben der mannigfachsten Art. Neben den  Hügelgräbern kommen in größerer Anzahl die Flachgräber vor, welche fast ausnahmslos Leichenbrand bergen.

Eine reiche und vielgestaltige Kultur kennzeichnet die nächste Periode, die römische Kaiserzeit und die Zeit der Völkerwanderung, von 100 v. Chr. bis 500 n. Chr.
Wiederholt drangen in dieser Zeit die römischen Legionen vom Rheine und von der Donau her bis an die Elbe in Deutschland vor. Bekannt ist der Zug, den Drusus, der Stiefsohn des Kaisers Augustus, unternahm.
Der Sage nach trat ihm an der Elbe eine germanische Seherin mit den Worten entgegen:
„Kehre um, Unersättlicher, deines Lebens und deiner Taten Ende ist gekommen!“
Ein tödlicher Sturz mit dem Pferde brachte ihre Weissagung bald zur Erfüllung (9 v. Chr.).

Mit der politischen Macht Roms drang auch die römische Kultur siegreich in Deutschland vor.
Römische Händler durchzogen den Norden Europas; bis nach Schweden hinauf finden sich Münzen und zahlreiche andere Erzeugnisse römischer Arbeit.
Es gab aber auch bereits eine einheimische Schmiedekunst.
Neben Bronze und Eisen tritt jetzt auch das Silber auf, desgleichen werden Schmucksachen aus Gold und Glasschmelz verfertigt.
Die innige Bekanntschaft mit der Kultur Roms blieb selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf Kleidung, Lebensgewohnheit und Sitten der Bewohner unserer Heimat.
Wohl hüteten sich die Römer, den gefürchteten Nachbarn Eisen zu bringen, desto mehr aber fanden, zum Schaden der einfachen Sitten, römischer Wein, römische Münzen und allerlei Tand den Weg in unsere Gegend.
Die Tongefäße dieser Periode sind meist germanischen Ursprungs. Sie sind mit der Töpferscheibe hergestellt und zeigen durchweg reiche und geschmackvolle Formen, während die anderen Graburnen noch aus freier Hand verfertigt wurden.
Eingegrabene Ornamente und andere Verzierungen bekunden nicht selten viel Geschmack.
Die Grabstätten bergen durchweg Urnen mit Leichenasche, nebst reichen Beigaben von Bronze, Eisen, Silber, Gold und Glasschmelz.

Ackerbau und Viehzucht gewannen bei den nun seßhaften Bewohnern immer mehr Verbreitung; in größerem Umfange züchtete man Pferde, Rinder, Schafe, Schweine und Hausgeflügel.

Als charakteristische Form der Wohnung finden wir in dieser Periode das langgestreckte, einstöckige sächsische Haus.
Seine Mauern bestehen anfangs aus Lehm und Holz, später erhalten sie einen Unterbau aus roh behauenen Steinen.
Über den Mauern erhebt sich das breite Strohdach, das an seinem der Straße zugekehrten Giebel mit geschnitzten. Pferdeköpfen verziert ist.
Die ganze Anlage ist darauf gerichtet, Menschen, Haustiere und Vorräte unter einem Dache zu vereinigen.
Durch die hohe Tür, welche fast die ganze Breite des Hauses einnimmt, betritt man die Diele – einen breiten Gang aus festgestampftem Lehm – welcher das Haus bis zu zwei Dritteln seiner Länge durchzieht.
Dieser Raum dient dem Ausdreschen des Getreides; auch wird hier der Erntesegen abgeladen und unter das Dach gebracht.
Zu beiden Seiten der Diele, nur durch eine niedrige Wand von ihr getrennt, befinden sich die Ställe für Pferde und Rinder.
Die Tiere schaun mit den Köpfen in den Gang und können von hier aus bequem gefüttert werden.
Oben quer vor der Diele liegt der Wohnraum des Eigentümers, dem das Flet mit dem Herde
(Flet: Ein niederdeutsches Wort für einen großen, offenen Raum, der Küche und Wohnbereich vereinte, wo sich oft auch Tiere befanden)
vorgelagert ist.
Von ihrem Sitze am Herde kann die Hausfrau das Treiben der Kinder, die Arbeit des Gesindes sowie Vieh, Kammern und Keller überwachen.
In gleicher Linie mit dem Wohnhause liegt ein kleineres Gebäude, welches die Ställe für Schweine, Schafe und das Hausgeflügel enthält.
Jedes Gehöft liegt einzeln und wird von den zugehörigen Äckern und Wiesen umgeben.
Während der beiden letzten Jahrhunderte dieser Periode tritt mit dem Sinken der politischen Macht Roms auch der Einfluß der römischen Kultur in unserer Heimat zurück.
Nicht nur in Form und Technik, auch in der Zahl findet eine merkbare Abnahme der römischen Erzeugnisse statt.

Noch mehr geschieht dies während der folgenden Periode, der fränkisch-merowingischen Zeit, von 500 bis 700 n. Chr.
Die Funde aus dieser Zeit sind in unserer Heimat selten.
Sie zeigen im Gegensatz zu den zierlichen römischen Arbeiten etwas Massiges, und lassen in ihrer eigenartigen Form und Technik den Einfluß orientalischer Kultur erkennen.
Häufig erscheint Silbertauschierung auf Eisen, desgleichen Vergoldung und Niellierung.
Die Tongefäße sind auf der Töpferscheibe hergestellt; sie haben doppelkonische Form, sind starkwandig, hart gebrannt und zeigen öfter eingestempelte, geschmackvolle Ornamente.

Die Brandgräber werden in dieser Zeit seltener.
Statt ihrer treten die sogenannten Reihengräber oder Skelettgräber auf, die mit Waffen, Schmucksachen und Geräten als Beigaben versehen sind.

Ein neuer Kulturabschnitt beginnt mit der slawischen Zeit.

Grabgeschichtliche Gegenstände aus der Provinz Sachsen

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